DENZLER, GEORG: Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich. Zürich: Pendo, 2003.
304 S. 22,90 EUR
 
 
Jakob Knab* (07.02.2004)
 
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  Mit seinem neuen Werk "Widerstand ist nicht das richtige Wort" hat der streitbare Kirchenhistoriker Georg Denzler ein ebenso aufschlussreiches wie historisch fundiertes Buch über das Verhalten der katholischen Kirche im Dritten Reich vorgelegt. Zum Inhalt: Der Autor erkundet und erhellt zunächst katholische Zugänge zum Nationalsozialismus. Aus der Zeit seiner Lehrtätigkeit in Bamberg stammen die Beiträge zum Kapitel "Die Philosophisch-Theologische Fakultät Bamberg im Dritten Reich". Eine spannende und aufregende Lektüre sind die acht biographischen Porträts im Kapitel "Kollaboration oder Opposition?". Ethisch erhellende Sichtweisen eröffnet der Autor im Kapitel "Verdienst und Versagen, Verantwortung und Schuld". Als aktuelles Nachwort dienen die betont kritischen Anmerkungen zur Goldhagen-Debatte.  
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  Denzler zeichnet also die verqueren Gemengelagen im katholischen Milieu nach. Fazit: Die Lebenswege gingen mitunter in gegensätzliche Richtungen. Die Namen Franz Xaver Eberle und Max Josef Metzger sind für den kundigen Leser eine einleuchtende Begründung:  
   
a "Kameraden! An diesem offenen Heldengrabe wollen wir es aufs neue schwören: Schwarz das Meer von Eisenpanzern, weiß die Luft von Silberflügeln, rot das Land von Kriegerblut!" - so der Kriegspfarrer Franz Xaver Eberle mitten im 1. Weltkrieg. Und viele Jahre später lobte Adolf Hitler just diesen Eberle, den nachmaligen Weihbischof von Augsburg, als den "sympathischsten Priester", der ihm je begegnet sei.  
   
  In der Skizze über Max Josef Metzger, dem Gründer des Friedensbundes Deutscher Katholiken, spürt man die Sympathie des Autors Georg Denzler mit dieser edlen Priestergestalt. Nach "Stalingrad" hatte Metzger eine Friedensnote verfasst - und war denunziert worden. Um die Vollstreckung des Todesurteils zu verhindern, empfahl sein Erzbischof Conrad Gröber: "Ich halte ihn für fähig, sein Verbrechen durch den heldenhaftesten Tod an der Front zu sühnen." Indes: Metzger war kein Kriegsheld in Hitlers Wehrmacht, sondern Märtyrer für Christus. Am 17. April 1944 opferte er sein Leben unter dem Fallbeil der Nazi-Henker in Brandenburg-Görden.  
   
a In welcher Weise einzelne Theologen "Zugänge zum Nationalsozialismus" suchten und sich auf dessen Ideologie einließen, entfaltet Denzler u.a. am Beispiel von Karl Adam und Michael Schmaus. Mitte 1933 veröffentlichte der Tübinger Professor Adam eine Hymne auf Adolf Hitler; er schwadronierte von "unserer bluthaften Einheit, unserem deutschen Selbst, dem homo Germanicus". (S. 51)  
   
  In Theologenkreisen heute noch bekannt ist Michael Schmaus, der sich als Verfasser der fünfbändigen "Katholischen Dogmatik" einen Namen machte. Indes: Sein Vortrag "Begegnungen zwischen katholischem Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung" vom 11. Juli 1933 an der Universität Münster ruft heute noch Kopfschütteln hervor. Auszüge: "Es gab einmal ein Volk, das glaubte, die Offenbarung sei an seine Nationalität gebunden. Es mußte diesen Wahn mit der Verwerfung büßen. Es war das jüdische Volk. (...) Der Nationalsozialismus stellt die Idee des aus Blut und Boden, Schicksal und Aufgabe gewachsenen Volkes in den Mittelpunkt seiner Weltanschauung." (S. 61) Schmaus ermahnte seine studentischen Zuhörer zur Mitarbeit im neuen Reich, "das sein wird eine Opfergemeinschaft von unerschütterlich in Gott gegründeten, aus dem deutschen Volkstum genährten, demütig auf Gott vertrauenden, ihrer Verantwortung bewußten, von Christus geformten deutschen Menschen." (S. 62) Der Beitrag zu Michael Schmaus ist ein Musterbeispiel für eine kritische, engagierte, fundierte Historiographie. Falsche Rücksichtnahmen sind dem Autor Georg Denzler fremd.  
   
  Denzler reiht Professor Kurt Huber ("Die Weiße Rose") unter die Katholiken ein, die auf ein baldiges Ende des Dritten Reiches hinarbeiteten. Hierzu führte ich am 30. August 2003 in Söllhuben (Chiemgau) ein Gespräch mit Wolfgang Huber, dem Sohn von Professor Kurt Huber. Der katholische Glaube freilich, dies betonte Wolfgang Huber mehrfach, war nicht des Vaters primäre Motivation zum Widerstand. Deshalb wurde auch der Herausgeber des "Martyrologiums" (= Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Bd. I, Paderborn 1999) gebeten, Kurt Huber nicht in diese Reihe katholischer Blutzeugen aufzunehmen. Der Bitte des Sohnes wurde nicht entsprochen. Als Konfession seines Vaters gab der Sohn mir gegenüber die saloppe Umschreibung "böhmisch-katholisch" an.  
   
  Schließlich: In einem Werk, wo nur Männer - siehe Untertitel - als handelnde Subjekte auftreten, wäre es angemessen gewesen, die bekennende Katholikin Maria Terwiel von der "Roten Kapelle" auch namentlich zu nennen und zu würdigen. Am 5. August 1943 wurde Maria Terwiel enthauptet. In ihrem Abschiedsbrief hatte sie dieses bewegende Bekenntnis abgelegt: "Und glaubt mir, ich habe absolut keine Angst vor dem Tode und schon gar nicht vor der göttlichen Gerechtigkeit, denn die brauchen wir jedenfalls nicht zu fürchten." (in: Steinbach / Tuchel (Hg.), Widerstand in Deutschland 1933 - 1945, München 1994,
S. 280f.)
 
   
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  * Jakob Knab ist Religionslehrer an einem Gymnasium in Kaufbeuren.  
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