GRÄB, WILHELM: Sinn fürs Unendliche. Religion in der Mediengesellschaft, Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, 347 Seiten, 29,95 EUR.
 
 
Gerd Buschmann* (07.02.2004)
 
a  
  Die Medien konstruieren unsere Wirklichkeit; sie sind allgegenwärtig. (Zu) lange Zeit war die (neuere protestantische) Theologie weitgehend medienresistent oder einseitig medienpessimistisch. Das wird nun anders; jedenfalls die liberale (praktische) Theologie im Gefolge Schleiermachers wendet sich entschieden (dem Wandel des Religiösen in) der Mediengesellschaft zu, fragt nach Kirche und Medien als sich womöglich ablösenden Sinnagenturen, fragt nach den Chancen der Theologie in der Mediengesellschaft und formuliert eine „kritische Hermeneutik des Religiösen als Aufgabe der Theologie“ in Anlehnung an die 20er Jahre (25-33). Die Medien formieren symbolisch Sinndeutungen der Alltagskultur und transportieren eine Vielfalt religiöser Symbolwelten (13). Deshalb bedarf es der Kulturtheologie einer „Praktischen Theologie als gelebter Religion“ (14).  
a    
  Nach einer Einleitung (19-36) Theologie in Zeiten des religiösen und kulturellen Pluralismus – eine Erinnerung mit Verweis auf die Vagabundierung des Religiösen in den 20er Jahre und Paul Tillichs und Carl Christian Brys („Verkappte Religionen“, Gotha 1924) kulturelle Hermeneutik der Religion als „Erschließung des christlichen Gottesglaubens auf die existentiell-religiösen Sinnfragen der Menschen hin“ (36) folgt als Teil 1: Theoriefragen Praktischer Theologie (37-81): die Praktische Theologie wird als Religionstheologie für die kirchliche Praxis und als Kulturhermeneutik („Lehre vom Verstehen der durch sinnbestimmtes menschliches Handeln hervorgebrachten symbolischen Welten“, 57) entworfen. Es geht um die durch die Medien symbolisch repräsentierten Sinnwelten. „Kulturhermeneutik ist Medienhermeneutik“ (67). „Die Praktische Theologie ist eine verstehende Theorie der kirchlichen Religionspraxis im Kontext ihrer kulturell-gesellschaftlichen Bedingungen“ (39). Dabei wird Religion als konstitutive Sinndimension der menschlichen Kulturwelt verstanden (61). Fazit: „Die religionstheologische Kulturhermeneutik kann nun bestimmt werden als die Hermeneutik der Kultur und ihrer Medien im Blick auf ihren die Unbedingtheitsdimension ansprechenden Sinngehalt“ (68).  
     
a Teil 2 beschreibt heutige Transformationen der Religionskultur (83-131) unter den Aspekten Erlebniskultur und Christentum, Kunst und Kult sowie Wort und Bild. „Die Kultur wird nicht mehr von der Religion dominiert, sondern die Religion wird von ihrem Beitrag zur Kultur her beurteilt“ (96); Religion wird ästhetisiert und Kunst als Kult religiosiert, so wird heute der „Sinn fürs Unendliche“ wachgehalten als „Suche nach Sinn. Die moderne Kunst ist die Religion der Suchenden“(116). – Damit sind die Vorbemerkungen abgeschlossen.  
     
  Teil 3 Mediengesellschaft (133-242) wendet sich in 7 Kapiteln den religionskulturellen, religionsgeschichtlichen und religionsbildenden Kräften in einzelnen Massenmedien zu: Transformation religiöser Kultur durch die Massenmedien (135-149), Mediengeschichte – Religionsgeschichte (150-164), Massenmedien und die religionskulturellen Signaturen der Moderne ( 165-175), Nachrichten – Berichte – Kommentare (176-189), Unterhaltung (190-211), Werbung (212-225), Radio – Fernsehen – Internet (226-242).“Herauszufinden ist, wie die explizit religiöse, die kirchliche Kommunikation innerhalb und außerhalb der Medien an deren religionsbildende Potentiale anschließen kann“ (17). Da die Massenmedien auch die Sinnformen vermitteln (135), kommen wir „an den Medien nicht mehr vorbei und nicht hinter sie zurück“ (141). Unterhaltung z.B. ermöglicht identitätskonstitutiv eine Selbstverortung in der dargestellten Welt – wie einst die religiösen Mythen (200ff), verdeutlicht an den Kinofilmen „Titanic“ und „Lola rennt“. Auch Werbung hat eine in die Tiefe gehende religionsbildende Kraft (215), sie „spricht die Sprache der Religion“, sie gibt der Sehnsucht ein Symbol, sie lädt die Dinge bedeutungssteigernd auf (218). Werbung ist die Religion des unendlichen Glücksverlangens (224). Auch Radio, Fernsehen und Internet bieten Sinnstiftung und Wertevermittlung wie einst die religiösen Mythen.  
     
a Teil 4 formuliert vor diesem Hintergrund eine Theologie für die Praxis (243-347) in ebenfalls 7 Kapiteln: Theologie und Kirche (245-261), Theologie und Religion (262-275), Bibel und Unterricht (276-290), Bibel und Predigt (291-300), Gott und Sinn (301-319), Sünde und Schuld (320-334) und Rechtfertigung und Gnade (335-347). – Hier zeigt sich nicht zuletzt die Relevanz einer massenmedial sensibilisierten Praktischen Theologie für die Dogmatik („Praktische Dogmatik“, 17): „Dogmatischen Ballast abwerfen“ (249), Präsenz in der Lebenswelt zeigen und darin Sinn erschließen, das Evangelium kommunizieren, biblische Hermeneutik mit Kulturhermeneutik verknüpfen (256), d.h. mit der Hermeneutik der Lebenseinstellungen und Sinnerwartungen der Zeitgenossen (273), Einstellung der Theologie auf die Phänomene der gelebten Religion (262), Bibeldidaktik als Frage nach alltagsweltlichem Vorkommen der Bibel (280) ... – das reicht als Programm! Kritik wird sich nur formulieren lassen, insofern und wie sie von jeher gegenüber der liberalen Kulturtheologie vorgebracht worden ist. Aber auch eine solche Kritik wird sich endlich der „Religion in der Mediengesellschaft“ stellen müssen, um vielleicht nicht „Sinn fürs Unendliche“, aber doch den Sinn des Christentums in der und für die Mediengesellschaft aufzuzeigen.  
     
a  
  * Dr. Gerd Buschmann ist Akad. Oberrat für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
a  
a