HERRMANN, JÖRG: Sinnmaschine Kino. Sinndeutung und Religion im populären Film. Gütersloh: Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, 2001. 255 S. 34,95 EUR.  
 
Thomas Breuer* (08.08.2002)
 
a  
  Vorbemerkung:  
a Angesichts der bereits vorliegenden umfangreichen und sehr grundsätzliche Fragen erörternden Besprechung von Andreas Mertin und der ebenfalls im Magazin für Theologie und Ästhetik dokumentierten Antwort von Jörg Herrmann sollen hier einige kurze Bemerkungen genügen, zumal das Buch im Netz auch schon andernorts Aufmerksamkeit gefunden hat (vgl. etwa die Rezensionen von Sabine Bobert-Stützel, Peter Hasenberg oder Charles Martig .  
   
a "Ist das Kino dabei, die Kirche als Sinnstifterin zu ersetzen?", heißt es provokativ auf dem Buchrücken. Die Frage ist ernster als es auf den ersten Blick scheinen mag. Herrmann zitiert den amerikanischen Schriftsteller John Updike: "Jedenfalls hat das Kino mehr für mein spirituelles Leben getan als die Kirche. [...] Während sich die christliche Religion überall auf dem Rückzug befindet und immer mehr an Einfluß einbüßt, füllt der Film dieses Vakuum und versorgt uns mit Mythen und handlungssteuernden Bildern. Film war für mich während einer bestimmten Phase meines Lebens eine Ersatzreligion" (S. 10).  
  Trotz der offenkundigen religiösen Bezüge, die viele Kinofilme aufweisen, hat man sich in Theologie und Kirche lange Zeit nicht für den populären Film interessiert. Man konzentrierte sich, wenn überhaupt, auf das anspruchsvolle Kunstkino, das immer eine Angelegenheit von intellektuellen Minderheiten blieb. Diesem Konzept ist im Grunde auch noch die einschlägige Arbeit von Inge Kirsner ("Erlösung im Film", Stuttgart-Berlin-Köln 1996) verhaftet geblieben. Es ist deshalb erfreulich, wenn sich der evangelische Theologe Jörg Herrmann nun auf religiöse Spurensuche im populären Film der 90er Jahre begibt. Da es sich um eine Dissertation handelt, hat der Herr vor die Praxis die Theorie gestellt. Im ersten Teil der Arbeit erwarten den Leser daher anregende, aber auch anstrengende Überlegungen zu "Kulturhermeneutik als theologische Aufgabe". Wenn der Leser dann noch die Geschichte der evangelischen Filmarbeit und die Geschichte des Films zur Kenntnis genommen hat (in dieser Reihenfolge!), kann es schon bald losgehen: Nur noch einige Seiten über "Gemeinsamkeiten und Differenzen von populärer Filmkultur und traditioneller Religionskultur" - und schon kommen die auch für Praktiker hilfreichen Filmanalysen der sechs erfolgreichsten Filme der 90er Jahre: Pretty Woman, Jurassic Park, Forrest Gump, König der Löwen, Independence Day und Titanic. Leider scheint Herrmann das Ganze dann aber doch zu populär zu sein, weshalb er eine Analyse des offenbar von ihm persönlich favorisierten Films Pulp Fiction als "Kontrastfolie" (S.13) vorweg schaltet. Letztlich bleibt so der Eindruck, dass Herrmann dem Mainstream-Kino doch wieder mit einer Defizithermeneutik begegnet: Es wird herausgearbeitet, wo der populäre Film hinter einem postmodernen Glanzstück wie Pulp Fiction und hinter den Einsichten protestantischer Religionskultur zurückbleibt. Wohl wird Kirche und Theologie eingeschärft, dass der zeitgenössische Film eine "unverzichtbare Bezugsgröße" (S.243) für die Interpretation ihrer eigenen Tradition darstellt, doch der religionsbildenden Kraft populärer Filme, wie sie Bettina Brinkmann-Schaeffer in ihrer von Herrmann nicht rezipierten Untersuchung "Kino statt Kirche? Zur Erforschung der sinngewährenden und religionsbildenden Kraft populärer zeitgenössischer Filme" (Rheinbach 2000) herausarbeitet und wie sie auch im Zitat John Updikes anklingt, geht der Autor weniger nach. Irritierend wirkt auf mich auch die starke Betonung des Konfessionellen, zumal die Ausführungen zur protestantischen Deutungskultur sich zentral auf Überlegungen des katholischen Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz zur memoria passionis beziehen.  
a Trotz dieser Kritik bleibt festzustellen, dass die Studie Herrmanns ein wichtiger Beitrag zum Verhältnis von Religion und Popularkultur ist, der nicht nur von Insidern wahrgenommen werden sollte.  
a  
  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
a  
a