VATTIMO, GIANNI: Kurze Geschichte der Philosophie im 20. Jahrhundert. Eine Einführung (Herder Spektrum Taschenbuch Band 5176). Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2002, 157 Seiten, 9,90 EUR.  
 
Matthias Rath* (22.05.2003)
 
a  
  Einen "Lageplan" will Gianni Vattimo bieten, eine Landkarte der Philosophie im 20. Jahrhundert. Wie alle Landkarten ist auch diese naturgemäß mit dem abgebildeten Gebiet nicht identisch: Wer das Land erkunden will, muss sich schon selbst hinein wagen, kann sich den Gang über die Höhen und Tiefen, Pässe und Holzwege nicht ersparen. Aber der Lageplan Vattimos kann dem Leser einen "roten Faden" für die Lektüre dieser Philosophie und eine erste Orientierung bieten, um sich nicht im Dickicht zu verlaufen. Die "Kurze Geschichte der Philosophie im 20. Jahrhundert" ist also keine Schrift für Spezialisten, sondern für philosophische Laien und Interessierte. Allerdings, und auch das sollte man sich vor Augen führen, ist dieser Lageplan nicht auf Vollständigkeit aus, sondern geht das weite Feld der Philosophie des letzten Jahrhundert unter einem bestimmten Blickpunkt an. Leider geht dieser subjektive Angang im deutschen Titel des Büchleins verloren. Im italienischen Original "Tecnica ed esistenza" wird das Begriffspaar, unter denen Vattimo die Philosophie behandelt, genannt: Technik und Existenz. Im Spannungsfeld dieser beiden Kategorien entfaltet er sein Thema.  
   
a Gianni Vattimo, bekannt geworden durch seine Schriften zur Postmoderne, die er mit dem Schlagwort vom "schwachen Denken" charakterisierte, reiht sich damit ein in die große Zahl der historischen Einführungen in die Philosophie. Und doch unterscheidet er sich. Denn seine kleine Arbeit ist eher eine Schatzkarte als ein Lageplan. Er zeigt, durchaus in gängiger Manier und an den "üblichen Verdächtigen", wie die rasante wissenschaftlich-technische Entwicklung und der Verlust des Glaubens an ein festgefügtes "Wesen" des Menschen die philosophische Reflexion im 20. Jahrhundert bestimmt haben. Er entfaltet also nicht in enzyklopädischer Breite die Theorien der dargestellten Philosophen, sondern fragt nach ihrem Beitrag zum Versuch, die Frage nach dem Menschen unter den Bedingungen der Technik und im Hinblick auf seine konkrete Existenz zu beantworten.  
   
  Zunächst geht er historisch vor. Der geistesgeschichtliche Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert vollzieht sich kalendarisch verspätet: unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs. Die abendländische Zivilisation, wie das Europa des 19. Jahrhunderts sich in selbstgefälliger Sicht verstand, ist dem Untergang geweiht, es war an der Zeit für eine avangardistische Veränderung dieses Selbstbildes. Verschiedene Strömungen kann Vattimo in diesem Versuch der philosophischen Selbsttherapie unterscheiden. Neben der "Polemik gegen den Positivismus", die die Verabsolutierung der naturwissenschaftlichen Methode zugunsten einer geisteswissenschaftlichen Analyse von Welt und Mensch aufweicht, tritt, als kierkegaardscher Reflex aus dem 19. Jahrhundert, der "Existenzialismus", der erstmals die Spannung benennt, die zwischen dem Einzelnen sowie seiner erlebten Freiheit und der neuartigen Rationalisierung der Lebenswelt durch Wissenschaft und Technik herrscht. Der darin gewonnenen Orientierung an einer "eigentlichen" (Heidegger) Authentizität des Menschen stellt sich relativierend die "Schule des Verdachts" entgegen. An Marx und den Marxismen, Nietzsche und Freud zeigt Vattimo, dass der Romantizismus der Eigentlichkeit gebrochen werden muss - wenn auch über das Ziel manchmal hinausschießend - durch die Analyse der Determinanten, die den Menschen in seiner vermeintlichen Freiheit sozioökonomisch, religiös, libidinös, kurz unbewusst binden.  
   
a Das Gegengewicht dazu bilden Ansätze, die die "Naturwissenschaften als Modell" einer wissenschaftlichen Philosophie übernehmen und selbst wieder relativiert werden durch eine "Kritik der Rationalisierung", die mit Max Weber und der Frankfurter Schule verbunden sind. Über den "Nihilismus" eines Heidegger, Sartre und Pareyson führt Vattimo die Leser zur Trias "Sprache, Struktur, Geschichte", die den "dialogischen Menschen" postuliert und mit dem Strukturalismus eines Foucault den Boden bereitet für die "Postmoderne", in der Vattimo sich erfrischend selbstbewusst verortet.  
   
  Den Abschluss seiner tiefschürfenden und manchmal leichtfüßigen Schatzsuche bilden eher systematische als historische Darstellungen, die die eigentliche Intention Gianni Vattimos beleuchten - sein Philosophieren ist an letztlich klassischen ethischen Fragestellungen orientiert, dem Wahren, Schönen und Guten und der Religion. Denn, so sein Credo, schon dem Text vorangestellt: "Der einzige ‚gesellschaftliche Nutzen' der Philosophie ist gerade ihre Fähigkeit, zu allen zu sprechen und dabei nicht nur zur Klärung und Korrektur, sondern auch zur Bereicherung und Intensivierung derjenigen Bedeutungen, Werte, Weltsichten zu dienen, die das Leben der Menschen menschlich machen."  
   
  Gianni Vattimos "Kurze Geschichte der Philosophie des 20. Jahrhunderts" ersetzt keine Philosophiestudium. Aber sie weitet den Blick auf die geistesgeschichtlichen Alternativen, die uns auch heute, immer noch und immer mehr unter dem Einfluss einer sich beschleunigenden technischen Entwicklung, wenn schon nicht die richtigen philosophischen Antworten, so doch vielleicht die richtigen philosophischen Fragen bieten. Und da mag sie dann sehr wohl hilfreich sein als kleine Propädeutik für Theologie und Religionspädagogik.  
     
a    
a  
  * Matthias Rath ist Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und dort seit 2002 Prorektor für Studienangelegenheiten.  
a  
a