GNILKA, JOACHIM: Petrus und Rom. Das Petrusbild in den ersten zwei Jahrhunderten. Freiburg-Basel-Wien: Herder, 2002. 300 S. 24,90 EUR.  
 
Herbert Gutschera* (08.08.2002)
 
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  Nach seinen Büchern über Jesus (1990) und Paulus (1996) nun die Darstellung über Petrus. Der Verfasser schreibt nicht zur katholischen Selbstvergewisserung, sondern um "Anregungen (zu) geben, daß wir von verschiedenen Standpunkten aus in der Christenheit bei Wahrung der Verschiedenheit besser zusammenfinden" (7).  
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  Ein Buch "sui generis", will sagen: ein "eigen-artiges" Werk - schon der Titel deutet es an: die unendliche Geschichte von "Petrus und Rom". Dem versierten Exegeten eignet ein profundes Insiderwissen, das sich gern so äußert: Da werden Behauptungen zitiert oder Thesen formuliert, "auf die wir noch eingehen müssen/werden" (z.B. 132 u.ö.). Und es ist in der Tat so: Der Autor hat den Durchblick - der Leser darf/muss ihm mit langem Atem (langatmig) folgen. Ausführlich erörtert werden u.a. der Stand der Petrusforschung, Petrus als Jünger und Apostel, sein Bild in den Evangelien, die Petrusbriefe sowie außerbiblische Zeugnisse im 2. Jahrhundert.  
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  Die Sprache ist klar und einfach, gelegentlich auch eher archaisch: Eine Frau (in der Bibel!) "respondiert" (89); "ein anderer wird dich gürthen" (172). Da gibt es den Ausdruck "kontroversiell" (110) und Titus gerät gar zum "Sinnerfüllungszeichen" (98). Diese Altertümelei berührt teilweise durchaus sympathisch. Andererseits fragt sich der geneigte Leser, ob es nicht seit kurzem eine neue deutsche Rechtschreibung gibt und schon etwas länger Loccumer Richtlinien für biblische Namen und Abkürzungen (Gen statt Gn; Num statt Nm; Dtn statt Dt; 2 Sam statt 2 Sm; 2 Kön statt 2 Kg usw.).  
   
  Das Lektorat hätte durchaus einige Schreib- oder Druckfehler korrigieren können. So wirkt der Genetiv "Baur's Konstruktion" (10) eher anglizistisch. Auf derselben Seite findet sich ein und derselbe Autor mit unterschiedlicher Schreibweise (72, Anm. 105: "Campenhausen", Anm. 106: "Campanhausen"). Bei der Anm. 22 auf S. 217 lies "besaßen" statt "besagen", auf S. 271 "spielt" statt "spricht".  
   
  In diesem Buch gibt es wunderbare Sätze, die zuweilen an die angenommene Leichtigkeit des Seins erinnern, etwa über die Archäologen und ihre Ausgrabungen: "Die archäologischen Argumente, die hin und her gingen und gehen, haben sich inzwischen so verfeinert, daß es schwer ist ihnen bis zum Letzten zu folgen." (135)  
   
  Da gibt es großartige Statements mit (verhaltenen) kirchenkritischem Potential - dabei geht es um das Petrusbild im Johannesevangelium (178): "Es dürfte kein Zufall sein, daß für den ‚Amtsträger' der Weg des Martyriums bestimmt ist. Die Glaubwürdigkeit des Amtes zeigt sich nicht im äußeren Glanz, sondern in der Bereitschaft zur Kreuzesnachfolge. Wenn anderen die Christusunmittelbarkeit geschenkt ist, ‚was geht es dich an?' (21,23)" Da schreibt der Autor unbefangen von Andronikus und Junia (sic!), den Aposteln, genauer: dem Apostel und der Apostolin (vgl. Röm 16,7; anders etwa die Einheitsübersetzung!).  
   
  Es finden sich aktualisierende Konkretionen alter Positionen, die sich als hilfreich für den heutigen ökumenischen Dialog erweisen können: Da ist bei Irenäus von Lyon von der "Einheit des Glaubens in der Verschiedenheit der Lebensformen" die Rede, vom Verfasser mit Recht als "ganz aktueller Standpunkt" bezeichnet (234). Das entspricht dem schon erwähnten Vorsatz im Vorwort, bei der Suche "nach einer neuen Einheit in der gespaltenen Kirche" kein kurzschlüssiges Modell zu liefern (7).  
   
  Da gibt es vorsichtig-behutsame "Anmerkungen" wie etwa auf S. 114, Anm. 1: Bei drei genannten "Möglichkeiten" werden die Zebedäussöhne erst an letzter Stelle auch als mögliche Zeloten identifiziert.  
   
  Dann stößt man auf schwer nachvollziehbare Unterlassungen, die nachdenklich stimmen: In der Anm. 26 auf S. 120 wird erwähnt, dass der "Vorwurf des Menschenhasses ... auch gegen die Juden erhoben (wurde)" - als Gewährsleute werden Philostrat sowie Josephus benannt und zitiert. Warum bleibt hier die heilige Schrift außen vor? Weil solche "Äußerungen" sich auch im Neuen Testament finden? Oder sollte der Rezensent übersehen haben, dass doch irgendwo 1 Thess 2,15 ausdrücklich zitiert wird: "Diese (= die Juden) haben sogar Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet: auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen."  
   
  Abschließend soll aber auf jeden Fall nochmals die Intention des Verfassers gewürdigt werden, Petrus und Paulus zusammen zu sehen (zu wollen). Er spricht von einer "einseitige(n) Verlagerung auf Petrus" im Verlauf der Geschichte und übersteigt an dieser Stelle weit die römisch-katholische Sicht: "Es ist an der Zeit, die durch die reformatorischen Kirchen aufgegriffenen Anliegen des Paulus in ökumenischem Sinn aufzugreifen und verstärkt zur Bereicherung der einen Kirche einzubringen."(276) Diesem frommen Wunsch kann sich der Rezensent nur anschließen ...  
     
  * Dr. Herbert Gutschera ist Professor für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg.  
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