RÖLL, FRANZ JOSEF: Mythen und Symbole in populären Medien. Der wahrnehmungsorientierte Ansatz in der Medienpädagogik, Beiträge zur Medienpädagogik - Band 4, Frankfurt/M.: Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), 1998, 452 Seiten, 20,40 EUR.

 
 
Gerd Buschmann* (07.02.2004)
 
   
 
 
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  Die im medienpädagogisch ausgewiesenen GEP-Verlag ("medien praktisch") erschienene (ge)wichtige Dissertation des langjährigen Mitarbeiters des Landesfilmdienstes Hessen ist auch praktisch-theologisch von erheblicher Bedeutung: Mythen und Symbole werden nicht nur in Form der Symboldidaktik seit Ende der 70er Jahre wieder entdeckt, die Praktische Theologie versteht sich zunehmend als "Kunst der Wahrnehmung" (Albrecht Grözinger) und gibt der Ästhetik den ihr gebührenden Raum zurück, die Religionspädagogik klärt sich zunehmend massenmedial und medienpädagogisch auf und die Semiotik hält Einzug in die Theologie. So geht es dieser Rezension weniger um die der Studie eigene Binnendifferenzierung der Theoriebildung innerhalb der Medienpädagogik, wobei Röll zugunsten eines wahrnehmungsorientierten Ansatzes und einer präsentativen (statt diskursiven) Symbolik votiert (Ernst Cassirer / Susanne K. Langer), als vielmehr um Relevanz und Konsequenzen für die Theologie, wie sie in Folgendem deutlich werden:  
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  Kap. 1: Forschungsleitende Annahmen (13-23) zeigt die Bedeutung einer ästhetischen, symbolorientierten Aneignungsweise von Lebenswelt als Medienkompetenz auf; der sinnlich-ästhetische Lernprozeß aktiviert über das Bild und aktive Imagination Erkenntnisprozesse. So entsteht Wahrnehmungsbildung.  
   
a Kap. 2 zeigt die Relevanz des Bildlichen (25-65) inmitten der Mediatisierung von Gesellschaft und Lebensalltag, den Paradigmenwechsel vom Wort zum Bild und die damit verbundene Herausforderung ästhetischer, wahrnehmungskompetenter Erziehung auf.  
   
  Kap. 3 beschreibt kurz Stadien der Bildbedeutung (67-79): Funktionen von und Zugangsweisen zu Bildern. Der Bilder- und "Immanentismusstreit ist heute genauso aktuell wie vor 1200 Jahren" (74). Moderne Ikonodulen und Ikonoklasten (z.B. Neil Postman) streiten um die Einheit von Bild und Wesen, um Bilderverbot und Bildimmanentismus, der davon ausgeht, daß zwischen medialen Abbildern und den sie darstellenden Objekten eine unmittelbare Beziehung besteht. Heute aber geht es nach Röll nicht mehr um die Verwechslung von Bild und Abbild, sondern um die zusätzliche Aufladung der Bildbedeutung mit symbolischen Subtexten, also polyseme, nicht monomythische Bilder.  
   
a Kap. 4 skizziert unter der Überschrift Funktion und Bedeutung des symbolischen Denkens (81-145) verschiedene Symboltheorien: kulturanthropologische (E. Cassirer, S. K. Langer), religions- und mythenwissenschaftliche (M. Eliade, J. Campbell), psychologische (C. G. Jung), strukturalistische (C. Lévi-Strauss, R. Barthes), psychoanalytische (A. Lorenzer) und hermeneutische (Th. Ziehe).  
   
  Kap. 5 Symbolik in medialen Alltagskulturen (147-294) findet als materialreicher Hauptteil des Buchs auf ca. 150 S. vielfältige Mythen und Symbole in Film (5.1: Terminator 2, Indiana Jones), Videoclip (5.2.: M. Jackson, Madonna u.a.), Werbung (5.3), Videokunst (5.4), Computeranimation (5.5) und Musik (5.6).  
   
  Kap. 6 Zur Instrumentierung einer symbolorientierten Medienpädagogik (295-405) beschreibt den praxisnahen, medienpädagogischen Ansatz des Verfassers im Sinne präsentativer Symbolik und wahrnehmungsorientierter Kompetenzerweiterung durch Lebenswelterkundung und praktisches Produzieren von Medien. Hier spielt der Verfasser (etwas einseitig) symbolhaft-assoziativ-synthetische gegen diskursiv-reflexiv-analytische Erkenntnisprozesse aus.  
   
  Kap. 7 Medien und Identität (407-425) zieht Schlußfolgerungen, stellt abschließend die Bedeutung der Medien für die Identitätsbildung heraus und fordert nochmals entsprechende Wahrnehmungskompetenz: "Medien sind ausgezeichnete Prothesen bei der Suche nach dem Standpunkt zur Welt" (415). "In unserer Gesellschaft ... übernehmen die Medien die Aufgabe, die Jugendlichen in die Gesellschaft zu integrieren" (416). Dabei ist Identität Folge sozialer Praxis und interkommunikativer Prozesse, - nicht autonomer Entwurf eines Subjekts (G. H. Mead). Wenn die Medienkultur die Wortkultur überformt, Kommunikation überwiegend medial geschieht, dann gibt es kein Entrinnen vor dem Mythos, sondern nur Arbeit am und mit dem Mythos. Hier erzieht inmitten der entgrenzten Medien, des multiplen Ichs und der postmodernen Vielfalt der aktive Umgang mit Medien zum mehrdimensionalen Blick und der christliche Monomythos erodiert zugunsten polymythischer Produkte. "Unter diesen Gesichtspunkten könnte Wahrnehmungsschulung, gesteigertes Zeichenbewußtsein und polysynthetische Einbildungskraft zu einem unverzichtbaren Instrument jeglicher pädagogischer und politischer Bildung werden ... Diejenigen, die sich mit den damit in Beziehung stehenden kommunikativen Veränderungen nicht auseinandersetzen, könnten recht schnell zu den Analphabeten des 21. Jahrhunderts werden." (418f). -  
   
  In religionspädagogischer Perspektive, aus der Rezensent urteilt, hat die Theologie noch deutliche Defizite hinsichtlich Wahrnehmungskompetenz (vor allem der kommunikativen Veränderungen), Ästhetik, Lebensweltorientierung, Paradigmenwechsel von Wort zu Bild, Medienpädagogik und virtuelle Welten. Im Sinne einer semiotisch kritisierten (Michael Meyer-Blanck), sich um kreative Wahrnehmung bemühenden und sich massenmedial öffnenden Symboldidaktik (vgl. Peter Biehl, Festsymbole. Zum Beispiel: Ostern. Kreative Wahrnehmung als Ort der Symboldidaktik, Neukirchen-Vluyn 1999) könnte hier die Wahrnehmung des "wahrnehmungsorientierten Ansatzes in der Medienpädagogik" Abhilfe schaffen.

 
   
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  * Dr. Gerd Buschmann ist Akad. Oberrat für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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