BIEHL, PETER / WEGENAST, KLAUS (Hg.): Religionspädagogik und Kultur: Beiträge zu einer religionspädagogischen Theorie kulturell vermittelter Praxis in Kirche und Gesellschaft, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2000. 252 S. 34.00 EUR.  
 
Gerd Buschmann* (14.01.2002)
 
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  Kultur als Lebenswelt und Kommunikation (M. Moxter) hat seit einigen Jahren (nicht nur) im Protestantismus wieder Konjunktur. Die Religionspädagogik spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle, sie erdet in vielerlei Hinsicht die Theologie kulturell. Befinden wir uns damit auf dem Weg in einen neuen "Kulturprotestantismus"? Keineswegs. Das u.a. zeigt der vorliegende Band; denn Kirche, Theologie und Religionspädagogik benötigen wegen gesellschaftlicher Entwicklungen (Kulturpädagogik, Inkulturation, Alltags- und Jugendkulturen, Multikulturalität, etc.) eine neue Konzentration auf das Kulturthema, das hier vielfältig beleuchtet wird:  
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  Der Herausgeber und Großmeister ev. Symboldidaktik Peter Biehl betont im einleitenden, programmatischen Beitrag das wechselseitige Verhältnis von Symbol und Kultur. Kultur in hermeneutischer und theologischer Perspektive (15-53) im Kontext von "Cultural Studies" und W. Benjamins "Hermeneutik der Konstellationen": "Symbole lassen sich angemessen nur in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext erschließen" (15; 30 u.ö.). P.B. definiert den Begriff der Kultur und zeigt Ansätze zu einer Theologie der Kultur auf; Kultur ist eine Lebensform des Glaubens und Glaube ist kulturschöpferisch und -kritisch zugleich (19). Ein stets "eschatologisch gebrochenes Kulturverständnis" (50) verhindert dabei jeden flachen Kulturprotestantismus.  
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  Ebenso programmatisch überwindet der Herausgeber Klaus Wegenast in Kultur und Bibel / Bibel und Kultur. Zu oft übersehenen Dimensionen der Interaktion zwischen Religion und Kultur (55-81) die falsche Alternative von Bibel oder Kultur zwischen Kulturprotestantismus und Offenbarungstheologie, indem er die Bibel als kulturabhängige Literatursammlung begreift und dabei auf die umgebenden Kulturwelten des AT und den Synkretismus im NT verweist; am Beispiel Wundergeschichten wird die Bibel als "abhängige Variable jeweiliger kultureller Kontexte" ausgelegt und die Bedeutung der Rezeptionsästhetik für die biblische Exegese betont (Heike Bee-Schroedter). Das zeigt sich auch in den kulturellen Wechselwirkungen von Bibel und Literatur (71ff), Bibel und Comics (75ff) und Bibel und Popmusik (77ff) heute. Mithin stehen Bibel und Kultur in steter Interaktion und kann "Überlieferung niemals gleichbedeutend sein ... mit der Weitergabe von unveränderlichen Texten" (80).  
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  Matthias Zeindler entwirft eine trinitarische Grundlegung einer Theologie der Kultur als Gestaltetes Evangelium (83-103). Er definiert Kultur a) im weiten Sinne als Sphäre menschlichen Gestaltens von Welt im Gegensatz zur Natur, b) im mittleren Sinne als stets kulturelle Vielfalt und Pluralität; Kultur gibt es nur im Plural und c) im engen Sinne als Teilsystem von Gesellschaft (85f), skizziert die Geschichte des theologischen Problems der Kultur zwischen Tillich und Barth und entwirft im Anschluß an George Lindbecks kulturell-sprachliche Religionstheorie Kultur als Gestalt göttlicher Zuwendung in Schöpfung, Versöhnung und Erlösung (94-98). Religion gibt es nie ohne die ihr korrespondierende kulturelle Form, Glaube ist unveräußerlich an eine sprachlich-kulturelle Struktur gebunden (94). Theologische Hermeneutik der Kultur entdeckt Gottes Handeln in der Wissenschaft, den Künsten und der Alltagskultur und begleitet die menschliche Kulturgestaltung kritisch vom trinitarischen Handeln Gottes her.  
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  Reiner Preul, Kulturprotestantismus in religionspädagogischer Perspektive (105-123) bewertet das Phänomen "Kulturprotestantismus" neu und betont exemplarisch an Otto Baumgarten dessen Bildungsverständnis: die Bildung der Person befähigt zu Kulturarbeit. Subjektbezogenheit, Freiheit des Individuums gegenüber der Institution (Kirche), ästhetische Privatreligion und praktisches Christentum sowie Dialog mit den Humanwissenschaften bilden das heute relevante Erbe.  
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  Henning Schröer, Kultur als Lebensform des Glaubens (125-139) entwickelt nach einer Klärung des Begriffs "Lebensformen" die These, dass der Glaube die Kultur als eigene Gestaltung begreifen und ein Differenzbewusstsein gegenüber seiner Umwelt entwickeln sollte (128). H. Sch. beschreibt Gemeinde als Kultur des Vertrauens (131-134), Bibelarbeit als Gedenkkultur (134ff) und Ökumene als Friedenskultur (136ff). "Nicht Anpassungsleistungen des Glaubens sind gefragt, sondern kontextuelle Entwicklungsinitiativen, die gerade das Proprium der jeweiligen Tradition kulturell zur Erfahrung bringen" (138).  
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  Auch Christoph Bizer, Gottesdienst und Kultur. Theologische, didaktische Meditationen (141-164) wendet sich gegen eine theologisch unsachgemäße Synthese von Glaube und Kultur. Religion als Kultivierung schafft den notwendigen Lebensraum zwischen lebensfördernden und lebensverneinenden Mächten (142), dargelegt am Kulturprogramm von Jer 29 (144-152). Im umfriedeten Raum ist der Mensch zu Hause; das gilt auch für den Gottesdienst (152ff), der Kultur ist.  
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  Friedrich Schweitzer, Jugendkultur und Religionspädagogik (165-178) befasst sich mit einer spezifischen Spielart von Kultur und hätte eigentlich im Plural formulieren wollen/sollen (165f): Jugendkulturen bzw. treffender Jugendszenen, - stile. Die subkulturelle Deutung und der Begriff Jugendkultur selbst stehen heute in Frage. Die Fremdheit zwischen Jugendszenen und kirchlichem Christentum wird nur erst ansatzweise und einseitig durch eine sich für Jugendkulturen öffnende Religionspädagogik, besonders hinsichtlich der Wahrnehmung religiöser Elemente in der Popularmusik, aufgebrochen. F. Sch. befürwortet eine vorsichtige religionspädagogische Öffnung hin zu den Jugendkulturen (174), warnt aber vor didaktisch verengten "Anknüpfungspunkten" (168ff), Vereinnahmung oder Anbiederung (170) und Vernachlässigung der Rezipientenperspektive (172).  
     
  Hier knüpft der zweite Beitrag zu spezifischer Kultur an: Hans-Martin Gutmann, Populäre Kultur im Religionsunterricht (179-200). Am Beispiel der RTL-Reihe "Big Brother" wird zunächst aufgezeigt, dass populäre Kultur davon abhängig ist, dass sie gelingt, funktioniert (179f). Ihre Wirksamkeit erzielt sie über das Faszinosum ihres Verheißungscharakters und über die vielfältig in der Popkultur begegnenden Opfermythen (die H.-M. G. in seiner 95er Habil. umfassend analysiert hat). Es ist Aufgabe (rel.päd.) Bildung im Zusammenspiel mit der Medienpädagogik, Heranwachsende darin zu unterstützen, mit den popkulturellen, medialen Inszenierungen selbsttätig (und kritisch) umzugehen  
     
  Ein vielfältiges Bild "religionspädagogischer Theorie kulturell vermittelter Praxis" zeichnet Hans-Günter Heimbrock durch den exemplarischen Blick nach England, Norwegen und in die Niederlande: Global - lokal - oder "glokal"? Religionsunterricht in Europa im Kulturbezug (201-232). Lebensweltorientierte Religionspädagogik und Kultur als Lebenswelt finden sich immer in einem Plural von Religionen und Kulturen vor und müssen kontextuell um differenzierte Verhältnisbestimmungen zwischen Globalität und Regionalität bemüht sein; gegen alle "Globalisierung" gilt: nicht immer ist global besser als lokal (201). Als sehr bereichernd empfand der Rezensent die europäischen Beispiele, die unsere oftmals engen konfessionellen deutschen Grenzen sprengen: wie vielfältig kann Religionsunterricht im Kulturbezug gedacht und entworfen werden!  
     
  Schließlich entfaltet der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, Kultur und Bildung: Neue Aspekte eines alten Problems (233-249) ein Verständnis von Bildung als Stil, Distanz und Verstehen, das gesellschaftlichen Verwertungszusammenhängen nun aus pädagogischen Gründen Widerstand entgegensetzt (und sich damit den theologischen Beiträgen intentional gut einfügt; affirmativem Kulturprotestantismus wird auch so gewehrt). Bildung ist Reise, sie kennt Stationen, aber keinen Abschluß. Reisen erfordert eine unruhige Existenz und nötigt zum Perspektivenwechsel. Bildung ist zu unterscheiden von ihrer schulischen, didaktischen Form. Mithin sollte das Thema "Religion und Kultur" nicht auf Religionsdidaktik verkürzt werden. These: "Bildung ist nicht identisch mit Schulbildung, sie entzieht sich den Verwertungsinteressen, und sie bevorzugt die unruhige Existenz (233)."  
     
  Der Rezensent hat den Band mit außerordentlichem Gewinn gelesen; nicht nur, weil wir Religionspädagogen mit unserem Bildungsauftrag uns stets kulturell verorten müssen, nicht nur, weil er der Meinung ist, dass Theologie auch im 21. Jhdt kulturell wird sein müssen, - oder sie wird nicht mehr sein, sondern weil dieser Band den notwendigen Dialog mit Kultur(en) sucht, ohne in ihnen aufzugehen; die scheinbare Alternative Offenbarungstheologie / Kulturprotestantismus ist überwunden!  
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* Dr. Gerd Buschmann ist Akademischer Rat für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.

 
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