MERTIN, ANDREAS / FUTTERLIEB, HARTMUT: Werbung als Thema des Religionsunterrichts. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2001. 182 S. 23,90 EUR.  
 
Gerd Buschmann*(08.08.2002)
 
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  Der Medienpädagoge, Ausstellungsmacher, freie Publizist und Herausgeber des Online-"Magazin(s) für Theologie und Ästhetik" (www.theomag.de) A. Mertin hat in den vergangenen zwei Jahren in ähnlicher Aufmachung in demselben Verlag bereits zwei andere massenmediale Bereiche für den Religionsunterricht aufbereitet: Videoclips (1999) und Internet im Religionsunterricht (2000) (vgl. dazu meine Rezensionen in: ru. Ökum. Zeitschrift für den Religionsunterricht 31/2001, Heft 2, 77f / Medien praktisch 24/2000, Heft 3, 71f). Zum Thema Werbung hat er in religionspädagogischer Perspektive immer wieder einschlägige Beiträge verfasst, u.a. erwachsen im Kontext von Lehrerfortbildungen zusammen mit H. Futterlieb vom päd.-theol. Institut Kassel. Beide verantworten den vorliegenden Band und bringen zwei unterschiedliche Perspektiven ein: eine kulturhermeneutische (A. Mertin) und eine sozialgeschichtlich-ideologiekritische (H. Futterlieb). Die Gliederung setzt diesen bewußt zwiesprachlichen Zugang konsequent um, was den besonderen Reiz der Lektüre ausmacht: nach einigen knappen Grundlagen (9-18) zur Definition von Werbung, zur (umstrittenen) Werb(ewirk)ung im Alltag, zur Werbegeschichte seit 1945 und zu Werbung in der Schule bietet zunächst A. Mertin seinen kulturhermeneutischen Ansatz "Zur Kultur der Religion in der Werbung" (19-37), dann H. Futterlieb seinen ideologiekritischen: "Vom Zauber religiöser Ideologien in der Werbung" (39-60), bevor beide an mehr als ein Dutzend Beispielen ihren Ansatz konkretisieren (Mertin: 61-101 / Futterlieb: 103-127) und ihn in einem dritten Teil schließlich je in einem ausführlichen Unterrichtsentwurf exemplifizieren (Mertin: Samson-Tabak "Und Er sah, dass es gut war", 129-151 / Futterlieb: Stuyvesant-Zigaretten "Find your world", 153-178).  
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  Mertin (19ff) setzt sich deutlich von einer einseitig ideologie- und medienkritischen, moralisierenden und bislang die (Religions-)Pädagogik im Hinblick auf das Thema Werbung dominierenden Perspektive ab (besonders 26-31), thematisiert Kult und Kultur in der Werbung (Kult-Marketing, Kultur der Verführung, Werbung als kollektives Gedächtnis etc.) und fragt nach dem Sinn und den Grenzen von Werbung, auch am Beispiel von Schockwerbung (Benetton etc.). Ihn interessiert Werbung als Teil unserer (Pop- und Massen-)Kultur, als zeitdiagnostisches Instrument, als Remythisierungserscheinung, als Sinnsystem der Gegenwart in Ergänzung und Konkurrenz zu Kirche und Christentum, - kurz: als Kulturerscheinung. Entsprechend wählt er (61ff) höchst interessante Werbeanzeigen, in denen sich kulturhermeneutisch zeigen lässt, wie die gegenwärtige Gesellschaft ihre Erfahrungen materialisiert: u.a. Werbung mit dem Anderen im Sinne von Toleranz (WEST-Zigaretten), Carpe diem und Memento mori (René Lezard-Kleidung), Gesellschaftsprobleme wie AIDS (Benetton), Magie des Christentums (Otto Kern) und im ausführlichen Unterrichtsentwurf der Zitat-Umgang der Werbung mit einem prägenden Kulturgut des Abendlands: Michelangelos "Erschaffung Adams" aus der Sixtinischen Kapelle. - Futterlieb (39ff) hebt ideologiekritisch und sozialgeschichtlich ab auf den Gegensatz zwischen der Religion des Kapitalismus und der biblisch-christlichen Tradition, auf die Dominanz des Geldes, das die Welt regiert und alles zur Ware macht, auf die Schlachtopfer und Verlierer auf dem Altar der Waren (z.B. arbeitslose Jugendliche in der Verschuldungsspirale), auf den Konsumterror und die große und hohle Geschwätzigkeit der Werbeideologie. Entsprechend wählt er (103ff) Werbeanzeigen, die die Ideologie kapitalistischer Werbung veranschaulichen: unwirkliche Naturidylle (Rasierwasser-Werbung), 500% Gewinn oder der Tanz ums goldene Kalb (DM-Magazin des Handelsblatts), Kitsch des (un)christlichen Devotionalienhandels (Viva Maria Mode) usw. und im ausführlichen Unterrichtsentwurf die kritische Auseinandersetzung mit Religion, Ideologie und deren Versuchungs-, Orientierungs- und Bekenntnis- (Lifestyle-) Bemühungen.  
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  Gerade die Dialektik beider Ansätze ist erhellend, die Beispiele sind gut gewählt und plakativ, wenngleich nicht alle neu und unverbraucht: Samson-Tabak hat Mertin schon in Thomas Klie (Hg.), Spiegelflächen. Münster 1999, 125-159 ausführlich vorgestellt, Otto Kern, Benetton und Test the West wurden in den 90er Jahren (religions-)pädagogisch vielfältig reflektiert. Aber darum geht es nicht; der Band sensibilisiert unsere Wahrnehmung für Religion in der Werbung (Mertin) und Werbung als Religion (Futterlieb) und er bietet an prägnanten und interessanten Beispielen auch methodische Hinweise zum grundsätzlichen religionspädagogischen Umgang mit Werbebildern im RU (besonders Mertin 62f). Die jeweiligen Arbeitsimpulse zu den Beispielen beziehen dabei erfreulich selbstverständlich Internet-Such-und-Arbeitstipps mit ein. So sollten in Zukunft mit Hilfe dieses erfreulichen Buchs ReligionspädagogInnen, - um ein Bonmot von A. Mertin aus "Internet im RU" aufzugreifen und zu variieren - , nicht nur gute "linker" sein im Sinne einer Verlinkung von religiöser Kultur mit der Kultur der Werbung (Mertin), sondern auch gute "Linke" im Sinne einer bleibenden Ideologiekritik kapitalistischer Wa(h)renwerbung aus christlich-befreiungstheologischer Option für die Armen und Schlachtopfer auf dem Altar der Waren (Futterlieb): zugunsten des einzig Wahren - und das ist in christlicher Perspektive eben nicht das einzig wahre "Warsteiner"!  
     
  * Dr. Gerd Buschmann ist Akademischer Rat für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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