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HELMUT
HANISCH / SIEGFRIED HOPPE-GRAFF: "Ganz normal und trotzdem König"
- Jesus Christus im Religions- und Ethikunterricht. Stuttgart: Calwer, 2002.
219 S., 17,90 EUR.
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Wilhelm
Schwendemann* (07.02.2004)
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Nach
der letzten empirischen Forschungsarbeit zur Bibelrezeption legen jetzt
der Leipziger Theologe Helmut Hanisch und sein Kollege, der Psychologe Hoppe-Graff
eine religionspädagogisch-psychologische Arbeit zur Rezeption und Vermittlung
von Jesusbildern und Christusvorstellungen bei Jugendlichen des 6.Schuljahres
vor. Die Ethikschülerinnen und -schüler hatten ab dem 5. Schuljahr
Ethikunterricht. Die Religionsschülerinnen und-schüler nahmen
ab dem ersten Schuljahr am Religionsunterricht teil. Die Forschungsfrage
geht nach dem für Jugendliche bestimmenden Jesus- bzw. Christusbild
und der Bedeutung dieses Bildes für das Alltagsleben der Befragten.
Natürlich orientieren sich die Autoren am kognitionspsychologisch basierten
Begriff von Jesus Christus und an der Beziehung dieses Begriffs zu Glaubensäußerungen
und Glaubenspraxis der Jugendlichen. Im Begriff, so die Annahme, repräsentiere
sich auf kognitive Weise Realität (S.9); zu ihr gehören psychische,
physische aber auch geistige oder andere Erscheinungen oder Wirklichkeiten,
die durch Begriffe sprachlich repräsentiert und resymbolisiert werden
und sich zu Begriffsnetzen oder -Strukturen verdichten. Gleichzeitig dienen
Begriffe dem Denken als Handwerkszeug und strukturieren dieses. Begriffe,
so die zweite Annahme, seien aber auch individuelle Konstruktionsleistungen
der jeweiligen Person und ihrer Kompetenz, Umwelt und Wirklichkeit zu verarbeiten.
Die Konstruktionsprozesse der Begriffsbildung seien den Verarbeitungsprozessen
Assimilation und Akkommodation zugeordnet und somit individuell bestimmt
bei gleichzeitiger Kulturabhängigkeit. Deshalb seien Begriffe in der
Regel idiosynkratisch. Eine Aufgabe schulischen Unterrichts, speziell des
Religionsunterrichtes, sehen die beiden Autoren in der Angleichung der transindividuellen
und idiosynkratischen Bedeutung von Begriffen. Begriffe, vor allem Begriffsnetze,
seien demnach gegenüber Informationswissen die umfangreicheren kognitiven
Einheiten. Im Fall der Frage nach der Bedeutung Jesu Christi im Leben der
SchülerInnen ist zu unterscheiden, dass der Begriff von Jesus Christus
umfangreicher als das Wissen über Jesus Christus ist und dass das Wort
Jesus Christus gegenüber dem Begriff von Jesus Christus defizitär
bleiben muss. In der Untersuchung der beiden Leipziger Forscher geht es
also um Klärung der Konstruktions- und Resymbolisierungsprozesse in
der Begriffsbildung und um das jeweilige individuelle Verhältnis der
SchülerInnen zu diesem Prozess. |
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Nur
über Begriffe aber, nicht durch Anhäufung von Informationswissen,
so die Autoren, könne es gelingen, der Welt einen Sinn zu verleihen:
"Während begriffliches Verstehen die Konstruktion und Anwendung
von kognitiven Strukturen mit dem Ziel, wichtigen Aspekten der Welt Bedeutung
zu verleihen, meint, geht es beim Glauben um die Konstruktion und Anwendung
von affektiv-kognitiven Strukturen mit dem Ziel, dem Selbst in der Welt
einen Sinn zu geben." (S.13) Ausgangspunkt der Untersuchung ist ein
adulter Zielbegriff, der aber im Beispiel von Jesus Christus multivalent
besetzt ist; es gibt also keinen eindeutigen theologisch präzisen Ziel-
und Referenzbegriff! Möglich ist aber, gewisse allgemeine Merkmale
des Begriffs von Jesus Christus zu erfassen, die in der Stichprobe der Jugendlichen
auftauchen können. Das bedeutet für die Untersuchung, dass der
Zielbegriff so etwas wie eine erschließende, heuristische Funktion
hat, der zur Messlatte dessen wird, was bei den Jugendlichen gefunden wird.
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Die
Erhebung selbst ist multimethodisch, d.h. mehrere Erhebungsmethoden werden
miteinander kombiniert. Aber auch hier wird deutlich, dass man nur das findet,
was man auch sucht und dass der Zielleitbegriff in komplexe Begriffsstrukturen
eingebunden ist. Die Annahmen sind dabei Folgende: Die Jugendlichen bilden
Kognitionen für den chronologischen Rahmen des Lebens Jesu; sie ordnen
dessen Leben geographisch und sozial zu; sie verfügen über Kenntnisse
des religiösen Umfeldes; sie kennen Grundlinien der Verkündigung
Jesu; sie wissen etwas über die Osterüberlieferung; sie können
elementare dogmatische Kernaussagen machen und sie sind in der Lage, das
Phänomen des christlichen Glaubens ansatzweise zu beschreiben. Aufgrund
dieser Hypothesen bilden die Forscher ein Netz von Parametern, um herauszufinden,
was den Jugendlichen tatsächlich zur Verfügung steht. Der wissenschaftstheoretische
Hintergrund der Studie ergibt sich aus den Konstruktionen, d.h. bei den
befragten Jugendlichen geht es darum zu beschreiben, welche Konstruktionen
von welchen Teilbegriffen bedient werden. Die Probanden setzten sich aus
Schülern und Schülerinnen zusammen, die seit der 5. Klasse am
Religions- bzw. Ethik-Unterricht teilnehmen und in deren familialer Sozialisation
Religion wie im Fall der Religionsgruppe eine sehr große und im Fall
der Ethikgruppe eine nebensächliche, geringfügige oder keine Rolle
spielt; die Geschlechterunterschiede führten zu keinen Verzerrungen
in der Studie. Im Erhebungsverfahren selbst wurden von den Jugendlichen
- wie angenommen - immer nur Teile der Teilleitbegriffe aktualisiert und
diese mit idiosynkratischen Kommentaren und Bemerkungen versehen. Die Interviews
waren halbstandardisierte, leitfragenorientierte Interviews (S. 23); der
Fragebogen hatte die Form einer Checkliste; die Satzergänzungen ließen
den Jugendlichen recht große Freiräume, wobei sich die Aufgaben
z.T. mit den Interviewfragen deckten (hier ließen sich Konsistenz
und Kontinuität in den Antworten der Probanden feststellen). Das Methodensetting
wurde abgerundet mit so genannten Struktur - Lege - Aufgaben (B. Scheele
/ N. Groeben: Dialog-Konsens-Methoden zur Rekonstruktion subjektiver Theorien,
Tübingen 1988), in denen subjektive konzeptuelle Theorien bzw. Strukturen
eine Rolle spielen. Die Fragerichtung war: In welchem Verhältnis sehen
sich die Jugendlichen selbst, ihre Familienbeziehungen und ihre Beziehungen
zu Jesus Christus und wie nehmen sie die Einordnung in den sozialen Kontext
vor? |
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Das
Ergebnis: 5 Jugendliche am Ev. Gymnasium (Religionsunterricht) wissen nicht,
wann Jesus geboren ist, zudem wurden chronologische Daten aus dem Leben
Jesu mit Daten aus der Kirchen- und Profangeschichte bzw. dem Kirchenjahr
vermischt. Deutlich ist, dass manchen Jugendlichen noch das Verständnis
für geschichtliche Zusammenhänge in dieser Altersstufe fehlt;
die Vorstellungen über Land, Kultur usw. in Bezug auf den historischen
Jesus sind entweder zu diffus oder fehlen. Das bedeutet, dass ihnen wichtige
Teilbegriffe für die Eigenkonstruktion dessen, was mit Jesus Christus
gemeint ist, fehlen. Theologische Vorstellungen aufgrund dieser Voreinstellungen
sind deshalb wenig ausdifferenziert. Auch der Religionsunterricht selbst
scheint nicht viel dazu beizutragen: "Die Beschäftigung damit
hat offenbar nicht dazu beigetragen, dass die Jugendlichen zu grundlegenden
Einsichten über die Verkündigung Jesu gelangt sind bzw. die Lehre
der Herrschaft Gottes für sie nachvollziehbar ist." (S. 115) Gleichzeitig
lässt sich aber in manchen Teilbereichen beobachten, dass das biblische
Wissen umfangreicher als in den gegebenen Antworten zu Beginn der Interviewphase
ist. Auch wird die Gottessohnschaft Jesu idiosynkratisch interpretiert,
was auf die meisten Aussagen dogmatischer Natur zutrifft. Jesus ist als
Mensch wichtig, der fest an Gott geglaubt hat (S.118), was in den Rekonstruktionen
der SchülerInnen eine Schlüsselrolle einnimmt. Jesus wird zwar
als Gottes Sohn gesehen, was aber damit inhaltlich gemeint ist, bleibt persönlicher
Konnotation überlassen. Diese Deutungen können aber im Zweifelsfall
ein vertieftes christologisches Verständnis geradezu behindern. "Dies
wird vor allem dann der Fall sein, wenn bestimmte Begriffskonstrukte verkrusten
und folglich mögliche und notwendige Akkommodationen verhindert werden."
(S. 119) Was der Tod Jesu bedeutet, kann von den Jugendlichen (noch) nicht
ausgesagt werden, was auf Folgendes schließen lässt: "Dieses
Ergebnis deutet darauf hin, dass einige der befragten Jugendlichen den christlichen
Glauben affirmativ rezipieren, ohne dabei über den Inhalt ihres Glaubens
zu gedanklicher Klarheit zu gelangen." (S.121) Die beiden Forscher
fanden heraus, dass zum Aufbau differenzierter Begriffe von Jesus Christus
ein kommunikationsorientiertes, aufgeschlossenes Umfeld in Familie und Religionsunterricht
notwendig ist, in dem die Jugendlichen in die Lage gebracht werden, ein
eigenes religiöses Begriffsrepertoire zu entwickeln und zu differenzieren.
Hierbei genügt als Ausgangspunkt nicht einmal der persönliche
Glaube an Jesus Christus, aber auch unzusammenhängendes Informationswissen
nicht: "Sie erwerben im Religionsunterricht oder anderswo Wissen, mit
dem sie letztlich im Hinblick auf ihr Konstrukt von Jesus Christus nichts
anzufangen wissen. Zugleich sind sie nicht in der Lage zu entnehmen, welche
Relevanz bestimmte Wissensinhalte für ihr bereits bestehendes oder
aufzubauendes Konstrukt haben." (S.127) In den Äußerungen
der befragten Jugendlichen lässt sich durchaus auch ein Mangel an Abstraktheit
und Kohärenz beobachten und dass sich daraus folgern lässt, dass
der Religionsunterricht oder sonstige religiöse Bildungseinrichtungen
ihre Zielsetzungen noch nicht erreicht haben. Grundsätzlich sind die
Ergebnisse der Jugendlichen, die am Ethik Unterricht teilnehmen, mit denen
aus dem Religionsunterricht vergleichbar. Es fällt jedoch auf, dass
die historische Zuordnung teilweise noch schwächer aber teilweise sehr
viel präziser ausfällt, d.h. es gibt nach oben und unten Spitzen,
aber ein breites Mittelfeld fehlt. Die Weihnachtsgeschichten sind bei den
ev. Schülern / Schülerinnen bekannter als im Ethikunterricht;
die historisch-soziale Zuordnung der Verhältnisse Jesu fällt bei
den Ethikschülern nahezu vollständig aus. Die Verkündigung
Jesu wird von den Ethikschülern moralisch wahrgenommen, Wunder entweder
abgelehnt oder überhaupt nicht thematisiert; auch glauben die meisten
Ethikschüler nicht an die Auferstehung; die Beziehung Gott-Jesus wird
idiosynkratisch interpretiert: "Für die meisten Befragten ist
Jesus ein Mensch. Ihm billigen manche von ihnen [= die SchülerInnen,
W.S] zwar besondere Fähigkeiten zu, die aber nicht dazu führen,
dass er sich substanziell von anderen Menschen unterscheidet. Auffallend
ist, dass von manchen Jugendlichen Jesus als Sohn Gottes und zugleich als
Mensch gedacht wird." (S.183) Der Tod Jesu ist jedoch für die
meisten SchülerInnen belanglos; auch die Beziehung zu Jesus Christus
wird kritisch bis aggressiv beurteilt. Bewunderung an Jesu Verhalten erregt
allenfalls die moralische Konsequenz seiner Lebenshaltung und Lebensführung.
Jesus bleibt aber in den Konstruktionen der Jugendlichen eine mehr oder
weniger museale Gestalt. Fehlender Glaube und fehlende religiöse Sozialisation
führen bei den Ethikschülern zu immanenten christologischen Konstrukten,
d.h. Jesus wird als "normaler" oder "einfacher" Mensch
eingestuft. Die Untersuchung schließt mit einem Kapitel zum Verhältnis
Intelligenz und Affekt bzw. Begriff und Glauben. Hanisch / Hoppe-Grafff
wollen klären, worin die Beziehung zwischen dem Begriff "Jesus
Christus" und dem Glauben an ihn besteht. Grundsätzlich ist in
den Spuren Charlotte Bühlers zwischen dem Akt des Glaubens und dem
Glauben als Gegenstand des Bewusstseins zu unterscheiden, wobei aus der
Studie hervorzuheben ist, dass im statistischen Sinn der Glaube an Jesus
Christus nichts mit dem Glauben als Gegenstand des Bewusstseins zu tun hat.
Der Begriff Jesus Christus setzt als Konstruktion des Bewusstseins Glauben
nicht voraus. Der Glaube ist aber auch nicht "eine Gewähr für
komplexe Kognitionen zu Jesus Christus." (S.193) Kognitionen sind keine
Bedingung des Glaubens und der Glaube ist keine Bedingung für komplexe
Kognitionen: "Man hat einen Begriff von Jesus Christus, aber man ist
Christ." (S.193) Hanisch /Hoppe-Graff machen den Vorschlag, im Begriff
von Jesus Christus eine komplexe kognitive Struktur zu sehen, die sich unterscheidet
von Glauben an Jesus Christus als affektiv-motivationaler Struktur, wobei
beide Dimensionen der Entwicklung des Selbstwertkonzeptes und der jugendlichen
Identität zugeordnet seien. Fokussiert werden beide Dimensionen in
einer neuen positionierten Reflexion über das jugendliche Selbst. Zu
betonen seien die Pluralität von Individualisierungen bei Jugendlichen.
Die religionspädagogischen Konsequenzen der Untersuchung liegen auf
der Hand: Jugendliche müssen z.B. im Religionsunterricht reading literacy
Kompetenzen erwerben, um überhaupt in religiösen Angelegenheiten
sprachfähig zu werden. Diesbezüglich erscheint es unumgänglich,
vor allem die theologische Begriffsbildung und gedankliche Klarheit zu fördern,
um sich zum eigenen Glauben und eigenen religiösen Konstrukten verhalten
zu können. Gängige Fachdidaktiken seien begriffstheoretisch kritisch
zu hinterfragen. Auch die Ausbildung von ReligionslehrerInnen sei kritisch
unter die Lupe zu nehmen, inwieweit eine allgemeine Perspektivenplanung
hinreichend ausgebildet ist: "Konkret bedeutet das, dass die zu erreichenden
Gesamtbegriffe klar formuliert werden, denn erst sie ermöglichen eine
verbindende Orientierung und konsequente Qualitätskontrolle des Unterrichts."
(S.200) Der strukturgenetische Konstruktivismus fordere zusätzlich
von professionell Lehrenden, die so genannte Entwicklungsangemessenheit
und Vernetzungskompetenz zu berücksichtigen. Hierbei sind die je eigenen
subjektiven theologischen Theoreme der Kinder und Jugendlichen angemessen
zu würdigen, "um Kindern zu differenzierten Begriffen zu verhelfen,
erscheint es notwendig, sensibel wahrzunehmen, über welche unterschiedlichen
religiösen Konstrukte sie verfügen." (S.203) Notwendig dabei
sei darauf zu achten, wie Kinder und Jugendliche ihre religiösen Begriffe
bilden und auf welche Kategorien sie zurückgreifen. Lehrende aller
Schularten und Schulstufen müssen außer ihrer Sachkompetenz zudem
professionelles Lehrerhandeln, Glaubwürdigkeit und Authentizität
mitbringen. |
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Wer
sich für die theoretischen und empirischen Grundlagen von Religionsdidaktik
im Bereich der Christologie interessiert und den eigenen Unterricht nachhaltig
verbessern, aber nicht Rezeptwissen an die Hand bekommen will, dem sei das
Buch wärmstens empfohlen; allen anderen müsste es zur Pflichtlektüre
werden. |
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Dr. Wilhelm Schwendemann lehrt als Prof. für Ev. Theologie an der Ev.
Fachhochschule Freiburg. |
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