BAUSCHKE, MARTIN: Jesus im Koran. Köln: Böhlau, 2001. 210 S. 21,50 EUR.  
 
Thomas Breuer* (08.08.2002)
 
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  Und einmal habe ich den Koran zu lesen versucht, ich bin nicht weit gekommen, aber so viel verstand ich, da ist wieder so ein mächtiger Zeigefinger, und Gott steht am Ende seiner Richtung. (...) Christus hat sicher dasselbe gewollt. Zeigen." - Mit diesem Zitat Rainer Maria Rilkes wird der Leser dieses Buches eingangs konfrontiert und manch einer wird im Geiste beifällig nicken und sich daran erinnern, wie mühselig für einen Mitteleuropäer trotz Übersetzung die Lektüre des Korans ist. Am Ende des Studiums der Untersuchung von Bauschke wird er vermutlich aber auch dem zweiten Teil des Zitats zustimmen und die Erkenntnis gewonnen haben, dass die heilige Schrift der Muslime in ihrer theozentrischen Intention durchaus nicht so weit von der ursprünglichen Botschaft Jesu entfernt ist, wie dies zunächst einmal den Anschein haben mag.  
a Jesu entfernt ist, wie dies zunächst einmal den Anschein haben mag. Martin Bauschke, Pfarrer der Württembergischen Landeskirche und z. Zt. Leiter der Niederlassung der Weltethos-Stiftung in Berlin, hat über die Christologie des Korans promoviert und ist ein ausgezeichneter Kenner der Materie. Das nun vorliegende Buch ist eine verschlankte, aktualisierte und auch für Laien gut lesbare Version seiner Dissertation. Es schildert nicht nur zuverlässig die koranischen Aussagen über Jesus, seine Titel, seine jungfräuliche Geburt, seine Wundertaten, seinen Tod und seine Funktion im Endgericht, sondern gibt auch Aufschluss über verschiedene Auslegungen umstrittener Stellen durch die islamische Theologie. Vieles davon wird dem Leser bislang unbekannt gewesen sein. Nicht nur deshalb ist diese Studie spannend zu lesen. Bauschke begnügt sich nämlich nicht mit einer soliden Dokumentation und einfühlsamen Auslegung der koranischen Aussagen über Jesus, sondern er versucht - ohne die Differenzen zu verschweigen - in einem abschließenden Kapitel auch eine christologische Brücke zwischen Christen und Muslimen zu schlagen. Eine solche Christologie müsse in fünffacher Weise akzentuiert sein:  
     
 
  1. Theozentrisch: Hier geht es um das unbedingte Ausgerichtetsein auf den Einen und Einzigen Gott, das auch selbstverständliche Voraussetzung der jesuanischen Verkündigung gewesen sei.
  2. Prophetisch: Nicht nur im Koran wird Jesus als Prophet und "Gesandter" Gottes bezeichnet; auch im Neuen Testament kommt das prophetische Selbstbewusstsein Jesu deutlich zum Ausdruck.
  3. Charismatisch: Jesus kann als vom göttlichen Geist bevollmächtigter Prophet und mit diesem Geist begabter Wunderheiler beschrieben werden.
  4. Metaphorisch: Es gelte die Einsicht zu gewinnen, dass in einem metaphorischen, nicht aber in einem (substanz-)ontologischen Sinne von Jesus als "Gottes Sohn" zu reden sei. Dies sei auch eine Wiederentdeckung des semitischen Erbes.
  5. Ethisch: Der christologische Dialog müsse zum christopraktischen Dialog werden. Christen und Muslime sollten im Vertrauen auf die Güte Gottes, miteinander um die Wette danach streben, Gutes zu tun.
 
a Kein Zweifel: Hier liegt einiges an christologischem Sprengstoff bereit. Eine Auseinandersetzung mit der Christologie des Korans kann auch die christliche Theologie neu befruchten. Dabei müssen zentrale christliche Vorstellungen wie Kreuzestod und Auferstehung Jesu keineswegs aufgegeben werden. Aber manche allzu geläufige theologische Formel kann vielleicht neu durchdacht werden. -  
  Bauschkes Buch sollte für jeden, der theologisch oder religionspädagogisch tätig ist, zur Pflichtlektüre gehören. Eine Pflicht, die gleichzeitig Freude macht!  
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  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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