SCHOCKENHOFF, EBERHARD: Wie gewiss ist das Gewissen? Eine ethische Orientierung. - Freiburg u. a.: Herder, 2003. 304 S., 19.80 EUR.  
 
Thomas Breuer* (07.02.2004)
 
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  Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe an der Universität Freiburg und Mitglied des Nationalen Ethikrats, hat sein 1990 erschienenes Buch "Das umstrittene Gewissen" gründlich überarbeitet und aktualisiert.  
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  Das Gewissen ist freilich auch heute noch umstritten und wird es wohl auch bleiben. Das zeigt nicht zuletzt das 1. Kapitel, in dem der Autor in die aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen einführt. Zu Recht weist Schockenhoff dabei auf die Schwierigkeit hin, das Gewissen zu definieren. Die Skepsis Arthur Schopenhauers (1788-1860), was mancher für sein Gewissen halte, sei eigentlich "ein Fünftel Menschenfurcht, ein Fünftel Deisidämonie (Götzenfurcht), ein Fünftel Vorurteil, ein Fünftel Eitelkeit und ein Fünftel Gewohnheit" (Über die Grundlagen der Moral, § 13), teilt er dennoch nicht. Stattdessen sucht er Antworten auf folgende Fragen: "Was höre ich, wenn ich auf mein Gewissen höre? Wem folge ich, wenn ich meinem Gewissen folge? Worauf verlasse ich mich, wenn ich mich auf mein Gewissen verlasse? Wie gewiss kann das Gewissen für mich sein?" (S. 5).  
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  Da der Autor - wie es sich für einen kath. Theologen gehört - seine Antworten nicht nur dem eigenen Nachdenken und dem Gespräch mit den heutigen Humanwissenschaften verdankt, sondern auch Bibel und Tradition, bietet er dem Leser zunächst einen konzentrierten Überblick über die biblischen Grundlagen des theologischen Gewissensverständnisses und macht ihn sodann vertraut mit den Gewissensdeutungen von Augustinus, Thomas von Aquin und John Henry Newman. Letzterem verdankt er auch die wichtigsten Anregungen für seine eigene Konzeption, die er vorweg so zusammenfasst:  
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  "Die schöpferische Eigenleistung des Gewissens liegt darin, die inspirierende Kraft moralischer Überzeugungen in die ethische Selbstbestimmung zu konkretem Handeln zu übersetzen. Die Gewissensbildung der Christen orientiert sich dabei an dem Liebesgebot Jesu, dessen Forderungen in der Goldenen Regel zusammengefasst und im Gleichnis vom barmherzigen Samariter exemplarisch erkennbar sind. Das am Evangelium geschärfte Gewissen weist über den Anspruch hinaus, den allgemeine Normen an alle stellen, und befreit so jenseits moralischer Beliebigkeit zu einem kreativen Handeln, das die eigenen Möglichkeiten entdeckt." (S. 6)  
   
a Wer sich über das Gewissen aus der Sicht der katholisch-theologischen Ethik informieren will, ist mit diesem Band bestens bedient, zumal auch das Zweite Vatikanum und die nachfolgenden Entwicklungen und Diskussionen in einem eigenen Kapitel berücksichtigt werden. Schade ist, dass Luther und die protestantische Ethik nur kurz gestreift werden. Auch scheint sich bei der Kommentierung der nachkonziliaren Entwicklungen (Stichwort: "Veritatis Splendor") allzu sehr das Verlangen nach harmonischem Ausgleich mit den Äußerungen des kirchlichen Lehramts durchgesetzt zu haben.
Dennoch: ein kenntnisreicher und souveräner Überblick!

 
     
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  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
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