DIE BIBEL erschlossen und kommentiert von HUBERTUS HALBFAS. Düsseldorf: Patmos, 2001. 600 S. mit 414 Abb. und 16 Karten, 68 EUR.  
 
Thomas Breuer* (14.01.2002)
 
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  Auf den ersten Blick sieht man: ein ästhetisch ansprechendes Buch! Auf den zweiten Blick merkt man: ein Buch, in dem es unglaublich viel zu entdecken gibt, ein Buch, das zum Lesen einlädt und zum Lernen verführt!  
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  Der bekannte Religionspädagoge Hubertus Halbfas, dessen Lehrerhandbücher für die Klassen 1-10 eine kleine theologische Bibliothek darstellen, hat eine Bibelausgabe vorgelegt, in die er sein beeindruckendes religions- und kulturgeschichtliches Wissen in didaktisch geschickter Weise einbringt. Halbfas bietet nicht nur aufschlussreiche Kommentierungen der zentralen Bibeltexte, religionsgeschichtliche Parallelen und wichtige Hintergrundinformationen durch kurze lexikalische Artikel und übergreifende Exkurse, sondern er stellt die biblischen Texte in ein Beziehungsgeflecht mit sorgfältig ausgewählten Bildwerken aus Tradition und Moderne, literarischen Texten v.a. zeitgenössischer Schriftsteller (u.a. Kunert und Grass) und Zitaten jüdischer und christlicher Theologen. Die fachlichen Erklärungen ermöglichen dem Nicht-Exegeten ein besseres Verständnis der Bibeltexte, ihrer Zusammenhänge und Entstehungsbedingungen. Die anderen Zeugnisse setzen produktive Denkvorgänge frei und lassen die biblischen Zeugnisse neu sprechen. So wird die Lektüre dieses Buches zu einer wirklichen Bereicherung.  
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  Bei aller Wertschätzung sollen die kritischen Anfragen nicht unterdrückt werden:  
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  • Beginnen wir mit dem Äußeren: Mir ist es ein Rätsel, was Autor und Verlag geritten hat, Michelangelos Jesaja-Bildnis aus der Sixtinischen Kapelle als Umschlagbild auszuwählen. Das mag eine gewisse bildungsbürgerliche Schicht fortgeschrittenen Alters ansprechen. Anderen vermittelt es fatalerweise eher den Eindruck des Antiquierten.
  • Zum Umschlagtext: Der potentielle Käufer wird nirgendwo darauf hingewiesen, dass er es mit einer Auswahlbibel zu tun hat. Im Gegenteil wird durch Begriffe wie "umfassender Überblick: Bibeltext, Kommentar ..." und "informative Gesamtdarstellung" der Gedanke nahegelegt, man habe es mit einer Vollausgabe zu tun.
  • Zur Gestaltung im Inneren: Wenig glücklich erscheint mir, dass Bibeltext und Kommentar sich vom Druckbild her nicht unterscheiden. Der Bibeltext ist nur durch graue Balken (oben ein breiterer mit der Überschrift, unten ein schmalerer mit der Angabe der Bibelstelle) abgesetzt. Die Orientierung wird dadurch erschwert. Auch wäre ein Register der aufgenommenen Bibelstellen hilfreich gewesen. Text- und Abbildungsverzeichnis sind übrigens lückenhaft.
  • Zur Auswahl der Übersetzungen: Die Entscheidung, für das NT die Übersetzung von Fridolin Stier heranzuziehen, kann man akzeptieren. Der Sprachduktus wirkt zwar bisweilen etwas altertümlich, aber die zuweilen ungewohnten Formulierungen können vertraute Texte neu zum Sprechen bringen. Bei den Texten des AT hat der Autor verschiedene Übersetzungen kombiniert. Leider lässt er völlig im Dunkeln, um welche Übersetzungen es sich handelt und welche Kriterien er bei der Auswahl zugrunde gelegt hat. Es hätte sich angeboten, dies in einem Anhang kurz zu erläutern.
  • Zur Auswahl der Bibeltexte: Jede Auswahl ist angreifbar. Insgesamt hatte Halbfas eine glückliche Hand. Ein Mangel aber fällt stark ins Gewicht: Weil der Autor sich im AT auf den Gang der Geschichte Israels konzentriert, kommen wichtige und schöne Texte der Weisheitsliteratur (wie etwa Kohelet oder das Hohelied) nicht vor. Besonders schade finde ich das Fehlen des Buches Rut, weil es in der Bibel nicht viele Texte gibt, die Frauenerfahrungen zum Sprechen bringen.
  • Zur Rezeption neuerer Bibelforschung: Zwar schildert Halbfas in einem Kapitel über die Entstehung des Pentateuch die Einwände gegen die klassische Quellenhypothese (Wellhausen-Modell) und dokumentiert das Modell Erich Zengers - ohne diesen beim Namen zu nennen - als neuen Konsens ("... geht man nun von ... aus", S.39), doch spiegelt sich dies im Umgang mit den Texten der Urgeschichte nicht wieder. Möglicherweise hat Halbfas die Einleitung in den Pentateuch nachträglich verfasst, ohne die schon fertigen Texte zu überarbeiten.
  • Zur Benennung der beiden Teile der Bibel: Die Intention, den älteren Teil gegenüber dem jüngeren nicht abzuwerten, ist anzuerkennen. Trotzdem ist es falsch, diesen statt Altes Testament "Jüdische Bibel" zu nennen und das Neue Testament "Christliche Bibel". Denn zum einen hat Halbfas in den ersten Teil auch Texte aus dem katholischen AT aufgenommen (v.a. aus den Makkabäerbüchern), die nicht zum Kanon der jüdischen Bibel zählen (und übrigens auch den Protestanten als apokryph gelten). Zum anderen, und dies ist besonders ärgerlich, legt die Bezeichnung "Christliche Bibel" für das NT das Missverständnis nahe, dass das AT für Christen keine Heilige Schrift sei. Dem gegenüber muss klar gestellt werden, dass die Schriften des AT nicht nur das "unüberholbare Fundament" (S. 17) der Christlichen Bibel sind, sondern unverzichtbarer Teil derselben.
 
  Dabei ist es gerade eine Stärke dieses Buches, auch immer wieder jüdische Stimmen zu Wort kommen zu lassen - auch als Kommentare zu den Schriften des NT. Das Werk atmet alles andere als einen antijudaistischen Geist, sondern stellt die christlichen Zeugnisse in ihren jüdischen Kontext. Das ist leider auch heute noch nicht selbstverständlich.  
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  Trotz der kritischen Anfragen handelt es sich um ein unbedingt empfehlenswertes Werk. Immer wieder begegnen mir Menschen, die stolz bekennen, sie hätten die ganze Bibel von vorne bis hinten durchgelesen. Unwillkürlich kommt mir immer die Frage: "Verstehst du auch, was du liest?" (Apg 8,30) Sinnvoller als ein solcher Bibelmarathon ist daher die Lektüre der Auswahlbibel von Halbfas. Sie lässt den Leser mit seinen Fragen nicht allein und nimmt ihn doch als mündigen Zeitgenossen ernst. Im besten Fall ermutigt sie dann auch zu einer weiteren, eigenständigen Lektüre biblischer Texte.  
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  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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