Leitperspektiven der christlichen Erziehung und Bildung  
  Grunddimensionen der biblischen Botschaft im  
  religionspädagogischen Kontext  
Siegfried Zimmer*(08.08.2002)
 
a  
  Vorüberlegungen  
a Im Folgenden frage ich nach dem, worauf es in der christlichen Erziehung und Bildung letztlich ankommt. Ich frage nach der Erziehung und Bildung "des Herzens". An welchen leitenden Zielperspektiven soll sich die christliche Erziehung und Bildung diesbezüglich orientieren? Meines Erachtens geht es im Kern um drei Ziel- bzw. Leitperspektiven. Ich entwickle diese Leitperspektiven aus drei Grunddimensionen der biblischen Botschaft, die ich aus religionspädagogischer Sicht für entscheidend halte. In den folgenden Überlegungen gehe ich nicht ausdrücklich auf Erfahrungen der Krise, des Scheiterns und des Leids ein. Sie sind aber durchaus mit im Blick. In solchen Erfahrungen, die zu den Kennzeichen der menschlichen Existenz gehören, liegt zweifellos ein erhebliches und nicht berechenbares Gefährdungspotential für den Menschen. Ich bin allerdings der Auffassung, dass Erfahrungen des Leids - wenn überhaupt - am ehesten von den im Folgenden skizzierten drei Zielperspektiven her (vgl. die Punkte 3-5 dieses Vortrags) bewältigbar werden[1]  
   
  1. Gott als Schöpfer und Retter  
  Bevor ich mich den drei Grunddimensionen der biblischen Botschaft zuwende, die ich aus religionspädagogischer Sicht für entscheidend halte, ist eine Frage zu klären, die für die Theologie und Religionspädagogik von grundlegender Bedeutung ist: Wie verhält sich Gottes Handeln als Schöpfer zu seinem Handeln als Retter? Ohne Klärung dieser Frage bleiben auch viele anderen religionspädagogisch relevanten Sachverhalte im Unklaren.  
a Nach der Bibel handelt Gott an der Welt auf zweierlei Weise: als Schöpfer und Retter. Diese beiden Wirkungsweisen Gottes lassen sich nicht trennen. Sie hängen schon deshalb eng zusammen, weil das Subjekt beider Handlungsweisen der eine Gott ist und weil beide Handlungsweisen der einen Weltwirklichkeit gelten. Es ist aber theologisch sinnvoll, diese beiden Handlungsweisen Gottes zu unterscheiden. Keine der beiden Wirkungsweisen geht in der anderen auf. Beide sind gleich ursprünglich. Auch in der biblischen Überlieferung werden beide Wirkungsweisen Gottes unterschieden und nirgendwo unter einem gemeinsamen Oberbegriff zusammengefasst. Gottes rettendes Handeln ist ereignishaft, überraschend und entspricht nicht den gewohnten Regeln des gesellschaftlichen Lebens. Es geht bei diesem Handeln um die "großen Taten Gottes" bzw. um das, was man traditionell zur "Heilsgeschichte" zählt: die Berufung Abrahams, die Geschichte der Erzväter, die Befreiung der hebräischen Fronarbeiter aus Ägypten, die Errettung am Schilfmeer, der Bundesschluss am Sinai, die Wüstenwanderung und der Einzug ins gelobte Land, die Errettung von den Feinden im Land, der Bund mit dem Haus David, der Bau des Tempels unter Salomon, die Berufung und das Wirken der Propheten, der Untergang des Nord- und Südreichs als Gericht Gottes, die Heimkehr aus dem babylonischen Exil, der Bau des zweiten Tempels - die Geburt Jesu, die Taufe Jesu, die Berufung der Jünger, Jesu Verkündigung des nahegekommenen Gottesreichs, der Tod und die Auferweckung Jesu, die Sendung des Geistes, die Berufung der Gemeinde, die Parusie Christi, die Auferweckung der Toten, das Weltgericht, die Vollendung. Zu diesem rettenden Handeln Gottes gehört eine Sprache der Kontraste: Unglaube - Glaube, Sünder - Gerechter, Gefangenschaft - Befreiung, Schuld - Vergebung, alt - neu, einst - jetzt, Finsternis - Licht, Fleisch - Geist, Tod - Leben.  
  Neben diesem rettenden Wirken Gottes gibt es nach der Bibel jedoch noch ein anderes Wirken Gottes an der Welt. Dieses Wirken ist nicht ereignishaft. Es lässt sich nicht datieren, sondern es geschieht fortwährend und oft unscheinbar. Es wird deshalb auch anders erfahren. Diesem Wirken Gottes ist nicht die Sprache der Kontraste angemessen, sondern eine Sprache anderer Art. Zu ihr gehören Verben wie: wachsen, gedeihen, sprossen, sich entfalten, Frucht bringen, sich ausbreiten, zunehmen, weit werden, viel werden, sich vermehren, groß werden, stark werden, fest werden, reif werden, erziehen, lernen, weise werden. Es handelt sich bei diesem Sprachfeld um die Sprache des Segens. "Segnen" ist neben "retten" das zweite Grundwort der Bibel für Gottes Wirken an der Welt.[2] "Segen" ist der zusammenfassende Ausdruck für Gottes stetiges Handeln an der Welt: Die Ernte wird reif, die Muttertiere einer Herde gebären und säugen Junge, ein Kind wächst heran und wird klug. Während Gottes rettende Taten einmalig und unwiederholbar sind - weder der Durchzug durch das Schilfmeer noch die Auferweckung Jesu ereignen sich immer wieder - gehört zu Gottes Wirken in der Schöpfung das Sichwiederholen, das Immer-wieder-Auftreten, gehören die festen Rhythmen und Zyklen (die Tageszeiten, die Jahreszeiten, die Lebensphasen von Kindheit bis zum Greisenalter, der weibliche Zyklus, die Prozesse des Werdens und Vergehens u.a.).  
Im Zentrum des biblischen Interesses steht Gottes rettendes Handeln. Das hat die kirchliche Tradition durchaus richtig gesehen. Die meisten biblischen Grundbegriffe, vor allem diejenigen des Neuen Testaments, beziehen sich auf Gottes rettendes Handeln: Sünde, Vergebung, Versöhnung, Umkehr, Glaube, Reich Gottes, Evangelium, Nachfolge, Kreuz, Auferstehung, Rechtfertigung, Verkündigung, Heiligung, Hoffnung, Gericht u.a. Und doch wird durch den zentralen Rang des rettenden Handeln Gottes das Schöpferwirken Gottes keineswegs "zweitrangig". Die sachlich angemessene Zuordnung von Gottes Retterwirken und Gottes Schöpferwirken lautet: Gottes Retterwirken ist zentral, Gottes Schöpferwirken ist grundlegend. Die biblische Botschaft vom rettenden Handeln Gottes setzt die unverkürzte Würdigung seines Schöpferhandelns voraus und baut darauf auf. Das rettende Handeln Gottes an der Welt steht in der Bibel nicht in der Weise im Mittelpunkt, dass es auf Kosten seines Schöpferwirkens ginge und Letzteres in seiner Bedeutung geschmälert würde. Genau das aber war und ist in der kirchlichen Tradition oft der Fall. Gottes Schöpferwirken bezieht sich nicht nur auf die Menschen. Es gilt auch den Tieren, den Pflanzen, der Erde, dem Kosmos. Es geschieht insofern unabhängig vom Glauben des Menschen. Weil Gottes Schöpferwirken unentwegt und stetig geschieht, halten es viele für "geistlich" weniger wichtig. Das apostolische Glaubensbekenntnis nennt zwar Gottes Schöpferwirken an erster Stelle, aber nur auffallend knapp. Gottes Segen wird weder in diesem noch in einem der anderen bedeutenden christlichen Glaubensbekenntnisse mit einem einzigen Wort erwähnt. Nur ein winziger Teil des Textes des apostolischen Glaubensbekenntnisses ist dem Thema Schöpfung gewidmet. Der Segen Gottes war in der Geschichte der christlichen Theologie (fast) durchgehend ein Randthema. Als ob das Handeln des Schöpfers weniger "christlich" wäre, als das Handeln des Erlösers. Der Erlöser handelt jedoch nicht gegen den Schöpfer und er ignoriert nicht dessen Tun.  
  Der zentrale Rang, den der Artikel von der Rechtfertigung in den Kirchen der Reformation gewonnen hat, führte ebenfalls - oft mehr indirekt, unbeabsichtigt und unbewusst - dazu, die Bedeutung einer Spiritualität der Schöpfung zu unterschätzen. Eine von vielen verräterischen Wendungen in Standardwerken der Lutherforschung lautet: "Luther denkt hier nicht psychologisch, sondern soteriologisch". Diese und ähnliche Formulierungen sind nicht nur Zeichen eines unguten Gegeneinander-Ausspielens wichtiger Sachverhalte, sondern werden auch Luther meist nicht gerecht. Neuere Arbeiten haben deutlich gemacht, dass Luther die psychischen Realitäten wesentlich ernster nahm als viele Lutherforscher und Lutheraner des 20. Jahrhunderts. Als lutherischer Theologe sehe auch ich im Artikel von der Rechtfertigung die zusammenfassende Mitte der christlichen Botschaft. Ich halte es aber für wichtig darauf zu achten, dass dieser Artikel auf gesunde Weise im Mittelpunkt der Theologie und des Glaubens steht. Dass ist nur dann der Fall, wenn seine Mittelpunktstellung nicht auf Kosten der Würdigung von Gottes Schöpferhandeln geht. Das Evangelium von Jesus Christus darf nicht in Konkurrenz treten zu Gottes Wirken in der Schöpfung, darf nicht zur Kompensation werden für Defizite im kreatürlichen bzw. kreativen Bereich. Die Konzentration auf Gottes Rettungs- und Rechtfertigungshandeln darf nicht dazu dienen, lang andauernde Versäumnisse im kreatürlichen und psychischen Bereich zuzudecken. Sonst wird auch die korrekteste Rechtfertigungslehre zu einer Gestalt der Verdrängung und zum Alibi.  
  Als Religionspädagoge möchte ich das Verhältnis von Rettungsspiritualität und Schöpfungsspiritualität folgendermaßen zusammenfassen: die zentrale Aufgabe der christlichen Erziehung und Erwachsenenbildung ist es, das Evangelium vom rettenden Handeln Gottes in Jesus Christus den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu erschließen und nahezubringen (soweit es in unserer menschlichen Verantwortung liegt). Die grundlegende Aufgabe der christlichen Erziehung und Erwachsenenbildung ist es, die kreatürlichen Entfaltungschancen, die Begabungen und die kreativen Entwicklungsspielräume der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen so gut wie möglich auszuloten und auszuschöpfen. Dazu bedarf es vor allem der Ermutigung, der Phantasie, der Neugierde und der Entdeckerlust. Auf diese Weise kann im Menschen die Freude am Schöpfer, eine Bewunderung des Schöpfers und ein dankbares Lebensgrundgefühl geweckt und gefördert werden. Das ist der beste Rahmen, um das Evangelium von Jesus Christus zu hören. So wird das Evangelium von Jesus Christus am ehesten davor bewahrt, als Kompensation dienen zu müssen. Zwar wird das Evangelium auch immer wieder - wo und wann Gott es will - dem Menschen auf dem Weg der Kompensation helfen, aber dieser Tatbestand eignet sich nicht dazu, Grundlage einer religionspädagogischen oder homiletischen Strategie zu werden. Vor allem: dieser Tatbestand eignet sich denkbar schlecht als Entschuldigung für einseitige theologische Weichenstellungen.  
   
  2. Wie haben die ersten Christen sich selbst bezeichnet?  
  Die Frage, mit der dieses zweite Kapitel überschrieben ist, kommt vermutlich überraschend. Ich stelle diese Frage deshalb, weil ich auf diese Weise die Bedeutung der ersten Grunddimension der biblischen Botschaft hervorheben will (vgl. dazu das folgende Kapitel). An ihr liegt mir besonders viel, da sie m.E. in der bisherigen Religionspädagogik eher unterschätzt worden ist.  
  Die ersten Jesus-Anhänger/innen haben sich nicht "Christen" genannt. Paulus kennt die Begriffe "Christ" und "christlich" noch nicht. Zumindest kommen sie in seinen Briefen nicht vor. D.h. sie waren in den ersten Jahrzehnten nach dem Tod und der Auferstehung Jesu noch nicht gebräuchlich. Der Ausdruck "Christen" (christianoi) taucht erstmals in der Apostelgeschichte auf (geschrieben in den 80er oder 90er Jahren des ersten Jahrhunderts; vgl. Apg 11,26; 26,28). Es handelt sich dabei um eine Fremdbezeichnung, nicht um eine Selbstbezeichnung. Nach der Apostelgeschichte haben Bewohner der Stadt Antiochia diese Bezeichnung erstmals auf Jesusanhänger angewandt. Aus dieser Fremdbezeichnung wurde erst im Laufe der Zeit - die genaueren Einzelheiten wissen wir nicht - eine Selbstbezeichnung.[3]  
  Die erste und wohl allgemein übliche Selbstbezeichnung der ersten Jesusanhänger lautete: "Heilige" (vgl. 1 Kor 1,2; 2 Kor 1,1; 13,12; Röm 1,7; 16,15f; Phil 1,1; 4,22; Eph 1,1; Kol 1,1). Paulus wendet diesen Begriff nicht nur auf die Mitglieder der von ihm gegründeten Gemeinden an, sondern auch auf die Mitglieder der ihm noch unbekannten Gemeinde in Rom (Röm 1,7; 16,15f) und auf die Mitglieder der Jerusalemer Urgemeinde (1 Kor 16,1; 2 Kor 6,4; Röm 15,25f; 31). Der gleiche Sprachgebrauch findet sich auch in der Apostelgeschichte (Apg 9,13; 32,41; 26,10). Ich halte diese erste Selbstbezeichnung der Jesusanhänger für religionspädagogisch und theologisch sehr aufschlussreich. Wenn etwas Neues entsteht, stellt sich die Frage: Wie sollen wir es nennen? Was ist die angemessene Bezeichnung für das Neue? Auch die ersten "Christen" mussten sich fragen: Welche Bezeichnung passt zu uns? Was kennzeichnet uns am besten? Ihre Antwort, in der wohl ein breiter Konsens zum Ausdruck kommt, lautete: Wir sind "Heilige". Diese Selbstbezeichnung ist uns fremd geworden und verlorengegangen. Lohnt es sich, das Verlorengegangene - falls möglich - wiederzugewinnen? Kann es uns gleichgültig sein, wie sich die ersten "Christen" genannt haben und warum? Führt uns das auf eine Spur? Das Wort "Heilige" begegnet im Neuen Testament an keiner Stelle im Singular. Heilige kommen offensichtlich vorzugsweise "in Rudeln" vor. Die Gemeinschaft und die Kommunikation muss bei ihnen eine große Rolle gespielt haben.  
a Welche Wirklichkeit kommt mit der Selbstbezeichnung "Heilige" ins Spiel? Das hebräische Wort "kadosch" (heilig) ist ein erfahrungsgesättigtes, sinnlich gefülltes Wort. Welche Erfahrung war für die ersten "Christen" so wichtig, dass sie sich nach ihr genannt haben, also sich in ihr auf besondere Weise erkannt haben?[4] Symptomatisch ist, dass der Begriff "heilig" und "Heilige" keine neue Wortschöpfung der ersten Christen war. Sie haben es nicht für notwendig erachtet, das was sie kennzeichnet, mit einem neuen Wort auszudrücken. Das, was sie kennzeichnet, ist ihres Erachtens keine Sonderwirklichkeit, die völlig neu auftritt. Die kadosch-Erfahrung ist eine alte Erfahrung, die bereits im Judentum und in der jüdischen Bibel bekannt ist und eine zentrale Rolle spielt. Diese Erfahrung ist aber auch schon längst vor dem Judentum bekannt gewesen. Sie spielt in allen Völkern und Religionen eine zentrale Rolle, vermutlich seit der Altsteinzeit. Jesaja war wohl der erste, der die kadosch-Erfahrung - die schon in der kanaanäischen Religion von zentraler Bedeutung war - in den israelitischen Glauben integrierte und auf Jahwe zurückführte: "Heilig, heilig, heilig ist Jahwe. Alle Wirklichkeit ist voll von seiner Herrlichkeit" (Jes 6,3). In dieser kadosch-Erfahrung verankerten sich auch die ersten Christen. Sie fanden sich in ihr wieder. Sie konnten diese Erfahrung bestätigen. Das Besondere des Christlichen verbindet die ersten Christen mit einer zentralen Erfahrung des jüdischen Glaubens, ja mit einer zentralen Erfahrung aller Menschen. Die Erfahrung, die die ersten Christen machten, die Selbstbezeichnung die sie wählten, kapselte sie nicht ab, sondern öffnete sie und verband sie mit allen Menschen. Das Spezifische des Christlichen ist zugleich etwas Universales. Das zu erkennen, ist für die Religionspädagogik und Theologie von großer Bedeutung. Wenn wir uns in angemessener Weise auf unser Zentrum konzentrieren, werden wir zugleich offen und gewinnen eine weite Perspektive. Wer sich auf das christliche Zentrum so konzentriert, dass er dabei eng und kleinlich wird und sich von anderen ständig abgrenzen muss, der hat das christliche Zentrum nicht wirklich begriffen.  
  Ich halte es für eine wichtige Aufgabe der Religionspädagogik, die kadosch-Erfahrung angemessen zu würdigen und auf neue Weise in den christlichen Glauben zu integrieren. Damit kann die Religionspädagogik an Gottes Schöpfungshandeln in einer Weise anknüpfen, die offen ist für Gottes Rettungshandeln. Mit dem Ernstnehmen der kadosch-Erfahrung knüpft die Religionspädagogik auch an die religiösen Fragehaltungen und den spirituellen Hunger heutiger (junger) Menschen an. Wir leben in einer Zeit, in der die Beziehungen der Menschen zu den christlichen Kirchen abnehmen, das Interesse an religiösen Fragen aber zunimmt. Deshalb muss die Kirche religiöser werden. Mit der kadosch-Erfahrung knüpft die Religionspädagogik aber auch ganz allgemein an das Lebensinteresse und die Lebenssehnsucht der (jungen) Menschen an. In der kadosch-Erfahrung sehe ich eine der drei Grunddimensionen der biblischen Botschaft. Ich skizziere diese drei Grunddimensionen in den folgenden drei Kapiteln unter den Stichworten "Daseinsinteresse", "Daseinsgewissheit" und "Daseinsgestaltung".[5] Jedes dieser Kapitel beginnt mit dem Hinweis auf grundlegende, allgemein bekannte Lebensphänomene. Mit diesem phänomenologischen bzw. erfahrungsorientierten Ansatz setze ich jeweils bei der Schöpfungswirklichkeit ein. Die Schöpfungswirklichkeit wird dabei aber von Anfang an aus der Perspektive des rettenden Handelns Gottes dargestellt. Auf diese Weise wird Gottes rettendes Handeln gegenüber der allgemeinen menschlichen Erfahrung der Schöpfung nicht isoliert, sondern in ihr verankert.  
   
  3. Daseinsinteresse  
  Es gibt ein Urphänomen des Lebens, das jeder Mensch kennt - in allen Zeiten, Kulturen und Religionen - und das für das Lebensgefühl des Menschen von enormer Bedeutung ist. Ich meine den Unterschied zwischen langweilig und interessant. Wann immer wir können, wenden wir uns vom Langweiligen ab und dem Interessanten zu. Dieser Unterschied wird in allem geschichtlichen Wandel erhalten bleiben. In ihm meldet sich das Geheimnis des Lebens. Was ist das Langweilige am Langweiligen? Was ist das Interessante am Interessanten? Die Langeweile ist ein Gefühl der Traurigkeit und der Leere. Der Mensch spürt: es fehlt ihm etwas. In der Langeweile ist der Mensch traurig darüber, dass er von nichts fasziniert ist. Deshalb ist die Langeweile ein wichtiger Hinweis. Nur dem Menschen kann es in diesem spezifischen Sinn langweilig sein. Die Langeweile, die jeder Mensch negativ empfindet, lehrt uns etwas Entscheidendes über den Menschen: der Mensch will fasziniert sein! Er liegt sozusagen ständig ("von Berufs wegen") auf der Lauer, ob vielleicht etwas kommt, was ihn faszinieren könnte. Er hält danach Ausschau und hofft darauf. "Faszination" ist dabei nur ein anderes Wort für "sehr interessant". Es ist die Steigerungsform und Intensivform von "interessant" und damit das genaue Gegenteil von Langeweile. Ich möchte die Merkmale der Faszinationserfahrung im Einzelnen nennen:  
 
   
1. In der Faszination fühle ich mich von etwas angezogen und insofern bewegt. Ich bin hingerissen (schwäbisch: "hin und futsch") und erregt. Das Herz schlägt anders. Der Atem stockt. Man kann nicht "cool" fasziniert sein, auch nicht "neutral" oder "distanziert".
2. Das, was mich anzieht, entzieht sich mir gleichzeitig. Es bleibt mir fremd und unbegreiflich. Was ich durchschaue, kann mich nicht faszinieren. Ich kann es auch nicht in Besitz nehmen und darüber verfügen (man denke z.B. an: die Liebe, die Genialität eines Virtuosen, die Fremdheit eines Tieres usw.). Mann und Frau ziehen sich dort körperlich am stärksten an, wo sie sich am Fremdesten sind. Interessant sind Beziehungen vor allem dann, wenn mit zunehmender Nähe auch das Fremde bleibt (vielleicht sogar mit zunehmender Nähe noch größer wird! So ist es zumindest bei Gott: je näher ich ihm komme, desto geheimnisvoller wird er).
3. Ich kann die Faszinationserfahrung nicht willentlich erzeugen. Ich bin in dieser Erfahrung passiv, ganz Empfangender und gerade so voll da. Nicht ich ergreife, ich werde ergriffen. Ich bin perplex. Ich kann zwar zur Eigernordwand fahren, mich unten an die Wand stellen und hinaufschauen. Aber dann ist es diese Wand, die mich fasziniert. Wir können noch so große Aktivisten sein, in der Faszination selbst macht ein Anderes, ein Anderer etwas mit mir.
4. Die Faszinationserfahrung ist etwas Besonderes, Außergewöhnliches. Gerade das hilft mir, das Banale und Alltägliche auszuhalten. Wir brauchen das Außergewöhnliche, um im Gewöhnlichen nicht abzustumpfen.
5. Die Faszinationserfahrung kommt von Außen und zieht mich aus mir heraus (Luther: "ponis nos extra nos"). Der Mensch will mehr als mit sich selbst beschäftigt sein. Der neurotische Mensch ist der zu sehr mit sich selbst beschäftigte, zu sehr "verselbstete" Mensch. In der Faszination bin ich selbstvergessen und gerade so ganz bei mir. Die Faszination öffnet mich. Nie ist der Mensch so offen, wie in der Faszination. Er ist in dieser Erfahrung das Gegenteil eines verschlossenen, bornierten Menschen.
6. In der Faszination mache ich eine für mich positive Erfahrung von Größe und Macht. Das löst Bewunderung, Verehrung und Dankbarkeit aus. Erfahrungen dieser Art sind erfüllend und erzeugen ein positives Lebensgrundgefühl: "Dass ich das erleben darf!" Ohne solche positiven Erfahrungen kommt es leicht zur "Rache des ungelebten Lebens" (H. v. Hentig). Dann holt man sich seine Lusterlebnisse in Sadismus und Schikane.
7. Die Faszination wirkt ganzheitlich. Sie erfasst Körper und Geist, Gefühl, Wille und Intellekt.
8. Meine Faszinationserfahrungen sind immer nur ein Ausschnitt. Die Wirklichkeit hat mehr zu bieten, als ich in meinen räumlichen, zeitlichen und psychischen Grenzen aufnehmen kann.
9. Die Faszinationserfahrung hat eine sowohl orientierende als oft auch eine in Beschlag nehmende (besitzergreifende) Kraft. Ich widme ihr entsprechend Aufmerksamkeit, Interesse und Zeit.
10. Als eine Unergründlichkeitserfahrung ist die Faszination eine Transzendenzerfahrung "mitten im Leben" (Bonhoeffer).
 
   
  Das Verblüffende an der Faszinationserfahrung ist, dass sie sich auf alles beziehen kann, was es gibt: auf die Natur, die Tierwelt, auf Musik, Kunst und Kultur, Wissenschaft, Technik, vor allem auch auf Begegnungen mit Menschen (insbesondere die Begegnungen zwischen Mann und Frau). Alles was ist, kann faszinieren. Es gibt keine Epoche in der Geschichte und keine Region auf der Erde, von der man von vornherein sagen könnte: es lohnt nicht, sich mit ihr zu beschäftigen, da gibt es sowieso nichts, was faszinieren könnte. Es gibt keinen Menschen, kein Tier, keine Pflanze, keinen Stein, von dem bzw. von der man so etwas von vornherein sagen könnte. Warum ist das so? Weil alles, was ist, geschaffen ist! In der Faszination spüre ich das Geschaffensein der Wirklichkeit. Deshalb ist nach biblischer Auffassung der Mensch in der Faszination vom Schöpfer dieser Dinge fasziniert. Faszinationserfahrungen sind "Streicheleinheiten" des Schöpfers, in denen er uns zu spüren gibt, wie ergreifend das ist, was er geschaffen hat und welche Ausstrahlung von ihm selbst in der Schöpfung steckt. Der Mensch des Mittelalters, der Antike und der Altsteinzeit ist uns sicher in vielerlei Hinsicht sehr fremd. Aber in einem ist er uns doch tief ähnlich: auch sein Herz wollte fasziniert sein und reagiert wie meines, wenn etwas dergleichen kommt. Die Faszinationserfahrung ist ein anthropologisches Radikal.  
  Religionswissenschaftlich spricht alles dafür, dass die Faszinationserfahrung zumindest einer der wichtigsten Entstehungsgründe der Religionen ist, wenn nicht sogar der wichtigste. Darin zeigt sich nochmals der herausragende anthropologische Rang dieser Erfahrung. Phänomenologisch gesehen - im Blick auf die Erfahrungsqualität - handelt es sich bei der Faszination um nichts anderes als um die Heiligkeitserfahrung, die kadosch-Erfahrung. Was mich fasziniert, wird mir "heilig". Hinter der heiligen Sonne, dem heiligen Mond, den heiligen Bergen, Bächen, Tieren, Orten und Zeiten stecken Faszinationserfahrungen. Die Bibel konzentriert alle Heiligkeitserfahrung auf Gott. Nicht mehr das Heilige, sondern der Heilige steht im Mittelpunkt (Jes 6,3). Von ihm kommt alle Faszination her. Nach biblischer Sicht spürt der Mensch in der kadosch-Erfahrung etwas von dem, der die Wirklichkeit möglich gemacht hat.  
  Allerdings müssen wir bei den Faszinationserfahrungen auch kritisch werten und unterscheiden. Der Mensch kann von allem möglichen fasziniert sein: von Karriere, Geld, Macht, Gewalt und Grausamkeit. Die Sünde kann die Faszination verkehren, pervertieren und in eine falsche Richtung lenken. In biblischer Sicht ist nur diejenige Faszination als "Heiligkeitserfahrung" zu interpretieren, die uns näher zu Gott bringt. Die Kraft, die das bewirkt, wird im Neuen Testament Heiliger Geist genannt. Faszinationserfahrungen, die uns von Gott wegführen sind eine Gestalt der Sünde. Dennoch habe ich bewusst einer positiven Sicht der Faszination den Vorzug gegeben. Theologie und Religionspädagogik dürfen den grundlegenden Rang dieser Erfahrung nicht unterschätzen. Wir stehen in dieser Gefahr, weil die Unterhaltungsbranche und die Werbung ständig mit faszinativen Elementen arbeiten und sie für sich (wirtschaftlich) nutzen. Wir sind auch deshalb gebrannte Kinder, weil der Faschismus diese Erfahrung bewusst für seine Ziele instrumentalisiert hat (Fahnenaufmärsche, Fackelzüge, Marschlieder usw.). Dennoch bleibt es dabei: nur wenn es gelingt, die positive Bedeutung der Faszination theologisch und religionspädagogisch angemessen zu würdigen, werden wir die Herzen der Kinder, der Jugendlichen und Erwachsenen erreichen. Der Missbrauch der Faszinationserfahrung ist kein grundsätzliches Argument gegen den richtigen "Gebrauch". Warnungen und Vorsicht im Blick auf die Gefahr des Missbrauchs haben ihr Recht. Wichtiger ist es aber, gute Ansätze und Beispiele zu praktizieren. "Es ist besser ein Licht anzuzünden, als über die Finsternis zu schimpfen" (chinesisches Sprichwort). Dass die Werbung und die Unterhaltungsbranche gerade mit solchen Elementen arbeitet und damit ihre großen Märkte findet, ist ein Hinweis auf Tieferes.  
  Ich knüpfe mit dem Stichwort "Daseinsinteresse" bewusst an die Erfahrung des Interessanten (Faszinierenden) an. Ohne die Erfahrung des Interessanten entstehen keine Interessen. Mit "Daseinsinteresse" meine ich eine erwartungsvolle, neugierige, staunende, dankbare, bewundernde und verehrende Grundhaltung dem Leben und den Lebewesen gegenüber, die sich auf den richtet, der das Leben schuf. Aus einem dankbaren Lebensgrundgefühl heraus ergeben sich ganz andere ethische Möglichkeiten als bei einem undankbaren, verbitterten und enttäuschten Lebensgrundgefühl. Eine liebevolle Wahrnehmung der Wirklichkeit ist nur aus einer dankbaren Grundhaltung heraus möglich. Die wichtigste erfahrbare Seite an Gott lautet: Gott ist bewunderungswürdig und verehrungswürdig. Diese Erfahrung ist das Eingangstor zu allem anderen.  
  Die Hinweise auf den Stellenwert des Interessanten und Faszinierenden haben auch Bedeutung für die Schulpädagogik. Sie missverstehen dabei die Schule keineswegs als Teil der Unterhaltungsbranche und wollen keine Lehrerin und keinen Lehrer unter erhöhten Erwartungsdruck setzen. Es geht nicht darum, "mehr zu bieten" und in eine Konkurrenz mit den Medien zu treten. Es geht um das bewusste Wertschätzen der beschriebenen Erfahrung durch die Religionslehrerschaft, das sichere Wissen und Gespür um ihren Rang, um eine Bestätigung und ein Bestärken der Schülerinnen und Schüler in ihrem Ausschauhalten nach dem Leben. Das können spontane Randbemerkungen in einem Gespräch sein, ein zustimmendes Kopfnicken, ein geplanter oder ungeplanter Gedankenaustausch. Es gehört zu den Unterrichtsbegebenheiten, die Schüler nicht so schnell vergessen, wenn die Lehrerin und der Lehrer sich einmal stärker als sonst öffnet, Position bezieht und ihr eigenes Lebensgefühl und Lebensinteresse zu erkennen gibt. Darüber hinaus hat das Vorgetragene eine natürliche Nähe zu allen Formen des "entdeckenden Lernens", die dem Erkundungsdrang des Kindes und Jugendlichen entgegenkommen und Staunen auslösen. Insgesamt wird es darauf ankommen, in allen Pflichten und Zwängen der Institution Schule gezielt das Lebensinteresse und die Erwartung an das Leben zu stärken. In keinem der Berufe, die Schüler wählen werden, kommt es nur auf Sachkompetenz an, sondern in einem hohen Maß auch auf das Lebensinteresse, mit dem sie sich ihrer Aufgabe widmen werden.  
   
  4. Daseinsgewissheit  
  Ich muss wieder bei einem Ur-Phänomen des Lebens einsetzen. Am Anfang unseres Lebens stand eine intensive Erfahrung von Sinn. Unser Leben begann nicht in der Fremde, sondern an einem geschützten und vertrauten Ort: in der Wiege, in den Armen der Eltern, an der Brust der Mutter. Das lächelnde Gesicht, das über unserer Wiege auftaucht, die Hand, die uns die Flasche in den Mund schiebt, die Hände, die die Windeln auswechseln, die Stimme die uns in den Schlaf singt: das waren die ersten Erlebnisse, die wir mit dem Leben gemacht haben. Von diesem Start kommen wir her.  
  Das Kleinkind erlebt täglich, wie es den großen Wesen um sich herum ausgeliefert ist. Es spürt: wenn diese Wesen mir schaden wollten, könnte ich keinen Widerstand leisten. Sie könnten mich umbringen. Doch wenn diese Wesen sich über mich beugen, mich anlächeln und anträllern, dann spüre ich: ich darf leben. Die Wesen, die wir erst allmählich als unsere "Eltern" begreifen lernten, ließen uns nicht achtlos in einer Zimmerecke liegen. Sie tolerierten unser Dasein nicht nur, sie umsorgten es. Ihr Interesse signalisierte mir: ich bin für sie wichtig. Ein Kleinkind weiß noch nicht, für wie wichtig es sich selbst halten soll. Aber es erlebt, wie wichtig es für die Eltern ist. Diese Bedeutung hätte es sich nicht selbst geben können. Sondern weil unser Leben bedeutungsvoll war für andere, wurde es bedeutungsvoll für uns selbst. Weil wir angelächelt wurden, lernten wir zurückzulächeln.  
  Damit haben sich zwei wichtige Einsichten ergeben: 1. Der Mensch verdankt sein Urvertrauen und damit sein ganzes späteres Leben einer Beziehung. Nahrung, Sauerstoff und ein Dach über dem Kopf genügen nicht. Ohne die Reaktion der Eltern auf mich hätte ich nicht erkennen können, dass mein Leben von Bedeutung ist. Wie wichtig und willkommen ich bin, kann ich mir nicht selbst sagen. Ich kann es nur in den Augen anderer ablesen. Nur ein anderer kann mir sagen, wie wichtig ich bin. 2. Die erste Sinnerfahrung musste ich nicht erwerben, sondern bekam ich geschenkt. Die Zuneigung der Eltern war nicht das Ergebnis der Anstrengung bzw. der Qualifikation der Säuglinge. Wir waren wichtig, einfach weil wir da waren. Wir mussten diese Zuneigung auch nicht bezahlen. Wir wussten noch nicht was Geld ist. Das Wichtigste was das Leben am Anfang gab, hat es umsonst gegeben oder überhaupt nicht. Die Sinnerfahrung der frühen Kindheit war die erste Lebensordnung, die wir kennen lernten. Deshalb war für uns die Welt in Ordnung. Hier kamen wir auf den Geschmack am Leben. Und dieser Geschmack blieb auf unserer Zunge. Wir können ihn nicht wieder vergessen. Dieser Geschmack hat uns nicht satt gemacht, sondern hungrig.  
  Doch unwiederbringlich wachsen wir aus der Kindheit heraus. Im Existenzkampf der Erwachsenengesellschaft dominieren andere Regeln als in der frühen Kindheit. Dadurch ergeben sich Veränderungen im Lebensgrundgefühl. In der Gesellschaft werden wir in einem anderen Maß nach unseren Fähigkeiten und Leistungen beurteilt als in der Kindheit. Die in der Gesellschaft praktizierte Menschenkenntnis ist eine beurteilende Menschenkenntnis. Die Wertschätzung und Anerkennung, die ich brauche, hängt ab von meinen Fähigkeiten, Qualitäten und Qualifikationen. Ich finde nicht schon Anerkennung einfach weil ich da bin. Wo käme man da hin? Ich muss mir die Anerkennung erst erwerben. Insofern leben wir in einer Erwerbsgesellschaft. Wer weniger Qualifikationen und Qualitäten vorweisen kann, hat nicht mehr den gleichen Marktwert. Wir leben in einer Tauschgesellschaft. Hast du etwas zu bieten, bekommst du entsprechend Anerkennung.  
  Die Beziehungen der Menschen in den Industriestaaten werden zunehmend vom Nutzen bestimmt, den sie füreinander haben. In immer stärker verwalteten, technokratischen und zweckrationalisierten Gesellschaften wird dieser Trend weiter zunehmen. Der Mensch wird ein Mittel zum Zweck. Er wird zum Ding, zum "Menschenmaterial". Wichtig ist weniger meine einmalige Person als meine Funktion. Dadurch werde ich prinzipiell austauschbar. Die Firma sucht einen Bilanzbuchhalter. Ob das Peter Schulze oder Hugo Maier ist, tut wenig zur Sache. Hauptsache, er versteht sein Geschäft. Wir haben in der Erwerbsgesellschaft nur die "Unersetzbarkeit" eines Werkzeugs. Sobald es mehrere gleich gute Werkzeuge gibt, bin ich ersetzbar.  
  Die Erfahrung echter Freundschaft und Liebe sind deshalb so wichtig, weil sie uns an die Grunderfahrung der Kindheit erinnert, an sie anknüpft und von ähnlicher Qualität ist. Bei allen verschiedenen Motiven, die in solchen Beziehungen mit eine Rolle spielen, gibt es doch wieder die Erfahrung: ich bin wichtig, einfach weil ich da bin. Jetzt zählt wieder in erster Linie meine einmalige und unaustauschbare Person und nicht meine prinzipiell ersetzbare Funktion. In biblischer Sicht sind die Erfahrungen der Kindheit, der Freundschaft und Liebe Vorgeschmack und Hinweis auf die Erfahrung Gottes. Bei ihm gilt das Gesetz der Beurteilung nicht mehr. Seine Menschenkenntnis ist keine taxierende. Wir brauchen uns vor ihm nicht qualifizieren, nicht "himmelreif" schuften. Ihm sind wir wichtig, einfach weil wir da sind. Er liebt sogar seine Feinde. Wir leben alle aus der Feindesliebe Gottes. Das schafft Geborgenheit.  
  Natürlich ist die Schule eine Institution, die eine andere Kommunikationsstruktur hat als Familie, Freizeit und Privatbereich. In der Schule können sich Lehrende und Lernende als Personen nur partiell einbringen. Das zu respektieren ist unabdingbar. Es gehört zu den Aufgaben des Lebens, sich in verschiedenen Kontexten zu bewegen, in denen man sich im Regelfall nur auf unterschiedliche Weise einbringen kann. Für eine Erziehung und Bildung "des Herzens" ist es aber dennoch von entscheidender Bedeutung, dass wir durch eindeutige Grundakzeptanz der Persönlichkeit der Schüler und Schülerinnen signalisieren: du bist wichtig, einfach weil du da bist. Du musst dich am Ort Schule zwar auch plagen mit Klassenarbeiten, Noten und dem Vergleich mit anderen, aber es geht doch entscheidend um die Förderung einer Daseinsgewissheit: du bist angenommen, du bist getragen, die einmalige Würde deines Lebens ruht in eines anderen Hand. Wir können als Pädagoginnen und Pädagogen eine so grundlegende Daseinsgewissheit nicht "schaffen" oder "vermitteln". Aber wir können sie durch entsprechende verbale und nonverbale Hinweise, durch Aufmerksamkeit, Respekt und Achtung wesentlich fördern. Und wir können an passender Stelle zeigen, dass wir selbst aus einer Daseinsgewissheit leben, die in Gottes Zusage gründet. Natürlich ist jede Daseinsgewissheit angefochten. Es gibt keine Gewissheit ohne Anfechtung. Dennoch ist es ein entscheidender Unterschied, ob ein Mensch von einer Daseinsgewissheit getragen wird, oder nicht. Das führt auch ethisch zu je anderen Möglichkeiten. Die zweite erfahrbare Seite an Gott lautet: Gott ist vertrauenswürdig. Du bist von ihm angenommen und wertgeschätzt.  
  In der hier skizzierten zweiten Grunddimension bzw. Grundaussage der biblischen Botschaft kommt die biblische Rechtfertigungsbotschaft - bezogen auf die heutige Lebenswelt - zur Geltung. Der Mensch wird dabei nicht als das starke, autonome Subjekt gesehen, sondern primär als das verletzbare und vielfach gefährdete Subjekt, das sich inmitten der Unsicherheiten des Lebens nach Gewissheit sehnt.  
   
  5. Daseinsgestaltung  
  Zu den Grundphänomenen des menschlichen Lebens gehört auch, dass das Leben für den Menschen eine Herausforderung ist. Das Leben ist uns nicht nur als Geschenk gegeben. Es ist uns auch aufgegeben. Zum Lebensglück eines Menschen gehört es, die wesentlichen Herausforderungen seines Lebens zu erkennen und annehmen zu können. Schon in der Kindheit entwickelt sich diesbezüglich ein "Werksinn" im Menschen (E. Erikson). Die grundlegende Funktion der Lebensherausforderung bzw. der Lebensaufgabe kommt in beiden biblischen Schöpfungsberichten zum Ausdruck: "Jahwe Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er sie bebaue und bewahre."[6] Der Mensch möchte sich bestimmten Aufgaben stellen. Er will sich bewähren. Wenn das gelingt, entsteht in ihm eine tiefe Zufriedenheit und Genugtuung. Ein Lebensstil des Sich-treiben-lassens bzw. Sich-gehen-lassens macht niemand glücklich. Der Mensch will gestalten.[7] Freilich möchte sich der Mensch in bestimmten Zeiten auch zerstreuen, amüsieren und unterhalten lassen. Aber das ständige Sich-vergnügen schafft auf Dauer keine tiefere Lebenszufriedenheit und kein Lebensglück. Im Gestalten liegt etwas Tieferes, Wertvolleres. Mit dem Herausforderungscharakter des Lebens ist nicht nur die (berufliche) Arbeit im engeren Sinn gemeint. Letztere ist aber ein wesentlicher Teilbereich. Deshalb trifft Arbeitslosigkeit den Menschen in der Regel auf sehr empfindliche Weise.  
  Unsere Lebensaufgabe ist es - biblisch gesehen -, den Schalom mitzugestalten. Der biblische Begriff "Schalom" ist umfassender angelegt als das bei uns vorherrschende Verständnis des Begriffs "Frieden". Schalom meint das Ernstnehmen der grundlegenden Bedürfnisse aller Menschen, meint die volle Teilnahme aller Menschen am gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Leben. Den Schalom gestalten heißt diejenigen Kräfte achten und stärken, die das (gemeinsame) Leben fördern und heißt sich gegen jene Kräfte stemmen, die das Leben verletzen und zerstören. Unsere Lebensherausforderung ist es, daran mitzuwirken, dass sich das Leben entfalten kann, dass Menschen ihren Weg finden und zufrieden sein können, dem Leben wieder aufzuhelfen, wo es verletzt, missachtet und gedemütigt wurde. Von zentraler Bedeutung sind dabei: das Trösten[8] , das Ermutigen, das Anteilnehmen, das Verzeihen, das Trauern, das Ringen um Gerechtigkeit, das Integrieren der Ausgegrenzten und Abgewerteten, die Verbundenheit mit allen Lebewesen, die Achtung der Erde als unser aller Heimat.  
  Unsere Gesellschaft wird kälter und anonymer. Die Ellenbogengesellschaft nimmt zu. Wir kommunizieren immer öfter, um etwas zu erreichen. Wie oft aber kommunizieren wir, um einander zu verstehen? Ein Grundsatz der "Scientologen" lautet: "Gewähre eine Kommunikation nur dann, wenn du es wirklich willst." Wann aber "gewähren" wir eine Kommunikation, weil der andere sie will und braucht? Wen brauchen die Topmanager, die Börsenspekulanten, die "Winner-Typen", wenn sie krank und alt werden? Welche Achtung und welche finanzielle Anerkennung gewährt unsere Gesellschaft den Menschen in Pflegeberufen? Was wird unsere Gesellschaft machen, wenn sich keine Menschen mehr für diese Berufe freiwillig melden?  
  Gott schenkt uns nicht nur alles Entscheidende zum Leben. Er will auch etwas von uns. Er zeigt uns lohnende Aufgaben. Er will, dass wir den Schalom mitgestalten. Gott ist nicht nur bewunderungswürdig und vertrauenswürdig. Er ist auch nachahmenswürdig. Seine Wertschätzung der Fronarbeiter (vgl. Ex 1ff), der Fremden, Tagelöhner, Witwen und Waisen, zeigt uns die Richtung an, in die wir gehen sollen. Jesu Umgang mit den Armen, Kindern, Frauen, Sündern und Kranken zeigt uns den Weg. Diesen Willen Gottes wertzuschätzen, sich ihm verpflichtet zu wissen, ist die Berufung unseren Lebens. Der Wille Gottes ist das Gute. Er ist das Leben. Er ist unsere Nahrung. "Wer diese meine Rede hört und tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute" (Mt 7,24).  
  Erst mit dieser dritten Grunddimension der biblischen Botschaft kommt die Ethik und die Moral ins Spiel. Wichtiger als die Ethik ist das, was wir als Geschenk empfangen. Wichtiger als die Frage, was wir tun, ist die Frage: Von was bist du ergriffen? Von was bist du getragen? Je nach der Antwort auf diese beiden Fragen fällt unser Tun anders aus. Aber die Frage nach unserem Tun und Gestalten gehört als dritte Frage zu den drei großen Grunddimensionen der biblischen Botschaft. Ohne diese dritte Dimension pervertieren die beiden ersten Dimensionen in Richtung Narzissmus, Bequemlichkeit und Teilnahmslosigkeit. Karl Barth hatte schon Recht: "Die Grundform der Sünde ist die Trägheit." Wir brauchen den engen Bezug vom Eros der Faszination zur Agape (Liebe), die an den Anderen denkt und vom Anderen her denkt. Ohne Liebe bleibt alles andere ein tönendes Erz und eine klingende Schelle. Ohne Liebe bleibt nichts (1 Kor 13,1ff).  
     
   
 
 
   
  *Dr. Siegfried Zimmer ist Professor für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg.  
     
 
 
     
 

[1] Da es sich bei den folgenden Darlegungen um einen Vortrag handelt, den ich bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten habe - zuletzt auf der Vollversammlung der Deutschen Bibelgesellschaft am 27. Mai 2002 in Magdeburg - begnüge ich mich mit einigen wenigen Anmerkungen.

[2] Vgl. dazu grundlegend C. Westermann. Der Segen in der Bibel und im Handeln der Kirche, Gütersloh 1981. Die biblische Überlieferung spricht vom Segen Gottes vor allem im Blick auf die Schöpfung. Darüber hinaus gibt es auch Bezüge des Segens zum Gottesdienst und zur "Heilsgeschichte". Im Zusammenhang dieses Vortrags geht es ausschließlich um Gottes Segenswirken in der Schöpfung.

[3] Als Selbstbezeichnung ist der Ausdruck "Christ/Christen" erstmals in der Didache und bei Ignatius von Antiochien belegt. Vgl. dazu Wolfgang Reinbold, Propaganda und Mission im ältesten Christentum. Eine Untersuchung zu den Modalitäten der Ausbreitung der frühen Kirche (FRLANT 188), Göttingen 2000, 20f.

[4] Im nächsten Kapitel werde ich näher erläutern, um was es bei der kadosch-Erfahrung geht.

[5] Ich hätte auch formulieren können: "Lebensinteresse", "Lebensgewissheit" und "Lebensgestaltung".

[6] Gen 2,15. Mit dem Wort "sie" ist nicht der Garten gemeint, sondern die Erde (adama). Vgl. außerdem den Lebensauftrag im ersten Schöpfungsbericht (Gen 1,28f).

[7] Ich ziehe in diesem Zusammenhang den Begriff "gestalten" dem Begriff "handeln" vor, weil er eindeutiger positiv orientiert ist.

[8] Nach Martin Luther ist das "Trostamt" das wichtigste Amt der Christen. Wie geistlich ein Mensch ist, lässt sich daran erkennen, wie gut er trösten kann (trösten ist etwas anderes als vertrösten).