"Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime"
- Anmerkungen zu einer unseligen Debatte

 
 
Thomas Nauerth *
 
   
 
  1. Jeder Mensch braucht, um tiefste Überzeugungen auszudrücken und zu leben, Symbole.
    Religion - wie jede andere tiefe Überzeugung - ist ohne Symbole nicht denkbar und nicht lebbar. Freiheit der Religionsausübung beinhaltet daher notwendig die Freiheit eigener Symbolwahl.

  2. Der Missbrauch eines Zeichens entwertet nicht das Zeichen insgesamt. Sonst wäre nach dem furchtbaren Blutvergießen der Kreuzzüge das Zeichen des Kreuzes bis heute untragbar. Jeder muss und kann selbst entscheiden, ab wann ein Zeichen untragbar wird.

  3. Eine der existentiellsten Verstrickungen, in die ein Mensch geraten kann, ist Religion.
    Sie prägt sein Wesen zutiefst. Keine andere Bindung, die ein religiöser Mensch eingeht, kann und darf diese Prägung negieren. Auch nicht das Berufsbeamtentum.

  4. Die Symbolwelt jeder Religion, auch jeder Schriftreligion ist immer auch kulturell geprägt. Die Diskussion, ob im Koran Kopftücher für Frauen vorgeschrieben werden oder ob nicht, ist sinnlos. Es gibt in verschiedenen Kulturen die Tradition der Kopfbedeckung, in islamischen Kulturen und Traditionen genauso wie in christlichen Kulturen und Traditionen - und zwar bis heute.

  5. Der Mensch ist nie ein neutrales Wesen, sondern immer ein engagiertes und in verschiedenste Bezüge und Kontexte verstricktes Wesen. Auch jeder Lehrer ist so nie eine neutrale Instanz, sondern immer ein Mensch mit Leidenschaften und Interessen. Er prägt damit, nolens volens, immer auch seinen Unterricht, sei es als Kaninchenzüchter, Schlipsträger, Vegetarier, Anthroposoph, Fußballfan[atiker] oder als Greenpeace Aktivist. Jeder Schüler muss (und kann) sich mit solchen Prägungen auseinandersetzen.

  6. Die Frage, ob der Staat islamischen Frauen in beamteter Stellung das Kopftuch erlauben darf, ist genauso sinnlos, wie die Frage, ob er es verbieten soll. Die Kleidung der `Untertanen`, auch der weiblichen, hat einen modernen Staat, will er demokratisch sein, nicht zu interessieren.

  7. Der Islam ist aus der Geschichte Europas sowenig wegzudenken wie aus der Gegenwart Europas. Es waren im Mittelalter islamische Gelehrte, die entscheidende geistige Anstöße für die beginnende Scholastik geliefert haben, und es sind heute viele geborene Europäer, die sich zum Islam bekennen. "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten" (....) [und] "ermahnt alle sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen," so das II. Vatikanische Konzil der Katholischen Kirche.

  8. Die Aufgabe in Europa und weltweit besteht in der Entwicklung ökumenischer Perspektiven für die abrahamitischen Religionen. Die Aufgabe Europas besteht in der Ermöglichung der Bildung eines modernen europäischen Islam. Die Aufgabe heißt Dialog, nicht Abgrenzung.

  9. Die Aufgabe der christlichen Kirchen ist noch größer, sie lautet Versöhnung der abrahamitischen Religionen, damit die drei monotheistischen Religionen gemeinsam ihre Stimme und ihre Kraft einsetzen für ein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten. So jedenfalls skizziert der polnische Papst die Aufgabe:

    "Heute spüren wir das dringende Bedürfnis nach einer aufrichtigen Versöhnung unter denjenigen, die an den einen Gott glauben. Der Jude verehrt den Allmächtigen als ‚Beschützer des Menschen' und als Gott, der das Leben verspricht'. Der Christ weiß, dass Gott sich aus Liebe auf den Menschen eingelassen hat und dass er dafür vom Menschen wiederum als Antwort Liebe erwartet. Für den Muslimen ist Gott gut und er versteht es, den Gläubigen mit Geschenken seines Erbarmens zu überschütten. Auf diese Überzeugungen gestützt, können Juden, Christen und Muslime nicht akzeptieren, dass die Erde von Hass verzehrt und die Menschheit von endlosem Kriegsgeschehen heimgesucht wird. "
 
  *Dr. Thomas Nauerth ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie des Instituts für Katholische Theologie der Hochschule Vechta.