Heilung und Sündenvergebung. Exegetische und didaktische Überlegungen zu einer bekannten, aber schwierigen Wundererzählung (Mk 2,1-12 parr)  
 
Thomas Breuer (20.07.2001)
 
     
  Die Perikope von der Heilung eines Gelähmten in Kafarnaum gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Geschichten des Neuen Testaments. Gerade im Religionsunterricht kommt sie immer wieder zum Zuge, was wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass sie im Vergleich zu anderen Wundererzählungen wegen ihres ungewöhnlichen Handlungsreichtums und ihrer großen Anschaulichkeit für besonders geeignet gehalten wird. In der Tat kann man durch die Schilderung der Szene, in der der Gelähmte von seinen Freunden durch ein Loch im Dach zu Jesus gebracht wird, die Aufmerksamkeit zumindest jüngerer SchülerInnen gewinnen. Dabei scheinen mir jedoch die eigentlich theologischen und didaktischen Fragen oftmals zu wenig beachtet zu werden. Meine These lautet, dass der unbedachte Einsatz dieser Perikope geradezu zu einer didaktischen Lähmung führen kann, indem er ein angemessenes Verständnis der neutestamentlichen Wundergeschichten verbaut, ein zweifelhaftes Jesusbild fördert und möglicherweise sogar einen falschen Zusammenhang von Krankheit und Schuld herstellt. Ich möchte diese These plausibel machen, indem ich zunächst einige Überlegungen zum Text vorstelle, sodann grundsätzliche Erwägungen zur Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten zusammenfasse und schließlich Konsequenzen für den Umgang mit der Perikope im Religionsunterricht aufzeige.  
  I. Exegetische Überlegungen  
  1. Literar- und gattungskritische Beobachtungen zur Frage der Einheitlichkeit des Textes  
  [Vgl. neben den einschlägigen Kommentaren v.a. den sehr instruktiven Beitrag von Klauck, dem ich hier im wesentlichen folge; dort (S.296f) auch eine präzise Übersetzung des Textes, die weiter unten in anderer Anordnung wiedergegeben wird.]  
  Fragt man zunächst einmal literarkritisch nach Doppelungen und Wiederholungen, Spannungen und Widersprüchen im Text, so ist als erstes auffällig, dass in V.4 das Dach zuerst abgedeckt und dann aufgegraben wird. Das geht wahrscheinlich auf das Konto des Redaktors Markus, der an ein ziegelgedecktes hellenistisches Haus dachte, während seine Vorlage von einem palästinensischen Lehmdach ausging. Möglicherweise ebenfalls auf die redaktionelle Tätigkeit des Markus zurückzuführen ist der Umstand, dass wir mit den V. 1 und 3 zwei Sätze haben, die als Exposition fungieren können. Doch muss dies unsicher bleiben, da manche Exegeten in der Nennung Kafarnaums eine historische Erinnerung erblicken wollen. Ohnehin sind in didaktischer Perspektive weniger diese redaktionellen Überarbeitungen von Interesse als vielmehr ein zweites Phänomen, auf das uns eine weitere Wiederholung, nämlich die der Formulierung "sagt er dem Gelähmten" in V. 5 und 10, nur dezent hinweist, das aber durch einen Blick auf die Spannungen im Text sehr deutlich hervortritt. Diese Spannungen hängen zusammen mit dem Auftreten der Schriftgelehrten in V.6. Wo kommen sie so plötzlich her? In der Einleitung ist von ihnen nicht die Rede, ein Mangel, den schon Lukas empfunden hat und dem er in seiner Bearbeitung des Mk-Textes überdeutlich Abhilfe geschaffen hat. Bei Lukas lautet die Einleitung: "Eines Tages, als Jesus wieder lehrte, saßen unter den Zuhörern auch Pharisäer und Gesetzeslehrer; sie waren aus allen Dörfern Galiläas und Judäas und aus Jerusalem gekommen." Hier steuert also der Text von Anfang an auf die spätere Auseinandersetzung zu. Eine andere Spannung hat allerdings auch Lukas nicht beseitigt: den Umstand nämlich, dass am Ende alle außer sich geraten und Gott loben - die Schriftgelehrten etwa auch? Das würde dem Duktus der Evangelien eklatant widersprechen. Außerdem fällt auf, dass das Schlusslob sich offenbar nur auf die Wunderheilung bezieht, während die zuvor für Aufregung sorgende Sündenvergebung vergessen scheint. Damit sind wir an einem besonders heiklen Punkt angelangt: dem des Verhältnisses zwischen Krankheit, Sünde, Vergebung und wunderbarer Heilung. Inhaltlich wird dazu an späterer Stelle noch einiges zu sagen sein. An dieser Stelle ist vor allem von Interesse, welche Funktion das Wunder im Kontext unseres Textes erhält. Eine klare Antwort auf diese Frage geben uns die V. 9 und 10. Hier wird deutlich: Das Wunder ist dazu da, die Vollmacht Jesu zu demonstrieren: "Der scheinbar leichtere, aber theologisch gewichtige Vergebungszuspruch wird durch das scheinbar schwerere, weil kontrollierbare, aber theologisch nicht so problematische Wunder legitimiert" (Klauck 289). Dies steht in eindeutigem Widerspruch zu der Zurückweisung jeglicher Zeichenforderung in der älteren Jesustradition (vgl. Mk 8,11f) und ist auch innerhalb der synoptischen Sammlung von Wundergeschichten singulär. Der Verdacht, dass unsere Perikope nicht aus einem Guss ist, wird dadurch verstärkt, dass wir in den V. 5 und 10 zwei unterschiedliche Subjekte der Sündenvergebung haben. Während in V.10 eindeutig dem Menschensohn (= Jesus) die Kompetenz zugeschrieben wird, in eigener Vollmacht Sünden zu vergeben, handelt es sich in V.5 um ein sog. Passivum divinum, um ein theologisches Passiv also, in dem Gott das eigentliche Subjekt ist.* Wohl werden die beiden Verse in der jetzigen Fassung im selben Sinne verstanden, da sich ansonsten nicht an V.5 der Vorwurf der Gotteslästerung entzünden könnte, doch scheint dies für die ursprüngliche Überlieferung keineswegs zu gelten. Wir haben somit aufgrund der beschriebenen Spannungen damit zu rechnen, dass die V. 6-10, die von der Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten berichten, eine sekundäre Hinzufügung sind.  
  *Anders Hofius, dessen eloquente Ausführungen nicht zu überzeugen vermögen, weil seine steilen christologischen Gedankengänge den hermeneutischen Grundsatz missachten, dass das Wirken Jesu nur im Rahmen des jüdischen Gottesglaubens zu verstehen ist.  
  Diese Vermutung wird durch gattungskritische Überlegungen vollauf bestätigt:  
 
  • Mk 2,1-5.11-12 weist alle Merkmale einer stilechten Wundergeschichte auf.
  • Bei Mk 2,6-10 handelt es sich um ein Textstück mit apophtegmatischem Charakter, das auf V.10 als Spitzensatz zuläuft. Es trägt Züge eines Streitgesprächs, hat jedoch nie selbständig existiert, sondern ist ganz auf den Rahmen bezogen.
 
  Der Text lässt sich mithin folgendermaßen gliedern:  
  Situationsangabe

1. Und als er wieder nach Kafarnaum kam, wurde nach Tagen bekannt, dass er zu Hause ist.

 
2. Und es versammelten sich viele, so dass der Platz nicht mehr reichte, auch nicht vor der Tür, und er sagte ihnen das Wort.
  Der Kranke

3. Und sie kommen und bringen einen Gelähmten

 
 
Vermittlung

zu ihm, der von vieren getragen wird.

 
4. Und weil sie ihn wegen der Menge nicht zu ihm bringen können, deckten sie das Dach ab. Wo er war, gruben sie das Dach auf und ließen die Bahre hinab, worauf der Gelähmte lag.
  Jesu heilendes Wort/heilende Tat 5. Und als Jesus ihren Glauben sieht, sagt er dem Gelähmten: "Kind, deine Sünden werden vergeben."  
  Einschub
 
  6. Es saßen dort aber einige Schriftgelehrte, die dachten in ihren Herzen:  
  7. "Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben, wenn nicht der einzige Gott?"  
  8. Und sogleich erkannte Jesus in seinem Geist, dass sie so bei sich denken, und sagt ihnen: "Was denkt ihr dies in euren Herzen?  
  9. Was ist leichter, dem Gelähmten zu sagen: 'Deine Sünden werden vergeben', oder zu sagen: 'Steh auf, nimm deine Bahre und geh umher'?  
  10. Damit ihr aber seht, dass der Menschensohn Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben" - sagt er zu dem Gelähmten:  
 
 
  11. "Ich sage dir: steh auf, nimm deine Bahre und geh in dein Haus."  
  Feststellung der Heilung 12. Und er stand auf und nahm sogleich seine Bahre und ging vor allen hinweg,  
  Chorschluss (Reaktion/Echo) so dass alle außer sich gerieten und Gott priesen, indem sie sagten: "So etwas haben wir noch nie gesehen."  
  Umstritten ist V.5b. Manche Forscher rechnen ihn zum Einschub, andere zur ursprünglichen Fassung. Richtig ist, dass der Zuspruch der Sündenvergebung innerhalb der Wunderüberlieferung singulär ist. Andererseits lässt sich die Erweiterung um die V. 6-10 leichter verstehen und begründen, wenn V.5b zum ursprünglichen Bestand zählte. Zudem wirkt diese Fassung sprachlich glatter als jene, in der V.5b getilgt wird. Wir werden unter inhaltlichen Gesichtspunkten auf diese Frage zurückzukommen haben.  
  2. Auslegung  
  a) Ich beginne mit der um das 'Streitgespräch' erweiterten Fassung, weil diese - paradoxerweise - wesentlich schneller und einfacher zu erklären ist als die Grundfassung. Sie wirkt auf mich um einiges 'theologischer' , zugleich aber weniger existentiell. Eine Interpretation des Textes wird dem Leser zu einem guten Teil dadurch abgenommen, dass die Quintessenz der Perikope in V.10, einem Menschensohnlogion, formuliert ist. Es handelt sich also um ein christologisches Lehrstück über die Vollmacht Jesu - formuliert aus der Perspektive der frühen nachösterlichen Gemeinden. Das Wunder ist zur bloßen Illustration der Vollmacht Jesu geraten und bedarf keiner weiteren Auslegung. Im Grunde ist der Text an der Person des Gelähmten nicht interessiert; der Kranke wird zum Objekt im Streit zwischen Jesus und seinen Gegnern. Im Mittelpunkt steht die Frage der Sündenvergebung, näherhin der Streit um die Kompetenz zur Sündenvergebung. Im jüdischen Verständnis war diese allein Gott vorbehalten (vgl. die Formulierung in V.7, die in Anlehnung an Dtn 6,4 erfolgt). Die durch den Hohenpriester dem Volk Israel vermittelte Sündenvergebung war an Kult und Opfer gebunden. Selbst dem erwarteten Messias wurde dieses Recht nicht zuerkannt; er sollte eher die Sünder vernichten oder vertreiben als ihnen die Sünden vergeben. Der (gedachte) Vorwurf der Gotteslästerung, auf die nach Lev 24,11ff und Num 15,30 die Todesstrafe stand, ist jedoch nur konsequent, wenn Sündenvergebung durch Jesus selbst unterstellt wird, was vom Wortlaut her nicht der Fall ist (s.o.). Im Aufriss des Mk wird damit schon zu Beginn das Ende Jesu angedeutet. Ob allerdings der Einschub des Streitgesprächs, der bereits vormarkinisch erfolgt sein wird, sich gegen das Judentum richtete, ist zweifelhaft. Juden nämlich hätten sich kaum von der christologischen Argumentation und dem Wunderbeweis überzeugen lassen, zumal abweichende Lehrmeinungen nach rabbinischer Ansicht durch ein Wunder keinesfalls legitimiert wurden. Man hat deshalb wohl eher mit innergemeindlichen Auseinandersetzungen zu rechnen: "Judenchristliche Kreise haben [...] die Sündenvergebung weiterhin eschatologisch aufgefasst, als noch ausstehende Erlösung und als Vorrecht Gottes, und sich folgerichtig gegen die in der Gemeinde praktizierten Formen der Vergebung gewandt. Dem begegnete man dadurch, dass man Jesus an die Seite Gottes stellte" (Klauck 308).  
  Im Hintergrund dieses christologischen Lehrstücks über die Vollmacht des Menschensohnes steht also ein ekklesiologischer Anspruch, der aus aktuellem Anlass in polemischem Stil vorgetragen wird: Die Gemeinde sieht sich berechtigt, im Namen des auferstandenen Herrn ebenfalls Sünden zu vergeben (vgl. z.B. Petrus in Apg 2,38: "Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung der Sünden"). Voll zum Durchbruch kommt dies in der Bearbeitung unserer Perikope durch Matthäus. Bei ihm lautet der Schluss: "Als die Leute das sahen, erschraken sie und priesen Gott, der den Menschen solche Vollmacht gegeben hat" (Mt 9,8).  
  b) Die ursprüngliche Erzählung atmet einen ganz anderen Geist. Hier geht es nicht um die theologische Rechtfertigung irgendwelcher Ansprüche oder Lehrmeinungen, hier geht es um die Begegnung Jesu mit einem Notleidenden, der durch den heilsamen Zuspruch des Mannes aus Nazareth ins Leben zurückkehrt.  
  Doch ist diese Behauptung nicht bloßes Wunschdenken? Mehr Eisegese als Exegese? Reagiert nicht auch hier Jesus auf den Heilungswunsch mit der Sündenvergebung und verstärkt dadurch die verbreitete Annahme, dass Krankheit eine Strafe für vergangene Sünden sei? Und ist nicht auch hier die wunderbare Heilung eine bloße Zugabe? Ist dieser Text also gar nicht so menschenfreundlich wie soeben behauptet? Sehen wir genauer zu!  
  Da kommen also vier Männer und bringen einen Gelähmten zu dem Haus, in dem Jesus lehrt. Was Jesus lehrt, erfahren wir nicht. Die Wendung "und er sagte ihnen das Wort" entstammt der urchristlichen Missionsterminologie und gibt insoweit keinen weiteren Aufschluss. Wir dürfen aber annehmen, dass das Thema der Predigt Jesu das nahegekommene Reich Gottes ist. Auch über den Gelähmten erfahren wir nicht viel. Was für eine Art Lähmung hat er? Wodurch wurde sie verursacht? Seit wie langer Zeit ist er schon gelähmt? Wir wissen es nicht. Ebenso wenig erfahren wir darüber, wie sein Lebenswandel vor der Lähmung war, ob er ein hinterhältiger oder gutmütiger, ein aufbrausender oder ruhiger, ein bärbeißiger oder fröhlicher Mensch war. Nur soviel wissen wir: seine Lähmung geht über das rein Körperliche hinaus. Er ist offenbar zu keiner Initiative, ja zu keinem Wort mehr fähig. Andere müssen für ihn aktiv werden, müssen ihn tragen, ja sogar für ihn glauben (vgl. die auffällige Formulierung in V.5). Aber kann das denn sein? Ist der Kranke dann nicht doch wieder ein bloßes Objekt der Fürsorge seiner Träger und ein Demonstrationsobjekt des Wunderheilers aus Nazareth? Fürwahr eine bedrückende Vorstellung! Doch überlegen wir noch ein bisschen weiter: Wie kommen die vier Männer dazu, den Gelähmten zu Jesus zu schleppen?  
  Sind es seine Pfleger, die den lästig gewordenen Kranken loswerden wollen? Wohl kaum! Würden sie dann nicht kehrtmachen, wenn die große Menge ihnen den Weg zu Jesus versperrt? Und würde Jesus von ihrem Glauben, ihrem Vertrauen angerührt sein? Nein, diese vier sind keine Yuppies, die alle Verantwortung quitt sein möchten, damit sie ein angenehmeres Leben führen können. Diese vier sind offenbar Freunde des Kranken, die keine Anstrengung scheuen, um ihrem Gefährten zu helfen. Doch können wir uns vorstellen, dass sie mit jemandem befreundet sind, der zu keiner Regung mehr fähig, zu keiner Kommunikation mehr in der Lage ist? Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Ich bin mir sicher: Dieser Mann, der nun gelähmt auf der Bahre liegt, einem Toten ähnlicher als einem Lebenden, dieser Mann war nicht immer so, sonst hätte er keine Freunde, sondern nur Pfleger, die allenfalls Mitleid mit ihm hätten. Er war ein Mann voller Leben, aber irgendetwas, von dem wir nicht wissen, was es war, hat ihn niedergeworfen. Und jetzt ist er gleichsam wie verdorrt, alle Lebenskraft scheint aus ihm gewichen, und er braucht seine Freunde, die stellvertretend für ihn handeln. Und er kann sich auf seine Freunde verlassen. Sie handeln für ihn, aber nicht über seinen Kopf hinweg. Dass sie ihn zu Jesus bringen, geschieht in seinem Einverständnis. Auch er möchte seine Lage ändern, möchte wieder aufstehen, ihm fehlt nur die Kraft dazu. Auch er hofft auf Jesus, nicht nur seine Freunde, doch er kann seine Hoffnung kaum artikulieren. Jesus aber sieht, dass doch noch nicht aller Lebensmut aus ihm geschwunden ist, denn er redet nicht die Träger auf dem Dach an, so wie manche Ärzte im Beisein der Kranken ernsthaft nur mit deren Angehörigen sprechen, sondern er redet den Gelähmten selbst an. Doch wie spricht er ihn an? Zerstört diese Anrede nicht doch wieder alle gutgemeinten Interpretationen?  
  Zunächst: Er spricht den Kranken als "Kind" an. Hat das nicht etwas Altväterlich-Herablassendes? Behandelt er also den Gelähmten nicht doch wie einen Unmündigen, wie ein Betreuungsopfer? Es mag so scheinen, aber so ist es nicht. So kann es gar nicht sein, nicht weil es Jesus ist und wir ihm so etwas nicht zutrauen dürften, sondern weil eine solch gnädig besorgte Ansprache, die den andern nicht ernst nimmt in seinem Dasein und Sosein, diesen nie und nimmer hätte heilen können, sondern seine Lähmung noch verstärkt hätte. Wir dürfen also davon ausgehen, dass Jesu Anrede nichts Herablassendes an sich hat, sondern Ausdruck einer zärtlichen Zuneigung ist, wie sie ein Vater oder eine Mutter einem leidenden Kind entgegenbringt. Gleichzeitig, so meine ich, steckt in diesem Wort sogar eine besondere Anerkennung dieses Menschen. Wir können die Anrede Jesu doch nur dann richtig einschätzen, wenn wir darauf schauen, wie Jesus mit Kindern umgegangen ist. Und da berichtet das gleiche Markusevangelium, dass Jesus die Kinder, die in der Gesellschaft nicht als vollwertig zählten, weil sie genauso übrigens wie die Gelähmten nicht kultfähig waren, in die Mitte stellt (Mk 9,36), dass er dies auch gegen das Bestreben seiner Jünger, die Kinder abzuwimmeln, tut und dass er mehr noch die Kinder und ihr Kindsein zum inhaltlichen Maßstab für die Erwachsenen macht, indem er sagt: "Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen" (Mk 10,15). Die Kinder und ihr Vertrauen werden also zum Kriterium dafür, wie Erwachsene mit dem Leben, mit den Menschen und mit Gott umzugehen haben (vgl. Fuchs 34f). Wenn Jesus also den Gelähmten mit "Kind" anspricht, dann sagt er ihm: >Du tust recht daran, wie ein Kind zu vertrauen und dich ganz in Gottes heilende Hände fallen zu lassen (vgl. Höfer 171). Nur so, indem du dich loslässt, kannst du dich wieder fangen und wie verwandelt von neuem zu leben beginnen<.  
  Was aber, so ist nun als zweites zu fragen, soll der Satz: "Deine Sünden werden vergeben"? Ist er im Munde des historischen Jesus überhaupt denkbar? Manche Exegeten schließen aus der Beobachtung, dass eine solche Sündenvergebung im Rahmen von Wundergeschichten singulär ist, dass dies auf jeden Fall auszuschließen sei. Der Neutestamentler Hans-Josef Klauck wendet dagegen zu Recht ein, dass, wenn alles Singuläre und Atypische ausgemerzt würde, am Ende nur noch die stereotypen Gattungen übrig blieben. Deshalb könne es im Einzelfall sein, dass ein Vers gerade deshalb als atypisch erscheine, weil er historisch sei. Genau dies treffe hier zu (vgl. Klauck 300). Ob es sich, wie Klauck meint, bei diesem Satz tatsächlich um ein authentisches Jesuswort handelt, möchte ich dahingestellt sein lassen. Als wichtig aber erscheint es mir in der Tat zu eruieren, ob dieser Satz im Gesamtkontext der Verkündigung Jesu einen Platz haben könnte oder ob wir ihn zusammen mit dem Streitgespräch auf jeden Fall als spätere Gemeindebildung einzuschätzen haben. Zur Klärung dieses Problems sind drei Punkte besonders beachtenswert:  
 
  • Im Alten Testament, der Bibel des Juden Jesus, gilt Sündenvergebung als Privileg Gottes. In der Praxis war sie, wie bereits erwähnt, an den kultischen Ritus gebunden. In der präsentisch-passivischen Formulierung: "Deine Sünden werden vergeben" wird einerseits das göttliche Privileg gewahrt, die spezifisch christliche Perspektive des Vergebens aus eigener Vollmacht (vgl. V.10) schlägt noch nicht durch, andererseits aber wird der kultisch-rituelle Rahmen gesprengt. Jesus weiß sich eins mit dem Willen Gottes und kann deshalb die Vergebung durch Gott als gegenwärtig sich vollziehendes Geschehen ansagen (vgl. Klauck 305). Dies passt gut zum sonstigen Auftreten Jesu.
  • Der Vergebungszuspruch fügt sich auch insofern gut in den Gesamtkontext der Verkündigung Jesu ein, als die Zuwendung zu den Sündern einen Grundzug seines Wirkens ausmacht. Seine Gegner bezeichneten ihn nicht nur als Fresser und Säufer, sondern auch als Freund der Zöllner und Sünder (Mt 11,19 par Lk 7,34). In der Tischgemeinschaft mit den Ausgeschlossenen und Stigmatisierten gibt er der Vergebungsbereitschaft symbolisch Ausdruck.
  • Man müsste diesen Satz aber auf jeden Fall dann für unjesuanisch halten, wenn er ein Verständnis von Krankheit als Folge von Sünde implizierte. Ein solches Vergeltungsdenken war zur Zeit Jesu weit verbreitet. Da hielt man Götzendienst und die Entheiligung des göttlichen Namens für den Auslöser von Aussatz, und die Geburt epileptischer Kinder wurde darauf zurückgeführt, dass man beim Geschlechtsverkehr nicht das Licht der Lampe gelöscht hatte. In jedem Fall glaubte man aus der Krankheit eines Menschen auf eine vorausgegangene Verschuldung schließen zu können. Auch heutzutage ist diese Vorstellung noch nicht aus der Welt, wie manche kirchlichen Stimmen aus den 80er Jahren zeigen, die in der Ausbreitung von AIDS eine Strafe Gottes für Sittenlosigkeit und Ausschweifung erblicken wollten. Von Jesus aber wissen wir, dass er sich von einem solchen Denken fernhielt. Nie wird berichtet, dass er versucht hätte, auf diese Weise das Leiden eines Menschen zu erklären. Im Gegenteil wird im Johannesevangelium erzählt, dass Jesus es auf Nachfrage seiner Jünger explizit ablehnte, für die Blindheit eines Mannes dessen Sünden oder die seiner Eltern verantwortlich zu machen (Joh 9,1ff). Und als bei einem Unglück achtzehn Menschen ums Leben kommen, weist er die Annahme zurück, diese seien größere Sünder gewesen als die anderen Einwohner (Lk 13,2ff). Der Sündenvergebungssatz kann folglich nur dann als möglicherweise jesuanisch gelten, wenn er nicht im Sinne eines Vergeltungsdenkens verstanden wird. Dass dies möglich ist, soll nun abschließend gezeigt werden.
 
  Alles kommt darauf an, dass wir Sünde nicht moralistisch und legalistisch missverstehen. Sünde meint nicht in erster Linie die Übertretung einzelner Gebote, wie uns die katholische Beichtstuhlmoral lange Zeit einreden wollte. Ansonsten müssten die Pharisäer in den Evangelien als Prototypen derjenigen erscheinen, die auf dem rechten Weg sind. Das tun sie aber gerade nicht. Das Neue Testament macht unmissverständlich klar: Man kann alle Gebote und Vorschriften dieser Welt auf das Penibelste erfüllen und trotzdem auf dem falschen Weg sein. Sünde ist deshalb im NT nicht der Gegenbegriff zu Tugend, sondern zu Glaube, Hoffnung und Liebe.  
  Schon im AT beschreibt die "jahwistische" Urgeschichte (Gen 2-11) das Wesen der Sünde als Entfremdung des Menschen von sich selbst, von seinen Mitmenschen und von Gott. Auch die Herkunft unseres deutschen Wortes Sünde verweist auf diese Dimension. Sünde kommt nämlich von 'absondern' , sie trennt also von Gott und den Menschen. Augustinus hat einmal das Wesen der Sünde als >cor incurvatum in se ipsum<, als ein in sich selbst verkrümmtes Herz beschrieben. Dieses Bild meint, dass jemand mit seinem Fühlen und Denken nicht über sich hinausgelangt, dass er sich nicht für andere Menschen öffnen kann. Er ist ganz auf sich zurückgeworfen und doch nicht bei sich. Ein verkrümmter Mensch, der nicht aufrecht gehen kann, dessen Herz verkrampft ist vor lauter Angst und Einsamkeit. - Erkennen wir jetzt den Gelähmten aus unserer Geschichte wieder? Diesen Mann, dessen Krankheit ja weit mehr war als eine körperliche Beeinträchtigung: der wahrscheinlich ein Leben in wirtschaftlicher Not fristen musste (vgl. Joh 9,8; Apg 3,2f), der sozial isoliert und stigmatisiert war, der als Kultunfähiger auch aus der religiösen Gemeinschaft des Volkes ausgegrenzt war. Wir können uns vorstellen, dass dieser Mensch zusehends verkümmerte, dass sein Herz immer härter, seine Resignation immer größer, seine Lähmung immer umfassender wurde. Gab es denn überhaupt noch Hoffnung für ihn? Befand er sich nicht in einem Teufelskreis, in dem die körperliche Lähmung die psychische verstärkte und die psychische ihrerseits die körperliche? Wenn nun Jesus diesem Mann sagt: "Kind, deine Sünden werden vergeben", so handelt es sich nicht um eine Vertröstung, die den Mann enttäuscht, weil er etwas anderes, nämlich körperliche Gesundung, erwartet hat, sondern es handelt sich genau um das erlösende Wort, das ihn aus seiner Lähmung befreit. Jesu Zuspruch sagt dem Mann: >Du bist mit Gott verbunden, du bist nicht mehr von ihm getrennt, Gott nimmt dich an, und deshalb kannst du auch dich selbst annehmen, steh also auf, richte dich auf aus deiner Verkrümmung, nimm dein Leben wieder in die Hand und hab Mut, auf eigenen Füßen zu stehen, werde aktiv und geh nach Hause, du wirst gebraucht, die Zeit der lähmenden Isolation hat ein Ende.<  
  Dieser Zuspruch Jesu gilt auch uns, die wir das Evangelium lesen und hören. Auch wir fühlen uns manchmal wie gelähmt, müssen uns dann tragen und das befreiende Wort sagen lassen (vgl. Merklein 72). Manchmal aber dürfen wir uns auch in den Trägern wiedererkennen, deren Glaube Hindernisse und Widerstände überwinden muss. Auch wir müssen zuweilen 'Dächer abdecken' , um unser Ziel zu erreichen. Wir dürfen aber gewiss sein, dass unsere Hoffnung nicht trügt , dass das Reich Gottes entgegen allem Anschein auch bei uns anbricht und zum Durchbruch kommt. Wenn wir diese - nicht tröstliche, sondern ermutigende - Verheißung in uns aufnehmen, dann lesen wir die Erzählung von der Heilung eines Gelähmten nicht wie die Zuschauer eines Spektakels, sondern als wahre 'Hörer des Wortes', die sich in diese Geschichte und damit in die Geschichte Gottes mit den Menschen hineinnehmen lassen.  
  II. Thesen zur Didaktik neutestamentlicher Wundergeschichten  
  1. Die Wunder Jesu sind nicht als einzigartige und unvergleichliche Taten zu werten; der Gefahr, Jesus zum Superman zu stilisieren, der Menschen mit übernatürlichen Kräften manipuliert, muss entschieden gegengesteuert werden. Auch dürfen Wundergeschichten nicht missbraucht werden als Beweisdokumente für Jesu Messianität oder Gottessohnschaft. Vielmehr sollte deutlich werden:  
  a) Wundergeschichten sind Widerstandsgeschichten. Sie finden sich nicht ab mit der Negativität menschlichen Daseins, mit Krankheit, Isolation, Hunger, Verzweiflung oder Schuld. "Sie sprechen eher aller bisherigen Erfahrung ihre Gültigkeit ab als menschlicher Not das Recht, beseitigt zu werden. Sie proklamieren dieses Recht als heiliges Recht, als etwas Unbedingtes" (Theißen 297).  
  b) Wundergeschichten sind Glaubensgeschichten. Sie erzählen von der heilenden Kraft des Vertrauens in die Person Jesu, dessen bedingungslose Zuwendung Darniederliegende wieder aufrichtet und lebendig Tote auferstehen lässt zu neuem Leben in der Erfahrung der Nähe Gottes.  
  c) Wundergeschichten sind Hoffnungsgeschichten. Sie können uns heute Mut machen, in scheinbar ausweglosen Situationen auf die verborgene Gegenwart Gottes und seinen wirklichkeitsverändernden Geist zu vertrauen. Sie lassen gegen die Macht des Faktischen und gegen die Mentalität des "So war es, so ist es und so wird es bleiben" den Möglichkeitssinn wachsen, der den biblischen Verheißungen mehr traut als den falschen Propheten des Status quo. Sie ermutigen uns, in der Nachfolge Christi selbst 'Wunder zu tun' (vgl. Mt 10,1.7f), indem wir die Dämonen der Angst, des Hasses und der Ungerechtigkeit vertreiben und ein Fest der Auferstehung feiern mitten am Tag.  
  2. Der Zugang zu den Wundergeschichten kann (zumindest) in der Primarstufe und in der Sekundarstufe I nicht in erster Linie über die kognitive Ebene erfolgen. Weder eine differenzierende historische Betrachtungsweise noch die Vermittlung exegetischer oder systematisch-theologischer Aspekte (die Wunder als "Erweiszeichen der nahegekommenen endzeitlichen Gottesherrschaft", vgl. Fiederlein 209) vermögen die SchülerInnen zu berühren und die genannten Dimensionen der Wundergeschichten zu erschließen. Zugespitzt formuliert: Gattungskritik und synoptischer Vergleich gehören in die Vorbereitung der LehrerIn und nicht in den Unterricht!  
3. Das Gesagte ist nicht dahingehend misszuverstehen, dass der Religionsunterricht in der Praxis einer voraufklärerischen Naivität frönen sollte. Keinesfalls sind die Wundergeschichten als historische Tatsachenberichte darzubieten. Dies gilt auch schon für die Grundschule! Natürlich ist von den Kindern kein 'theologisch korrektes' Verständnis im Sinne eines Erwachsenenglaubens (wie immer dieser auch aussehen mag) zu erwarten. Aber der Religionsunterricht macht sich unglaubwürdig, wenn er in späteren Jahren das revidieren muss, was er am Anfang gelehrt hat. Deshalb muss didaktisch-methodisch darauf abgezielt werden, ein erst in der Zukunft mögliches tieferes Verständnis nicht zu verbauen, sondern anfanghaft zu eröffnen.
  4. Die Wundergeschichten werden sich nur dann als Glaubens-, Widerstands- und Hoffnungsgeschichten erschließen, wenn die SchülerInnen sich in den einzelnen Geschichten wiederentdecken. Dazu ist es notwendig, dass die Kinder sich mit Personen aus diesen Geschichten identifizieren können. Man sollte die Wundergeschichten folglich so erzählen und kontextuell einbetten, dass die SchülerInnen sich in diejenigen einfühlen können, an denen das Wunder geschieht. Nur so scheint mir im übrigen eine symbolische Deutung angebahnt werden zu können, die die körperlich-sinnliche Seite der Symbolik nicht ausblendet und der Gefahr eines nur geglaubten Glaubens, der die Wunder zu rein literarischen Produkten mutieren lässt, entgeht.  
  5. Dies bedeutet für die Auswahl von Wundergeschichten, dass Totenerweckungen und sog. Naturwunder (z.B. Seewandel Jesu) sich für den Unterricht weniger eignen als Heilungserzählungen; Dämonenaustreibungen sind als Sonderform der Heilwunder zu betrachten, sollten aber im RU aufgrund ihrer spezifischen Problematik (Weltbild!) auch nachrangig behandelt werden. Hingegen ist z.B. die Zachäus-Perikope (Lk 19,1-10) auch als Wundergeschichte zu lesen, in der ein Mann in der Begegnung mit Jesus von seiner Habgier geheilt und von seinem Außenseiterdasein befreit wird.  
  6. Eine erfahrungsorientierte Didaktik der Heilwundergeschichten lässt sich methodisch in vielfacher Weise konkretisieren. Einen wichtigen Platz dürften somatische Übungen (vgl. Kern/Kuld), Standbilder und andere bibliodramatische Elemente beanspruchen. Aber auch die Betrachtung von Bildern (nicht: Abbildern) und das eigene kreative Gestalten (Verklanglichen, Herstellen von Collagen etc.) sind als wesentliche Bausteine anzusehen.  
  III. Konsequenzen für den didaktischen Umgang mit Mk 2,1-12  
  Es besteht kein Anlass, die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten aus der Schule zu verbannen; dazu ist sie theologisch viel zu wertvoll und erzählerisch zu reich. Wohl aber besteht aller Anlass, darüber nachzudenken, wie diese Erzählung sinnvoll in den Unterricht eingebracht werden könnte.  
  Zunächst: Man darf sich als Lehrer/in nicht an der zentralen Thematik des Textes vorbeizumogeln versuchen, indem man den Religionsuntericht unter der Hand zum Sachkundeunterricht über die Konstruktion eines palästinensischen Lehmhauses geraten lässt. Selbstverständlich dürfen Informationen über biblische Realien nicht ausgespart werden; aber die Gewichte müssen gewahrt bleiben!  
  Ferner - und dies ist aus meiner Sicht ein entscheidender Punkt - sollte im Unterricht (der Primarstufe und der unteren Klassen der Sekundarstufe I) der Text allein in seiner Grundfassung, also ohne die Erweiterung um das 'Streitgespräch', eingesetzt werden. Ansonsten wird man nur schwer der Gefahr entgehen können, Jesus als Superman erscheinen zu lassen, der Wunder vollbringt, wenn es ihm gerade passt und seinen Ruhm mehrt. Theologische Erläuterungen über den Sinn und Zweck dieser Passage dürften jedenfalls dem bei den SchülerInnen sich fast von selbst einstellenden Bild wenig entgegenzusetzen haben. Aber auch in der Grundfassung (mit V. 5b) sollte der Text möglichst so eingeführt werden, dass der Begriff 'Sünde' zunächst einmal umschrieben, vielleicht sogar ganz vermieden wird.* Dies erscheint mir notwendig, um der mit der religiösen Sondersprache verbundenen Tendenz der Klischeebildung entgegenzuwirken. Den SchülerInnen muss sich erst einmal erschließen, welche Wirklichkeit sich hinter dem Begriff 'Sünde' verbirgt, bevor sie mit diesem selbst umgehen können.  
  * [Ein Beispiel findet man bei Pioch 103-105. Mk 2,5b wird hier folgendermaßen übertextet: "Jesus sagte zu dem Kranken: 'Gott vergibt dir alles, was du einmal an schlechten Gedanken in deinem Herzen hattest. Er vergibt dir alles, was du falsch gemacht hast. Gott hat dich sehr lieb'." Der Begriff 'Sünde' wird hier erst später - leider in dem 'Streitgespräch' - einführt. Eine Einzelkritik dieser und anderer Versuche, Mk 2,1-12 kind- und zeitgemäß nachzuerzählen, kann hier, obwohl sehr reizvoll, nicht geleistet werden.]  
  Schließlich darf bei den SchülerInnen auf keinen Fall der Gedanke verstärkt werden, dass die Lähmung als Strafe für die Sünden des Kranken anzusehen sei. Vielmehr sollte deutlich werden, dass diese Lähmung den ganzen Menschen erfasst hat, also nicht nur eine körperliche ist, sondern auch eine psychische und soziale. Entsprechend muss die Heilung als eine ganzheitliche erscheinen, die die Lähmung des Menschen in seiner Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu den anderen Menschen löst.  
  Wie eine unterrichtliche Konkretisierung dieser didaktischen Perspektiven aussehen könnte, soll zum Schluss wenigstens noch kurz angedeutet werden.  
  Ausdrücklich verweisen möchte ich hier zunächst auf die interessanten Ausführungen Ingo Baldermanns (33-42). Sein spezifischer Ansatz liegt darin, dass er der Arbeit mit Wundergeschichten eine intensive Beschäftigung mit Psalmen vorausgehen lässt. Erst wenn die Kinder die Worte der Psalmen zu ihren eigenen gemacht und etwa den Psalmvers "Gelähmt sind mir Hände und Füße" (Ps 22,17) mit ihren Erfahrungen gefüllt hätten, könnten sie sich mit dem Gelähmten aus der Markusperikope identifizieren und würden diesen nicht mehr aus der Mitleidsperspektive betrachten. Ob dieser Weg über die Psalmen tatsächlich der einzig mögliche ist, wie Baldermann meint, sei dahingestellt; ein ernsthaft zu erprobender ist er gewiss.  
  Eine andere Zugangsmöglichkeit scheint mir zu sein, über eine Einfühlübung (vgl. Berg) oder eine Geschichte ein empathisches Verstehen der Lebensumstände eines Behinderten in der heutigen Zeit anzubahnen. Für Grundschulkinder könnte die kurze Erzählung "Humpel-Schrumpelherz" von Elisabeth Zöller mit (M1) diese Funktion übernehmen, da sie die psychische und soziale Dimension von Behinderung sehr deutlich zeigt und damit ein entsprechendes Verständnis auch der biblischen Geschichte eröffnet. Auch eine Betrachtung des Bildes von Relindes Agethen (vgl. Halbfas 320-324) wäre hier hilfreich - sofern die LehrerIn nicht zu starke innere Widerstände gegen dieses Kunstwerk hat.  
  In Klassen der Sekundarstufe I könnte die Arbeit mit bibliodramatischen Elementen einen ganzheitlichen Zugang zu der Wundergeschichte ermöglichen. Wertvolle Anregungen hierzu findet man bei Pohlmann und Wittler-Morgen.  
  Wer in höheren Klassen (ab 10.) einen mehr kognitiven, aber dennoch kreativen Zugang bevorzugt, könnte mit dem sog. Titelspiel (vgl. Berg) richtig liegen. Hier wird den SchülerInnen der ganze Bibeltext und eine Auswahl unterschiedlich akzentuierter Überschriften an die Hand gegeben (ein von mir erstelltes Beispiel in (M2). In Kleingruppen sollen die Überschriften diskutiert und zensiert werden. Schließlich soll jede Gruppe ihren bevorzugten Titel (oder als Alternative einen eigenen Vorschlag) vorstellen. Die Unterschiedlichkeit der Sichtweisen kann zu kognitiven Dissonanzen führen und dadurch ein Interesse an einer weiteren Erarbei-tung des Textes eröffnen. Zum Abschluss sollte mit gestalterischen Verfahren eine subjektive Aneignung des Textes ermöglicht werden (vgl. den Methodenüberblick bei Berg 18-31).  
     
 
 
     
  Materialien  
  M1  
  Humpel-Schrumpelherz "Warum immer ich, warum immer ich...?" Klaus steht dort. Er preßt sich die Faust in den Mund. Die Unterlippe zittert. Klaus' ganzes Gesicht zittert. Gleich weint er. Aber er will nicht weinen. Er darf nicht weinen. Er kennt das ja schon. Sie ärgern ihn immer, weil er anders geht als die andern, weil er anders springt als die andern. Weil er anders ist als die andern. Mit Mama hat er drüber gesprochen. Einmal. Sonst bleibt das alles in ihm drin. Da kommt keiner dran. Er selbst kaum. Mama hat gesagt: "Du bist genauso wie alle anderen Kinder. Du fühlst doch alles genauso." Bei Mama konnte er weinen. Das tat gut. Weinen tut manchmal gut, aber nur, wenn die andern es nicht sehen. Da ruft der Edi auch schon: "Hey, Humpel, komm doch mal her, du komische Type!" Aber er geht nicht zu denen, die ihn auslachen. Er dreht sich um. Da sagt der Edi: "Humpels haben ein Humpelherz." "Schrumpelherz!" kreischt Conny. Und alle biegen sich vor Lachen. Da geht er weg mit seinem Humpel-Schrumpelherz. Ganz allein. Wenn man immer allein ist, denkt er, vielleicht kriegt man dann wirklich ein Schrumpelherz.  
 
Elisabeth Zöller, in: Kaiser 16f.
 
     
  M2  
 
  1. Gotteslästerung in Kafarnaum: Größenwahnsinniger Rabbi behauptet, Sünden vergeben zu können
  2. Kafarnaum: Flachdach mutwillig zerstört
  3. Wunderheilung in Galiläa: Gelähmter kann wieder laufen
  4. Aufwiegler verletzt religiöse Gefühle: Rufe nach Schutz der rechtgläubigen Mehrheit werden lauter
  5. Alternativmedizin im Kommen: Psycho-Guru heilt Gelähmte ohne Operation
  6. Offenbarung in Kafarnaum: Jesus von Nazareth hat Vollmacht, Sünden zu vergeben
  7. Wanderprediger zieht Volksmenge in seinen Bann - Angebliche Wunderheilung löst religiöse Ekstase aus
  8. Streit um religiöse Ordnung: Frage der Sündenvergebung bleibt strittig
  9. Durch Sündenvergebung geheilt: Lahmer kann wieder gehen
  10. Schriftgelehrten das Maul gestopft: Wunderheilung beweist Jesu göttliche Vollmacht
 
     
 
 
 

zu I:

Drewermann, E., Das Markusevangelium I, Olten 41989.

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Fuchs, O., Heilen und befreien. Der Dienst am Nächsten als Ernstfall von Kirche und Pastoral, Düsseldorf  1990.

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Wittler-Morgen, H., „Die Heilung des Gelähmten“. Bibliodramaarbeit mit einer Klasse 9 Realschule, in: entwurf 1/92, 22-25.