SCHWEITZER, FRIEDRICH: Pädagogik und Religion. Eine Einführung, = Grundriss der Pädagogik/Erziehungswissenschaft Bd. 19, Stuttgart: Kohlhammer-Verlag, 2003, 224 Seiten, 17 EUR.
 
 
Gerd Buschmann* (07.02.2004)
 
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  Damit kein Missverständnis aufkommt: Der anzuzeigende Titel ist keine Einführung in die Religionspädagogik; es geht nicht um religiöse Erziehung, sondern um Religion als Dimension aller Erziehung. Wie die ganze informativ-kostengünstige Einführungsreihe (z.B. Bd. 15: Pädagogik und Medien, Bd. 14: Pädagogik und Geschichte, Bd. 18: Pädagogik und Generation) fragt auch der vorliegende Bd. 19 des Tübinger Ordinarius für Religionspädagogik bewusst von der Pädagogik her nach dem Zusammenhang von Pädagogik und Religion. Es geht hier nicht um die theologische und die religionspädagogische und auch nicht nur um die christlich-religiöse Perspektive; es geht vielmehr um religiöse Dimensionen von Erziehung und Bildung im Ganzen aus dem Blickwinkel der Pädagogik selbst und unter Verwendung eines weiten und offenen Religionsbegriffs – und diese religiösen Dimensionen sieht der Nipkow-Nachfolger von einer sich wesentlich säkular, empirisch und wissenschaftlich-neutral begreifenden Erziehungswissenschaft weitgehend vernachlässigt. Diese streitbare Grundthese durchzieht das ganze Buch („erziehungswissenschaftliche Berührungsängste gegenüber Religion“, vgl. S 20f; S. 126; S. 171ff; S. 180ff) . Der elementare Zusammenhang von Pädagogik und Religion wird in dichter, argumentativer und deutlich positioneller Weise in vier Kapiteln aufgezeigt:    
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  Kap.1 verdeutlicht an aktuellen Fallbeispielen aus dem Alltag (S. 12-28) grundlegend religiöse Aspekte in alltäglichen Erziehungssituationen als existentielle Fragen, als multikulturelle Erziehung und als Sinnfragen Jugendlicher: Sterben und Tod am Beispiel Krebs als Herausforderung von Schule und Erziehung, die Problematik des muslimischen Kopftuchs in der Schule und die (religiöse) Sinnsuche Jugendlicher. Kurz: Die Frage nach Religion bricht mithin vom Alltag her auf und wird nicht erst von Kirche und Theologie eingetragen! –
 
     
a Kap. 2 erläutert den elementaren Zusammenhang von Pädagogik und Religion von geschichtlichen Zugängen her (S. 29-71): exemplarisches Denken über Religion und Erziehung von J.A. Comenius bis W. Flitner, institutionelle Gestaltungen und kultur- und sozialgeschichtliche Zusammenhänge. Erst die neuzeitliche Autonomie der Pädagogik und deren empirische Wende in den 60er Jahren hat zu einer weitgehenden erziehungswissenschaftlichen Abstinenz der Religion gegenüber geführt. Gleichwohl bleibt zu fragen, wie eine selbständige Pädagogik mit Religion umgehen kann: Comenius, Schleiermacher, Wichern, Diesterweg, Spranger, Flitner u.a. bieten dazu Ansatzpunkte. – Kultur- und sozialgeschichtlich erweist sich ein Zusammenhang von Pädagogik und Religion insbesondere durch die religiöse Prägung von Bildungsmotiven (z.B. Kulturprotestantismus), Mentalitäten (z.B. Max Weber: Protestantismus und Kapitalismus) und Lebensaltern (z.B. christliche Hochschätzung des Kindes). –  
     
  Kap. 3 Empirische Zugänge (72-102) erhebt Argumente für den konstitutiven Zusammenhang von Pädagogik und Religion aus den Mitgliedschaftsverhältnissen von Kirchen und Religionsgemeinschaften, aus der empirischen Religionsforschung (E. Durkheim, T. Parsons u.a.), psychologischen (S. Freud, E. H. Erikson, J. Piaget, J. W. Fowler u.a.), soziologischen (T. Luckmann, N. Luhmann, u.a.), alters-, geschlechts- und institutionenbezogenen Untersuchungen sowie religiöser Sozialisationsforschung auch jenseits christlicher Religion. –
 
     
a Zielpunkt der Darstellung ist Kap. 4 Systematische Verhältnisbestimmungen (103-184): Klärung des Religionsverständnisses (Religion ist mehr als Kirche, funktionaler und substantieller Religionsbegriff), Erziehung und Bildung, insbesondere Erziehungs- und Bildungsziele incl. Normen, Werten und Menschenbildern (z.B. Recht des Kindes auf Religion), , Lebensgeschichte und Religion ( pädagogische Biographieforschung), Moral – Identität – Ethos (erziehungswissenschaftlich beliebte „universalistische Formen von Moral und Identität sind erreichbar, aber nur um den Preis einer weit reichenden Abstraktion von allen Lebenszusammenhängen“, S. 154) Anthropologische Fragen in der Pädagogik, Ethos pädagogischer Institutionen, Kultur – Religion – Theologie, - in all diesen Dimensionen wird der grundlegende Zusammenhang von Pädagogik und Religion dicht aufgezeigt. –
 
     
  Es folgen knapp Kap. 5 Berufsfelder und Studienmöglichkeiten (185-190) und Kap. 6 Praktische Hinweise (191-195) zu Literatur und Serviceeinrichtungen. – Das übersichtlich den Kapiteln zugeordnete Literaturverzeichnis (196-221) eröffnet breite Vertiefungsmöglichkeiten. –  
     
  Ein wichtiges Buch, weniger für die Religionspädagogik als für die Erziehungswissenschaften; hier mischt es sich positionell ein und bringt die Religion (in ihrer ganzen Breite) hoffentlich wieder zu Gehör – und dieser Dialog mit der Welt ist dann auch wieder bedeutsam für eine Theologie, die im vergangenen Jahrhundert nicht nur zu oft aus dem Dialog verbannt worden ist, sondern sich auch selbst dem Dialog entzogen hat. – Fazit: Religion muss wieder Thema oder Gegenstand der Erziehungswissenschaft sein! (S. 28).  
     
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  * Dr. Gerd Buschmann ist Akad. Oberrat für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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