FERMOR, GOTTHARD: Ekstasis. Das religiöse Erbe in der Popmusik als Herausforderung an die Kirche. Stuttgart: Kohlhammer, 1999. 304 S. 30.60 EUR.
 
Gerd Buschmann (20.07.2001)
 
Die vorliegende Bonner ev.-theol. Dissertation (1998/99) bei Prof. Dr. H. Schröer dürfte innerhalb der derzeitigen praktisch-theologischen Auseinandersetzung mit dem religiösen Erbe in der Popmusik einen vorläufigen Höhepunkt bilden. Die bisherigen Arbeiten haben Popmusik-geschichtlich angesetzt (Ilse Kögler, Die Sehnsucht nach mehr, Graz 1994), textorientiert (Alexander Bross, Die Lebensthemen Jugendlicher in der Rockmusik, Freiburg 1992), phänomenologisch (Peter Bubmann & Rolf Tischer, Hg., Pop und Religion, Stuttgart 1992), religionspädagogisch (Alfons Ebers, Rockmusik und ihre Bedeutung für den Religionsunterricht, Frankfurt 1984), kulturtheologisch (Bernd Schwarze, Die Religion der Rock- und Popmusik, Stuttgart 1997) (vgl. dazu die Rezension von Peter Bubmann in ThLZ 123/1998, 800f. und von Gerd Buschmann in Praktische Theologie 33/1998, 313-316 ), pneumatologisch (Hubert Treml, Spiritualität und Rockmusik, Ostfildern 1997) oder körperorientiert (Rolf Siedler, Feel it in Your Body, Mainz 1995), - um nur einige zu nennen (vgl. den Forschungsüberblick, S.58-77). (Vgl. die Sammelrezension von Gerd Buschmann zu Popmusik und Religion in ThLZ 124/1999, 224-228.) G. Fermor, - zusammen mit Bernd Schwarze Gründer des seit 1995 bestehenden Bundes-Arbeitskreises "Populäre Kultur und Religion" - , setzt eigene und neue, wegweisende Schwerpunkte:

a) interdisziplinär (besonders S. 17-51) und international (seine Studien am Princeton Theological Seminary lassen ihn auch umfassend die amerikanische Literatur verarbeiten; die 50-seitige (!) Bibliographie ist auf neuestem Stand), b) phänomenologisch-ästhetisch ("Praktische Theologie als Wahrnehmungslehre von gelebter Religion in ihren pluriformen Gestaltwerdungen", S. 210), c) ritualtheoretisch (im Sinne Victor Turners): "Praktische Theologie als kritische ´Schwellenkunde`" (S. 225), d) pneumatologisch (vgl. Hubert Treml) und e) praktisch-theologisch Theorie-reflektiert

Dazu setzt die Studie nach Begriffsklärung (S. 12-16), interdisziplinärer Beschreibung der Lebenswirklichkeit Popmusik (S. 17-51) auf biogener, psychogener und logogener Ebene (vgl. Schaubilder S. 42 und 80) und ihrer religiösen Dimensionen (S. 51-77) abgeleitet aus den Leitbegriffen der Forschung (S. 78-89) bewußt bei dem daraus resultierenden "Schlüsselbegriff Ekstasis" (78) ein: exemplarische Live-Konzert-Studien der "Doors" und "Michael Jacksons" (S. 90-120) und die Frage nach den Ursprüngen des religiösen Erbes in der Popmusik (Afrika, Spiritual, Blues, Rock ´n Roll, S. 121-152) führen zu einer ersten Verortung des religiösen Erbes und religiöser Suchbewegungen in der Popmusik (S. 153-160). Mithin spürt der Autor der Popmusik als "Ort musikalischer Ekstase zwischen Alltag und Fest" und ihrer "entgrenzend-ekstatischen ... und Communitas-erschließenden Kraft" sowie ihrem körperlich-rhythmisch erlebten Transzendenzpotential nach (S.87ff). Dann folgt ein kurzes und kritisches Kapitel zur christlichen Popmusik (S. 161-166), - auch damit geht G.F. über andere Studien hinaus; diese christliche Funktionalisierung der Popmusik als Missionsvehikel mit christlich erkennbarem Text verfehlt nach Meinung des Autors häufig das eigentlich ent-grenzende Potential und steht somit in der "Gefahr des Verrats am Liminalen" (S. 166)! Der eigentliche Kern der Arbeit aber scheint in Kap. 7 (Analyse der ekstatischen Musikreligiosität, S. 167-207) zu liegen, - und dort besonders im ersten kulturanthropologischen Teil (S. 167-177), in dem in Anlehnung an die Ritualtheorie Victor Turners "Popkonzerte als liminoide Phänomene liminaler Abkunft" begriffen werden. Popkonzerte eröffnen eine spezifisch dionysische Zeiterfahrung und ein kreativ-ludisch-improvisatorisches Element von Festerfahrung (S. 217). Religionssoziologische und traditionsgeschichtliche Überlegungen zu Musik und Tanz vom AT bis in die Kirchengeschichte und Naturreligion hinein beenden diesen Hauptteil. Abschließend folgen praktisch-theologische Perspektiven (S. 208-244), die auch hier besonders ritual- und festtheologisch geprägt sind.
Popmusik setzt als liminales Phänomen ent-grenzende Tranzzendenzerfahrungen frei (S. 13) und ermöglicht als Ekstase Kommunikation mit der ´anderen` Welt (S. 124), durchaus als Befreiung und Erlösung in kultisch-ritueller und politisch-sozialer Hinsicht (S. 135). In diesem ritualtheoretischen Zugang liegen zugleich Stärke wie Schwäche der Studie; wie steht es aber um die religiöse Dimension der Popmusik, wenn ein anderes Ritualmodell favorisiert wird, wenn Rituale sich nicht als ent-grenzend-liminoid erweisen (im Sinne Victor Turners), sondern als be-grenzend im Sinne von zwanghafter Wiederholung (vgl. S. 226), wenn Feste zur universalen Zwangsneurose statt zur Alltags-Transzendenz geraten (vgl. S. 229)? Neben der Anfrage an die Ritualtheorie bleibt die Anfrage an die Phänomenologie als Methode. Hier wäre insbesondere das Verhältnis zur Semiotik näher zu prüfen. Formal bleibt als geringe Kritik die Frage, inwieweit Wiederholungen und Zusammenfassungen immer auch die Gefahr des Redundanten bilden. Leider fehlt jedes Register, das die Nutzbarkeit des Bands deutlich erhöht hätte, während auch die aktualisierte Bibliographie zeigt, daß an dieser Studie hinfort nicht vorbeikommen wird, wer die Popreligiosität praktisch-theologisch erfassen will. Insbesondere die kulturanthropologischen und ritualtheoretischen Überlegungen bieten hier entscheidende neue Zugangsweisen!