"Eine sehr eigenartige Geschichte":  
  Jesus verflucht einen Feigenbaum (Mk 11,12-14.20-25)  
 
Thomas Breuer* (08.08.2002)
 
     
  I.  
  Die Perikope von der Verfluchung eines Feigenbaums hat immer wieder für Irritationen gesorgt und auch Gegner des Christentums in ihrer Haltung bestärkt. So kann man beispielsweise in Russells Buch "Warum ich kein Christ bin" lesen: "Das ist eine sehr eigenartige Geschichte, weil man dem Feigenbaum wirklich keinen Vorwurf daraus machen konnte, dass es nicht die rechte Jahreszeit für Feigen war. Ich meinerseits kann nicht finden, dass Christus an Weisheit oder Tugend ganz so hoch steht wie einige andere geschichtliche Persönlichkeiten" (er nennt u.a. Buddha oder Sokrates).[1]  
  Aber auch christliche Exegeten finden unsere Geschichte "sonderbar" (Schweizer, Giesen), "fremdartig" (Gnilka) und schwierig; sie falle "inhaltlich wie gattungsmäßig aus dem Rahmen" (P. v. Gemünden). Das hier berichtete Verhalten passe "zumindest sehr, sehr schwer in unser normales Jesusbild" [2].  
  Wie können diese Schwierigkeiten gelöst werden? Schauen wir uns verschiedene Lösungsversuche an:  
     
  1. Symbolische Deutung auf Israel  
  Für die allermeisten Exegeten zielt die Verfluchung des Feigenbaums auf Israel. Einige wenige Beispiele:  
  Für Schweizer ist die Verfluchung des Feigenbaums "von Anfang an symbolisch zu verstehen" und meint "das keine Frucht bringende Israel (bzw. seine Schriftgelehrten oder Priester)". Wahrscheinlich sei die Geschichte aus einem Wort Jesu entstanden. Sie sei erzählt worden, um den Ernst seiner Drohung zu unterstreichen. Markus deute die Geschichte so, dass Jesus mit seinem Fluch jenes Israel meine, das seinen Tempel nicht Jesus und damit allen Völkern öffne. Ebenso meint Kertelge: "Über Israel, das sich dem Anspruch der von Jesus verkündeten nahegekommenen Gottesherrschaft verweigert, ergeht das Gericht."[3] Drastisch formuliert Giesen: "Der Feigenbaum versinnbildet Israel, das keine Frucht hervorbringt und deshalb seine Privilegien als Gottesvolk verliert." (S. 99). Israel sei "geistig tot" (S. 109).  
  Auch Maria Trautmann hat keine Zweifel, dass sich das Feigenbaumgeschehen bei Markus nur als "zeichenhaftes Ereignis für die erfolgte schuldhafte ‚Verdorrung' Israels" begreifen lässt; Israel sei für Markus aufgrund seines Unglaubens "unwiderruflich" untergegangen [4]. Bereits die vormarkinische Überlieferung habe mit dem Fluchwort Geschichte und Geschick Israels in dem Sinne gedeutet, dass Israel nicht mehr Ort des Heils sein werde. Nur das Thema der Verdorrung sei erst später, nach dem tatsächlichen Untergang Israels, angefügt worden [5].  
  Die Exegeten, die diese Deutung vertreten, verweisen zur Begründung auf den alttestamentlich-prophetischen Bildschatz:  
 
  • Mi 7,1: Weh mir! Es geht mir wie nach der Obsternte, wie bei der Nachlese im Weinberg: Keine Traube ist mehr da zum Essen, keine von den Frühfeigen, die mein Herz begehrt.
  • Jer 8,13: Will ich bei ihnen ernten - Spruch des Herrn -, so sind keine Trauben am Weinstock, keine Feigen am Feigenbaum, und das Laub ist verwelkt. Darum habe ich für sie Verwüster bestellt.
  • Joel 1,7: Es hat meinen Weinstock verwüstet, meinen Feigenbaum völlig verstümmelt. Abgeschält ließ es ihn liegen, die Zweige starren bleich in die Luft.
  • Hos 9,10.16f: Wie man Trauben findet in der Wüste, so fand ich Israel; wie die erste Frucht am jungen Feigenbaum, so sah ich eure Väter. Sie aber kamen nach Baal-Pegor und weihten sich dem schändlichen Gott; sie wurden so abscheulich wie der, den sie liebten. Efraim ist zerschlagen, seine Wurzeln sind verdorrt, sie bringen keine Frucht mehr hervor.
 
  Gegen diese Argumentation ist darauf hingewiesen worden, dass sich eine Verfluchung in keiner dieser alttestamentlichen Stellen finden lasse und zudem der Feigenbaum kein stehendes Bild für Israel sei; dieses sei der Weinberg.  
  Wenn man sich die Formulierungen unserer Exegeten anschaut, wird darüber hinaus deutlich, dass hier noch ganz andere Motive eine Rolle spielen. Besonders deutlich wird das in Formulierung von Gnilka: "Des Sinnes seines Daseins beraubt, wird der verdorrte Feigenbaum zum Ausdruck der Verwerfung Israels beziehungsweise zum Sinnbild dafür, daß Israel aufgehört hat, Gottes erwähltes Volk zu sein. Damit ist kein Urteil über den einzelnen Israeliten gefällt, aber im heilsgeschichtlichen Sinn ein Schlußstrich unter die Geschichte Gottes mit seinem Volk gezogen."[6]  
  Diese als "Substitutionstheorie" bekannte Meinung: "Die christliche Kirche 'ersetzt' Israel!" prägt offenbar das Vorverständnis so stark, dass das Ergebnis faktisch präjudiziert wird. Zu Recht gibt Pesch zu bedenken, die symbolische Deutung auf Israel trage antijüdische Tendenzen in das Neue Testament ein, "von denen abzurücken christliche Theologie mehr denn je verpflichtet ist" [7].  
  Einen anderen Einwand trägt Limbeck vor: Für ihn zieht die symbolische Deutung der Perikope den Verdacht auf sich, man wolle Jesus entlasten, um das herkömmliche Bild vom barmherzigen und gütigen Jesus retten zu können [8].  
     
  2. Deutung als historisches Ereignis  
  Den Vorwurf, sie wolle Jesus entlasten, kann man Maria Trautmann kaum machen, denn sie führt diese symbolische Deutung schon auf Jesus selbst zurück. Sie spricht von der "totale[n] Absage Jesu an Israel" [9]. Der Fluch Jesu besage die künftige soteriologische Bedeutungslosigkeit Israels, d.h. aus Israel werde kein Heil mehr kommen [10]. Allerdings möchte sie dieses Wort nicht als "quasi magische Zukunftsbannung" verstanden wissen, sondern als "performatives Ereignis" [11], als letzten "eindringlichen Appell an das ungläubig verstockte Volk" [12].  
  Während Trautmann trotz Abschwächung die antijudaistische Deutung letztlich im Kern auf Jesus selbst zurück führt, lehnt Pesch eine solche Interpretation entschieden ab. Die von ihm angebotene Alternative ist allerdings ebenfalls äußerst schwach:  
  "Unsere Fluchwundergeschichte [...] wird als berichtende Erzählung ihren Erzählanlaß im erzählten Ereignis selbst haben: Jesus hat einen Feigenbaum verflucht, der am folgenden Tag verdorrt war."[13] Sofern die Verfluchung des Feigenbaumes als historisches Ereignis auf denselben Tag wie die Aktion im Tempel datiere, könne auf "eine aggressive Stimmungslage Jesu" geschlossen werden [14].  
  Diese Kombination aus Historisierung und Psychologisierung vermag kaum zu überzeugen. Auch die von ihm herangezogene Beobachtung, dass noch heute Oasenbewohner in der Sahara mit ihren Dattelpalmen reden und diese bedrohen, es also durchaus die Möglichkeit psychischer Einwirkung auf das pflanzliche Wachstum gebe, wirkt wie eine bloßes Hilfsargument. Möchte Pesch uns allen Ernstes einreden, der Feigenbaum sei von Jesu Fluch in seiner Psyche so verletzt worden, dass er am nächsten Tag verdorrt gewesen sei?  
  Pesch tendiert außerdem dazu, in V.22f ein genuines Jesuswort zu erblicken. Wenn dies zutreffe, dann habe Jesus die Macht seines Wortes als Macht des Glaubens gedeutet. . Gegen diese Interpretation spricht allerdings die Tatsache, dass bei der Verfluchung des Feigenbaums das Motiv des Glaubens oder des Gebetes nicht angedeutet ist und diese Verse wohl von Markus redaktionell angefügt wurden [15].  
  Wie für Pesch besteht auch für Limbeck keine zwingende Notwendigkeit, unserer Erzählung die Geschichtlichkeit abzusprechen. Auslösender Faktor sei Jesu Hunger gewesen. Hatte er denn in Betanien kein Frühstück erhalten?, könnte man fragen. Doch, davon dürfe man durchaus ausgehen. Aber, so werden wir belehrt, "ein solches Hungergefühl [sei] gerade bei dem denkbar, der einer bevorstehenden Entscheidung ‚entgegenfiebert'". Eine anstehende Auseinandersetzung könne nicht nur auf den Magen schlagen, sie könne auch Appetit machen. Jesus habe sich dann von einem üppig aussehenden Feigenbaum anziehen lassen und dabei die Hoffnung gehabt, ein paar Früchte ernten zu können. Als sich dies als Irrtum herausgestellt habe, habe der Baum für Jesus "blitzartig" eine beispielhafte Bedeutung gewinnen können: Auch das, was Israel im Tempel bot, der von weither Menschen anzog, war nichts. Dieser Zustand aber sollte ein Ende haben - also kein Tempelgottesdienst mehr![16] - Gegen diese Argumentation kann man zunächst die gleichen Einwände erheben wie gegen Pesch: Auch Limbeck nimmt den Markustext zu sehr als historische Reportage, in die er dann etwas hineinpsychologisiert. Woher will Limbeck denn wissen , dass Jesus Appetit auf eine Auseinandersetzung hatte? Oder soll er sich etwa Mut angegessen haben, so wie andere Leute sich Mut antrinken? Außerdem steht und fällt die Argumentation Limbecks mit seiner Interpretation der Tempelperikope. Diese aber steht auf durchaus wackligen Füßen. Denn dass Jesus mit dem ganzen Tempelkult aufräumen wollte, lässt sich historisch kaum verifizieren. Viel wahrscheinlicher ist, dass man Jesu Verhältnis zum Tempel in Analogie zu einer anderen zentralen jüdischen Einrichtung deuten muss: Ich meine den Sabbat. Auch den wollte Jesus trotz der Kritik an einer bestimmten Interpretation der Sabbatheiligung bekanntlich keineswegs abschaffen. Ähnlich dürfen wir uns sein Verhältnis zum Tempel vorstellen.  
     
  3. Deutung als ätiologische Legende  
  Manche Exegeten erwägen die Möglichkeit einer ätiologischen Sage: Dieser Baum habe in der Zeit der Urgemeinde wirklich am Weg von Betanien nach Jerusalem gestanden (so Schwartz 1904). Doch die Existenz eines solchen Baumes ist nicht zu beweisen. Es fehlen genauere Angaben zur Lokalität. Und man müsste auch fragen, welches theologische oder historische Interesse hinter einer solchen Ätiologie stehen sollte. Völlig unklar bleibt schließlich, welche zentrale Bedeutung dieser Ort im Urchristentum gehabt haben soll, dass es zu einer derartigen Legendenbildung kam [17].  
     
  4. Deutung als umgeformtes Gleichnis  
  Grundmann u.a. wollen eine Beziehung zum Gleichnistext im Lukasevangelium (Lk 13,6-9) herstellen. Das Gleichnis sei in eine Geschichte umgesetzt worden. Gegen eine Dramatisierung des Lukas-Gleichnisses spricht allerdings manches, u.a. dass es dort der Weinbergbesitzer ist, der Frucht an seinem Feigenbaum sucht - wobei dieser wohl eine Metapher für Gott darstellt -, weiterhin, dass der dortige Baum schon drei Jahre lang ohne Frucht geblieben ist, vor allem aber, dass jenem Baum noch eine letzte Frist eingeräumt wird und das Ergebnis letztlich offen bleibt. [18].  
     
  5. Deutung als Umbildung einer Fabel  
  Petra von Gemünden, die über "Vegetationsmetaphorik im Neuen Testament und seiner Umwelt" gearbeitet hat, rechnet mit der Möglichkeit der Umbildung einer Fabel. Sie konstatiert: "Die formgeschichtliche Singularität der Verfluchungsgeschichte innerhalb des urchristlichen Formenschatzes lässt fragen, ob ihr eine andere Gattung zugrunde liegen könnte. Das Gespräch mit einem Baum, das die Pflanze als menschlichen Partner erscheinen lässt, ist gattungsspezifisch für die Fabel."[19] Wir kennen ja die Jotamfabel aus dem Buch Richter (Ri 9,8-15). Ähnliche Rangstreitfabeln sind aus dem Frühjudentum bekannt. Petra von Gemünden verweist aber vor allem auf die Achikar-Fabel:  
 
  "Mein Sohn, du warst mir wie eine Palme, die am Wegrand stand, von der man aber keine Frucht pflückte. Ihr Besitzer kam und wollte sie ausreissen. Da sprach die Palme zu ihm: Gestatte mir noch ein Jahr und ich bringe dir Karthamen (= Safran). Ihr Besitzer antwortete: Unglückliche! Du hast deine eigene Frucht nicht hervorgebracht, wie solltest du denn eine fremde hervorbringen!"[20]
 
  Der Gattung Fabel entsprechend thematisiert dieser Text die Notwendigkeit ethischen Verhaltens. Von Gemünden hält es für wahrscheinlich, dass diese ethische Komponente in der Feigenbaumperikope durch eine eschatologische Konnotation intensiviert worden sei. Die Aussage laute dann: Der Mensch soll immer Früchte bringen - gerade aber angesichts des Erscheinens des Messias [21].  
  Eine weitere Dimension erhalte die Geschichte, wenn man bedenke, dass Bäume im antiken Kontext sehr eng mit Herrschaft, Herrschern und ihrem Einflussbereich verbunden gewesen seien. So gab es in Rom einen Feigenbaum, unter dem der Legende nach Romulus und Remus von der berühmen Wölfin gesäugt worden waren. Als dieser Baum im Jahre 58 n.Chr. einzugehen schien, wurde dies als böses Omen gewertet, bis glücklicherweise neue Schösslinge zum Vorschein kamen. Ebenso wurde im Kontext des Kaiserkults das Wachsen von Bäumen als gutes, ihr Absterben als schlechtes Vorzeichen verstanden. Von Gemünden schließt daraus, dass auch bei Markus eine solche Konnotation mitspielen könnte. Die Feigenbaumperikope symbolisiere dann einen "eschatologischen Machtwechsel": Die alten Herrschaftskreise, die ethisch versagt hätten und keine Früchte hervorgebracht hätten, würden abgelöst durch den Messias, der die geforderte Fruchtbarkeit wieder herstellen werde [22].  
  Trotz mancher interessanter Beobachtungen bleibt auch an dieser insgesamt durchaus sympathischen Deutung vieles spekulativ: Die Kenntnis der Achikar-Fabel kann nur vermutet werden, zumal sie sogar in den Elephantinetexten fehlt. Aber selbst wenn die Fabel allgemein bekannt war, kann man daraus die Umformung in ein Fluchwunder kaum direkt ableiten. Ebenso offen bleiben muss der Bezug zur antik-römischen Rede von wachsenden und welkenden Bäumen, zumal Markus wohl wesentlich stärker in einem diaspora-jüdischen als in einem heidnisch-römischen Milieu verankert war.  
     
  6. Deutung als apokalyptisches Wort  
  Bartsch u.a. vermuten hinter der Geschichte ein apokalyptisches Jesus-Wort. Dieses von apokalyptischer Naherwartung geprägte Wort habe besagen wollen, dass die Endereignisse so bald hereinbrechen, dass der Feigenbaum keine Frucht mehr tragen wird. Als die Gemeinde dann die Erfahrung gemacht habe, dass das Sterben Jesu nicht Endereignis war, habe man das Wort nur noch als Fluchwort verstehen können. Aufgrund der Parusieverzögerung sei also das apokalyptische Wort in ein Strafwunder transformiert worden.  
  Für diese Deutung spricht, dass der Feigenbaum auch in Mk 13,28f ("Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht".) eschatologische Bedeutung hat, dagegen, dass man dann mit einer erheblichen Umdeutung eines ursprünglichen Jesus-Logion rechnen muss.  
     
  7. Deutung als Verzichtserklärung Jesu  
  Eine gewisse Verwandtschaft zur apokalyptischen Deutung weist der Versuch einer Rückübersetzung des markinischen Wortes Jesu ins Aramäische durch Günther Schwarz auf. Schwarz rechnet damit, dass derjenige, der Jesu Satz ins Griechische übersetzt hat, mehrere Fehler gemacht habe. Das ursprüngliche Wort Jesu habe in wörtlich in deutscher Übersetzung gelautet: "Nie mehr wird jemand essen eine Frucht von dir!". Dabei sei "jemand" eine verhüllende Umschreibung für "ich". Damit habe dieser Satz formale Parallelen zu Mk 14,25: "Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes." Hier erklärt Jesus angesichts seines bevorstehenden Todes seinen Verzicht auf Weingenuss. Ähnlich habe er gegenüber dem Feigenbaum seinen Verzicht erklärt, künftig von ihm zu essen. Danach handelt es sich also eher um ein Abschiedswort Jesu, das erst durch die Fehlübersetzung zu einem Fluchwort geworden sei.  
  Diese Argumentation hat eine gewisse Überzeugungskraft. Bekanntlich hat Jesus tatsächlich nicht griechisch, sondern aramäisch gesprochen und Übersetzungsfehler sind durchaus möglich, zumal mit einer Sprache immer auch eine bestimmte Denkweise verbunden ist. Auch der Hinweis auf die verhüllende Sprechweise lässt sich durch Beispiele erhärten. Schließlich liegt in dem allgemein als echt angenommenen Jesuswort beim letzten Mahl eine gewisse Parallelbildung vor.  
  Dennoch bleiben auch hier Unklarheiten und Zweifel. Zunächst: Kann man angesichts der deutlich verschiedenen Situation: hier Abschiedsmahl, dort zufälliges Vorbeikommen an einem Feigenbaum - tatsächlich mit ähnlichen inhaltsschweren Aussprüchen rechnen? Sodann: Kann man überhaupt davon ausgehen, dass ein bei einer solchen Gelegenheit gesprochenes Wort Jesu wortwörtlich weiter tradiert worden ist? Schließlich: Bleibt die Rückübersetzung ins Aramäische nicht notwendigerweise immer mit Unsicherheiten behaftet?  
  Dies zeigt sich, wenn man vergleichend auf die Deutung von Christfried Böttrich blickt. Auch er hält eine Rückübersetzung für sinnvoll. Er glaubt allerdings, dass es sich nicht um eine schwurartige Verzichtserklärung Jesu, sondern um ein "lapidares"[23] "Wort des Bedauerns"[24] gehandelt habe, das man folgendermaßen paraphrasieren könne: "Nun - so wird niemand mehr von dir Frucht essen können".[25] Um erklären zu können, warum dieses lapidare Wort weiter tradiert wurde, wird daraus allerdings in seiner weiteren Argumentation zunächst ein "originelle[s] Wort"[26] , dann sogar ein "markante[s], provozierende[s] Wort"[27] , womit er dann letztlich wieder die Deutung als apokalypisches Wort vertritt. Natürlich muss auch er dann mit einer nachösterlichen Verständnisverschiebung rechnen: Im Rückblick auf das Passionsgeschehen sei der Feigenbaum den urchristlichen Tradenten als Symbol für jene erschienen, die Jesus den Glauben versagt hatten [28].  
     
  II.  
  Am Ende ist man nicht viel schlauer als am Anfang. "Vorhang zu - und alle Fragen offen?" Vielleicht nicht ganz! Ich möchte versuchen, einige wenige Klärungen vorzunehmen, ohne den Anspruch zu erheben, nun meinerseits den Stein des Weisen gefunden zu haben. Alle Versuche, hier einen historischen Bericht zu erblicken, führen zu gewundenen Erklärungsversuchen. Relativ leicht kann man noch erläutern, warum Jesus nach Feigen suchte, obwohl es nicht die Zeit der Feigen war. Die meisten Sorten bringen nämlich mindestens zwei Generationen von Früchten hervor. Relevant für unsere Geschichte sind die Frühjahrsfeigen, die am Holz des Vorjahres angelegt werden. Wenn der Winter mild war, können Sie im nächsten Frühjahr zu Ende reifen. Zwar sind diese als besonders wohlschmeckend geltenden Feigen erst im Mai/Juni ganz reif, doch kann man vereinzelte Frühfeigen wohl schon im März/April genießen, wenn nach dem Winter neue Blätter treiben. Jesus konnte also durchaus die Hoffnung haben, einige Feigen zu finden, obwohl es noch nicht die Zeit der Feigen war, doch war diese Erwartung nicht zwingend [29].  
  Insoweit ist die Situationsangabe, dass Jesus in der Passazeit nach Feigen gesucht, diese aber nicht gefunden habe, durchaus historisch vorstellbar. Ich halte es sogar für denkbar und auch wahrscheinlich, dass Jesus angesichts dieses Vorfalls ein Wort gesprochen hat, aus dem heraus später unsere Geschichte entwickelt wurde. Jedenfalls weisen die Versuche, eine freie Komposition oder eine Umformung aus einem Gleichnis oder aus einer Fabel anzunehmen, keineswegs eine größere Plausibilität auf. Die Annahme eines ursprünglichen Jesus-Logions hat also durchaus etwas für sich. Allerdings haben sämtliche weiteren Züge der markinischen Erzählung, so etwa der Hunger Jesu, literarischen und nicht historischen Charakter. Das gilt auch für die Gestaltung dieses Wortes als Fluchwort. Ein solcher Fluch widerspricht zu sehr der Haltung Jesu, wie sie uns ansonsten in den Evangelien begegnet. So heißt etwa in der lukanischen Feldrede: "Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln" (Lk 6,28). Sollte Jesus tatsächlich angesichts des fruchtlosen Feigenbaums einen Fluch ausgestoßen haben, so müsste er - um es einmal salopp zu sagen - an diesem Tage schon arg schlecht drauf gewesen sein (vgl. die "aggressive Stimmungslage" bei Pesch). Doch sind solche Überlegungen zwar nicht aus dogmatischen, wohl aber aus methodischen Gründen unstatthaft. Man sollte also besser ohne die Annahme einer solchen Entgleisung Jesu auskommen. Und ich denke, das kann man auch, ohne in den Verdacht der verharmlosenden Beschönigung zu geraten. Denn dass Jesu Worte durchaus des öfteren den Bereich der bürgerlichen Wohlanständigkeit verließen, das zeigen uns die Evangelien so deutlich, dass es für einen kritischen Historiker unmöglich ist, diese Züge aus dem Wirken Jesu zu eliminieren. Und wenn Jesus immer nur allen wohl und niemand weh gewesen wäre, dann wäre er wohl kaum den Verbrechertod am Kreuz gestorben. Über den Wortlaut des Jesus-Wortes möchte ich nicht spekulieren. Angesichts der offenkundigen Symbolik - es geht um das Tragen von Früchten! - legt sich aber eine Art Gerichtswort nahe. Nun gibt es aber sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament eine literarische Gattung, die unter formalen Gesichtspunkten eine gewisse Verwandtschaft zu den Fluchformeln aufweist: dies sind die sog. Weherufe [30]. Diese finden wir beispielsweise ebenfalls in der Feldrede, als Gegenstück zu den Seligpreisungen. Im Alten Testament finden wir sie etwa bei Jesaja im 5. Kap., wo sie sich gegen die Oberschicht in Juda richten, der ethisches Versagen vorgeworfen wird. Besonders sprechend scheint mir Zef 3,1-4 zu sein, wo es über Jerusalem heißt:  
  "Weh der trotzigen, der schmutzigen, der gewalttätigen Stadt. Sie will nicht hören und nimmt sich keine Warnung zu Herzen. Sie verlässt sich nicht auf den Herrn und sucht nicht die Nähe ihres Gottes. Ihre Fürsten sind brüllende Löwen. Ihre Richter sind wie Wölfe der Steppe, die bis zum Morgen keinen Knochen mehr übriglassen. Ihre Propheten sind freche Betrüger. Ihre Priester entweihen das Heilige und tun Gewalt dem Gesetz an."  
  Ein Weheruf ähnlichen Gehalts über die Führer Jerusalems, symbolisiert im Feigenbaum, würde durchaus in das Wirken Jesu passen und zugleich die Umformung in eine Fluchgeschichte vergleichsweise einfach erklären [31]. Doch kommt natürlich auch dieser Deutungsversuch nicht über den Status einer Hypothese hinaus.  
  Auf vergleichsweise sicherem Boden befinden wir uns hingegen, wenn wir über die Bedeutung der Erzählung bei Markus nachdenken. Der Evangelist hat den Text, den er wohl weitgehend der urchristlichen Überlieferung entnommen hat, in für ihn charakteristischer Weise arrangiert. Man spricht hier von der sogenannten Sandwich-Technik. Markus hat die Feigenbaumgeschichte in zwei Hälften geteilt und mit der Tempelgeschichte gefüllt. Das deutet darauf hin, dass er sie bei der Interpretation aufeinander bezogen wissen möchte. Bei der Aktion im Tempel werden als Jesu Opponenten aber eindeutig die Hohenpriester und die Schriftgelehrten vorgestellt. Keineswegs steht bei Markus ganz Israel Jesus ablehnend gegenüber. Im Gegenteil heißt es sogar, dass alle Leute von Jesu Lehre sehr beeindruckt waren (Mk 11,18). Später in Kap. 12 wird eine arme Witwe als beispielhaft vorgestellt (Mk 12,41-44) und sogar von einem verständigen Schriftgelehrten heißt es, dass er nicht fern vom Reiche Gottes sei (Mk 12,28-34). Auch das diesen Texten vorangehende Gleichnis von den bösen Winzern (Mk 12,1-12) zeigt, dass nicht der Weinberg, also Israel als ganzes, dem Gericht verfällt, sondern die Weingärtner, der dem Weinbergbesitzer die Früchte vorenthalten. Man kann daher m.E. sagen, dass die in den meisten Kommentaren vorgenommene symbolische Deutung der Feigenbaumerzählung auf Israel, sicher falsch ist. Auch bei Markus geht es nicht um eine Verfluchung Israels, sondern um ein Wort gegen seine Führer, die sich nach der Überzeugung des Evangelisten durch ihr Verhalten selbst das Gericht zugesprochen haben. Weil er aber nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorne blicken möchte, hat der Evangelist an diese Geschichte die Mahnung zum rechten Glauben und zum rechten Gebet angefügt.  
     
  Abschließend möchte ich das Ergebnis nochmals in Thesenform zusammenfassen:  
  Die Geschichte von der Verfluchung eines Feigenbaums hat wahrscheinlich einen historischen Anhaltspunkt in einem Wort Jesu, doch lässt sich dieses nicht mehr genau rekonstruieren. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art Gerichtswort, vielleicht einen Weheruf, der sich aber nicht auf ganz Israel, sondern auf seine religiösen und politischen Führer als den Gegnern Jesu bezog. Dieses Wort ist wohl schon vormarkinisch in eine Fluchwundergeschichte transformiert worden, die symbolisch zu verstehen ist. Allerdings meint der Text auch in seiner Endgestalt nicht das ganze Volk Israel oder das Judentum, sondern die in das Passionsgeschehen involvierten Hohenpriester und Schriftgelehrten, von denen rückblickend gesagt wird, dass sie keine Frucht gebracht haben.  
     
 
 
     
  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
     
 
 
     
  Literatur:  
 
  • Bartsch, H. W.: Die "Verfluchung" des Feigenbaums: ZNW 53 (1962) 256-260.
  • Berger, Klaus: Der "brutale" Jesus. In: Bibel und Kirche 51 (1996) 119-127.
  • Böttrich, Christfried: Jesus und der Feigenbaum. Mk 11:12-14,20-25 in der Diskussion. In: Novum Testamentum 39,4 (1997) 328 - 359. Feneberg,
  • Rupert: Der Jude Jesus und die Heiden. Biographie und Theologie Jesu im Markusevangelium. Freiburg u.a. 2000.
  • Giesen, Heinz: Der verdorrte Feigenbaum - Eine symbolische Aussage? Zu Mk 11,12-14,20f. In: Biblische Zeitschrift 20 (1976) 95 - 111.
  • Gnilka, Joachim: Das Evangelium nach Markus, 2. Teilband. EKK II/2. Zürich-Einsiedeln-Köln 1979.
  • Grundmann, Walter: Das Evangelium nach Markus. ThHK 2. Berlin 31968.
  • Kertelge, Karl: Markusevangelium. NEB.NT 2. Würzburg 1994.
  • Kienle, Bettina von: Mk 11,12 - 14.20-25. Der verdorrte Feigenbaum. In: Biblische Notizen 57 (1991) 17 - 25.
  • Limbeck, Meinrad: Markus-Evangelium. SKK-NT 2. Stuttgart 51993.
  • Pesch, Rudolf: Das Markusevangelium., Bd. II. HThK 2. Freiburg-Basel-Wien 31984.
  • Schwartz E.: Der verfluchte Feigenbaum: ZNW 5 (1904) 80?84.
  • Schwarz, Günther: Jesus und der Feigenbaum am Wege (Mk 11,12-14.20-25 / Mt 21,18-22). In: Biblische Notizen 61 (1992) 36 - 37.
  • Schweizer, Eduard: Das Markusevangelium. NTD 1. Göttingen 71989.
  • Trautmann, Maria: Zeichenhafte Handlungen Jesu, 1980.
 
     
 

[1] Vortrag 1927, in: Warum ich kein Christ bin – über Religion, Moral und Humanität. Von der Unfreiheit der Christenmenschen, Reinbek 1992, 30f.

[2] Limbeck 156.

[3] Kertelge 112.

[4] Trautmann 327.

[5] Vgl. Trautmann 331f.

[6] Gnilka 125.

[7] Pesch 195.

[8] Limbeck 158.

[9] Trautmann 337.

[10] Vgl. Trautmann 338.

[11] Trautmann 339.

[12] Trautmann 341.

[13] Pesch 196.

[14] Pesch 200.

[15] Vgl. Pesch 196f.

[16] Limbeck 160.

[17] Vgl. von Kienle 18, Anm. 5.

[18] Vgl. Trautmann 328-330; von Gemünden 40, Anm.6.

[19] Von Gemünden 45.

[20] Zit. nach von Gemünden 44.

[21] Vgl. von Gemünden 45.

[22] Vgl. von Gemünden 49.

[23] Böttrich 349.

[24] Böttrich 348.

[25] Böttrich 349.

[26] Böttrich 349.

[27] Böttrich 351.

[28] Vgl. Böttrich 351.

[29] Vgl. Böttrich 338f.

[30] Vgl. Böttrich 347.

[31] Dass das frühe Christentum mit Strafwundern weniger Probleme hatte als wir heute, zeigt die verstörende Geschichte über Hananias und Saphira in Apg 5,1-11.