Die Bibel und der Heilige Krieg  
 
Werner Dierlamm* (22.05.2003)
 
   
  Einleitung  
  Ich möchte mich in meinen kurzen Referat gern an die Worte aus dem Einladungsprospekt halten: "An diesem Nachmittag sollen Schrifttexte und Traditionen der Gewalt in Bibel und Koran bearbeitet werden. Werden sie missbraucht? Wie gehen wir heute damit um?" Mein Part ist es, mich auf die Bibel und den Heiligen Krieg zu beschränken.
 
  Den Begriff "Heiliger Krieg" gibt es wörtlich in der ganzen Bibel nicht. Er ist in der alttestamentlichen Wissenschaft am Anfang des letzten Jahrhunderts aufgekommen. Mit ihm wurden speziell die Kriege bezeichnet, die Israel zur Eroberung des verheißenen Landes Kanaan geführt hat. Ich möchte aber den Begriff "Heiliger Krieg" erweitern und nicht nur auf die Kriege anwenden, die Menschen im Namen Gottes führen, sondern die Gott selbst führt, indem er mit seiner übermächtigen Gewalt seine Feinde besiegt.  
  Mein Referat hat demnach zwei Teile.  
  Zuerst werde ich in einem Gang durch die ganze Bibel signifikante Bibeltexte zusammenstellen, in denen von dem Heiligen Krieg die Rede ist, wie ich ihn oben beschrieben habe, der entweder von Menschen oder von Gott selbst geführt wird.  
  Im zweiten Teil werde ich dann meinen Kommentar dazu sagen: Werden diese Texte missbraucht? Wie gehen wir heute damit um?  
  Im Anhang bringe ich meinen Kommentar noch in Thesenform.  
   
  I. Bibelzitate zum Heiligen Krieg (Einheitsübersetzung)  
   
  Der Heilige Krieg in Altisrael  
  Exodus 15,21:  
  Mirjam sang ihnen vor: Singt dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Rosse und Wagen warf er ins Meer.  
  Exodus 17,15-16:  
  Und Mose baute einen Altar und nannte ihn: Der Herr mein Feldzeichen.Und er sprach: Die Hand an den Thron des Herrn! Der Herr führt Krieg gegen Amalek von Kind zu Kindeskind.
 
  Numeri 10,35-37:  
  Wenn die Lade aufbrach, sagte Mose: Steh auf, Herr, dann zerstreuen sich deine Feinde, dann fliehen deine Gegner vor dir.Und wenn man Halt machte, sagte er: Lass dich nieder, Herr, bei den zehntausendmal Tausenden Israels!
 
  Josua 11,5-6:  
 

Alle diese Könige taten sich zusammen, rückten heran und bezogen gemeinsam ihr Lager bei den Wassern von Meron, um den Kampf mit Israel aufzunehmen.Der Herr sagte zu Josua: Fürchte dich nicht vor ihnen! Denn morgen um diese Zeit werde ich sie alle erschlagen Israel zu Füßen legen...

 
  Josua 11,11:  
  Die Israeliten erschlugen alles, was in der Stadt lebte, mit scharfem Schwert und weihten es dem Untergang. Nichts Lebendiges blieb übrig. Die Stadt selbst steckte man in Brand.  
  Josua 11, 15-16:  
  Wie der Herr es seinem Knecht Mose befohlen hatte, so hatte es Mose Josua befohlen, und so führte Josua es aus: Er unterließ nichts von all dem, was der Herr dem Mose befohlen hatte. So nahm Josua das ganze Land ein...  
  Josua 11, 20:  
  Denn vom Herrn war beschlossen worden, ihr Herz angesichts des Kampfes mit Israel zu verhärten, um sie dem Untergang zu weihen; Israel sollte keine Gnade bei ihnen walten lassen, sondern sie ausrotten, wie der Herr dem Mose befohlen hatte.  
   
  Psalmen und Propheten  
  Psalm 2,4 wird der Aufstand der Völker gegen diesen mächtigen Gott beschrieben:  
  "Doch er, der im Himmel thront, lacht, der Herr verspottet sie  
  Psalm 2,9 sagt er zu seinem Gesalbten:  
  Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern  
  Jeremia 46,10- 11:  
  Doch jener Tag ist ein Tag der Rache für den Herrn, den Gott der Heere; er rächt sich an seinen Gegnern. Da frisst das Schwert, wird satt und trunken von ihrem Blut. Denn ein Schlachtfest hält der Herr, der Gott der Heere, im Lande des Nordens am Eufratstrom  
  In Jeremia 51, 20-23 wird Babel als Hammer Gottes bezeichnet:  
  Du warst mein Hammer, meine Waffe für den Krieg. Mit dir zerschlug ich Völker, mit dir stürzte ich Königreiche ,mit dir zerschlug ich Ross und Lenker, mit dir zerschlug ich Wagen und Fahrer, mit dir zerschlug ich Mann und Frau, mit dir zerschlug ich Greis und Kind, mit dir zerschlug ich Knabe und Mädchen, mit dir zerschlug ich Hirt und Herde, mit dir erschlug ich Bauer und Gespann, mit dir zerschlug ich Statthalter und Vorsteher Wenn aber sein Volk genug gestraft ist, verfällt auch der Vollstrecker des Gerichts dem Zorn Gottes
 
  Jeremia 51, 24-26:  
  Aber ich übe Vergeltung an Babel und an allen Bewohnern Chaldäas für alles Böse, das sie an Zion vor euren Augen verübten - Spruch des Herrn. Nun gehe ich gegen dich vor, du Berg des Verderbens, der die ganze Erde verdarb - Spruch des Herrn. Ich strecke meine Hand gegen dich aus, ich wälze dich weg von den Felsen und mache dich zum usgebrannten Berg. Man wird von dir keinen Eckstein und keinen Grundstein mehr holen, nein, Wüste bleibst du für immer - Spruch des Herrn.  
  In Ezechiel 38 und 39 beschreibt Ezechiel die endgültige Vernichtung aller Feinde Gottes in der endzeitlichen Schlacht, in der Gott über Gog im Lande Magog siegen wird :  
  Ezechiel 38, 18-19.21.23:  
  Und an jenem Tag, wird der Groll in mir aufsteigen. In meinem leidenschaftlichen Eifer, im Feuer meines Zorns schwöre ich: "An jenem Tag wird es im ganzen Land Israel ein gewaltiges Erdbeben geben... Dann rufe ich mein ganzes Bergland zum Krieg gegen Gog auf - Spruch Gottes, des Herrn. Da wird sich das Schwert des einen gegen den anderen wenden.....So werde ich mich als groß und heilig erweisen und mich vor den Augen vieler Völker zu erkennen geben. Dann werden sie erkennen, dass ich der Herr bin Im Buch Daniel wird dieser Sieg Gottes im Krieg gegen alle Weltreiche mit folgenden Worten beschrieben:
 
  Daniel 2, 44:  
  Zur Zeit jener Könige wird aber der Gott des Himmels ein Reich errichten, das in Ewigkeit nicht untergeht; dieses Reich wird er keinem anderen Volk überlassen. Es wird alle jene Reiche zermalmen und endgültig vernichten; es selbst aber wird in alle Ewigkeit bestehen  
   
  Neues Testament  
  Auch das Neue Testament enthält zahlreiche Stellen von der Gewalt Gottes, auch von der Gewalt der Hölle, die Jesus selbst androht. Aber den eigentlichen Krieg Gottes gegen seine Feinde finde ich nur im Buch der Offenbarung. Gott siegt durch seinen Gesalbten (kursiv gedruckt Zitate aus dem Alten Testament):  
  Offenbarung 19, 11-16:  
  Dann sah ich den Himmel offen, und siehe, da war ein weißes Pferd, und der, der auf ihm saß, heißt "Der Treue und Wahrhaftige" gerecht richtet er und führt er Krieg. Seine Augen waren wie Feuerflammen, und auf dem Haupt trug er viele Diademe; und auf ihm stand ein Name, den er allein kennt. Bekleidet war er mit einem blutgetränkten Gewand; und sein Name heißt "Das Wort Gottes". Die Heere des Himmels folgten ihm auf weißen Pferden; sie waren in reines weißes Leinen gekleidet. Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert; mit ihm wird er die Völker schlagen . Und er herrscht über sie mit eisernem Zepter, und er tritt die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung. Auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte trägt er den Namen: "König der Könige und Herr der Herren."  
  Nach der Fesselung des Satans für tausend Jahre (Offenbarung 20,2) kommt dieser frei zum letzten Kampf der gottlosen Welt mit Gott. Aus Gog im Lande Magog beim Propheten Ezechiel sind die beiden Völker Gog und Magog geworden, die im Namen des Teufels über die weite Erde ausschwärmen und das Lager der Heiligen umzingeln, aber von Gottes Feuer vernichtet und der ewigen Qual ausgeliefert werden.  
  Offenbarung 20,10:  
  Und der Teufel, ihr Verführer, wurde in den See von brennendem Schwefel geworfen, wo auch das Tier und der falsche Prophet sind. Tag und Nacht werden sie gequält, in alle Ewigkeit.  
  Offenbarung 20, 15:  
  Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen  
  Offenbarung 21, 8:  
  Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.

 
   
  II. Kommentar  
   
  A. Die Gewalt auf Erden und die Gewalt Gottes  
  Die ganze Bibel beschreibt realistisch die Gewalt, die auf Erden geschieht. Aber auch Gott selbst wird in der ganzen Bibel immer wieder als "gewaltig" beschrieben, wobei zu unterscheiden ist zwischen der Leben schaffenden Gewalt Gottes, z.B. in der Schöpfung und seiner vernichtenden Gewalt, wie sie uns in der Sintflut, aber auch in den Ereignissen begegnet, die wir als Heiligen Krieg bezeichnen. Während die Gewalttaten der Menschen in der Regel kritisiert werden, sehen die biblischen Schriftsteller in den Taten Gottes, auch wenn er tötet und vernichtet, ein gerechtes Gericht, einen gerechten Krieg. Gott wird auch nirgends das Recht bestritten, irdische Mächte als Instrumente seines Strafgerichts zu gebrauchen.
 
  Die Menschen, die an den alles wissenden und alles wirkenden Gott glauben, müssen alles, was geschieht, zwangsläufig als Gottes Tat verstehen. Weil das Geschehen auf Erden immer wieder überaus grausam ist, müssen sie sich ein düsteres Bild von Gott machen: je grausamer die Welt - desto tiefer die Sünde - desto brennender der Zorn Gottes - desto vernichtender die Strafgerichte. Aus der Erfahrung der Grausamkeit auf Erden entsteht so ein bestimmtes Gottesbild: das des zornigen, strafenden und vernichtenden Gottes, das Bild eines göttlichen Imperators. Gott hat als allmächtiger Herrscher Himmels und der Erden auch das uneingeschränkte Gewalt- und Strafmonopol. Alles, was er tut, ist gerecht.
 
  Dieses Bild, das sich Menschen zuerst von Gott machen, dient hernach zur Begründung und Rechtfertigung irdischer Imperien und ihrer Gewalt. Es heißt wohl in Römer 12, 19: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Aber in Wirklichkeit haben die Menschen diesem Gott das Gewaltmonopol keineswegs überlassen oder definitiv übertragen. Die irdischen Regierungen, ob religiös oder säkular, nehmen das Gewaltmonopol selbst in Anspruch. Auch die gläubigen Menschen, die persönlich keine Rache üben, sondern dem Zorn Gottes Raum geben wollen (Römer 12, 19), geben sich mit Gottes alleinigem Gewalt- und Strafmonopol nicht zufrieden Auch sie glauben, dass Gott sein Gericht an irdische Instanzen delegiert (vgl. das Rechtswesen im Alten Testament, Römer 13 im Neuen Testament). Und nun ist es naheliegend, dass das Bild vom göttlichen Herrscher, vom mächtigen und gerechten Gott zum bewussten oder unbewussten Leitbild auch für irdische Regierungen wird. Die Rechtsprechung irdischer Gerichte kann desto härter, unbarmherziger und maßloser werden, je mehr sie sich an Gottes grenzenlosen Machtmitteln und seiner vernichtenden Strafgewalt orientiert. Gemessen am maßlosen Zorn Gottes und seinen vernichtenden Gerichten in Zeit und Ewigkeit verblassen die Grausamkeiten irdischer Machthaber und werden so relativiert und gerechtfertigt. (CA 16 im Vergleich zu CA17). Und darum ist das Bild vom göttlichen Imperator, der ungemessene Macht hat und unangefochtenes Recht zum vernichtenden Strafgericht, politisch brisant und gefährlich. Es verführt zu Heiligen Kriegen, Kreuzzügen, gerechten Kriegen. So wurden, wie schon oft beschrieben, in der Geschichte des Christentums Ströme von Blut vergossen. Ich nenne nur besonders schlimme Höhepunkte des Blutvergießens: Die Eroberung Jerusalems bei den Kreuzzügen, die Ausrottung der Eingeborenen in Nord- und- Südamerika, die zwei Weltkriege, in der sich getaufte Christen gegenseitig töteten, den Judenmord im 3. Reich, der zwar nicht im Namen Jesu Christi, aber doch meist von getauften Christen an Juden vollzogen wurde.  
  Wir stehen vor der Frage, wie wir mit diesen Texten und ihrer Wirkungsgeschichte umgehen. Das ist aber auch eine Frage an unser Bibelverständnis.
 
   
  B. Die Überwindung der Gewalt - auch im Bild Gottes  
  Ich habe viele Texte über den Heiligen Krieg, über die Gewalt im Namen Gottes und die Gewalt-Taten Gottes selbst zitiert, die leicht durch viele andere ergänzt werden könnten. Und doch handelt es sich dabei nur um eine Stimme innerhalb der Bibel, der ganz andere Stimmen gegenüber stehen (vgl. die Zusammenstellung von Texten durch Prof. Walter Dietrich). Wie gehen wir mit der Stimmenvielfalt in der Bibel um? Dazu die folgenden Punkte.  
   
  1. Gegen das Instrumentalisieren und Ignorieren der Gewalttexte  
  Aus dem Bisherigen geht schon hervor, dass ich bestimmten Texten der Bibel kritisch gegenüber stehe. So kann ich auch anderen das Recht dazu nicht absprechen.  
  Ich wende mich aber dagegen, aus dem Faktum solcher Texte und ihrer Wirkungsgeschichte generell eine Waffe zum Kampf gegen Bibel, Kirche und Christentum zu schmieden, wie das etwa bei Franz Buggle, Karlheinz Deschner oder Gerd Lüdemann geschieht.  
  Andererseits halte ich es auch nicht für zulässig, Augen und Ohren vor diesen "dunklen Seiten Gottes" (so der Buchtitel der Werke von Walter Dietrich und Christian Link) zu verschließen, wozu vielleicht ein bequemes Christentum neigt, das sich durch die Härte biblischer Texte nicht stören lassen will.  
   
  2. Das Zeugnis der ganzen Bibel  
  Völlig einig bin ich mit all denen, die sich dem Zeugnis der ganzen Bibel öffnen und stellen wollen und darin die Grundlage für ein faires Urteil und die unerlässliche Voraussetzung für eine richtige Antwort auf unsere Frage sehen.  
  Es ist ja offenkundig, dass es in der Bibel, in diesem dicken Buch mit seiner über tausendjährigen Entstehungsgeschichte, zahllose und sehr verschiedene "Linien" und "Stimmen" gibt, die oft in Spannung zueinander stehen, einander zu widersprechen scheinen oder nachweisbar widersprechen.
 
  Wird es uns überhaupt gelingen, uns einen "Reim" auf alle diese Texte zu machen? Besteht nicht die Gefahr, dass diese Zeugnisse völlig auseinanderfallen und statt einer wohltönenden Sinfonie ein verwirrendes Stimmengewirr mit vielen Dissonanzen ergeben?  
   
  3. Die Suche nach einer "Mitte der Schrift"  
  Finden wir die Mitte der Bibel vielleicht  
   
  a) In dem einen Gott, dessen Zorn nichts ist als Ausdruck seiner Liebe?  
  Ich kann diese überlieferte Position nicht übernehmen. In der Konsequenz dieses Denkens müsste man die furchtbaren Fluchworte von Deuteronomium 28 ebenso wie die häufig wiederkehrenden Forderungen zur Hinrichtung von Gesetzesbrechern als Ausdruck der Liebe Gottes interpretieren und sogar - noch viel schlimmer - die ewige Qual der Verdammten in der Hölle als Liebeserweis Gottes verstehen, eine Deutung, die nur zum Zynismus führen kann und zu verheerenden Folgen, wenn sie etwa im Familienleben oder in der Weltpolitik Nachahmer finden sollte.
 
   
  b) In dem liebenden Gott, der alles verzeiht?  
  Andererseits scheint mir die Warnung, die biblische Botschaft nur auf die Karikatur des immer lieben und allzeit gnädigen Gottes zu reduzieren, durchaus angebracht und berechtigt zu sein. Das Gesamtzeugnis der Bibel lässt es nicht zu, nur von der Liebe Gottes unter Ausklammerung seines Gerichts zu sprechen. Soll sich denn der gewissenlose Verbrecher seiner Taten ewig brüsten dürfen? Das Unrecht auf Erden schreit nach dem gerechten Richter. Es ist aber für niemand ein Vergnügen, für seinen bösen Taten vor Gericht gestellt zuwerden. Und doch ist es notwendig und kann durchaus ein Akt der Liebe Gottes zum Rechtsbrecher sein. Aber richten heißt nicht hinrichten, vernichten, maßlos quälen.
 
   
  c) In dem Gott, der über alle seine Feinde siegt?  
  Es ist kein Zweifel, dass das Gesamtzeugnis der Bibel auf diesen Sieg hinausläuft. So endet am Ende des Neuen Testaments auch die Geschichte der "heiligen Kriege" Gottes gegen alle seine Feinde. Die Alleinherrschaft Gottes, dass er unbesiegbar ist, dass er das letzte Wort behält, ist eine Botschaft, die sozusagen die ganze Bibel wie ein eisernes Band zusammenhält. Aber ist es eine gute, eine tröstliche Botschaft, ein Evangelium? Schwerlich, solange das Bild Gottes zwischen Liebe und Barmherzigkeit, Zorn und Grausamkeit ständig hin und herschwankt.  
   
  4. Auf der Suche nach dem Evangelium als Mitte der Schrift  
  Ist es unzulässig, nach der Guten Nachricht, nach dem Evangelium inmitten der vielen Texte der Bibel zu fragen? Es kann doch nicht bestritten werden, dass unzählige Menschen in der Bibel das Evangelium gefunden haben und immer wieder finden! Das Evangelium in der Bibel kann gefunden und beschrieben werden , z.B. als Befreiung der Versklavten, Rettung der Verlorenen, Erlösung vom Bösen, Versöhnung der Verfeindeten, Frieden im Reiche Gottes. Für jedes dieser Stichworte können Beispiele, Worte und Geschichten aus der ganzen Bibel angeführt werden. Es muss aber durch Glaube und Vertrauen das Interesse dafür geweckt und das Auge dafür geschärft werden.  
   
  5. Die überlieferte Antwort: Jesus Christus  
  Ich kann die in der ganzen Geschichte der Christenheit überlieferte Antwort auf die Frage, wo die Mitte der Heiligen Schrift sei, nicht unerwähnt lassen. Sie lautete bisher immer: In Jesus Christus. Mit ihm sind aufs Engste die oben genannten Stichworte für das Evangelium inmitten der Bibel verknüpft, nämlich: Befreiung der Versklavten, Rettung der Verlorenen, Erlösung vom Bösen, Versöhnung der Verfeindeten, Frieden im Reiche Gottes. Aber es fällt vielen heute schwer, das Wort Jesus Christus auch nur noch in den Mund zu nehmen. Der Name Jesus Christus ist während der Geschichte des Christentums immer wieder entheiligt und schwer belastet worden. In diesem Namen sind zu viele gerechte Kriege und grausame Verbrechen begangen worden.  
  So erkläre ich mir, dass dieser Name gerade in der Theologie, die sich der Schoa gestellt hat, oft vermieden wird, so zum Beispiel auch in dem Vortrag von Prof. Walter Dietrich aus Bern, den er auf dem 2. Dekadeforum zur Überwindung von Gewalt am 19. Oktober in Stuttgart gehalten hat. In den 18 "Thesen zur Gewalt(überwindung) in der biblischen und christlichen Tradition", in denen er seine Gedanken zusammenfasst, kommt der Name Jesus Christus nirgends vor, als hätte die Überwindung von Gewalt mit dem Juden Jesus von Nazareth nichts zu tun. Ich erkläre mir dies Vergessen oder Verschweigen aus den genannten Gründen.  
   
  Das muss nicht so bleiben. Der vielfache Missbrauch des Namens Jesus Christus zur Rechtfertigung mörderischer Gewalt hat seinen Namen entheiligt.  
  Wo der mörderischen Gewalt abgesagt und Böses durch Gutes überwunden wird, wird der Name Jesu genau so wie der Name Gottes geheiligt und in seiner eigentlichen Bedeutung wieder zu Ehren gebracht.  
   
  Thesen  
   
  A. Die Gewalt auf Erden und die Gewalt Gottes  
 
  1. Die ganze Bibel beschreibt realistisch die Gewalt, die auf Erden geschieht.
  2. Auch Gott wird in der ganzen Bibel immer wieder als "gewaltig" beschrieben.
  3. Während die Gewalttaten der Menschen in der Regel kritisiert werden, wird Gott in der Bibel nirgends das Recht zu gewaltigen Taten bestritten, auch dann nicht, wenn Gott in seinen gewaltigen Taten ebenfalls tötet und vernichtet.
  4. Es wird Gott nirgends in der Bibel das Recht bestritten, irdische Mächte als Instrumente seines Strafgerichts zu gebrauchen.
  5. Gottes gewaltige Taten, mit denen er auch tötet und vernichtet, werden von den Gläubigen als gerechte Strafgerichte angesehen.
  6. Die Bibel deutet das grausame Geschehen auf Erden im Alten und im Neuen Testament als Strafgericht Gottes.
  7. Der Glaube an den alles wissenden und alles wirkenden Gott muss das Geschehen auf Erden zwangsläufig als Gottes Tat verstehen.
  8. Für die an Gottes Allmacht Glaubenden gilt: je grausamer das Geschehen auf Erden - desto tiefer die Sünde der Menschen - desto brennender der Zorn Gottes - desto vernichtender seine Strafgerichte.
  9. Menschen, welche die grausame Wirklichkeit auf Erden erfahren, entwickeln in der Bibel ein Bild vom zornigen, strafenden und vernichtenden Gott.
  10. Wer die Bibel fundamentalistisch versteht, muss sich jedem Buchstaben blind unterwerfen. Nur ein nicht-fundamentalistisches Verständnis der Bibel bleibt frei zur Kritik an menschlichen Zeugnissen von maßlosem Zorn und vernichtenden Strafgerichten Gottes.
  11. Das Imperium des göttlichen Imperators ist zuerst ein Gedankengebilde nach dem Vorbild irdischer Imperien und dient hernach zur Begründung und Rechtfertigung irdischer Imperien und ihrer Gewalt.
  12. Das Bild vom göttlichen Imperator, der ungemessene Macht hat und unangefochtenes Recht zum vernichtenden Strafgericht, ist politisch brisant und gefährlich, weil es irdische Mächte zur Nachahmung verleitet.
  13. Die Rechtsprechung irdischer Gerichte kann desto härter, unbarmherziger und maßloser werden, je mehr sie sich an Gottes grenzenlosen Machtmitteln und seiner vernichtenden Strafgewalt orientiert. (CA 16 im Vergleich zu CA17)
  14. Auch die gläubigen Menschen, die persönlich keine Rache üben, sondern dem Zorn Gottes Raum geben wollen (Römer 12, 19) geben sich mit Gottes alleinigem Gewalt- und Strafmonopol nicht zufrieden Sie glauben, dass Gott sein Gericht an irdische Instanzen delegiert (Altes Testament: Rechtswesen, Neues Testament Römer 13
 
  B. Die Überwindung der Gewalt - auch im Bild Gottes  
 
  1. Die Gewalttexte der Bibel dürfen nicht verallgemeinert werden (aggressive Auswahl von Bibeltexten).
  2. Die Gewalttexte der Bibel dürfen nicht ignoriert werden (defensive Auswahl von Bibeltexten).
  3. Die Gewalttexte der Bibel dürfen nicht überall als Ausdruck von Gottes Liebe interpretiert werden (Harmonisierung aller Bibeltexte).
  4. Das Gericht Gottes darf nicht als unvereinbar mit der Liebe Gottes erklärt werden (Verharmlosung der Liebe Gottes).
  5. Die Beachtung des biblischen Gesamtzeugnisses lässt nach der "Mitte der Schrift" fragen.
  6. "Gott" kann zwar als Mitte der ganzen Bibel bezeichnet werden, doch ist das Evangelium in "Gott", wegen der widersprüchlichen Aussagen über ihn, nicht klar erkennbar.
  7. Auf der Suche nach der "Mitte der Schrift" wurde und wird das Evangelium, die "Gute Nachricht", entdeckt.
  8. Das Evangelium in der Mitte der Schrift kann mit wechselnden Stichworten umschrieben werden, die alle Elemente der Überwindung von Gewalt enthalten, z.B. als Befreiung der Versklavten, Rettung der Verlorenen, Erlösung vom Bösen, Versöhnung der Verfeindeten, Frieden im Reiche Gottes.
  9. Das Evangelium kann auch "Überwindung von Gewalt" heißen und als Mitte der Schrift gelten.
  10. Das Evangelium erscheint nicht erst im Neuen sondern auch schon im Alten Testament. Es spricht zu den gläubigen Juden und wurde von den Christen auch im Alten Testament gesucht und gefunden.
  11. Die christliche Kirche hat in Jesus Christus immer die Mitte der Schrift und die eigentliche Quelle zur Überwindung von Gewalt gesehen.
  12. Der vielfache Missbrauch des Namens Jesus Christus zum Rechtfertigung von mörderischer Gewalt hat seinen Namen entheiligt.
  13. Wo der mörderischen Gewalt abgesagt und Böses durch Gutes überwunden wird, wird der Name Jesu und der Name Gottes geheiligt.
 
   
 
 
   
  * Vortrag bei einer religionspädagogische Fortbildung in Ludwigsburg am Donnerstag 07.11.2002. Werner Dierlamm, Pfarrer i.R. in Schorndorf, ist Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Ökumenischen Aktion "Ohne Rüstung Leben".