SCHWEITZER, FRIEDRICH / BIESINGER, ALBERT zus. mit Reinhold Boschki, Claudia Schlenker, Anke Edelbrock, Oliver Kliss, Monika Scheidler: Gemeinsamkeiten stärken - Unterschieden gerecht werden. Erfahrungen und Perspektiven zum konfessionell - kooperativen Religionsunterricht. Freiburg: Herder / Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2002. 255 S. 19,90 EUR.
 
 
Walter Kern* (22.05.2003)
 
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  Die vorliegende Studie ist das Ergebnis eines von der DFG geförderten Forschungsvorhabens, das ein religionspädagogisches Projektteam an der Universität Tübingen unter der Leitung der Professoren F. Schweitzer und A. Biesinger im Schuljahr 1998/99 mit 14 Religionslehrerinnen und Religionslehrern an 6 Grundschulen in der Region Tübingen durchführte. Ziel des Projekts war, wie im Untertitel des Buches angezeigt, "die empirisch-explorative Prüfung von Möglichkeiten konfessionell-kooperativen (evangelisch-katholischen) Religionsunterrichts" in der Schule." (S. 215).  
a Durch die bewusst gewählte "mehrperspektivische(...) Zugangsweise" (S. 21), d.h. durch die Befragung von Schülerinnen und Schülern, der Lehrkräfte, der Eltern, am Rande auch der Schulleiter und Klassenlehrerinnen, sowie durch Beobachtung und Analyse von Unterricht wollte die Forschungsgruppe ihr Projekt auf eine breite empirische Grundlage stellen, um so "zu Ergebnissen zu gelangen, die als Grundlage für geprüfte Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Religionsunterrichts dienen können" (S. 217). Die Befragungsergebnisse werden in den Kap. 1 - 4 dargestellt, besonders ausführlich die Schülerbefragung (mit eingeblendeten signifikanten Gesprächspassagen) und die Unterrichspraxis. Im 5. Kap. markiert das Projektteam seinen ökumenischen und religionspädagogischen Standort, im 6. Kap. beschreibt es sein Forschungsdesign.  
   
  Zu den Kapiteln im Einzelnen:  
a Mit der dezidiert vorgetragenen Auffassung "Über den Sinn oder Unsinn konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts kann nur befunden werden, wenn auch die Wahrnehmungen der Kinder und ihr Lernen einbezogen wird" (sic!) (S. 24) begründet das Projektteam den Ausgangspunkt seiner Arbeit im 1. Kap. (Mit den Augen der Kinder sehen, S. 23 - 85; vgl. auch das Titelbild) mit Befragungen von Schülerinnen und Schülern und erhebt dabei zugleich den "Anspruch (...), erstmals im Umkreis von konfessionell - kooperativem Religionsunterricht in systematischer und empirischer Weise Kinder befragt zu haben", auch wenn es damit "keine verallgemeinerbaren Ergebnisse im Sinne einer sog. repräsentativen Untersuchung" (S. 24) beabsichtigt.
 
  Befragt wurden über 350 Kinder der ersten und dritten Klassen in Form von Kleingruppengesprächen entlang einem Leitfaden (S. 227) zu Beginn und am Ende des Schuljahres. Gefragt wurden die Kinder nach ihrem Verständnis der Begriffe "evangelisch" und "katholisch"; außerdem wurden ihnen in den Interviews eine Reihe ergänzender Fragen gestellt. Die Relevanz der Befragung formuliert das Projektteam in der "These, dass die kindliche Auseinandersetzung mit Begriffen wie evangelisch und katholisch ein StückWelterschließung darstellt, das auch für den Bildungsauftrag der Grundschule bedeutsam ist." (S. 29) Die entsprechenden Interviewergebnisse fasst das Projektteam so zusammen: Zu Beginn ihrer Schulzeit waren die Erstklässler bezüglich der Bedeutung der Begriffe "sehr unsicher" (S. 55), soweit sie ihnen überhaupt bekannt waren; erst am Ende des 3. Schuljahres konnte "von einer selbstverständlichen Verwendung dieser Begriffe gesprochen werden" und waren die Kinder in der Lage, sie unter Hinweis "auf äußerlich wahrnehmbare Merkmale oder Handlungen wie Erstkommunion, Firmung und Konfirmation" (S. 55) zu erklären.  
  Eng mit dem Begriffsverständnis verbunden ist nach Meinung der Projektgruppe auch die für Kinder nicht unwichtige Möglichkeit der sozialen Selbstzuordnung zur entsprechenden Gruppe oder Lehrperson (für Kinder ohne Konfession oder einer andere Religion bedeute das kein Ausschluss und keine Diskriminierung).  
  Mit dem Verständnis der Begriffe "evangelisch" und "katholisch" hängt nach den Erkenntnissen der Forschungsgruppe auch die Beurteilung der "religiösen Vorerfahrungen und Vorkenntnisse" (S. 104) der Erstklässler zusammen. Gradmesser sei hier nicht - wie oft geurteilt - das Wissen der Kinder um die eigene Konfessionszugehörigkeit, vielmehr sei die Fähigkeit der Lehrpersonen erforderlich, die religiösen Vorerfahrungen in einem weiteren Sinn - gegebenenfalls durch intensives Nachfragen - wahrzunehmen. Als Fazit der Unterrichtseinheit "Religiöse Vorerfahrungen - Was Kinder mitbringen" (S. 104) ergaben sich nach der Feststellung des Projektteams "insgesamt viele Hinweise auf Erfahrungen mit Religion, Christentum und christlichen Gebräuchen" (S.111f), wenngleich die Forschungsgruppe in diesem Bereich mit regionalen Unterschieden rechnet.  
a Bezüglich der am Ende des Versuchsjahres an die Kinder der ersten Klassen gestellten Frage, ob sie lieber konfessionell oder kooperativ unterrichtet werden wollten, registriert schließlich das Projektteam: "Ein Teil der Kinder hat die Kooperation (...) offenbar nicht bewußt als solche wahrgenommen oder nicht weiter darüber nachgedacht. (...) Häufig kommt es zu widersprüchlichen Bewertungen auch derselben Erfahrung (...).  
  Überwiegend werden pragmatische Gründe genannt (...) Weitergehend wird aber auch eine Chance im Voneinanderlernen gesehen" (S. 46). Die Schülerinnen und Schüler der dritten Klassen erwähnen den Lehrertausch "häufig lobend (...). Ebenso nachhaltig ist aber auch der Eindruck, dass für die Kinder - sei es im ersten oder im dritten Schuljahr - weniger die organisatorischen Grundmodelle (getrennte Lerngruppen, Klassenverband usw.) entscheidend sind als vielmehr die von ihnen gewünschte Qualität von Unterricht im Sinne freundlicher Beziehungen, geringer Störungen durch Lärm, Disziplinproblemen, Gruppengrößen, guten räumlichen Voraussetzungen usw." (S. 52).  
  Auf Grund ihrer umfassenden Befragung der Kinder (und durch die Erkenntnisse aus der
Unterrichtspraxis) sieht sich die Projektgruppe in ihrem Grundkonzept "Gemeinsamkeiten stärken - Unterschieden gerecht werden" oder der "Verschränkung von Verständigung und Identitätsbildung oder von Beheimatung und Begegnung" (S. 84) bestätigt und fordert in der Konsequenz ("Welchen Religionsunterricht brauchen Kinder?", S. 84) einen Religionsunterricht, der den Kindern im Zuge ihrer Welterschließung die Bedeutung der Konfessions- und Religionszugehörigkeit verstehen hilft und dabei auch - über Bezugspersonen - die Möglichkeit einer Identifikation anbietet, schließlich den Kindern die Konfessionen mit größtmöglicher Sachkompetenz vorstellt und ihnen einen wertschätzenden Umgang mit Kindern anderer Religionen und Kulturen vermittelt (S. 84f). - Wenn das Projektteam - auf der Linie dieses Konzeptes - betont, in dem Jahr der konfessionellen Kooperation "den Kindern mit Sicherheit eine Vielfalt von Lernmöglichkeiten geboten (zu haben, W.K.), bei denen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Konfessionen von zentraler Bedeutung waren" (S. 57), so gibt doch auch folgende Mitteilung zu denken: "Wenn wir die Kinder in offener Weise fragten, was ihnen im vergangenen Schuljahr besonders wichtig gewesen und deshalb in Erinnerung geblieben sei, nannten sie fast durchweg bestimmte Geschichten und besondere Aktivitäten wie Malen, Basteln oder Kirchenbesuche, manchmal auch besonders eindrückliche Erzählungen und Lebensbilder beispielsweise von Martin Luther oder Elisabeth von Thüringen. Offenbar war für die Kinder wichtig, dass sie im Unterricht etwas Interessantes erfahren oder tun können, und dies ganz unabhängig davon, ob ein Thema mit konfessioneller Kooperation zu tun hatte oder nicht" (S. 55).
 
   
  Im 2. Kap. (Konfessionell - kooperativ Unterrichten: Erfahrungen und Perspektiven, S. 87 - 168) stellt das Projektteam prakizierte Formen der konfessionellen Kooperation zwischen den evangelischen und katholischen Lehrkräften und konfessionellen bzw. konfessionell gemischten Klassen vor (die Kooperationsmöglichkeiten werden S. 217 - 223 schematisch veranschaulicht) und bietet eine Analyse des Grundschulbildungsplans von Baden - Württemberg und weiterer Bundesländer ( sie geben "noch zu wenig Impulse", S. 99) und ausgewählten Schulbüchern und anderer Unterrichtsmaterialien (sie enthalten "immer mehr konkrete Hinweise", S. 99) unter dem Aspekt ihrer Förderung konfessioneller Kooperation. Bezüglich der Themenauswahl für den kooperativen Religionsunterricht wird vermerkt: "Für das Unterrichten in katholisch - evangelischer Zusammenarbeit eignen sich nahezu alle 'klassischen' Themen des Religionsunterrichts der Grundschule." (S. 100 ) In 7 exemplarischen Unterrichtseinheiten zu Unterrichtsthemen, die nach Absicht des Projektteams mal mehr die Gemeinsamkeiten, mal mehr die Unterschiede in den Vordergrund rücken (religiöse Vorerfahrungen von Erstklässlern; Kirchenbesuche; Taufe; Erstkommunion; Martin Luther; Maria; Heilige; vgl. die Übersicht S. 102) wird Einblick in die Unterrichtspraxis gewährt. Die Reflexion der Unterrichtspraxis, die sich insgesamt auf 35 beobachtete und dokumentierte und 31 analysierte Stunden bezieht, wird zusammengefasst in "Kriterien einer konfessionell - kooperativen Didaktik" (S. 160 - 168) mit 5 wesentlichen Aspekten der Elementarisierung und der "didaktische(n) Bewertung der unterschiedlichen Kooperationsformen" (S. 160).  
   
  Im 3. Kap. ('Ökumene in der Schule': Sichtweisen der Lehrerinnen und Lehrer, S. 169 - 194) äußern die Lehrpersonen in Eingangs- und Abschlussinterviews (entlang einem Leitfaden) ihre Einschätzungen und Erfahrungen zu verschiedenen Aspekten des kooperativen Religionsunterrichts: zu ihrer persönlichen Einstellung (Motivation, Verhältnis zur eigenen und anderen Konfession und Ökumene) zur Kooperation, die "fast alle Beteiligten (...) als sehr gewinnbringend" (S. 175) einstufen. Das konfessionelle Vorwissen und die konfessionelle Prägung der Schulanfängerinnen und Schulanfänger ist nach vorwiegender Ansicht "sehr gering" (S.178), für "(e)inzelne Lehrkräfte" allerdings sind die Kinder "in konfessioneller Hinsicht 'keine unbeschriebenen Blätter'" (S. 178). Als Lernerfolg wird nach einem Jahr konfessioneller Kooperation ein "Zuwachs an konfessionellem Wissen und Bewußtsein bei den Kindern" (S. 182) registriert - gerade durch die gleichzeitige Auseinandersetzung mit der eigenen und anderen Konfession. Für den Unterricht und die Unterrichtsvorbereitung ist nach Einschätzung der Lehrpersonen "ein gehöriges Maß an Mut, Flexibilität und Bereitschaft für Neues" (S.184) erforderlich. Im Blick auf die Zukunft plädieren sie für verschiedene Formen der Kooperation sowie für die Vielfalt der Themen ("prinzipiell alle Themen", S. 191); sie schätzen konfessionelle Kooperation einhellig als "gewinnbringende Herausforderung" (S. 194) ein.  
   
  Aus den Befragungen des 4. Kap. (Weitere Wahrnehmungen: Eltern - Schulleiter - Klassenlehrerinnen, S. 195 - 202) sind nach Ansicht des Projektteams die Elternbefragungen vom Anfang und Ende des Schuljahres von Bedeutung. Aus dem Vergleich der ausgefüllten Fragebögen (Erstbefragung mit einem Rücklauf von ca. 70% von etwa 350 Fragebögen; Zweitbefragung mit einem Rücklauf von ca. 60%) hebt die Projektgruppe vor allem das gestiegene Interesse der Eltern bezüglich der Konfession und der Konfessionszugehörigkeit für sie selbst und ihre Kinder hervor, die positivere Bewertung der konfessionellen Kooperation sowie des Religionsunterrichts insgesamt.  
   
  Im 5. Kap. (Ökumenische Kontexte und theologische Positionen, S. 203 - 214) ordnet das Projektteam sein Konzept der konfessionellen Kooperation ausdrücklich in den größeren "Horizont der christliche Ökumene" (S. 203) ein und wirkt damit dem möglichen Eindruck konfessioneller Enge entgegen. Zugleich wird der "Stand der Ökumenediskussion" (S. 204) kurz skizziert (mit wichtigen Literaturhinweisen). In Form von 8 Thesen formuliert es sein Verständnis von Ökumene und ökumenischer Praxis, nicht nur im Religionsunterricht, sondern u.a. auch für die Lehreraus- und Weiterbildung.  
   
  Das abschließende Kap. 6 (Konfessionelle Kooperation im Religionsunterricht - Eine empirische Untersuchung im Überblick, S. 215 - 235) bietet eine umfassende Darstellung des methodischen Instrumentariums und seiner Handhabung. (Man könnte mit der Lektüre auch hier beginnen.)  
   
  Unter dem (möglicherweise hier missverständlichen) Begriff "Materialien" (S. 237 - 245) fasst die Projektgruppe zunächst in der "Empfehlung an die Kirchen zum konfessionell-kooperativen Religionsunterricht" (S. 237 - 239) den Ertrag des Forschungsprojekts präzise zusammen und stellt als Konsequenz abschließend fest: "Aus unserer Sicht ist eine Fortsetzung des konfessionell - kooperativen Religionsunterrichts unbedingt empfehlenswert." (S. 239) Zu den Materialien gehören auch ein "Überblick über die untersuchten Stunden" (S. 239 - 241) sowie "Weitere Unterrichtsideen" (S. 242 - 245).  
  Im Blick auf ähnliche Schulversuche der konfessionellen Kooperation in Baden - Württemberg und Niedersachsen in den letzten Jahren gewinnt die vorliegende Studie auf Grund ihrer methodischen Breite und Gründlichkeit, die in allen wesentlichen Teilbereichen zugleich den aktuellen Forschungsstand mitberücksichtigt, exemplarische Bedeutung für weitere ähnliche Forschungsvorhaben. Sie stellt einen richtungsweisenden Beitrag zur empirischen Unterrichtsforschung dar.  
  Das Forschungsergebnis rückt gängige Erwartungen und Meinungen bzw. Vorurteile zurecht. Es macht z.B. deutlich, dass bei aller Mühe und Sorgfalt, die konfessionellen Unterschiede kindgemäß zu verdeutlichen, diese Intention bei den Grundschulkindern nicht ankommt, jedenfalls (noch) keine entscheidende Rolle spielt, keine existenzielle Bedeutung hat, wenn sie die "Unterscheidungslehren" überhaupt schon verstehen. Wenn man gerade die Kinder - und darin liegt ja das entscheidende Verdienst dieser Studie - zu Wort kommen lässt, dann liegen ihre Prioritäten anders als etwa in der Einschätzung der Lehrkräfte (s.o.). Damit hängt auch zusammen, dass die "Beheimatung" der Schülerinnen und Schüler in ihrer Konfession (was noch nicht unbedingt auch in ihrer "Kirche" bedeuten muss), weder mit dem konfessionellen noch mit dem kooperativen Religionsunterricht einfach zu erreichen ist, diese Beheimatung, was immer man genauer darunter verstehen will, einen - wie bereits erwähnt - längerfristigen Prozess darstellt, der durch außerschulische Lernorte zu verstärken ist, aber auch durch konfessionelle Kooperation besonders gefördert werden kann.
 
  Das Thema "Erstkommunion" wird katholischerseits öfter ins Feld geführt gegen konfessionelle Kooperation. Das Forschungsteam hat sie nicht von der Themenliste gestrichen, sondern im Gegenteil sie eigens zum Unterrichtsgegenstand gemacht. Damit wird eine wichtige Hürde aus dem Weg geräumt.  
  Das Buch ist aus der Praxis für die Praxis geschrieben (Vorwort 9). Der unmittelbaren Praxis dienlich sind die "Checkliste" (S. 96), die alle wichtigen Voraussetzungen, Bedingungen und Möglichkeiten konfessioneller Kooperation benennt, ferner die Anregungen zur Wahrnehmung möglicher religiöser Vorerfahrungen (vgl. die Elementarisierungshinweise S. 160 - 167), die 7 Unterrichtseinheiten mit den beigefügten Literaturhinweisen "Zum Weiterlesen" sowie die bereits erwähnten Unterrichtsideen. Alles in allem ein Buch,welches das notwendige Basiswissen und Sensibilität für konfessionelle Kooperation vermittelt und zu einer entsprechenden Praxis ermutigt.  
   
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  * Dr. Walter Kern ist em. Professor für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg.  
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