KULD, LOTHAR / GÖNNHEIMER, STEFAN: Compassion. Sozialverpflichtetes Lernen und Handeln. Stuttgart: Kohlhammer, 2000. 219 S. 17.90 EUR.  
 
Herbert Gutschera (20.07.2001)
 
a    
  Ein spannendes, aufregendes Buch, auch wenn oder gerade weil der Hauptteil der Ausführungen (nur) "die Praxis" dokumentiert und reflektiert (27-149). Es berichtet anschaulich und engagiert von neuen (schulischen) Versuchen, so etwas wie soziale Mitverantwortung und ethische Orientierung im außerschulischen Umfeld der Schüler wieder zu entdecken. Ausgangspunkt ist "die Wahrnehmung eines sozial-moralischen Defizits" (7f): Keine Frage, die traditionelle Moral ist in die Krise geraten, neue allgemein verbindliche Orientierungen sind nicht in Sicht. Oder wie Martin Staiger dieser Tage konstatiert: "Der einzige Zusammenhang, in dem der Begriff Wert heute regelmäßig vorkommt, sind die Aktienkurse" (PUBLIK-Forum Nr. 14. vom 28. Juli 2000, 4). Demgegenüber besagt das Projekt mit dem programmatischen englischen Namen "Compassion" ("nur schwer übersetzbar") eine "Haltung der engagierten Mitmenschlichkeit" ("Menschsein heißt, Verantwortung fühlen", Antoine de Saint-Exupéry), benennt also Strukturen einer Solidarität, einen Grundkonsens, ohne die keine Gesellschaft existieren kann.  
a  
  In einem Roman (Alois Brandstetter, Die Abtei, 121-123) wird dieses Problem so benannt: "Das Moralische zu suspendieren, ist eine böse Unmenschlichkeit." Dagegen fordert der zuständige "Ermittler" vom Klosterabt mehr ein: "In mir ... siehst du einen, der nicht der Ästhetik der Geschichte das Wort redet, sondern der Synästhesie." Hier taucht dasselbe Schlüsselwort auf, das in der Tat nicht einfach wiederzugeben, von der Sache her aber klar ist: Für besagtes Geschichtsstudium dürfe man nicht einfach nur ein gutes Abiturzeugnis verlangen, "sondern Mitleid, Mitleid und Mitgefühl für den geschundenen Menschen ... Leidensfähigkeit und Sensibilität würde ich verlangen, diese so seltene Gabe und Tugend der aktuellen Vergegenwärtigung des Geschehenen mit allen menschlichen Leidimplikationen, Sensibilität und Sensorium ..." Den letzten Begriff gibt der neueste Duden findig mit "Gespür" wieder und nennt im Nachtrag nur noch aus der Medizin "veraltet für Bewusstsein".  
a  
  Es stimmt nachdenklich, dass im Neuen Testament der Begriff nur "wenig Widerhall" fand (vgl. Kittel, ThWB V, 935f). Im Grunde begegnet sympatheia nur in dem kleinen Tugendkatalog 1 Petr 3,8: "Endlich aber: seid alle eines Sinnes, voll Mitgefühl (sympatheia) und brüderlicher [erg. und "schwesterlicher"] Liebe." - Geht es dabei lediglich um "die Wortgruppe" oder auch um die Sache? Bei den "Empfehlungen" (153-155) werden als Schluss-Perspektive jedenfalls nochmals die Termini genannt, die das General-Thema "Compassion" variierend umschreiben: "Prosozialität, Altruismus, Empathie, Kooperation, Hilfsbereitschaft, Zuwendung ..." Das "letzte Wort" hat dabei nach christlichem Verständnis einfach die "Liebe", die nicht mit der "Gerechtigkeit" konfrontiert und zu "einem versuchsweise gebrauchten Gegenbegriff" aufgebaut werden muss.  
a  
  Zur Zusammenfassung der Thesen (25f): Das Projekt eröffnet Schülern ("der Schule"?) Perspektiven hin zu "Lebenswelten, die in der Schule real nicht vorkommen" (These 5; ebenso 153) - das ist wahr und traurig zugleich. - Über die Symbiose "egozentrischer und altruistischer Werte" (These 4) bzw. deren mögliches gemeinsames Vorkommen mag man sich streiten, doch scheint immerhin die (eigene) Alltagserfahrung diese These zu bestätigen. Jedenfalls beschreiben die Autoren "mehrheitlich einen Sozialisationstypus, der individualistische und altruistische Wertorientierungen problemlos [?] zu verbinden weiß" (151).  
a  
  Die Autoren intendieren im Sozialpraktikum - im Kontext einer unterrichtlichen Beglei- tung -, den Schülern gesellschaftliche Erfahrungsfelder zu erschließen (vgl. 22, ebenso 26, These 6). Dabei wollen sie alle Beteiligten gegenseitig "in unmittelbare Erfahrungen und Interaktionen ... verwickeln". Der mehrdeutige Terminus "verwickeln" mag dabei im Sinne der Autoren die Interdependenz der genannten Faktoren, aber ebenso die Schwierigkeiten der Aufgabe markieren. Vielleicht zeigt das auch die folgende Schüleraufgabe (55):  
a  
  "Was meinst Du zu folgender Aussage: ‚Mit moralischem Verhalten, d.h., wenn man andere nicht ausnutzt, sondern sie fördert, wenn man hilfsbereit ist und Frieden stiftet, steht man langfristig besser da als wenn man das Gegenteil tut.'" Mit solchen und ähnlichen Fragestellungen tun sich Schüler schwer - mit Recht. Die Autoren sehen dieses Problem, auch wenn sie es eher euphemistisch als "Komplexität" der Aufgabenstellung benennen.  
a  
  Anregend und hilfreich sind Anhang II, das "Erhebungsinstrumentarium" der Lehrer- und Schülerbefragung (nach 160), sowie die Literaturhinweise (156-160). Die Schwarz-Weiß-Schaubilder sind nicht immer leicht zu durchschauen und deutbar (vgl. z.B. 55, Abb. 9). Klar und präzise heißt es dann in der Zusammenfassung: "Ziel des Compassion-Projekts ist die Entwicklung und Stärkung sozialverpflichteter Haltungen unter Schülerinnen und Schülern. (150)  
a  
  Das Programm der Compassion ist und bleibt aktuell. Warum sich die Autoren in dessen Erscheinungsjahr 2000 (FAZ hin und/oder her) nicht einfühlsam der neuen deutschen Rechtschreibung bedienen (anders der Klappentext), bleibt unerfindlich.  
a  
 

Weiterführende Hinweise:

  • Johann Baptist Metz/Lothar Kuld/Adolf Weisbrod (Hg.): Compassion. Weltprogramm des Christentums, Herder 2000
  • Interview mit Lothar Kuld in PUBLIK-Forum Nr. 12 vom 23. Juni 2000, 8-10
 
a