POLAK, REGINA (Hg.): Megatrend Religion? Neue Religiositäten in Europa, Ostfildern (Schwabenverlag), 2002, 494 Seiten, 25 EUR.
 
 
Gerd Buschmann* (07.02.2004)
 
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  Das am Institut für Pastoraltheologie in Wien angesiedelte Projekt „Megatrend Religion?“ (1998-2000, http://www.univie.ac.at/pastoraltheologie) verortet sich zwischen einer seit Jahren wachsenden Bedeutung von Religion im angeblich säkularisierten Westeuropa sowie dem damit verbundenen massiven Wandel des religiösen Feldes einerseits und dem gleichzeitig zu konstatierenden Bedeutungsverlust des Christentums und der Kirche andererseits. Die vorliegende Studie als Zusammenfassung des 800seitigen Werkstattberichts wendet sich dem Phänomen der neuen Religiositäten im deutschsprachigen Europa der Postmoderne außerhalb der verfassten Religionsgemeinschaften zu, vor allem jenen Bereichen, die man als „säkular“ bezeichnet wie Medien, Werbung, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Freizeit und beleuchtet sie aus religionswissenschaftlicher, philosophischer, kommunikationswissenschaftlicher, historischer und pastoraltheologischer Perspektive. Daraus erwächst ein differenziertes Verständnis von Religiosität und eine Vielzahl von Interpretationen der religiösen Lage.  
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  Teil 1( 25-106) Theoretische Weichenstellungen (Christian Friesl / Regina Polak) fragt nach neuen Religiositäten bzw. der Rückkehr der Religion nach Europa (26-45), klärt den Religionsbegriff (substantiell = was ist Religion?, funktional = was leistet Religion?, phänomenologisch = wo und wie begegnet Religion?) (46-71), fokussiert Religiosität als Gesellschaftsbarometer der (Post)Moderne (72-81), differenziert und klärt Dimensionen von Religion und Religiosität (82-99): religoid (wahrnehmbar wie), funktional-religiös (empfinden), analog-religiös (deuten), speziell-religiös (zustimmen), bevor die neuen Religiositäten problematisiert werden: Megatrend oder Megaflop (100-106) ? – Die hier grundgelegten Präzisierungen des Religionsbegriffs und der Dimensionen von Religiosität durchziehen die gesamte Studie und erweisen sich als differenziert und erhellend. – Religiosität („Existenzvollzug mit Bezug auf Transzendenz“) bezieht sich auf das persönliche (Er)Leben, Religion auf die institutionalisierte Glaubensgemeinschaft. Heute gilt nicht mehr „je moderner, umso säkularer“, sondern „je moderner, umso religiositätsproduktiver“ (39): Wiederverzauberung, Resakralisierung, Religiöses dient der Ästhetisierung des Lebens (43). Rationalisierung sucht als Gegenpol Erlebnisorientierung, umfassende Ökonomisierung sehnt sich zurück nach Werten.  
     
a Dann folgen die umfangreichen empirischen Teile 2 und 3. Teil 2 (107-164) Religiosität im O-Ton (Christian Friesl / Günther Haider) bietet eine Befragung mit Leitfaden Interviews und Teil 3 (165-335) Überblendungen, nämlich Erscheinungsorte des Religiösen (Christian Friesl / Regina Polak) (166-170), im Einzelnen: Bettina Schimak, Religiöse Spuren im Fernsehen? (171-192); Markus Koban / Elke Patzelt, Religiosität im Cyberspace – auf religiöser Spurensuche im World Wide Web (193-212); Günther Haider, Der Geist der freien Marktwirtschaft (213-229); Clemens Pichler, Heile Welten – religiöse Elemente in der Werbung (230-250); Günther Haider, Politik an der Grenze zur Transzendenz (251-265); Regina Polak, Lebensweltliche Versöhnungen? Zum Verhältnis von Religiosität und Wissenschaft (266-297); Kathrin Scholz, Religiosität in der Freizeit- und Erlebnisgesellschaft (298-317) und Stefan Dinges, Religiosität in institutionalisierter Religion (318-335). – In allen Bereichen lassen sich funktional-religiöse, analog-religiöse und speziell-religiöse Dimensionen aufzeigen, z.B. Werbung: Werbung lindert Kontingenz (funktional-religiös), liefert Handlungsorientierung und Weltanschauung und stiftet Identität und Gemeinschaft (funktional-religiös), Werbung schafft Atmosphäre (religoid = religionsähnlich, wie Religion aussehend), z.B. Fernsehen: Fernsehen kann Gemeinschaft stiften (funktional-religiös), Fernsehen kann Meinung bilden z.B. zum Thema Euthanasie (analog-religiös), Fernsehen kann speziell-religiöse Ereignisse und Inhalte thematisieren (z.B. Gottesdienstübertragungen).  
     
  Teil 4 zeigt Internationale Kontexte auf (337-376): Miklós Tomka (Budapest), Tendenzen des religiösen Wandels in Ost-Mitteleuropa (339-355); Liselotte Frisk (Umea/Schweden), The Situation in Northern Europe (356-368) und Luigi Tomasi (Trient), The Growth of new Religiosity in the persistence of church-Religion: the Italian case (369-376).  
     
a Teil 5 Expertisen (377-461) endlich beurteilt die (neue) Religiosität aus fachspezifischem Blickwinkel: Thomas H. Macho (Kultur- und Kunstwissenschaftler, Berlin), Skeptische Anmerkungen zur Religiosität in der Moderne (379-391): Es erscheint „missverständlich ... von einem Megatrend `Wiederkehr des Religiösen´ in der Postmoderne zu sprechen. Soweit ich sehen kann, sprengt keine gegenwärtige Strömung die konstitutive Trennung zwischen rationaler Zivilreligion ... und den vielfältigen Privatreligionen ...“ (381); Michael Mitterauer (Wien), Megatrend Pluralisierung – sozialhistorische Perspektiven (392-403); Christoph Bochinger (Bayreuth), Neue Religiosität als Forschungsgegenstand – Stellungnahme zum Projekt „Megatrend Religion?“ aus religionswissenschaftlicher und –soziologischer Sicht (404-420): Die Trend-Phänomene sind durch ein hohes Maß an Diffusität und Instabilität gekennzeichnet und belegen keinesfalls, dass das Religiöse in ganzer Breite vor einer neuen Blüte steht (415); Johann Figl (Wien), Religionswissenschaftliche und kulturgeschichtliche Perspektiven (421-434); Thomas A. Bauer (Wien), Die Problemstellung „Neue Religiosität“ aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht (435-447) und Maria Widl (Wien), „Megatrend Religion?“ Überlegungen zu einem gesellschaftlich und kirchlich angemessenen Religionsbegriff aus praktisch-theologischer Sicht (448-461).  
     
  Die in der Studie komprimierten Ergebnisse des Projekts stellen eine wahre Fundgrube dar für an religiösen Lebens-, Alltags- und Medienwelten interessierte Religionssoziologen, Kultur-, Religions- und Kommunikationswissenschaftler, Sozialhistoriker, Medienpädagogen, praktische Theologen und „pluralitätsfähige“ (vgl. R. Wunderlich / F. Schweitzer u.a.) Religionspädagogen.  
     
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  * Dr. Gerd Buschmann ist Akad. Oberrat für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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