Christentum und Glaube in der Erlebnis- und Optionsgesellschaft des beginnenden 21. Jhdts - Postmoderne als Herausforderung der Religionspädagogik[1]  
 
Gerd Buschmann*(14.01.2002)
 
a    
  1. Postmoderne und Optionsgesellschaft: Gesellschaftsanalyse  
   
  Das europäische Christentum am Anfang des 21. Jahrhdts. findet sich in einer hochgradig veränderten Gesellschaft vor. Übergreifende Sinnsysteme haben fast jeden Kredit verloren. Gleichzeitig haben Wissenschaft und Technik einen enormen Zugewinn an Freiheitsspielraum für den einzelnen mit sich gebracht, soviel Freiheit, daß der einzelne geradezu unter permanentem Entscheidungszwang steht; um mit der Rocksängerin Nina Hagen zu sprechen: "Alles so schön bunt hier, kann mich gar nicht entscheiden." Als Stichworte mögen dafür stehen: Freizeitgesellschaft, Wohlstand, Freisetzung aus traditionellen Milieus, Klassen und Schichten, geographische und berufliche Mobilität, Pluralisierung aller Lebensbereiche, Pluralisierung geschlechtlicher Lebensmöglichkeiten, Aufsprengung alter Geschlossenheiten zugunsten neuer pluraler Möglichkeitshorizonte etc. Wir leben also in einer Gesellschaft, die unglaublich viele Optionen für den Einzelnen offenhält, - selbst wenn wir nicht vergessen dürfen, daß mehr als 4 Millionen Menschen von etlichen Optionen, etwa der Option Arbeit, abgeschnitten sind. Als symptomatisch für die postmoderne Gesellschaft erweisen sich Pluralisierung und Verschwinden von allgemeinverbindlichen Anschauungsmustern. Die freie Wahl und das eigene Aushandeln führen zu Patchworkidentitäten und einer "neuen Unübersichtlichkeit" (J. Habermas) in einer Erlebnis- (G. Schulze), Informations- und Transformationsgesellschaft (G. Schmidtchen).  
   
  Die stetige Zunahme von Optionen (Handlungsmöglichkeiten, Wahlfreiheiten) bei gleichzeitiger Abnahme von festen Bindungen (Herkunftsfamilie, Milieu, Autoritäten, Pflichten, Partnerwahl: "Lebensabschnittspartner" etc.) führt auf der Kehrseite zu neuen Unsicherheiten, Orientierungsproblemen und Isolationen, die möglicherweise mit neuen Fundamentalismen gefüllt werden. Außerdem kommt es trotz Differenzierung, Pluralisierung und Optionenvielfalt zu überraschenden neuen und weltweiten Uniformierungsprozessen.  
   
  1.1. Moderne und Postmoderne - oder: Die Krise der Moderne  
   
  Postmoderne ist ein unglücklicher Begriff. Schnell wird postmoderne Beliebigkeit assoziiert und der Vorwurf laut: die Postmoderne verabschiede sich von der rationalen Vernunft der Aufklärung. Postmoderne möchte ich hier nicht als Kampf-Begriff verwenden, auch nicht als Epochenbegriff, und schon gar nicht als modische Formel, sondern ich möchte mit Hilfe des Begriffs Postmoderne versuchen, präzise unsere Gegenwart zu beschreiben. Mit Postmoderne sei hier die ganze Moderne gemeint, - also: die eigentliche, zu sich selbst gekommene Moderne -, oder das, was soeben als Optionsgesellschaft beschrieben wurde. Erst die Postmoderne erreicht die wichtigsten Ziele der Moderne wirklich: Pluralismus und Ambivalenz (Zygmunt Bauman). Die Postmoderne ist die Moderne im Stadium ihrer Selbstkritik und Selbstreflexion. Die Postmoderne löst nun alltäglich das ein, was in der Moderne nur einem esoterischen Kreis einiger Weniger vorbehalten war. Postmoderne ist gekennzeichnet durch radikale Pluralität (Wolfgang Welsch), sie bejaht die neue Unübersichtlichkeit als demokratischen Reichtum und Fülle, - denn maximale Übersicht ist ein Zeichen von Diktatur - , sie verneint die Sehnsucht nach einem in der Zukunft liegenden Ganzen und Heilen, - denn diese Sehnsucht hat allzu oft anders lautenden Entwürfen das Lebensrecht bestritten - , sie bejaht das Bruchstückhafte, das Nebeneinander, die Parataxe, die Neukombination von Heterogenem und das Leben als Fragment (Henning Luther) gegen jede Fortschrittsideologie (der Neuzeit und Moderne). Moderne als Aufklärung und lineare, ins Utopische weisende Geschichtlichkeit sind in hohem Maße dem neuzeitlichen Gedanken der Universalisierbarkeit von Denken, Planen und Handeln verhaftet, deren Grenzen heute fast alltäglich spürbar wird. Postmoderne meint erstens die Auflösung von Einheitsprinzipien und Absolutheiten, zweitens die Hinwendung zu radikaler Pluralisierung.  
   
  1.2 Abschied vom Absoluten  
   
  Die Postmoderne vertritt die These vom "Ende der Meta-Erzählungen" (Jean-Francois Lyotard) oder vom Niedergang der metaphysischen Doktrinen. Absolute Sinndeutungsmuster büßen an Wirkkraft ein. Es gibt einen weitgehenden Verlust fraglos vorgegebener Sicherheiten. Der durchgreifenden Pluralisierung folgt eine Einheitsverabschiedung und der Abschied von apodiktischen Normierungen. Die Postmoderne versteht sich als erste nicht-einheitsgerichtete Philosophie. Mit dem Verzicht auf Absolutheiten geht eine radikale Pluralisierungs-Bejahung einher.  
   
  1.3 Radikale Pluralität, Offenheit und Individualisierung  
   
  Die Postmoderne entwirft eine umfassende Toleranz, die auf absolute Bezugspunkte gerade verzichtet. Das Denken kann nur noch unter Gesichtspunkten der Relativität operieren und hat sich jeden absoluten Bezugspunkts zu enthalten. Differenz (le différend) ist also das Denkprinzip der Postmoderne. Wahrnehmung und Gerechtigkeit sind wichtiger als Ordnung, Kontinuität und Geschlossenheit. Pluralität, Vermischung von Elite- und Massenkultur, Offenheit, Geltenlassen des Verschiedenen und eine anti-totalitäre Option werden zur Erkenntnisgrundlage. Gegenpositionen sind grundsätzlich in ihrem Eigenrecht anzuerkennen und als Bereicherung zu werten. Vielfalt ist jedem Ganzheitsdenken überlegen. Ganzheit kann es nur als offene Ganzheit gegen jede Uniformierungsdynamik geben. Die Postmoderne setzt also ein mit der Abwendung von alten Autoritäten und unhinterfragten Absolutheiten und führt zu einer Neuschätzung von Vielfalt. Der Grundimpuls der Postmoderne ist ebenso kritisch wie ethisch: die Nicht-Unterdrückung des Anderen, Schwächeren, Verborgenen. Pluralisierung und Individualisierung sind miteinander verknüpft: nicht mehr das prägende Kollektiv konstituiert die Lebensgeschichte, sondern das die Traditionsvorgaben reflektierende Individuum. Individualisierung erweist sich dabei als Chance, sein Leben in selbstbestimmter Weise zu verwirklichen, - aber auch als Last, diese Freiheit sinn-produktiv zu nutzen.  
   
  1.4 Ende des einlinigen Fortschrittsgedankens  
   
  Der Fortschrittsgedanke der Moderne, die lineare Chronologie und der damit verbundene Zug zur Utopie scheint heute fraglich geworden zu sein. Das Grundgefühl linearer Zeit, es werde immer so weiter und voran gehen, ist heute im Schwinden begriffen. Zur Moderne gehört der Traum von einer fortschreitenden, zum Besseren führenden historischen Entwicklung. Jeder Plan zur Menschheitsbeglückung hat allerdings im Terror geendet (Faschismus, Stalinismus). Postmoderne kritisiert den einlinigen Fortschrittsglauben, sei er kapitalistischer oder marxistischer Provenienz. Postmodernes Denken scheut nicht die Kritik Hegelscher Dialektik: konkurrierende Dualitäten müssen nicht in Synthesen aufgehen; sie dürfen parataktisch nebeneinander bestehen. Der Fortschrittsgedanke ist eine der unbefragt vorausgesetzten aufklärerischen Groß- oder Metaerzählungen, deren Ende gekommen ist.  
   
  1.5 Ästhetisierung, Erlebnis und Erfahrung  
   
  Die Postmoderne wendet sich von kritisch-rationalen Kategorien des Denkens ab und ästhetischen zu, in der Einsicht, daß die veränderte Wirklichkeitserfahrung nur noch mit Hilfe einer gesteigerten Wahrnehmungssensibilität denkerisch verstehbar ist. Das Denken muß ästhetisches, d.h. wahrnehmungskompetentes Denken werden. Denken bezieht sich nicht nur auf den abstrakten Begriff, den Logos, sondern Wahrnehmung verhilft zu originären Einsichten. Es geht (mit W. Welsch) um "transversale Vernunft", um auf Übergänge bezogene Vernunft. Die Postmoderne wendet sich ab vom kargen, funktional bestimmten Wahrheitspathos der Moderne und hin zu Opulenz, Spiel, Schein, Verführung, Oberfläche und Ornament. Inszenierung und Vergnügen bekommen wieder einen hohen Stellenwert. Ästhetisierung meint zunächst gesteigerte Wahrnehmungssensibilität. Religion will erfahren sein. Erfahrung meint, bestimmte Erlebnisse reflektiert in den eigenen Lebensbedeutungsrahmen zu integrieren. Erfahrung ist also ein gedeutetes Erlebnis. Zur Deutung und Reflexion gehört die Sprache: was aber passiert, wenn die religiöse Sprache nicht mehr verstanden wird und zur Deutung benutzt wird? Gleichwohl zeigt sich religiöse Erfahrung nicht mehr nur in kognitiv-versprachlichter Weise, sondern Religiosität lebt häufig in symbolischer Weise auf affektiver und unbewußter Ebene. Transzendenzerfahrung ist gerade auch auf non-verbale Art und mitten im Alltag möglich.  
   
  1.6 Zitat- und Patchworkkultur  
   
  Die Postmoderne zeigt einen neuen Umgang mit der Tradition; sie wird neu wahrgenommen in der Form des Zitats, hierarchiefrei kombiniert und mit Gegenwärtigem verschränkt. Fragmentierung, Zersplitterung von Identität, Szenenwechsel, Kombination des Diversen, "anything goes", Geschmack an Irritation sind heute allgemein: Penthouse und Öko-Hütte gehen zusammen, es gibt Zweitbürgerschaften und Halbgeliebte. Wenn die historische Linearität der Moderne sich verbraucht hat, wird wieder Raum für die Neu-Einschreibung alter Epochen und Traditionen in die heutige Zeit: nur anders - als Zitat (vgl. Umberto Eco, Der Name der Rose). Wenn Vergangenheit neu zu sprechen beginnt, dann nicht historistisch. Die Vergangenheit kehrt wieder als Zitat; und das heißt nun gerade nicht als in sich geschlossener (Fremd)Körper, sondern verwandelt, mit neuem Bedeutungsgehalt, gleichsam wie hinter einer Maske. Das ist die "neue Unübersichtlichkeit" der Postmoderne: Diskontinuität, Mehrsprachigkeit, Parataxe, Heterogenität, Collage. Es geht um das bewußte Aufgreifen und Neukombinieren von Vergangenheit und Gegenwart.  
   
  1.7 Kritischer Begriff der Postmoderne - Verhältnis zur Moderne  
   
  Postmoderne soll hier gerade die Moderne in ihrer Gänze meinen, die vollkommene Freisetzung der Moderne: eine Art zweite Aufklärung im Sinne einer Ent-Ideologisierung. Die Postmoderne ist nach-neuzeitlich, aber nicht nach-modern, sondern eher radikal-modern. Sie übt Kritik nicht mehr aus der Außenperspektive, sondern legt die Kritik in den pluralen Dialog selbst hinein. Die Skepsis der Postmoderne bezieht sich auf die dogmatisierten geschichtsphilosophischen Grundannahmen der Aufklärung, nicht auf die Zielsetzung einer weiteren Demokratisierung und die Durchsetzung der Menschenrechte. Die Moderne hatte folgende Kennzeichen: selbstbewußtes Ich, berechenbare Welt, Toleranz der Aufklärung, Grundrechte, wachsende Mobilität, Markt- und Tauschlogik, zeitlich linear gedachter Fortschrittsglaube und Utopiegläubigkeit, Aufklärungsvernunft, technische Machbarkeit.  
   
  Die Postmoderne stellt viele Grundannahmen der Moderne in Frage: Identität, Geschlecht, Kontinuität, Originalität. Die Postmoderne hat folgende Kennzeichen; ich fasse zusammen: Postmoderne bemüht sich um den Wechsel von radikalen Entweder-Oder-Kategorien zu Kompromißhaltungen, von einer Favorisierung von monistischen Lösungen zu Pluralismusvorstellungen, von einer Priorität des technischen Fortschritts zu einer Höherbewertung der fragilen Umwelt. Postmoderne kämpft für Gleichberechtigung, Multikulturalität, Verständnis für Minoritäten und deren Kulturen, einen internationalen kommunikativen und ökonomischen Austausch. Die Postmoderne sagt Vielfalt und nicht Einheit, sie betont das Einzelne, das Besondere gegenüber dem Totalen, dem Allgemeinen. Sie akzeptiert diskontinuierliche Prozesse, sie bevorzugt eine Vielfalt von Kleinerzählungen gegenüber universalistischen Großerzählungen, sie entfernt sich von einem verbissenen Ernst hin zu spielerischem Umgang, sie verläßt die Vorliebe für elitäre Kunst und "reine" Stile zugunsten populärer Formen.  
   
  1.8 Kritik an der Postmoderne  
   
  Viele Vorwürfe werden der Postmoderne gemacht:  
 
  • flache Beliebigkeit und Stadnpunktlosigkeit eines "anything goes", Unernsthaftigkeit, verantwortungsloses Spiel, Ironie um ihrer selbst willen, Relativismus und Vergleichgültigung,
  • Irrationalismus, Zynismus und philosophisch kaschierte Orientierungslosigkeit ohne jeden archimedischen Punkt, Verrat an den rationalen Errungenschaften der Moderne, Verantwortungslosigkeit,
  • Verlust jeden kritischen Standpunkts und der historischen Dimension, also Geschichtsfeindlichkeit,
  • Unkritische Ideologie des Status quo,
  • Postmoderne kaschiert nur die neuen und wahren Uniformierungen der westlichen Zivilisation,
  • Postmoderne ist die Logik des multinationalen Kapitalismus.
 
  Diese und andere Vorwürfe können hier nicht diskutiert werden; sie haben womöglich ihre Berechtigung. Postmoderne im von mir gebrauchten Sinne als deskriptiver Begriff und als radikale Moderne unterliegt jedenfalls nicht allen diesen Vorbehalten.  
   
  1.9 Fazit: Pädagogische Konsequenzen (Thesen)  
   
 
a) Jugendlichen müssen (ernsthafte) Optionen eröffnet werden, die Vielfalt der Optionen ist zuzulassen, sie sind in der Optionenentscheidung zu begleiten und zu unterstützen und vom Entscheidungszwang zu entlasten. Es geht um pädagogische Angebote, also normierungsfreie und zwanglose Offerten, die die Freiheit des Menschen und seine Individualität achten.
b) Die neue Unübersichtlichkeit, die uns Ältere oft irritiert, ist positiv zu bejahen: das Bruchstückhafte, die Parataxe, die Neukombination von uns heterogen Erscheinendem, das Leben als Fragment. Synkretismen und Patchworkidentitäten sind als Gewinn zu begreifen.
c) Absolutheiten sind fraglich geworden, - das gilt auch für die Pädagogik: Wahrnehmungssensibilität und -kompetenz und Gerechtigkeit sind wichtiger als Ordnung, Kontinuität und Geschlossenheit. Verschiedenheit ist gelten zu lassen, Gegenpositionen sind als Bereicherung zu werten.
d) Eine einseitig an kritisch-rationalen Theorien des Denkens orientierte Pädagogik ist zugunsten eines ästhetischen, wahrnehmungskompetenten Denkens zu erweitern.
e) Ein spielerischer Umgang mit (uns Älteren oft "heiliger" und fraglos übernommener) Tradition ist zuzulassen; postmoderne Pädagogik entfernt sich von einem verbissenen Ernst hin zu spielerischem Umgang, sie verläßt die Vorliebe für elitäre Kunst und "reine" Stile zugunsten populärer Formen. Anstelle von Vermittlung tradierter Gehalte tritt subjektive Aneignung und Neuverarbeitung von Tradition. Das geht nicht selten einher mit "schrillen", ungewöhnlichen Kombinationen.
f) Subjektorientierung meint Interaktion zwischen gleichwertigen Partnern; asymmetrische Erziehungsverhältnisse sind zu überwinden. SchülerInnen sind nicht nur Empfänger, sondern auch kreative und selbständige Produzenten: Begleitung statt Bevormundung, gegenseitiges Lernen.
g) Hermeneutik bedeutet nicht mehr Interpretieren oder Übersetzen, sondern meint Neu-Lesen, Re-Lektüre, Hermeneutik geschieht im bloßen Vollzug und in Form von Experimentierkultur.
h) Institutionen (als Absolutheiten und Anti-Individuelle Einheiten) verlieren an Bedeutung; an die Stelle der Autorität der Institution treten Teilhabe, Mitbestimmung, selbstgemachte Erfahrung und Mitverantwortung sowie Echtheit und Authentizität. Bewußtes Beteiligtsein, erfahrbare Emotion, Ästhetik, Atmosphäre und Erfahrungs- und Lebensweltbezug sind pädagogisch wesentliche Dimensionen.
i) Punktualität dominiert über Kontinuität.
j) Pädagogik muß nicht nur hellhörig für SchülerInnen, sondern auch hellsichtig werden: Dominanz der Bildkultur.
 
   
  Diesen letzten Punkt möchte ich exemplarisch erläutern:  
   
  Der Paradigmenwechsel vom Wort zum Bild  
   
  Insbesondere für Jugendliche durchbrechen zur Zeit die audiovisuellen Medien die bisherige Dominanz von Sprache und Schrift, die auch unsere Pädagogik prägt. Das bisher dominierende Wort wird vom Bild verdrängt und schon fürchtet die Erwachsenenwelt eine "sprachlose Generation" und einen funktionellen Analphabetismus. Dabei bin ich, wenn ich die Musiksender MTV oder VIVA, Werbesendungen oder die Computerabteilung eines Kaufhauses anschaue, eher Analphabet als meine SchülerInnen ... Ich möchte entgegen der schnell mit Urteilen zur Hand seienden Bewahrpädagogik in der bildhaften Kommunikation nicht nur Gefahren, sondern auch Ausdruckspotentiale sehen. Entsprechend der oben beschriebenen postmodernen Gesellschaftsanalyse enthalten Bilder ein höheres Potential an Emotionalisierung und Ästhetisierung als Worte. Das Sehen ist der Hauptsinn der Moderne. Lange hat es einen pädagogischen Widerwillen gegen den Seh-Sinn gegeben. Auch die Theologie, zumal die protestantische, hat sich für das Wort und gegen das Bild entschieden.  
   
  Entgegen der vor allem in pädagogischen Kreisen verbreiteten Warnung vor Bildmedien bieten diese oftmals Deutungsmuster an, die für Kinder- und Jugendliche bei der Selbst-Findung eine wichtige Rolle spielen. Kindheit und Jugend heute stehen nicht mehr in einem ganzheitlichen Lebenszusammenhang. Überhaupt bin ich der Meinung, daß wir über das pädagogische Modewort "Ganzheitlichkeit" einmal kritisch nachdenken müßten. Der Lebensraum von Kindern und Jugendlichen besteht heute aus einzelnen Segmenten (Kindertagesstätte, Schule, Freunde, Vereine), er vermittelt keine sinnliche Einheit mehr, er ist zerstückelt und verinselt. Die Inseln werden durch hohe Mobilität angesteuert. Das führt zu Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden (Neue Unübersichtlichkeit). Gerade hier aber helfen Wiederholungen: sich wiederholende Erfahrungsmuster werden durch Medien ermöglicht. Der imaginäre Raum des Fernsehens bietet Kindern und Jugendlichen die Chance, die Lücken zwischen den segmentierten Lebensräumen wieder zu schließen.  
   
  Hinzu kommen die Individualisierungsprozesse. Subjekt- und innenorientierte Lebensauffassungen lösen die bis zum Ende des 19. Jhdts dominierende Außenorientiertheit ab. Außenorientierung richtete sich nach Vorgaben, die außerhalb des eigenen Selbst entstehen. Heutige Jugendliche müssen selbständig ihre Identität erproben. Diese innengerichtete Lebensauffassung sucht nach Anpassung an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Diese werden durch Bilder und Medien maßgeblich vermittelt.  
   
  Die kulturellen Modernisierungen lassen sich, - wie beschrieben - , mit den Stichworten Postmoderne und Optionsgesellschaft charakterisieren. Dazu gehören als vier wesentliche Merkmale:  
 
a) Individualisierung
b) Erlebnisorientierung
c) Ästhetisierung
d) Ontologisierung
 
   
  Alle vier Merkmale spiegeln sich in den modernen Bildwelten. A) Individualisierung: das einzelne Subjekt kann zwischen unendlich vielen Bildwelten, Fernseh- und Kinoprogrammen, Musikvideos, Computeranimationen etc. auswählen. B) Erlebnisorientierung: Das "Projekt schönes Leben" realisiert sich besonders auch durch die Bildwelten, Werbung, Kino, Fernsehen etc. Das Kino ist die zentrale Tankstelle für Emotionen. Jugendliche heute leben nicht nur wie im Film, sondern der Film wird auch auf ihre Welt hin angeeignet und umgedeutet. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen (Cyberspace). Eine saubere Trennung zwischen Alltagsrealität, simulierter Realität und konstruierter Medienrealität wird immer schwieriger. Äußere Bilder werden zu Vorbildern eines Lebensentwurfs im ganzen. Die Übernahme von Zeichen führt zu identitätsstiftender Kraft. Symbole, Zeichen und Bilder übernehmen Sinngebung in der Lebensführung und im Selbstverständnis. C) Ästhetisierung: Es bedarf keiner Erläuterung, daß die für die Postmoderne zentrale Ästhetisierung mit den Bildwelten verknüpft ist. D) Ontologisierung: Ontologisierung ist die Kehrseite der Subjektivierung, die Sehnsucht nach Gewißheit und Ursprünglichkeit, ja nach Fundamentalismen, die Orientierung bieten in der neuen Unübersichtlichkeit. Diese Sehnsucht nach vormoderner Sicherheit vollzieht sich gerade auch in den Bildwelten. Die dort angebotenen Symbole und Mythen vermitteln grundlegende Wertvorstellungen und Handlungsmuster.  
   
  Zugleich aber werden diese Angebote immer subjektiv rezipiert. Sehen geschieht nicht mit dem Auge, sondern mit dem Gehirn. Das Auge ist keine objektive Kamera. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit ist immer Resultat von Deutungen des sich Welt aneignenden Subjekts. D.h.: Wahrnehmung ist immer eine aktive Leistung des Rezipienten. (Semiotik). Wahrnehmung geschieht immer selektiv. Das Anschauliche, das Sehen, die Wahrnehmung regt also die Denktätigkeit des Menschen an. Die Rede von der "Medienflut" ist aus wahrnehmungspsychologischen Gründen nicht haltbar. Das Gehirn bringt Organisation in den Wahrnehmungsreiz. Dabei verlagert sich bei Kindern und Jugendlichen offenbar die Welt-Sicht von der logisch-rational arbeitenden linken Gehirnhälfte zur intuitiv-assoziativen rechten Gehirnhälfte. D.h.: Jugendliche heute können Informationen gleichzeitig verarbeiten (nicht nacheinander), können simultan vorgehen (nicht sequentiell), erfassen das Ganze (nicht die Einzelheiten) etc.  
   
  Dieser Paradigmenwechsel vom Wort zum Bild nötigt uns zu pädagogischen Konsequenzen: wir benötigen eine ästhetische Erziehung. Das logozentrische Denken hat sich in ein ästhetisches Denken verlagert. Heute wird in der durch Medien vermittelten Weise die Wirklichkeit im wesentlichen über Bilder und Imaginationen, weniger über abstrahierende Begriffe erfaßt. Wir benötigen deshalb Übung und Erfahrung im gestalterischen Umgang mit Bildern. Wir Erwachsenen müssen unseren Analphabetismus im Hinblick auf die modernen Bildwelten überwinden. Die Bildwelten sollten als Herausforderung, nicht als Bedrohung interpretiert werden. Wahrnehmungsfähigkeit wird zu einer entscheidenden Kompetenz. Es geht um kreative Wahrnehmung. Kreative Wahrnehmung schreibt dem Bild oder Text Sinn zu, sie versucht nicht nur, den vorgegebenen Sinn festzustellen. Es geht um einen spielerischen, nicht nur analytischen Umgang mit den Bildwelten. Der Prozeß der Wahrnehmung bewegt sich zwischen Finden und Erfinden von Sinn. Allzu lange haben wir uns entsprechend der klassischen Hermeneutik mit dem Finden von Sinn begnügt. Kreative Verfahren haben den Vorrang vor analytischen. Bildung bedeutet heute  
   
 
1. Wahrnehmung des Ich. Symbole und Mythen, wie sie besonders in Bildwelten vermittelt werden, spielen dabei auf dem Wege der Subjektentwicklung eine unersetzliche Rolle. Bildung vollzieht sich als Selbstwahrnehmung und Selbstverstehen durch Symbole. Wer sich heute auf die Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen einlassen will, muß dem Lernen im Umgang mit Bildern und Symbolen eine zentrale Bedeutung zumessen.
2. Wahrnehmung des Anderen und Fremden. Bildung meint einen Durchgang durch das Fremde (W. von Humboldt) und die Wahrnehmung des Anderen. - Solche Bildung kann sich nur als kommunikative und dialogische Didaktik vollziehen. Der Beziehungsaspekt wird dem Inhaltsaspekt gleichwertig (kritisch-kommunikative Didaktik).
 
   
  2. Frömmigkeit und Religion in der Postmoderne  
   
  Der postmoderne Wandel zeigt sich besonders auch in der Religion. Religiöse Verbindlichkeiten verabschieden sich; es kommt zu einer hochgradig ausdifferenzierten Pluralisierung, zu vagabundierender, schweifender, unverbindlicher Religiosität. Religion hat sich auf den Markt begeben und der Zugang zu ihr wird weniger über Normen als über Ästhetik gefunden. Die Kirchen sind nicht mehr Hüter religiöser Wahrheit, sondern gesellschaftliches Segment. Glaube wird nicht mehr als geschlossenes System übernommen, sondern der individuellen Lebensform und Persönlichkeit angepaßt. Es kommt zum Auswahlchristentum. Die Kirche steht der postmodernen Individualisierung weitgehend kritisch und ablehnend gegenüber, - dabei könnte die Kirchenkrise auch als Chance begriffen werden. Wer vom Verdunsten der Religion in der Gegenwart redet, der bekundet nur seine eingeschränkte Wahrnehmungskompetenz. Esoterik, New Age, das Interesse für Fremdreligionen und die religiöse Suche haben derzeit erhebliche Konjunktur. Kirche könnte aus der Kirchenkrise lernen: daß es gilt, die Wahrnehmungskompetenz zu schärfen, daß es Christentum und Religion auch jenseits von Kirche gibt, - und was davon zu lernen wäre und wie sich christlicher Glaube hier einbringen könnte.  
   
  2.1 Institutionsverweigerung  
   
  Der Glaube gilt heute als persönliche Sache. Der Begriff der Autonomie bringt den Prozess der Deinstitutionalisierung mit sich: von der Heteronomie zur Autonomie, von kollektiver Orientierung zu Individualisierung. Darüberhinaus wird die Institutionenmüdigkeit durch gesellschaftliche Veränderungsprozesse unterstützt: gesteigerte Freizeitmöglichkeiten, Kursverlust von Kultur- und Geisteswissenschaften gegenüber der Rolle von Ökonomie, Technik, Naturwissenschaft und Medien, Wertewandel weg von Pflichtwerten hin zu individuellen Werten (Selbstverwirklichung, Erlebnisintensität, Freiheitsgewinn). Entgegen der früheren Außenleitung fordert der postmoderne Mensch Teilhabe und Mitbestimmung sowie selbstgemachte Erfahrung, Echtheit und Authentizität. Es kommt zu einer Entkoppelung von Religiosität und Kirchlichkeit. Das ist nicht nur Gefahr, sondern auch Chance: zu reichhaltiger Umformung und Diversifikation der praktischen Entfaltungsmöglichkeiten des Christentums. Postmodern kann die Pluralisierung und Nicht-Normierbarkeit heutiger Frömmigkeit also nicht nur verstanden, sondern auch als Zugewinn begrüßt werden. Wir haben von "Entchristlichung" und "Entkirchlichung" zu sprechen und nicht von "Säkularisierung"; denn die individuelle Religion bleibt erhalten, nur die institutionelle löst sich auf. Religiosität, verstanden als Trenzzendenzvollzug, bedarf nicht mehr zwingend der Institution. Und Transzendenz meint dabei nicht nur Weltflucht und Weltferne, sondern Weltabstand inmitten der Weltbezüge ("Saturday Night Feaver"): Religiös sein heißt nicht, Sinn für eine andere Welt zu haben, sondern die Welt anders zu sehen, einen anderen Sinn für die Welt zu bekommen. Insofern vollzieht sich Transzendenz auch im Alltag.  
   
  2.2 Synkretismus und religiöse Patchworkidentität  
   
  Die zunehmende Differenzierung führt zur Auflösung traditioneller Milieus durch Mobilität, Flexibilität und gesteigerte Bildungschancen. Es entstehen neue "kontextuelle Milieus", die nicht mehr durch fraglos übernommene Traditionen und Vorgaben bestimmt sind. Religion wird individuell: ich habe meinen Glauben, du hast deinen Glauben. Religiös ist man auf sich selbst gestellt. Individualisierung der Frömmigkeit geht mit Normverweigerung einher. Tolerenz und Synkretismus werden zu fraglosen Prinzipien. Hermeneutik bedeutet nicht mehr Interpretieren oder Übersetzen, - wie die moderne Hermeneutik meinte - , sondern meint Neu-Lesen, normierungsfreie Re-Lektüre, Hermeneutik geschieht im bloßen Vollzug. Es geht nicht um die bloße Übersetzung einer als objektiv gedachten Traditionsvorgabe, sondern um den Prozeß des Zitierens, in dem "Vorgabe", Empfänger und Verstehen intertextuell zusammenrücken zu einem kontextgeprägten Neu-Verstehen des Alten. Es geht um die Neu-Einzeichnung ins Jetzt aus dem Rückgang zum Ursprung, um Mut zur Experimentierkultur.  
   
  Religion gerät zunehmend in die Marktlogik von Angebot und Auswahl. Aus tendenziell unhinterfragbaren Kollektivbiographien werden Wahlbiographien, die Biographie verschiebt sich vom Schicksal zur Wahl und insofern werden Häresie (Hairesis = Wahl) und Abweichung zur Norm. Es kommt zu einem radikalen Relevanzverlust monistisch gedachter Dogmatik und zu einer Anfrage an traditionelle Identitätsmodelle (Erikson: Ich-Identität als Ganzheit, Vollständigkeit, Kontinuität und Dauerhaftigkeit) zugunsten einer multiplen Identität oder Identität als Fragment (Henning Luther) und Bricolage (C. Levi-Strauss) durch Neu-Kontextualisierung und Neu-Kombination. Das Leben selbst ist immer nur Fragment. Der Prozeß der Identitätsfindung kann nie zu einem Ende gelangen; Identität ist immer Vision, das Bruchstückhafte gehört immer konstitutiv zur religiösen Identität dazu: Wir müssen uns nicht gefunden haben, um zu leben, sondern wir leben, um uns zu finden. Das Unvollendete gilt es auszuhalten. Das Fragment trägt den Keim von Sehnsucht stets in sich und weiß um das Angewiesen-Sein auf andere. Das Ideal der Ich-Stärke und der abgeschlossenen Identität hingegen führt zur Gleichgültigkeit und Selbstabschließung gegenüber den Anderen. Dabei kann die religiöse Auswahlmentalität freilich auch mit Destabilisierung, Verunsicherung und Überforderung einhergehen.  
   
  Synkretistische Elemente sind schon immer zu Trägern auch genuin christlicher Frömmigkeit geworden; das Christentum ist faktischer Synkretismus. Der Begriff Synkretismus ist aus seiner negativen Konnotation zu befreien (H. P. Siller). Synkretismus bedeutet positiv eine anthropologische Leistung der Identitätserhaltung durch Kommunikation mit dem Fremden. Synkretismus darf nicht nur negativ als reine Fehlform des Aber- und Unglaubens gesehen werden, sondern als ein Aneignungsprozeß. Missionarisch wirksam war das Evangelium immer besonders da, wo es synkretisiert, d.h. mit anderen Elementen vermischt und angereichert wurde. Synkretismus ist ein Vorgang religiösen Schaffens. (Das bedeutet politisch z.B.: Asylbewerber und "Gastarbeiter" sind Chance und nicht nur Gefahr für unsere Gesellschaft).  
   
  2.3 Erlebnisreligion  
   
  Religiöse Intensität soll ohne Normierungszwang erlebt werden können. Frömmigkeit wird als situative, momenthafte Emotion erfahren. Es geht um vielfältig sinnlich erfahrbare Inszenierungen (vgl.Osternacht-Gottesdienste), die etwa das Leiden am Leben, die Sehnsucht nach Erlösung und den Schmerz um die Abwesenheit Gottes beinhalten. Die Erlebnisausrichtung von Religion kann nur durch bewußte Beteiligung der Feiernden am Geschehen erreicht werden; auch hier dominiert der Wunsch nach Selbstbestimmung im religiösen Leben. Es geht um eine erfahrungsbezogene, biografienahe und lebensweltlich-relevante Individualisierung der Religion. Wichtiger als ein fixierbares Ganzes ist der Modus des Unterwegsseins und der Suche im Wunsch nach authentischem, echten Erleben.  
   
  Die Erlebnisausrichtung gegenwärtiger Frömmigkeit ist weitgehend ästhetisch konnotiert: eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit für Aura und Atmosphäre. Das religiöse Design kann folglich kein Adiaphoron oder eine zu vernachlässigende Größe mehr sein. Der Erlebniswert ist immer atmosphärischer und ästhetischer Art; religiöse Anschaulichkeit und Sinnlichkeit sind gefordert (Taizé). Religion unterliegt einem eindeutigen Trend zur Ästhetisierung. Ästhetisierung der Religion meint nicht die Verabschiedung ihrer Inhalte, sondern einen veränderten Umgang mit diesen. Die neue Hochschätzung von Festlichkeit und Feier, Spiel und Lebendigkeit hat in den christlichen Kirchen bereits viel bewegt. (Der Erfolg der Ludwigsburger Nachteulen-Gottesdienste meines Kollegen Prof. Dr. S. Zimmer bestätigt das einmal mehr.)  
   
  Multiple, fragmenthafte Identität entsteht in individuellen Biografien und bildet sich vorrangig im Alltag heraus. Auch der Alltag fungiert als ein Prinzip der Abwendung von universalistischen Normvorgaben und der Hinwendung zur pluralen Faktizität des Daseins. Darum wird der Alltag zum Ort der individuellen religiösen Selbstgestaltung und der frommen Lebenskunst. Die Kirchen aber werden sowohl als biographie- wie alltagsfern empfunden. Der Alltag der Postmoderne ist nicht mehr durch Kontinuitäten, sondern durch Übergänge und Grenzerfahrungen gekennzeichnet: "Leben heißt, Passagier sein." (Henning Luther). Eine Theologie des Subjekts vergewissert und beruhigt nicht über das Subjekt-Sein, sondern ist Bemühtsein um Subjekt-Werdung.  
   
  2.4 Frömmigkeit zwischen Autoritätsverweigerung und kompetenter Pluralität  
   
  Synkretismus, Individualisierung und Patchworkglaube werden von vielen traditionell Gläubigen als skandalös betrachtet; sie fordern ein Zurück zu den festen Fundmenten christlicher Wahrheit. Der Fundamentalismus tritt ein für absolute Geltungen und wehrt sich gegenüber jeder Pluralisierung; der Fundamentalismus ist Reaktion auf moderne und postmoderne Differenzierung und Pluralisierung. - Postmodern hingegen wird Religion selbstverantwortet und reflexiv. Die Pluralisierung der Frömmigkeit, ihre weitgehende Vorgabenverweigerung und Nicht-Normierbarkeit, ihr selektiver Umgang mit Tradition, ihre Reflexivierung und Ästhetisierung entsprechen der Postmoderne. Religiöse Pluralität bedeutet religiöse Fülle. Hier gilt es, - auch für die Kirchen -, Kompetenz zu entwickeln: Versiertheit im Umgang mit Angeboten, Wissen um die persönliche Paßform und die Kunst des Weglassens.  
   
  3. Kirche in der Postmoderne  
   
  Die Verabschiedung religiöser Verbindlichkeiten muß die Kirche zwangsläufig treffen. Andererseits nimmt die Kirche die Postmoderne bislang kaum in den Blick. Außerdem hat sich die Kirche auf Momente der neuzeitlichen Moderne eingelassen, die heute postmoderner Kritik unterliegen: a) die eschatologische Orientierung weist eine auffällige Nähe zum teleologischen Grundzug der neuzeitlichen Fortschrittsideologie auf, b) die Wort-Zentriertheit hat eine spürbare Affinität zum neuzeitlichen Vernunftgedanken.  
   
  3.1 Funktionskirche  
   
  Postmodernisierung muß dem reformatorischen Verständnis von Kirche keineswegs widerstreiten, sondern läßt sich gerade aus ihm ableiten: Variabilität ist konstitutives Element reformatorischer Kirche. Schon die Kanonsbildung zeigt, daß prinzipielle Pluralität im Kern des Christentums selbst angelegt ist. (E. Käsemann: Der NT-Kanon begründet nicht die Einheit der Kirche, sondern die Vielzahl der Konfessionen.) Das Christentum ist ein faktischer Synkretismus. Kirche hat dabei funktionale Aufgaben: sie steht ein für Sinnvermittlung, Wertschöpfung, Umgang mit Kontingenz, Integration, Vermitlung von Glauben und gesellschaftliche Mitverantwortung. Wo Kirche als für das eigene Leben und die jeweilige Situation passend und hilfreich erlebt wird, wird sie durchaus anerkannt und stößt auf Interesse.  
   
  Heute dominiert nicht mehr die substantielle, inhaltliche Sichtweise von Religion, sondern die funktionale. Religiosität als menschliche Grundfunktion verstanden findet sich dann auch außerhalb klassischer Religion in ganz profanen Bereichen (Fußballstadion, Rockkonzert, Disco etc.). Religion hat etwa die Funktionen: Identitätsstiftung, Handlungsführung, Kontingenzbewältigung, Sozialintegration, Welt-Distanzierung. Diese Funktionen werden nicht mehr nur durch die religiösen Gemeinschaften erfüllt, sondern auch durch profane.  
   
  3.2 Markt-Kirche  
   
  Kirche muß also zum Anbieter und Veranstalter werden. Ein Angebot ist eine normierungsfreie, zwanglose Offerte, die die Freiheit des Menschen achtet und keine Zu- oder gar Unterordnung erreichen will. Dabei hat sich Kirche im Horizont und Kontext der Zeit auszusagen, das ist eine Bedingung ihrer Verstehbarkeit. Neben die Parochialgemeinde haben die Funktionsgemeinden zu treten: Kirchen bei Gelegenheit, kasuelle und punktuelle Gemeinden, auch Kirche für nicht ohne weiteres kirchliche Zwecke. Kirchliche Kasualpraxis bedeutet ein spezifisch zugeschnittenes, freibleibendes Angebot für bestimmte Personen zu bestimmten Zeiten, also eine bewußte Zielgruppenorientierung.  
   
  Der Nutzungsquotient kirchlicher Räume müßte zugleich erhöht werden; es geht um Umnutzung und Neunutzung und multifunktionale Nutzung kirchlicher Räume: Konzerte, Ausstellungen, Vorträge, Lesungen, Theater, Ballett lassen Kirche zum Stadt-Ereignis werden, nehmen Synkretismen bewußt in Kauf und lassen gemeindefreie Kirche zu.  
   
  3.3 Erfahrbare Kirche  
   
  Erfahrbare Kirche meint ästhetisch-sinnenfreudige Kirche, - entgegen der protestantischen Kargheit und Nüchternheit! Erfahrung ist nur möglich durch Beteiligung, - und insofern Demokratisierung - , sowie sinnlich erfahrbare Elemente. Besonders die Kasualien wären in ihrer individuellen Zurichtung und ihrer Erlebnisqualität neu zu würdigen.  
   
  3.4 Kirche zwischen Einheitssinn und Pluralität  
   
  Kirche hätte sich primär um Punktualität und Vernetzung zu bemühen. Punktuelle Angebote, - durchaus auch in parochialer Ortsgebundenheit - , entsprechen dem Ende von Absolutheitsansprüchen und der Bejahung von Pluralität und Differenz in der postmodernen Optionsgesellschaft. Dabei muß eine Vernetzung einerseits kirchenintern, andererseits mit realen gesellschaftlichen Lebensfeldern vollzogen werden. Kirchenintern meint Ökumene dann das Bemühen um Einheit in aller bewußten Verschiedenartigkeit bei gegenseitigem Lernen. Die Tendenz kirchlicher Identitätsbegründung entfernt sich vom eigenen Herkunftsinteresse hin zu einer Orientierung an gelebter Frömmigkeit.  
   
  4. Zukunft des Glaubens, des Christentums und der Kirche  
  4.1 Thesen als Fazit  
   
  Der christliche Glaube und die christlichen Kirchen werden besonders dann eine Zukunft haben, wenn sie folgende Punkte beherzigen:  
 
  • Neue Offenheit für und Wahrnehmung von (säkularer) Religion/Religiosität
  • Bereitschaft, Alltag, Biografie und Individuum ernstzunehmen
  • Absolutheitsverzicht und Verabschiedung von Einheitsvorgaben, das umfaßt auch ein Verzicht auf ein zukünftiges Heilsversprechen
  • vorbehaltlose Wahrnehmung theologischer Pluralisierung im Sinne von: Vielheit aushalten - Fundamentalismen widerstehen, Toleranz üben, Synkretismus begrüßen
  • "Sprechender" oder wahrnehmender Glaube? - Dialog statt Monolog. Christliche Bildung muß von monologischer, selbstbezüglicher Traditionsbildung und Autorität umschalten auf dialogische Lebens- und Glaubensorientierung; es geht um eine Vermittlungsleistung zwischen Traditionsvorgabe und vorfindlicher Realität im Kontext des Hier und Jetzt
  • Erfahrung und Dialog werden nur ermöglicht durch Teilhabe und Mitbestimmung
  • Zielgruppenorientierung
  • Stärkung der Wahrnehmungssensibilität (Ästhetisierung)
  • Betonung von Aura und Atmosphäre, Festlichkeit, Feier, Spiel und Lebendigkeit
  • Reinszenierung des Heiligen und der Spiritualität: Erlebnis, Erfahrung, Emotion stärken
  • Echtheit und Authentizität verkörpern
  • Unorthodoxe Hermeneutik: experimentelles und gewagtes, undogmatisches Wieder-Lesen von Tradition in die Jetztzeit hinein: Mut zur Experimentierkultur
  • Kritische Abwendung vom doppelten Kerngedanken der neuzeitlichen Moderne: rationale Vernunft und Fortschrittsgedanke
  • Punktuelle und bruchstückhafte Begrenzung, Bereitschaft zum Exemplarischen: gegen den universalen Anspruch
  • Vernetzung pluraler Angebote
  • Aushalten und Fördern des Unvollendeten, des Fragments und der Neu-Kombination: Unterwegssein ist wichtiger als Ankommen
  • Förderung synkretistischer Elemente: lieber lebendige religiöse Fülle als tote dogmatische Armut
 
  4.2 Dem Glauben Zukunft schaffen heißt: Der Spiritualität der Subjekte Raum geben  
   
  Wenn der Glaube Zukunft haben soll, dann muß vor allem der Graben zwischen Glaube und Kirche einerseits und der nachwachsenden Generation andererseits überwunden werden. Glaube und Kirche haben sich von der jugendlichen und alltäglichen Lebenswelt entfremdet und können kaum mehr miteinander kommunizieren. Zwei Welten leben fast vollständig aneinander vorbei. Meistens sollen von Seite des christlichen Glaubens und der Kirche die individuellen spirituellen Ansätze dem traditionellen Bestand zu- und untergeordnet werden. Hingegen gilt es, die einzelnen Menschen, die Individuen, die Subjekte in ihrer je eigenen Spiritualität ernstzunehmen.  
   
  Während Glaube und Kirche in einer Krise stecken, boomt die Spiritualität (Ruah = Windhauch, Atem: ist in Bewegung und bringt in Bewegung, dynamische Kraft göttlichen Ursprungs, die Leben spendet und befreit / Pneuma / Spiritus) (Frömmigkeit). Wir dürfen nicht von "Säkularisierung" reden, sondern müssen von "Entchristlichung" und "Entkirchlichung" sprechen bei gleichzeitigem Weiterbestehen individueller Religiosität. Im Laufe der Geschichte wurde die Spiritualität körperfeindlich und elitär verengt. Spiritualität heute hat sechs Kennzeichen: Geistgewirktheit, Totalität, Konkretion, Kommunikabilität, Bezogenheit auf die jeweilige geschichtliche Situation und Veränderungsfähigkeit. Deshalb kann Spiritualität wie folgt definiert werden: Spiritualität ist die geistgewirkte Weise ganzheitlicher gläubiger Existenz, in der sich das Leben des Geistes Christi in geschichtlicher Konkretion auswirkt. Spiritualität meint die je historische Realisierung des Glaubens.  
   
  Religion wird heute weniger substantiell und inhaltlich verstanden als vielmehr in ihrer Funktion. Funktionale Religion findet sich auch in profanen Bereichen des Lebens.  
   
  Wie können wir nun angesichts dieser Situation dem Glauben Zukunft schaffen?  
   
 
1) Dem Glauben Zukunft schaffen heißt zunächst: Religiosität wahrnehmen lernen. Wenn Religiosität ein Transzendenzvollzug ist, der die Weltbezüge nicht flieht, sie aber anders sehen lernt, dann haben wir diese (auch profanen) Momente des Transzendierens zunächst einmal wahrzunehmen, - und zwar nicht nur zu Sonder-Zeiten und in Sonder-Welten, sondern auch in den alltäglichen Vollzügen. Praktische Theologie hat sich an den Ort der Subjekte zu begeben, die Subjekte in ihren bestimmenden Lebenswelten wahrzunehmen.
2) Dem Glauben Zukunft schaffen bedeutet: den religiösen Subjekten Raum geben und sich an den Subjekten orientieren. Religiöse Erziehung kann nicht mehr nur Vermittlung tradierter Glaubensinhalte bedeuten. Religionspädagogische Praxis muß sich aufmachen zu den einzelnen Subjekten, muß in ihre Lebenswelten und in ihre Biografien eintauchen. Wir müssen nicht nur hellhörig, sondern auch hellsichtig werden für die Botschaften, die auf der Oberfläche von Kommunikation nicht aufscheinen. Dabei geschieht Kommunikation nicht nur auf der sachlichen Ebene; Verstehen wird immer auch von der Beziehungsebene mitbestimmt. Wenn Menschen sich in ihrem Subjektsein nicht ernstgenommen fühlen, dann verhindert diese Störung auf der Beziehungsebene auch eine Verständigung auf der Sachebene. - Subjektorientierung meint gleichwertige Interaktion, keine asymmetrische: Überwindung asymmetrischer Erziehungsverhältnisse. Religiöse Erziehung kann nicht mehr einseitig verlaufen. Glaubensvermittlung geschieht zwischen gleichwertigen Subjekten, Erziehung wird tendenziell zur Beziehung, die die Freiheit des anderen nicht nur voraussetzt, sondern diese auch will. Die Subjekte werden in ihrem jeweiligen So-Sein, auch in ihrer Fremdheit anerkannt und im Sinne von "Empowerment" in ihrer freiheitlichen Entwicklung gefördert. Die Wertung der religiösen Praxis Jugendlicher als defizitär, weil unbefangen kirchenfern und religiös wild, versperrt den Zugang (Defizit-Sicht). Stattdessen hat Religionspädagogik sich auf die Spurensuche zu begeben, um zu sehen, was bei den einzelnen schon an gelebter Religiosität vorzufinden ist; sie hat sich auf die Sprache und Praxis der Subjekte einzulassen. Glaubensvermittlung hat dann eine Zukunft, wenn sie den Individualisierungstendenzen der Gegenwart mit einer intersubjektiven Praxis begegnet. Insofern hat sich die Zukunft des Glaubens von einseitiger Dogmatik-Orientierung zu lösen.
3) Dem Glauben Zukunft schaffen heißt: Offenwerden für individuelle, auswählende religiöse Lebensgestaltung. Die einzelnen Subjekte sind nicht nur Empfänger theologischer Lehre, sondern selbständige und kreative Produzenten religiösen Denkens; d.h. subjektive, selbständige Auslegung ist zuzulassen. Es geht um Begleitung statt Bevormundung. Die bewußte oder unbewußte, verbale oder non-verbale religiöse Praxis der Subjekte ist zum Ausgangspunkt religiös-erzieherischen Handelns zu machen. Ihre bereits gelebte individuelle Religiosität ist aufzusuchen und zu stärken. Religiöse Erziehung meint ein gleichberechtigtes Beziehungsgeschehen gegenseitigen Lernens, in dem in freiheitlicher Anerkennung die individuellen Zugänge zur Transzendenz gefördert werden. Dabei kann die Religionspädagogik ihr Klientel nicht mehr nur in den ausdrücklich kirchlich-sozialisierten Subjekten erkennen.
4) Dem Glauben Zukunft schaffen bedeutet: an die Stelle einer Hermeneutik der Vermittlung tritt eine Hermeneutik der Aneignung. Eine rein verbale Theologie ist unzureichend. Die Körpersprache, die Kunst, die Musik und andere Kommunikationsformen sind genauso theologisch relevant wie die versprachlichte Form der Erfahrungsvermittlung. Glaube hat sich unter den Bedingungen der Jetztzeit verständlich zu machen, er muß "sprachfähig" werden. Die Subjekte sind in den Aneignungsprozeß einzubeziehen.
5) Wenn wir dem Glauben Zukunft schaffen wollen, dann müssen wir gelassen bleiben und dürfen uns nicht in Fundamentalismen verkrampfen. Wichtig ist eine gelassene, absichtslose und respektvolle Begleitung der subjektiven religiösen Potentiale. Es gilt stets, mit den Subjekten zusammenzuarbeiten.
 
     
     
 
 
     
  * Dr. Gerd Buschmann ist Akademischer Rat für Evang. Theologie/ Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
     
 
 
     
  [1] Leicht überarbeitetes Referat auf der Tagung: Kirche von Morgen: Lebenswelten – Gesellschaft im Wandel, - Kirche auch?  Gemeinsame Tagung für Studierende der evangelischen Hochschulen für Diakonie, Kirchenmusik, Religionspädagogik, Sozialwesen, Soziale Arbeit und Theologie in Württemberg, 24.-27. Februar 2000, Tagungsstätte „Haus Schmie“ / Maulbronn. – Ich verzichte auf differenzierte Anmerkungen, meinen Überlegungen liegen aber insbesondere zwei Arbeiten zu Grunde: Joachim Kunstmann, Christentum in der Optionsgesellschaft. Postmoderne Perspektiven. Weinheim 1997 (vgl. dazu meine Rezension in: Theologische Revue 96/2000, Heft 1) / Hubert Treml, Spiritualität und Rockmusik. Spurensuche nach einer Spiritualität der Subjekte. Anregungen für die Religionspädagogik aus dem Bereich der Rockmusik, Ostfildern 1997 (vgl. dazu meine Rezension in: Theologische Literaturzeitung 124/1999, Heft 2, 224-228).  
     
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