Jugendkultur „Techno“ – Säkularisierte Religiosität in der Postmoderne?![1]
Gerd Buschmann (20.07.2001)

0. Problemstellung

Techno ist nicht nur Musik oder Rhythmus, sondern wohl die wichtigste Jugendszene der 90er Jahre.[2] In Darstellungen der Techno-(Pop)Kultur finden sich gehäuft religiöse Konnotationen, die Techno als eine Art säkularisierte Religion in der Postmoderne erscheinen lassen; von Ekstase, Trance, Schamanismus, Ritual, Kontemplation, „Massentranszendenz“ (eines Raves)[3], Heilsbotschaft[4], Tantra-Buddhismus[5], „eine(r) zutiefst säkularen Unio mystica“[6] und vielen anderen religiösen Ausdrücken ist die Rede im Zusammenhang mit der „religiöse(n) Dimension von Techno“[7]: „Die Verbindung von Techno mit der Thematik ´Religion´ ist in zahlreichen Zeitungsberichten über das Phänomen Techno zu finden. Den Diskjockeys werden Qualitäten als ´Priester der Nacht´ zugesprochen, Techno wird als ´Religion in der postmodernen Welt´ eingeschätzt oder der Besuch einer Diskothek wird mit antiken Mysterienkulten in Verbindung gebracht.“[8] Wir lesen Sätze wie: „ [...] Kontemplation hat hier [...] eine moderne Nische gefunden [...] .“[9] „Techno wird zur Wochenendreligion und der DJ zum Priester, der das ganze zelebriert.“[10] Ist diese Begrifflichkeit angemessen? Oder handelt es sich um „feuilletonistische Amalgamierung religionsphänomenologischer Standards“[11]? Und benutzt nicht Techno mit seinem Motto „Peace, Love, Unity“ oder durch Formulierungen wie „MayDay the Religion“, „MayDay the Reformation“, „high on hope“ oder „I´m the creator, I´m the MC“ (=Master of Ceremony) selbst religiös besetzte Terminologie? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Techno und Religion bestehen wirklich?  
1. Einige grundsätzliche Anmerkungen zu Techno als musikästhetisches und jugendkulturelles Phänomen der Postmoderne
1.1. Die Veränderung der Pop-Musik durch Techno und DJ-Culture

Techno als neben HipHop wichtigste Jugendkultur und als elektronische Musik der 90er Jahre hat ihren Ursprung wie so viele Elemente der Pop-Kultur im „Underground“, hier vor allem von schwarzer, schwuler Subkultur („Warehouse“, Chicago), hedonistischer Jugendlichkeit und technischem Enthusiasmus. Techno wurde dann aber vor allem in Deutschland fortentwickelt, nachdem die deutsche Gruppe „Kraftwerk“, die zu den musikalischen Wegbereitern von Techno zählt, vor allem transatlantischen Erfolg verzeichnet hatte.

Seit Mitte der 70er Jahre haben sich in Abgrenzung zur „klassischen“ Rock- und Popmusik[12] die Bereiche HipHop[13] (bzw. Rap), House (schnelle, baßbetonte Disco-musik als Vorläufer von Techno) und Techno[14] herausgebildet, die inzwischen unter dem Oberbegriff DJ-Culture[15] gefaßt werden. DJ-Culture unterscheidet sich von der Popmusik a) durch Aufnahme der absoluten Geschwindigkeit (beats per minute, 200 bpm entsprechen hartem Techno) der Technik-Welt, b) durch technische Mischung und synkretistische Neukontextualisierung musikalischer Zitatschätze und die Repeti-tion kleinster musikalischer Einheiten, c) durch Ersetzen von Instrumenten durch Maschinen (Plattenspieler, Synthesizer, Sampling = digitales Kopieren einzelner Töne, Rhythmusmaschinen, Computer etc.: nicht das Instrument spielt den Ton, sondern der Ton wird zum Instrument), also die rein elektronische Klangerzeugung, die das Modell des klassischen Musikers auflöst („Der Technomusiker ist zum Sinnbild des modernen Menschen geworden, der nicht der technologischen Entwicklung ausgelie-fert ist, sondern diese kreativ nutzt.“)[16], d) durch eine explizite Performance-, Liveact- und Event-Kultur als Körper- und Tanzmusik, e) durch die Auflösung der einseitigen Sender-Empfänger-Struktur der Popmusik und deren Demokratisierung (im Grunde kann jede/r diese Endlosmusik als DJ oder Produzent herstellen; Vielzahl kleiner Plattenlabels) auch durch Überwindung von Alter, Geschlecht (A-Sexistisch) und sozialer Herkunft  und f) durch das Mischen aller möglichen Stile on the same dance floor, g) durch den Verzicht auf Narrativität (Textlosigkeit) in Techno, - nicht im HipHop!

1.2. Verbreitete Vorurteile gegenüber Techno

In der Öffentlichkeit erfährt Techno immer wiederkehrende Vorurteile[17]: 1) Aufgrund seiner Wort-Abgewandtheit sei Techno verdummend, unpolitisch und wirke durch seine dancefloor-Verhaftung apathisierend: Escapismus-Vorwurf.[18]  2) Techno sei keine Musik, sondern Lärm: schwachsinnig und monoton.[19] 3) Techno sei narzißtisch und autistisch: Hedonismus-Vorwurf.[20] 4) Techno flüchte in sinnlose, ungesunde, drogenabhängige Tanzwelten. 5) Techno sei eine künstliche, manipulierte, kommerzialisierte Jugendkultur.

Dem lassen sich durchaus Argumente entgegnen: 1) Die „großen Botschaften“ (der Elterngeneration) haben an Glaubwürdigkeit verloren. „Techno kann als ein Protest gegen das ´verlogene Wort´ interpretiert werden, als Aufschrei gegen eine ´inflationäre Botschaftswelt´, deren Inhalte nicht verantwortet werden.“[21] In einer „Kultur nach dem Wort“ installiert Techno einen „wortlosen Mythos“.[22] Im Techno wird nicht eine theoretische Gegenwelt entworfen, sondern eine selbständige Lebenswelt mit zahlreichen demokratisierenden Tendenzen gelebt: „politics of dancing“[23].  2) Der Re-Mix ist ein kreativer Prozeß. 3) Techno widerspiegelt nur den allgemeinen Narzißmus der Gesellschaft. „Der Hyperkonsum der Jugendlichen ist einmal als Spiegelbild einer auf Konsum fixierten Gesellschaft zu lesen [...] Hyper-konsum wird zum subversiven Akt."[24] Techno läßt konkrete Sinnlichkeit erleben statt abstrakter verbaler Sinnsuche: Körperbeherrschung statt Weltbeherrschung.  4) Flucht kann auch therapeutische Wirkung haben. Drogen (außer Ecstasy) spielen kaum eine Rolle[25] und keineswegs bei allen Ravern. 5) Ursprünglich eignet dem Techno sehr wohl Bezug zum „Underground“; Techno hat gegenkulturelle Wurzeln (in der Rezession der Techno-City Detroit). Alles wird kommerzialisiert: „Underground ist Teil des Systems.“[26]

1.3. Techno-Ästhetik

Entsprechend dem Namen bedeutet Techno totale Künstlichkeit, totale Medien-nutzung, synthetische Musik und neue Produktionsmittel. Obwohl in der Techno-Kultur ästhetisch grundsätzlich alles erlaubt ist, hat sich doch eine spezifische Techno-Ästhetik herausgebildet. Sie nimmt ihren Ausgang in der Künstlichkeit der Stoffe (bis hin zu Netzstrümpfen, Neopren, Gasmaske etc.) und verwendet diese häufig zweck-entfremdet, - wie ja auch die technischen Produktionsmittel der Musik oft enteignet, entgegen ihrer Bedienungsanweisung benutzt und zweckentfremdet werden. Poschardt spricht von „Vergewaltigung“, „unorthodoxe[m] Umgang mit Technologie“[27] oder „Appropriation“[28]. Überhaupt fehlt Techno eine Zweckgerichtetheit. Es findet quasi eine Enteignung der technisch-kalten Musik zu warmer Emotionalität statt.

Relikte der Arbeitsgesellschaft (z.B. Straßenkehrer-Jacken mit Reflexstreifen) und symbole zukünftiger Arbeitswelten mit ihrer klinisch-sterilen Reinheit erinnern wie die synthetischen Stoffe an die Technisierung unserer Zivilisation. Notfall- und Extremkleidung signalisieren „May-Day“ als internationales Notrufsignal.[29] Spaß und Genuß rekonstruieren das Ich und werden zu Elementen der Selbstbefreiung in einer komplett entfremdeten Umwelt.[30] Techno ist eine Szene der Extreme, die hyper-reagiert: in einer Konsum-Gesellschaft hyper-konsumiert sie, in einer sich individua-lisierenden Gesellschaft hyper-individualisiert sie hin zu absoluter Bindungslosigkeit, auf eine entkörperlichte Welt reagiert sie mit Hyper-Körperlichkeit, in einer Leistungsgesellschaft übererfüllt sie die Leistung, die allerdings keinem (fremd-) Zweck mehr dient, einer totalen Erwachsenenwelt entkommt sie durch Regression in den Uterus-Beat und eine künstliche Kindheit („Girly Look“). Damit wird inmitten einer über-sexualisierten Gesellschaft ein unschuldiger (und oft androgyner) Umgang zwischen den Geschlechtern ermöglicht: Frauen werden in ihrer künstlichen Kindheit unantastbar, erotische Spannung wird tänzerisch kanalisiert und an die Stelle zu dem/der einen tritt die Liebe zu allen. Dabei ist die Ästhetik selbstreferentiell und kombiniert patchwork-artig vorgefertigte Produkte (Zitat-Kultur). „Als Konglomerat von Zitaten speist sich das Werk aus Tausenden von Quellen.“[31] Dabei ist diese Selbstreferentialität natürlich technisch angelegt[32] (durch Sampling etc.).
1.4. Techno und Postmoderne
Techno erweist sich mit seiner Simultaneität der Gegensätzlichkeiten (vgl. Lyotard: le différend), des Nebeneinanders (Parataxe) und der Neukombination (Collage) von Heterogenem als spezifisch postmoderne Musik- und Jugendkultur. Der Begriff der Postmoderne soll dabei hier nicht als modisches Etikett unreflektierter multikultureller Beliebigkeit, Diffusion und Unübersichtlichkeit im Sinne eines „anything goes“[33] (Paul Feyerabend), sondern inhaltlich qualifiziert gebraucht werden und kann zunächst  mit der „postmodernen Doppelfigur“ beschrieben werden: „der Verlust einer als vorgegeben geglaubten Wahrheit, Normierung oder Absolutheit und eine vehemente, oft lustvolle Hinwendung zu uneingeschränkter Pluralität.“[34] „Als mögliche positive Determinanten für einen ´präzisen Postmodernismus´ (Welsch)“[35] lassen sich aufzählen: das Ende der allesumfassenden Systeme und Metaerzählungen monisti-schen Typs; radikale, interferentielle Pluralität; Solidarität und Demokratie in Form ethischer Streitkultur; Fragmentarität; Analogisierung; neostrukturalistisch-phäno-menologische Methodik. Neben radikaler Pluralität (Wolfgang Welsch[36]) und dem „Ende der Meta-Erzählungen“ (Jean-Francois Lyotard[37]) als den großen Leitideen, Einheitsvorstellungen und Absolutismen, die die beiden grundlegenden Kennzeichen der Postmoderne ausmachen, verstehe ich hier (mit Martin Honecker[38] und Joachim Kunstmann[39]) unter Postmoderne weder einen Epochenbegriff, sondern eine Situationsbeschreibung nach der Moderne, noch das Ende der Moderne (also eine Anti-Moderne), sondern die Fortsetzung der Moderne mit anderen Mitteln (also eine radikalisierte Moderne oder die Aufklärung der Aufklärung): „Die Postmoderne ist keine Post-Moderne, sondern einfach nur die Hochmoderne. Die Kultur, in der sich die Moderne ihrer selbst bewußt wird.“[40]
Warum ist Techno postmodern?
  • Zur Moderne gehört die Toleranz, „die Postmoderne hingegen fordert im Umgang mit Pluralität, und damit Dissens, die Fähigkeit, die Andersartigkeit anzueignen. Wolfgang Welsch nennt dies ´Transversalität´, die Fähigkeit des Wechsels, des Bedenkens anderer Möglichkeiten.“[41] Techno hat die Fähigkeit, sich Andersartiges anzueignen und damit zu enteignen. „Technik ist keineswegs mehr ein Element der Entfremdung, sondern ganz im Gegenteil zu einem Element der ungestörten Selbst-verwirklichung geworden.“[42]
  • Postmoderne ist pluralistisch und integrativ, nicht fundamentalistisch und exklusiv. Techno bildet nur eine neben vielen anderen heutigen Jugendkulturen und erlaubt in sich vielfältige Stilarten (von Trance bis Gabber), kennt keine Alters-, Geschlechts- und Statusunterschiede, Techno hat enorme Absorbierungs- und Integrationsfähig-keiten: „In der DJ-Culture funktioniert die Selbstreferentialität nicht über Aus-schließung, sondern über Einschließung und Absorbierung.“[43]
  • Techno mit seiner Anti-Narrativität kennt wie die Postmoderne keine großen (utopischen) Leitideen, Wort-Botschaften, Absolutismen und Fundamentalismen, Uniformitäts- und Einheitsvorstellungen mehr.Techno wie Postmoderne haben den Paradigmenwechsel von der futurischen zur präsentischen Eschatologie vollzogen; eschatologischer Positivismus und „die alte Terrorversion des Begriffs ´Fortschritt´“ haben ausgedient.[44]
  • Techno anerkennt Toleranz und Pluralität, indem er wie Lessings „Nathan“ und die Ökumene von der Orthodoxie zur Orthopraxie übergeht: „politics of dancing“.
  • Techno und Postmoderne bilden Zitatkulturen; sie benutzen ein Kunstwerk als Gelegenheit, ein anderes zu schaffen; der Autoren- und Künstlergedanke wird zersetzt.[45] Die Neu-Einschreibung alter Tradition in die Neuzeit als Neu-Wahr-nehmung von Verdrängtem in der Gegenwart gelingt nur durch die Zitation.[46]
  • Techno als Postmoderne bemüht sich, die Kluft zu schließen, die Grenze zwischen Subkultur und Massenkultur als Widerstand und Ergebung, die Grenze zwischen Modernem und Archaischem, die Grenze zwischen Trivialität und philosophischem Anspruch, die Grenze zwischen dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen, zwischen dem Wirklichen und dem Mythischen: „Der Traum, die Vision, ekstasis: Sie sind wieder die wahren Ziele ... daß es nicht genug ist, nur zu belehren und zu unterhalten. Sie sind überzeugt davon, daß Wunder und Phantasie, die den Geist vom Körper, den Körper vom Geist befreien, einheimisch werden müssen in einer Maschinenwelt [...] .“[47]
  • Techno ist ein wesentlich ästhetisches Phänomen (aisthesis = Wahrnehmung): “Die Postmoderne wendet sich von den kritisch-rationalen Kategorien des Denkens ab und ästhetischen zu, in der Einsicht, daß die veränderte Wirklichkeitserfahrung nur noch mit Hilfe einer gesteigerten Wahrnehmungssensibilität denkerisch verstehbar ist.“[48] Es geht um wahrnehmungskompetentes Denken; denn Wahrnehmung selbst hat eine originäre Einsichtsqualität.[49]
2.Techno - ein religiöses Phänomen? – Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Techno und Religion
Schon oben wurde deutlich: Zahlreiche Begriffe aus der Techno-Szene erlauben religiöse Assoziationen, u.a. wird der DJ (disc jockey) oft mit einem Schamanen verglichen, der im Rave (Techno-Party) ein Ritual zelebriert, das neben den ekstatischen Formen (ultraharter Gabber-Techno) auch ruhige und meditative Formen mit mystischen Klängen erzeugt (Trance-Techno[50]).
2.1 Substantieller[51] (phänomenologischer) und funktionaler[52] (soziologischer) Religionsbegriff
Aus  neueren Jugendstudien[53] ist bekannt, daß trotz abnehmender Kirchlichkeit bei Jugendlichen eine diffuse, individuelle Religiosität nach wie vor und vielleicht sich hinsichtlich religiöser Subjektivierung verstärkend vorhanden ist.[54] Es ist deshalb besser von „Entkirchlichung“ statt von „Säkularisierung“ zu sprechen: „Kirche verliert [...] ihre gesellschaftsdurchdringende Stellung früherer Zeiten. Ein Niedergang der Religion kann daraus aber nicht direkt geschlossen werden, wenn Religion nicht kurzschlüssig mit Kirche gleichgesetzt werden soll. ... Die sog. ´Säkularisierung´ist deshalb zunächst auf die institutionelle, nicht auf die individuelle Religion zu beziehen.“[55] Dabei soll Religiosität  hier weniger mit einem substantiellen Religionsbegriff erfaßt werden, als vielmehr mit einem funktionalen: „Die Frage nach religiösen Inhalten tritt zurück hinter der Bedeutung der religiösen Ausdrucksformen.“[56] Form dominiert über Inhalt. Sicherlich ließe sich auch mit einem substantiellen Religionsbegriff der Religionsphänomenologie etwas zum Thema Techno und Religiosität sagen, indem Grundphänomene religiösen Handelns aufgezeigt werden: „Oft wird dazu von der Erfahrung des Heiligen, von der faszinierenden und furchterregenden Macht des Numinos-Göttlichen ausgegangen. Von diesem Ansatz aus kann dann danach gefragt werden, inwieweit Musik zur Trägerin numinoser Heiligkeitserfahrungen werden kann. Oder die Beziehung zu einer ganz anderen Wirklichkeit als der Gegebenen gilt als Kriterium für Religion.“[57] Gewinnbringender scheint aber zu sein, wenn nicht mehr der Gehalt und die Selbstaussagen von Religion untersucht werden, sondern das, was Religion leistet. Denn mit einem solchen religionssoziologischen Zugang weitet sich der Blick auf Phänomene außerhalb der historischen Religionsformen, so „daß auch Sport, Liebe und Rockmusik als religiöse Phänomene verstanden werden können. Sie sind religiös, weil sie Überschritte über die Alltagswirklichkeit hinaus ermöglichen.“[58]  Techno befriedigt dabei den religiösen Erlebnishunger Jugendlicher durch eine „Erlebnis-Religion ohne Dogmatik“[59]; sie suchen in Tanz, Musik und Ekstase jenseits jeder Wort„message“[60] Sinn, Glück und Lebensbewältigung als Reduktion von Komplexität (Niklas Luhmann). „Der funktionalistische Ansatz der Erklärung von Religion geht von der Prämisse aus, daß ein Phänomen wie Religion [...] nicht als Ergebnis von Täuschung und /oder Betrug verstanden werden kann. [...] Es gibt keinen Unterschied zwischen ´wahren´ und ´falschen´ Religionen, sondern nur den zwischen unterschiedlichen funktionalen Bestimmungen und Wirkungen von Religionen.“[61]
2.2.  Musik, Tanz und Rhythmus

Insbesondere über Musik, Tanz und Rhythmus werden Vergleiche zwischen Techno und Religion gezogen. Die annähernd nonverbale und rhythmisch-monotone Instru-mental- bzw. Maschinenmusik wird häufig mit der rituellen Kraft endloser Trommel-musik von Stammesgesellschaften (und ihrem Schamanismus) verglichen. Auch der stampfende, improvisierende, ekstatische Tanz begibt sich in Bereiche hinein, die begrifflich und vernünftig nicht mehr erfaßt werden können. Tanz ist in vielen Reli-gionen religiöse Lebensäußerung, Andachtsform oder kultische Handlung. „Das klassische Mittel zur Herbeiführung der Ekstase war seit den ältesten Zeiten der Tanz.“[62]

Christlicherseits wird Musik im kirchlichen Kontext fast ausschließlich als Kirchenmusik begriffen. Obwohl selbst oft von „weltlichen“ Elementen herkommend, wird die sog. weltliche Musik gern von der Kirchenmusik abgegrenzt.[63] Die Betonung der Körperlichkeit[64] in der afro-amerikanischen Popmusik setzt kirchlicherseits noch immer Ängste frei: „Techno ist ganz auf Rhythmik und Dynamik getrimmt und hebt ausschließlich auf die vitale ´Ansprache´-Ebene ab. Gottesdienstliche Musik kann auf die sinnstiftende Dimension nicht verzichten [...]“[65] Dem Tanz steht die christliche Tradition kritisch gegenüber; neben wenigen positiv gewerteten Beispielen (Ex 15,20; 2 Sam 6,14) dominieren die Negativbeispiele: der Tanz ums goldene Kalb (Ex 32,19), der Tanz der Baals-Propheten (1 Kön 18,26), der Tanz Salomes vor Herodes (Mk 6,22 par). Tanz hat jedenfalls in der Bibel stets einen religiösen Bezug als Ausdruck oder Abfall vom Glauben.
2.3 Religiöse Ekstase und Techno

„Die Veitstänze des Mittelalters, Voodoo-Tänzer, die Derwisch-Tänze der Sufis oder der brasilianische Macumba: die Techno-Technik der Ekstase wird in vielen Kulturen angewandt. Ein Ritual, bei dem Tanzen, schnelle Rhythmen und schnelles Atmen imVordergrund stehen. Dabei wird die Ekstase vor allem durch das Monotone, den Rhythmus und die Lautstärke der Musik verstärkt.“[66] Neben der Funktion der Musik als Dienerin der Verkündigung der religiösen Botschaft bzw. des Wortes Gottes kann religiöse Musik auch unmittelbar auf der Erscheinungsebene wirken, „also nicht als Symbol für andere Realitäten wahrgenommen“[67] werden; Rhythmen, Klänge und Melodien können zu Trance und Ekstase führen. „Diese ´schamanistische´ Dimension der Musik findet sich breitenwirksam heute vor allem in der Rockmusik.“[68] Hier überschreiten Jugendliche leibbezogen ihre Alltagswirklichkeit und machen Transzendenzerfahrungen ohne explizit religiösen Kontext. Ekstase stellt einen nicht-alltäglichen, veränderten Bewußtseinszustand dar (oft verbunden mit einem religiösen Erleben), der körperlich erlebt und körperlich induziert wird. Das griechische Wort Ekstase[69] bedeutet Heraustreten oder Außersichsein und meint einen Ausnahmezustand gesteigerter Gefühlserregung, oft unter Zurücktreten des klaren Bewußtseins. An die Stelle der üblichen Wahrnehmungen treten andere Wahr-nehmungen, etwa als Reisen zu fremden Orten (Entrückungen), ggfs. unterstützt durch bewußtseinserweiternde Drogen. „Daß Ekstase als ein Weg beschrieben wird, den jemand zurücklegt, um mit einer der alltäglichen Welt nicht zugehörigen Sphäre zu kommunizieren, ist nicht nur für den Schamanismus konstitutiv, sondern auch typischer Bestandteil von Berichten über mystische Einigungserfahrungen.“[70] Dieser Vorgang des Weggehens, der Seelenreise oder des Aufenthalts in einer anderen Wirklichkeit ist oft verbunden mit dem Gefühl der Verzückung, des Enthusiamus, des In-Besitz-Genommenwerdens durch eine andere Wirklichkeit, die die alltägliche Selbst- und Fremdwahrnehmung übersteigt. Dieser Zustand der Verzückung, des Enthusiasmus, ja der Manie, der in der Antike als göttlich bewirktes Heraus-gehobenwerden und als göttliche Trunkenheit verstanden wurde, kann den Menschen ohne sein Zutun überkommen oder er kann von ihm durch bestimmte Mittel hervorgerufen werden. Verbunden ist er mit starken Affekten wie Freude, Furcht, Liebe etc. Schon in der Antike kann Ekstase durch besondere Mittel ausgelöst werden, dazu gehören u.a.: Wein und andere berauschende Getränke, Räucherungen, Musik und Tanz, Gebet und Zauberspruch, Weihen und Askese. Ekstase wird häufig als ein religiös motivierter Zustand und innerhalb religiöser, besonders mystischer, Zusam-menhänge begriffen. Andererseits eignet dem Zustand der Ekstase, der auch mit Be-griffen wie Verzückung, Rausch, Trance, Besessenheit, Begeisterung etc. umschrieben werden kann, „eine Unbestimmtheit, die offen ist für unterschiedliche Interpretationen auch außerhalb religiöser Referenzrahmen.“[71] Man kann insofern eine enge, aber nicht notwendige Beziehung zwischen Religion und Ekstase behaupten. Es gibt auch profane Ekstasen. „Ekstase ist also nicht, gleichsam als religio pura, der Urkeim einer oder gar jeder Religion.“[72]

In der Techno-Szene spielen traditionell religiös besetzte Begriffe in Form von „Ecstasy“[73] (als synthetische Designer-Droge und Stimulanzmittel / Speed-Pille) und „Rave“ (Rasen, Toben, Ausflippen) schon rein sprachlich eine hervorragende Rolle. Ekstase als „Heraus-treten“ oder „Außer-sich-sein“ meint religiös einen außergewöhn-lichen Zustand höchster Ergriffenheit, wie er ich auch im Techno-Tanzmarathon zeigt: die Raver tanzen in sich gekehrt, entrückt, wie in Trance (und mit Drogen gestärkt), inmitten der Menge, im kollektiven Erleben einsam versunken in den Ur-Rhythmus des mütterlichen Herzschlags. „Die bass drum ist der Herzschlag dieser Musik. Der Herzschlag der Mutter. Das ist Sicherheit, Geborgenheit, das Versprechen des Lebens. ... Ekstase der Befreiung. Auslöschung der Alltagszeichen.“[74] (Westbam). Techno als regressives elektronisches Glück? „Der community-Gedanke der Szene führt zu der These, daß Techno durch den ekstatischen, endlosen Tanz stärker als andere Jugendkulturen, die seit jeher Kultgemeinden bilden, [...] , die Qualitäten eines religiös geprägten Kults annimmt (vgl. antike Dionysos-Kulte, tanzende Derwische). Die Szene bezieht den Kultcharakter von Musik direkt in den Stil ein und erklärt sich selbst zur Religion (Mayday ´The Religion´). Der Tanz wird zu einem (leider auch durch die Einnahme von Drogen) rauschhaften kollektiven Erlebnis, bei dem eine große Menge von Leuten in mystischer Verzückung bei Veränderungen der rhythmischen Struktur der Musik ekstatische Schreie ausstößt.“[75] Jedenfalls geht in aller Ekstase der Einzelne ganz in der Gruppe auf und das Heilige ist immer Produkt einer sozialen Gruppe; insofern leistet die Religion (hier in Form von Techno) eine wichtige Funktion, nämlich die Integration von sozialen Gruppen. Diese soziale Funktion von Religion scheint um so bedeutsamer zu werden, je stärker der desintegrative Individualisierungsdruck der Gesellschaft wird. Techno bewahrt dabei einerseits die Individualität (z.B. in der Tanzform), überführt sie aber zugleich in das Kollektiv des Raves.[76]
Christlicherseits wird Ekstase, von Ausnahmen in der Mystik abgesehen, skeptisch bewertet, so etwa schon in 1 Kor 12-14. Ekstatische Erfahrungen bilden nur ein Begleitphänomen und sind nicht Selbstzweck der Begegnung zwischen Gott und Mensch. „Kritischer Maßstab für das musikalisch-leibliche Gotteslob ist die Auf-erbauung der Gemeinde und das Bekenntnis zu Jesus Christus (vgl. 1 Kor 12,3). Wo beides in Frage gestellt wird, wo etwa das egozentrisch-individuelle musikalische Trance-Erlebnis an die Stelle des gemeinsamen Gottesdienstes rückt, wo die Erinnerung und die Anrufung Jesu Christi prinzipiell für unnötig erklärt wird, dort kann es sich nicht um christlich-spirituelle Musik handeln.“[77] Christlich-religiöse Musik hat eine Funktion zum Nutzen der Gemeinschaft und zum Lobe Gottes. Nach biblischem Urteil bleibt selbst beim Heraustreten aus dem gewöhnlichen Zustand, beim Erfülltwerden durch den Hl. Geist, das klare Denken bestehen. Das ist der Unterschied zwischen den wahren Propheten (Abraham, Mose, Petrus etc.) und den Pseudo-Propheten wie z.B. Montanus, dessen Prophetien in der Alten Kirche als Aussagen eines Besessenen ohne vernünftiges Denken gewertet werden.
2.4 Kult / Ritual[78] und Techno
„Zugleich übernehmen in der modernen Gesellschaft andere Institutionen, beispielsweise das Theater oder das allsonntägliche Fußballspiel, die Funktion, die in alten Gesellschaften das religiöse Ritual innehatte.“[79] Die Diskothek zeigt hervorstechende Analogien zu antiken Mysterienkulten: der Wunsch nach ekstatischkörperlichem Alltagsüberstieg und Körperlichkeit in einer gewissen Asexualität. In ihrer ganzen Anlage bekommt die zeitgenössische Diskothek den Charakter und zugleich die Funktion eines „übernatürlichen Ortes“.[80] „Das Zentrum aber der Kultstätte ist, wie in uranfänglichen Zeiten, der Tanzplatz.“[81] Zu Techno gehört der zumeist wochenendliche Rave (öffentliche oder halb-öffentliche Techno-Party von ca. 16 Std. Dauer und mehr) als rituelles Geschehen. Hier vollziehen die TeilnehmerInnen den Ausstieg aus dem Alltag und erleben in der Gegenwelt des Wochenend-Raves Transzendenz-Erfahrungen. „Für ein paar unverbindliche abendliche Stunden übernimmt die Diskothek, ähnlich wie die Esoterik, jene Funktion, die die Kirchen zunehmend einbüßen: die einer kollektiven mystischen Einsamkeit und Tranzendenz.“[82] Ritualtheoretisch weisen der Ablauf eines Raves und der Ablauf von religiösen Ritualen Ähnlichkeiten auf, wie ein Vergleich von Rave und Gottesdienst zeigt: a) beide finden im Refugium des Wochenendes statt, b) die Trennungsphase als Ablösung vom Alltag wird jeweils durch Veränderung des Outfits und die Anreise bzw. die Eingangsliturgie als Einstimmung eingeleitet, c) die eigentliche Unterbrechung des Alltags geschieht durch die „liturgische“ Inszenierung mit Hilfe des jeweiligen „Zeremonienmeisters“ (DJ oder Pfarrer) und die sinnliche Affektion des Hörens, d) schließlich die Wieder-eingliederungsphase als Rückkehr in den Alltag durch Ruheräume (Chill-Out: Ruhephase nach durchtanzter Technonacht) bzw. Segen und Kirchenkaffee.
Techno weist über das Ritual hinaus weitere Kennzeichen auf, die Techno als Jugendreligion im Medium ästhetischer Erfahrung begreifen lassen: neben dem Gemeinschaftserleben werden Techno und Rave in der Szene als Bekehrung und Religion erfahren und beschrieben.[83] Der Rave erscheint für viele TeilnehmerInnen als Ort einer (religiösen) (Transzendenz-) Erfahrung, die sie „unbedingt angeht“ (Paul Tillich) und sie unmittelbar ergreift.

Gleichwohl sind auch die Unterschiede zu beachten: nur im funktionalen Sinne kann von Techno als Religion gesprochen werden; denn im Techno tritt die ästhetische Erfahrung in Musik, Tanz und Bewegung an die Stelle expliziter (Wort-)Religion. Die emotionale Dichte von Techno bleibt vorreflexiv und liegt auf einer ganz anderen Ebene als die kognitive Bedeutungsdichte der christlichen Verkündigung und  des Gottesdienstes. Gleichwohl ließe sich das christliche Gottesdienst-Ritual auf der Ebene des Ästhetischen verdichten und bereichern. Ein weiterer Unterschied zu traditionellen Kulten „besteht darin, daß man die narzißtische Lust an der rhythmischen Bewegung des Körpers auslebt [...] Techno ist die ekstatische Feier des jugendlichen Körpers bis an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, die auch der Abgrenzung vom bürgerlichen Zweckrationalismus dient.“[84]

2.5 Schamanismus und Techno

Z.Zt. erfreuen sich psychische Ausnahmezustände im religiösen Kontext einer wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich gegen den beklagten europäischen Durchschnittsrationalismus wendet.[85] Zugleich werden, verbunden mit dem weltweit florierenden New Age-Okkultismus, schamanistische Praktiken wiederentdeckt[86] und feuilletonistisch funktionalisiert, indem etwa Techno-DJs als „moderne Schamanen“ klassifiziert werden[87]. Wie angemessen ist eine solche Klassifizierung? Wo finden sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

   Der Schamane hat eine grundsätzlich helfende Funktion. Angesichts von Krankheit, Fortpflanzung, Lebensunterhalt (Jagd) und Katastrophen (Dürre, harte Winter etc.) hat der Schamane unter Zuhilfenahme von Geistern eine Mittlerfunktion zwischen Diesseits und Jenseits zum Zwecke der Heilung: der Schamane hat die eigene Gruppe in Gegenwart und Zukunft sicher am Leben zu erhalten. Das gelingt dem Schamanen insbesondere durch die Fähigkeit, sich seiner Seele willentlich zu entäußern und sie auf die Reise ins Jenseits zu schicken, sowie durch verschiedene Ekstasetechniken.[88] Dabei setzt der Schamanismus eine dualistische Weltanschauung und jenseitige Geistmächte voraus. Die Schamanen werden berufen, verwandelt und geweiht. Ihre Séancen geschehen in der Dunkelheit, zu ihren Requisiten gehört neben ihrer Maskierung insbesondere die Schamanen-Trommel als wesentliches Hilfsinstrument (Mittel zur Trance, Zusammenrufen von Geistern, Abschreckung jenseitiger Geister, Schlegel als Peitsche zum Züchtigen des Reittiers im Jenseits). Durch Fasten, Atemübungen, Musik, Gesang, Rhythmus (mit zunehmend härterem und schnellerem Trommelschlag), Körperbewegungen, Tanz und halluzinogene, wahrnehmungsverän-dernde Stimulanzien versetzt sich der Schamane in Trance und Ekstase, die zu einem befreienden Glücksgefühl führen, in dem die Seele sich vom Körper löst und aufsteigt: „Und immer hatten die Anwesenden teil am Geschehen. Sie erlebten jedoch, was sich zutrug, nicht nur passiv, staunend, erschreckt oder triumphierend mit; sie beteiligten sich auch aktiv daran. Wenn der Schamane die Lieder anstimmte, mit denen er seine Hilfsgeister rief, wiederholten sie das Gesungene [...] im Chor. [...] Es handelte sich stets um eine Gemeinschaftsveranstaltung, überall.“[89] „War dann, nach mehreren Stunden, alles vorüber, brach der Schamane zumeist in totaler Erschöpfung zusammen.“[90]

3. Techno – oder: Das Heilige in der Erlebnisgesellschaft[91]. Eine religionspädagogische Verortung
„Ich habe in Zagreb gespielt, und da war Techno wirklich eine Heilsbotschaft. Da kam das Heilige der Musik richtig zum Ausdruck.“[92] (Westbam)
Nach Dietrich Bonhoeffers Briefen aus der Haft von 1944 gehen wir einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Religion befindet sich in der Moderne auf dem Rückzug. Säkularisierung stellte eine wesentliche Frage in der Nachkriegstheologie dar (u.a. Friedrich Gogarten; Harvey Cox). In der postmodernen Erlebnis- und Freizeitgesellschaft mit ihrem Zwang zur Individualisierung, in der angesichts des Traditions-abbruchs jede/r sein Leben selbst gestalten  muß,  erleben wir nun die Wiederkehr des Heiligen mit der Doppelung von Tremendum und Faszinosum (Rudolf Otto), eine neue Blüte von Religiosität bei gleichzeitiger Entkirchlichung.[93] „Je mehr ich erlebe, umso weniger gilt das einzelne Erlebnis. Je weniger aber das einzelne Erlebnis als herausragendes und dauerhaftes Erlebnis erfahren wird, umso heftiger muß ich mich in neue Erlebnisse stürzen. Die Erlebnisspirale dreht sich immer schneller [...] .“[94] „Von der Religion werden vor allem ´starke Erlebnisse´ erwartet.“[95] Techno bietet für viele Jugendliche offenbar solch ein starkes Erlebnis und repräsentiert für sie das Heilige (vgl. das obige Zitat von Westbam). „Letztendlich kann jeder (belebte oder unbelebte) Gegenstand als materieller Träger des Heiligen fungieren. Es hat deshalb keinen Sinn, in der materiellen Beschaffenheit der als heilig geltenden Dinge nach den Gründen für ihre Heiligkeit zu suchen. Das bedeutet auch eine deutliche Absage an die in der Populärliteratur so eifrig betriebene – oft psychoanalytisch aufgeladene – Symbolforschung.“[96]
Aufgabe des Protestantismus wäre (nach Albrecht Grözinger) nun zum einen, sich wirklich auf die Erlebnisgesellschaft einzulassen. Das bedeutet (für mich) hinsichtlich Techno: diese Lebenswelt wahrnehmen, ernstnehmen, nicht mit Vorurteilen überziehen und Hemmschwellen in der Berührung mit dieser Lebenswelt abbauen und die sich hier zeigenden Bedürfnisse vorurteilsfrei würdigen. Zugleich aber hätte Protestantismus die Aufgabe, sich qualifiziert auf die Erlebnisgesellschaft einzulassen und „der Unbestimmtheit der Erfahrung des Heiligen ein bestimmtes Profil zu verleihen.“[97] Das bedeutet (für mich) hinsichtlich Techno vor allem eine empathisch-kritische Wahrnehmung und Begleitung, a) religionskritisch: etwa im Hinblick auf die Fragen nach Alltag und Flucht aus dem Alltag, b) theologisch: 1) die Frage nach Leistungsfähigkeit und „Werkgerechtigkeit“ als „Das-Leben-selbst-Schaffen -Wollen“ (im Tanzmarathon) etc., kurz: die Frage nach einem fremderzeugten Erlebnis des ganz Anderen, der Gnade, anstelle der Suche nach Selbst-Erlösungs-Erlebnissen: die Techno-Szene ist überaus leistungsorientiert[98], nicht nur in körperlicher Hinsicht (weshalb leistungssteigernde Drogen verbreitet sind), sondern auch in psychischer Hinsicht; im Zeitalter des Narzißmus gilt es, sich als Besonderen darzustellen und dadurch Anerkennung zu erfahren, 2) damit verknüpft die Frage nach einer Überbetonung des Augenblicks und des Präsentischen: selbst wenn am Ende unseres Jahrhunderts die Utopie gewiß obsolet geworden ist, weil unzählige Totalitarismen sich aus ihr gespeist haben, so droht doch auch in der Betonung des Präsentischen in der Postmoderne eine Gefahr: die Überforderung der Gegenwart, Genuß sofort, Leistung jetzt, kein Bedürfnisaufschub. Theologisch gilt es hingegen, die Spannung zwischen präsentischer und futurischer Eschatologie auszuhalten! 3) Die Frage nach der Funktion von Musik für den Glauben: Hat im Protestantismus alle Musik der Ausdeutung des Wortes Gottes zu dienen? „Der protestantische Choral ist wortbezo-gene Musik schlechthin.“[99] Hat religiöse Musik im Protestantismus eine über die „logogene“[100] Funktion hinausgehende Bedeutung?

Darüberhinaus kann das Phänomen Techno eine Fülle produktiver Anfragen an  Religionspädagogik, Kirche und Theologie stellen:

Techno zeigt, daß die einseitige Sender-Empfänger-Kommunikation endgültig obsolet geworden ist und einem reziproken Kommunikations-Prozeß gewichen ist. Zugleich ist Techno plural, offen und integrativ.

Techno fordert heraus zu mehr Körperlichkeit, Ganzheitlichkeit, Erfahrungs-, und Erlebniskultur, incl. der Bereiche Ekstase, Mystik, Meditation. Es geht also um Wiedergewinnung religiöser Erlebnisintensität, Beteiligung, „erfahrungs-bezogene, biographienahe und lebensweltlich-relevante Individualisierung der Religion.“[102] Begriffe wie „Inkulturation“ und „Lebenswelt“ (Jugendlicher) werden zentral.[103]

Techno fordert zu einer ästhetischen Bewohnbarmachung von Religionsunterricht und Kirche heraus. Es gilt, ästhetische Weltaneignung zu fördern.[104] Das religiöse Design kann kein Adiaphoron oder gar eine zu vernachlässigende Größe mehr sein. Eine ästhetische Neubewertung von Religion hätte Anschaulichkeit, Sinnlichkeit, Wahrnehmungsfähigkeit und Produkt-Design ebenso neu zu würdigen[105] wie Spiritualität: „Das Christentum ist eine Religion, Spiritualität sein Lebensnerv. [...] Die Theologie wird entsprechend die Dimensionen des Heiligen, der Liturgie und des Feierlichen nicht länger als sekundär betrachten können.“[106]

Techno verweist auf einen funktionalen Religionsbegriff; damit können auch weitere Elemente der Pop-Kultur als quasi religiöse Bereiche begriffen werden. Deshalb „scheint eine solche christliche Bildung keinen Bestand mehr haben zu können, die sich als Einweisung in einen festen kulturreligiösen Kanon von christlichem Wissen, Lebensweisen und Bedeutungen versteht. [...] Christliche Bildung scheint darum als christliche Umgangsfähigkeit mit einer plural gewordenen Religiosität verstanden werden zu müssen.“[107]
Als postmodernes Phänomen verweist Techno auf den Paradigmen-Wechsel von einer futurischen hin zu einer präsentischen Eschatologie im Sinne eines Abschieds von Fortschrittsideologie und Utopie.
Postmodern verweist Techno auf die Bedeutung von Individualisierung (und damit im religionspädagogischen Kontext etwa auf die Bedeutung biographischen Lernens, insbesondere an den Bruch- und Schnittstellen des Lebens)[108]. Es geht also um Vernetzung mit den realen individuellen (Biographie) und gesellschaft-lichen Lebensfeldern (Alltag und Ausstieg aus dem Alltag). Religion wird individuell; der einzelne Gläubige kann und muß seine Frömmigkeit selbst gestalten (religiöse Patchwork-Identität)[109], Identität bleibt Fragment (Henning Luther[110]). Unhinterfragte konfessionelle Kollektivbiographien weichen Wahlbiographien.

Als subkulturelle (Hyper-Konsum)Protest-Kultur gedeutet fordert Techno Glaubwürdigkeit und Authentizität inmitten unglaubwürdig gewordener „Meta-erzählungen“ (Lyotard).

Von Techno könnten Religionspädagogik und Kirche ein präzises Sein-in-der-Zeit lernen.[111]
   
     

[1] Überarbeitete Fassung eines Referats auf der Tagung des Pädagogischen Instituts der Ev. Kirche von Westfalen „´Wallfahrt zum Techno-Tempel´. Ekstatische Elemente in der gegenwärtigen Jugendszene.“ Haus Villigst, D-58239 Schwerte, 6./7. März 1998. –  Dozent Pfarrer Eberhard zur Nieden gewidmet. 

2] In der Bundesrepublik Deutschland vermutet man ca. 3,5 Millionen jugendliche Techno-Fans, das sind etwa 40% der 15-24 Jährigen, bei den 15-17 Jährigen steht Techno an erster Stelle.

[3] Jon Savage, Der Trans-Europa-Amerika-Express. Grunge und Techno – der Soundtrack der Generation X, in: Spiegel Spezial Nr. 2, 1994 „Pop & Politik“, 95-101: 101.

[4] Thomas Assheuer / Enver Hirsch, Ekstase, Befreiung, Glück. Maximilian Lenz alias Westbam ist Deutschlands erfolgreichster DJ – und der Philosoph des Techno. Ein Gespräch über das Wesen und die Zukunft des großen Bum-Bum, in: ZEIT-Magazin Nr. 46 vom 7.11.1997, 30-37: 33.

[5] Udo Feist, Technodharma. Religiöse Paradigmen im Zeitalter ihrer reproduzierten Ununterscheid-barkeit, in: Medien und Erziehung 39, 1995, 205-208.

[6] Udo Feist, Jugend „musiziert“. Techno – Reizsintflut und Abflug in die Euphorie, in: LutherischeMonatshefte 34, 1995, Heft 9, 12f: 13.

[7] Oliver Dumke, Die religiöse Dimension von Techno, in: Katechetische Blätter 122,1997, 206-212.

[8] A.a.O., 206.

[9] Vgl. u.a.: Udo Feist, Techno Trance Atlantic. Musik der Jugendkultur: Maschinenlärm und Emotionaliät, in: Medien praktisch  20, 1996, Heft 80, 63-66: 63. Er spricht außerdem von: „Trance“, „Ritual“, „Synkretismus“, „Kontemplation“.

[10] Arthur Thömmes, Populäre Musik im Religionsunterricht. Eine Arbeitshilfe mit Liedtexten und methodisch-didaktischen Hilfen, hg. v. Katechetisches Institut des Bistums Trier (Hinter dem Dom 1, D-54290 Trier), Trier 1996, 12. Vgl. auch: Arthur Thömmes, Love is the message. Techno – die neue Wochenendreligion der Jugend, in: rabs. Religionspädagogik an berufsbildenden Schulen 28, 1996, 8-10.

[11] Feist, Technodharma, 208.

[12] Zur Definition vgl. Reinhard Flender / Hermann Rauhe, Popmusik. Aspekte ihrer Geschichte, Funktionen, Wirkung und Ästhetik. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1989, 17: „Popularmusik ist eine spezifisch eigenständige Musikkultur auf der Grundlage industrieller Produktion und Distribution. Ihre sozialen und psychologischen Funktionen sind bestimmt durch die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse, die in verstärktem Maße durch die rationalisierte Lebens- und Arbeitsform in der industrialisierten Gesellschaft erzeugt werden. Ihre Ästhetik wird bestimmt durch die Bedingungen und Möglichkeiten der Massenkommunikationsmittel, ihre Semantik erwächst aus den Topoi moderner Mythologien, ihre Struktur aus der Akkulturation von ethnischen (insbesondere der afroamerikanischen) mit popularisierten oder trivialen europäischen Musiktraditionen.“ – Popmusik ist an industrielle Produktion, Warencharakter, leichte Aneignung und weitestgehende Verbreitung gebunden. – Zur Geschichte der Popmusik in religionspädagogischer Perspektive vgl. Ilse Kögler, Die Sehnsucht nach mehr. Rockmusik, Jugend und Religion. Informationen und Deutungen, Graz (Styria) 1994 / Bernd Schwarze, Die Religion der Rock- und Popmusik. Analysen und Interpretationen, Praktische Theologie heute 28, Stuttgart (Kohlhammer) 1997, 113-134 / Hubert Treml, Spiritualität und Rockmusik. Spurensuche nach einer Spiritualität der Subjekte. Anregungen für die Religionspädagogik aus dem Bereich der Rockmusik, Zeitzeichen 3, Ostfildern (Schwabenverlag) 1997, 170-185.

[13] Vgl. Rainer Winter, HipHop. Eine kulturelle Praxis zwischen Kreativität und Trivialisierung, in: Medien praktisch 22, 1998, 31-33 / Gerd Buschmann, Fishing for Religion – zwischen M.L. King und L. Farrakhan. Ein Stück Kirchen- und Religionskritik der HipHop-Band „Arrested Development“ für die Sek. II, in: Der Evangelische Erzieher 49, 1997, 106-113 / Michael Landgraf, „Hip-Hop Hurray...“ Die Jugendkultur der Hip-Hop und RAP im Religionsunterricht, in: Religion heute 32, Dez. 1997, 264-267 / Friedrich Neumann / Jens-Uwe Welge, Hip-Hop. Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufen, Institut für Didaktik populärer Musik, D-21436 Oldershausen 1996 / David Toop, Rap Attack. African Jive bis Global HipHop, München (Heyne) 1994.

[14] Vgl. grundsätzlich: Philipp Anz / Patrick Walder (Hg.), techno, Zürich (Ricco Bilger) 1995. Vgl. dazu die Rezension von Udo Feist, in: Medien praktisch 20/1996, 69f. / Falko Blask, Techno – eine Generation in Ekstase, Bergisch-Gladbach (Bastei Lübbe) 1995 / Friedhelm Böpple / Ralf Knüfer, Generation XTC. Techno und Ekstase, Berlin (Volk und Welt) 1996 / Wolfgang Rumpf, Stairway to Heaven. Kleine Geschichte der Popmusik von Rock ´n Roll bis Techno, Beck´sche Reihe 1180,  München (C.H. Beck) 1996

[15] Vgl. Ulf Poschardt, DJ-Culture, Frankfurt am Main (Zweitausendeins) 21996 / Gerd Buschmann, Rock, Pop, and all that DJ-Culture – Thesen zu Popularmusik, Religion und Kirche aus religionspädagogischer Perspektive, in: Praktische Theologie 33, 1998, 41-54: 41f.

[16] Martin Pesch, Techno. Kulturelles Phänomen zwischen Millionenerfolg und Authentizität, in: Medien und Erziehung 39, 1995, 199-204: 202.

[17] Vgl. zur Kritik an diesen Vorurteilen besonders: Birgit Richard, Love, peace and unity. Techno-Jugendkultur oder Marketing Konzept?, in: Deutsche Jugend. Zeitschrift für die Jugendarbeit 43, 1995, 316-324.

[18] Exemplarisch: Markus Eham, Aufschwung mit Techno? Grundsätzliche Überlegungen zu einem aktuellen Phänomen, in: Gottesdienst. Information und Handreichung der Liturgischen Institute Deutschlands, Österreichs und der Schweiz 30, 1996, 65-67: 66.

[19] Vgl. a.a.O., 66: „Die ´Musik´ ist rein funktional bestimmt; es wäre untertrieben, sie als Geräuschkulisse zu charakterisieren; vielmehr geht es um einen ganz auf (obstinate) Motorik und ausreizende Dynamik getrimmten Schallraum, der zum Erleben des eigenen Körpers, d.h. durch verausgabende Bewegung zur Ekstase verhelfen soll.“

[20] Vgl. a.a.O., 66: Eham bezeichnet Techno als Ego-Ekstase-Trip, dem – im Gegensatz zur Beatgeneration – jede gesellschaftskritische Note fehle.

[21] Dumke, 209. – Wie ja in der Postmoderne „übergreifende Sinnsysteme [...] nahezu jeden Kredit verloren“ haben,  vgl. Joachim Kunstmann, Christentum in der Optionsgesellschaft. Postmoderne Perspektiven, Weinheim (Deutscher Studien Verlag) 1997, 11.

[22] Diese Diagnose nimmt Jan Koenot, Hungry for Heaven. Rockmusik, Kultur und Religion, Düssel-dorf  (Patmos) 1997, bes. 115-123; 128-135 bereits für die Rockmusik vor: „In einer Kultur, die kein Vertrauen mehr in das Wort hat, bleibt allein noch die Möglichkeit eines Mythos ohne Worte. In einer Zeit, in der das rationale, entmythologisierende Bewußtsein sich nicht einfach mehr ausschalten läßt und in der es an einem allgemein akzeptablen, expliziten, erzählenden Mythos fehlt, kann nur noch ein bildloser Mythos funktionieren, bei dem die emotionale Wirkung der rationalen vorausgeht.“ (131).

[23] Vgl. Richard, 320: „Eine wesentliche Veränderung bringt Techno im geschlechtsspezifischen Tanzverhalten mit sich. Das ungleichgewichtige Verhältnis der (meist männlichen) Betrachter zu den (meist weiblichen) Tanzenden wird aufgehoben, weil sich das gesamte Publikum in einer permanenten Tanzbewegung befindet.“

[24] A.a.O., 323.

[25] Damit sollen aber keineswegs die Gefahren durch die harte und verbotene Droge Ecstasy verharmlost werden im Sinne der Rede von „Party-Droge“. Vgl. die Broschüre „Ecstasy. Junge Menschen zwischen Leistung und Rausch“ der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS), Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V., Poststr. 15-23, D-50676 Köln.

[26] Assheuer / Hirsch, 32.

[27] Poschardt, 355.

[28] A.a.O., 363.

[29] Englisches Kurzwort als Notsignal im Funkdienst, phonetisch für französisch „m´aider“ („Hilfe!“). – Doppeldeutig verweist MayDay aber auch auf den 1. Mai-Feiertag.

[30] Vgl. Poschardt, 364.

[31] A.a.O., 372.

[32] Vgl. a.a.O., 358; vgl. auch 380-384.

[33] Vgl. a.a.O., 389: „Die Postmoderne wird gern als Reich der unbegrenzten Möglichkeiten verstanden. Antidogmatisch, frei, liberal, nach den Ende der großen Erzählungen auf jedes erzählerische Fragment hoffend und bereit, alles zu akzeptieren. So setzt sich die Postmoderne von den großen Entwürfen der Moderne ab und versucht, sich als pragmatische Geisteshaltung an den realistischen Konditionen des Hier und Jetzt zu orientieren. Keine Utopien und keine Versuche, die Welt ganz neu zusammenzudenken. Einige postmoderne Denker sprachen, Hegel verarbeitend, im antihegelianischen Sinne vom Ende der Geschichte, vom Zeitalter des Simulakrums, von der Ära der Simulation.“

[34] Kunstmann, 84, und öfter. –  Zur kritischen Rezeption der Postmoderne in der Theologie vgl. a.a.O., 162-229 sowie Kuno Füssel, / Dorothee Sölle, / Fulbert Steffensky, Die Sowohl-als-auch-Falle. Theologische Kritik des Postmodernismus, Luzern (Edition Exodus) 1993.   

[35] Bernd Beuscher / Harald Schroeter / Rolf Sistermann (Hg.), Prozesse postmoderner Wahrnehmung. Kunst – Religion – Pädagogik. Ein Schrift-Fest. Dietrich Zilleßen zum 60. Geburtstag, Wien (Passagen) 1996, 16.

[36] Vgl. besonders: Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne, Acta humaniora, Weinheim (VCH) 21988 (Akademie Verlag, Berlin 51997), z.B. ebd. XV: „Pluralität ist der Schlüsselbegriff der Postmoderne.“

[37] Jean-Francois Lyotard, La condition postmoderne, 1979; deutsch: Das postmoderne Wissen, hg. von Peter Engelmann, Graz/Wien (Passagen) 1986 (31995).

[38] Martin Honecker, Popanz Postmoderne. Theologische Kritik an einem inflationierten Begriff, in: Evangelische Kommentare 25, 1992, 263-266.

[39] Vgl. Kunstmann, 14: „Postmoderne ist [...] Reflexionshaltung [...] , nicht [...] geschichtsphilosophische Position [...] Postmoderne ist die ganze Moderne.“

[40] Poschardt, 393.

[41] Honecker, 264.

[42] Poschardt, 376.

[43] A.a.O., 380. Vgl. a.a.O., 384: „Alles, was geliebt wird, kann vom DJ verwendet werden. ... Kein denkbares Hybridmodell wurde ausgelassen“, so daß auch das Archaische als hochtechnisierter Neoprimitivismus (Tribal-House / Jungle-Techno) und Kunst der Primitiven wiederentdeckt wird.

[44]Vgl. dazu a.a.O., 333-336.

[45] Vgl. a.a.O., 369-379.

[46] Vgl. in diesem Zusammenhang auch Umberto Ecos postmodernes Vergnügen am Zitat, etwa in: Umberto Eco, Der Name der Rose, München (Deutscher Taschenbuchverlag) 1986.

[47] In seinem programmatischen Aufsatz über die Postmoderne so schon vor 30 Jahren 1969 Leslie A. Fiedler, Überquert die Grenze, schließt den Graben! Über die Postmoderne, jetzt u.a. in: Jörg Schröder, (Hg.), Mammut: März-Texte, Herbstein (März-Verlag) 1984, 673-697: 694. Vgl. 695: „Wir verdanken es zum großen Teil den Maschinen, [...] , daß wir heute inmitten einer religiösen Renaissance leben, die von den offiziellen Sprechern der etablierten christlichen Kirchen bisher kaum bemerkt worden ist [...].“ Auch abgedruckt in: Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Schlüsseltexte der Postmoderne-Diskussion, Weinheim (VCH) 1988, 57-74 (AkademieVerlag, Berlin 21994).

[48] Kunstmann, 45.

[49] Vgl. Wolfgang Welsch, Ästhetisches Denken, Stuttgart (Reclam) 31993.

[50] Von Eham, 66, als „high-tec-gestützte Version eines mystisch verbrämten Escapismus“ bezeichnet.

[51] U.a. vertreten von: Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Frankfurt am Main (Surhkamp) 91997 / G. van der Leeuw, Vom Heiligen in der Kunst, Gütersloh (Bertelsmann) 1957 / Wolfgang Suppan, Der musizierende Mensch. Eine Anthropologie der Musik, Musikpädagogik. Forschung und Lehre 10, Mainz u.a. (Schott Musik International) 1984.

[52] U.a. vertreten von: Emile Durkheim, Les formes élémentaires de la vie religieuse, Paris 1912  (deutsch: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1125, Frankfurt am Main 1994 ) / Talcott Parsons, The Theoretical Development of the Sociology of Religion, in: ders., Essays in Sociological Theory, NewYork (The Free Press of Glencoe) 1964, 197ff. / Niklas Luhmann, Funktion der Religion, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 407, Frankfurt am Main 1977 / Thomas Luckmann, Die unsichtbare Religion, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 947, Frankfurt am Main 1991. – Vgl. insgesamt Treml, 78f.

[53] Vgl. u.a.: Heiner Barz, Forschungsbericht Jugend und Religion, Bd. 1-3, Opladen (Leske & Budrich) 1992 / Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.), Jugend ´92. Lebenslagen, Orientierungen und Entwicklungsperspektiven im vereinigten Deutschland, Bd. 1-4, Opladen (Leske & Budrich) 1992 / Gerhard Schmidtchen, Ethik und Protest. Moralbilder und Wertkonflikte junger Menschen, Opladen (Leske & Budrich) 21993.

[54] Vgl. auch: Kapitel 2 „Devotio postmoderna“ in Kunstmann, 86-119 / Treml, 76-85: „Das ´Feld des Religiösen´ heute [...] “.

[55] Treml, 77.

[56] Dumke, 208.

[57] Peter Bubmann, Von Mystik bis Ekstase – religiöse Dimensionen der Musik, in: Musik und Kirche 66, 1996, 130-138. Jetzt wieder abgedruckt in: Peter Bubmann, Von Mystik bis Ekstase. Herausforderungen und Perspektiven für die Musik in der Kirche, München (Strube) 1997, 9-21.

[58] A.a.O., 131. – Vgl. auch Ralph Sauer, Mystik des Alltags. Jugendliche Lebenswelt und Glaube. Eine Spurensuche. Freiburg u.a. (Herder) 1990. – Zum Thema „Fußball und Religion“ vgl. BRU. Magazin für die Arbeit mit Berufsschülern, hg. von der Gesellschaft für Religionspädagogik e.V. Villigst, (Heft 28), 1998 / Joachim von Soosten, Die Tränen des Andreas Möller. Sportwelten, Leibensübungen und religiöse Körpersymboloik, in: Pastoraltheologie 86, 1997, 13-25.

[59] Karl-Fritz Daiber, Wird der Glaube zu einer Erlebnis-Religion ohne Dogmatik?, in: Lutherische Monatshefte 31, 1992, 572f. – Treml, 220 bezeichnet Rockmusik als „funktionales Äquivalent“ für Religion oder als „Ersatzreligion“ (221).

[60] Vgl. Thomas Lau, Vom Partisanen zum „Party-sanen“. Die Raving Society als eine neue Form der Jugendkultur? Anmerkungen zur Technoszene, in: Frankfurter Rundschau vom 18.7.1995, 12: Techno ist eine „sprachlose Auflehnung gegen die diskurserfahrenen und diskursverwaltenden Erziehungs-instanzen, eine Auflehnung durch eine Konsumorientierung, die sich gegen die ideologisch, moralisch korrekte Gesinnung der elterlichen Konsumablehnung richtet.“

[61] Günter Kehrer, Ich glaube, also bin ich. Mythos, Religion, Ekstase, in: Funkkolleg „Der Mensch.

Anthropologie heute.“ Studienbrief 8, Studieneinheit 23, Tübingen (Deutsches Institut für Fernstudien) 1993. – Vgl. auch Horst Albrecht, Die Religion der Massenmedien, Stuttgart (Kohlhammer) 1993, 128. So fällt auch der Unterschied zwischen Hoch-Religion und Trivial-Religion, vgl. a.a.O., 134-136.

[62] Eliade, Schamanismus. – Zur Kritik an Eliade vgl. Klaus E. Müller, Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale, Beck´sche Reihe 2072, München (C. H. Beck) 1997, 112f.

[63] Vgl. Buschmann, Rock, Pop, and all that DJ-Culture.

[64] Vgl. Rolf Siedler, Feel it in your body. Sinnlichkeit, Lebensgefühl und Moral in der Rockmusik, Religion und Ästhetik, Mainz (Grünewald) 1995 / Treml,195-201; 276f.

[65] Eham, 67 – Vgl. hingegen Henning Schröer, Rückmeldung, 23 auf: Gotthard Fermor, „Damit die Kirchen wieder voller werden“? Über Popmusik und Gottesdienst, in: Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt 14, 1996, 20-22: „Es fehlt an einer vollen Wertschätzung der Musik gegenüber dem gesprochenen Wort [...] Unsere theologische Hermeneutik ist zu sehr auf Texte fixiert.“ – Eham dürfte sich mit der Anfrage Fermors, a.a.O., 22 konfrontiert sehen: „Die Frage ist, ob sich unsere Liturgiker und Liturgen von der Bedürfnislage der Massenkultur, die uns umgibt, zu einem Lernprozeß herausfordern lassen, der den Gottesdienst in seiner rituellen Struktur ernst nimmt und damit auch musikalische Gestaltwerdungen von Religion, also auch die rhythmisch-ekstatischen einbegreift.“

[66] Thömmes, 14.

[67] Bubmann, 132.

[68] Ebd.

[69] Vgl. Friedrich Pfister, Art. „Ekstase“, in: Reallexikon für Antike und Christentum Bd. 4, Stuttgart (A. Hiersemann) 1959, 944-987.

[70] Hans Wißmann, Art. „Ekstase“, in: Theologische Realenzyklopädie Bd. 9, Berlin/NewYork (Walter de Gruyter) 1982, 488-491: 489.

[71] Ebd.

[72] Carsten Colpe, Über das Heilige. Versuch, seiner Verkennung kritisch vorzubeugen, Frankfurt am Main (Anton Hain) 1990, 68.

[73] Vgl. Nicholas Saunders / Patrick Walder (Hg.), Ecstasy, Zürich (Ricco Bilger) 1994.

[74] Assheuer / Hirsch, 33.

[75] Richard, 320.

[76] Ehams einseitige Verortung von Techno als „Ego-Ekstase-Trip“ (66) und seine einseitige Verneinung der Frage „Ist Techno gemeinschaftsförderndes Tanzen?“ (67) bedürfen also der Differenzierung.

[77] Bubmann, Mystik, 136.

[78] Zur Definition vgl. Manfred Josuttis, Praxis des Evangeliums zwischen Politik und Religion. Grundprobleme der praktischen Theologie, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 21980, 189: Ein Ritual ist „ein System von interaktionalen Vollzügen, durch das eine Gruppe von Menschen für sich und seine Mitglieder in einer bestimmten Situation die Identität sicherstellt.“

[79] Hans-Martin Gutmann, Popularmusik als Gegenstand ästhetischer Praxis. Zu einem vernachlässigten Thema der Religionspädagogik, in: Pastoraltheologie 83, 1994, 285-302: 295 unter Bezug auf Victor Turner.

[80] Vgl. Hannelore Schlaffer, Der andere Zustand. Die Diskothek, als Mysterium und Kult betrachtet, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Januar 1995, Hochglanzbeilage. Zitiert bei: Treml, 222f. Schlaffer vergleicht die Stuttgarter Diskothek „Perkin´s Park“ mit antiken Mysterien-Kulten.

[81] Schlaffer, Zustand.

[82] Ebd.

[83] Vgl. die Erlebnisberichte in: Falko Blask, Techno – eine Generation in Ekstase. Bergisch Gladbach (Bastei Lübbe) 1995.

[84] Richard, 320.

[85] Exemplarisch sei verwiesen auf folgende Veröffentlichung: Felicitas D. Goodman, Ekstase, Besessenheit, Dämonen. Die geheimnisvolle Seite der Religion, Gütersloher Taschenbücher  987, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 1997.

[86] Vgl. Müller, Schamanismus.

[87] Z.B. vergleicht Rolf Tischer, Zeitzeichen in der Rock- und Popmusik, in: rhs Religionsunterricht an höheren Schulen 37, 1994, 9-16: 14, die moderne Diskothek mit einem Stammesritual und der Schamane des Stammes ist dann der Diskjockey. Vgl. auch: Steve Turner, Hungry for heaven. Rock ´n´ Roll and the search for redemption, Illinois (InterVarsity Press) 1995, 15 / Suppan, Der musizierende Mensch, 34.

[88] Vgl. Eliade, Schamanismus.

[89] Müller, Schamanismus, 89.

[90] A.a.O., 90. – Vgl. 94: „Gelang einem Schamanen mehrmals in Folge die Heilung nicht, wurde er getötet.“

[91] Vgl. zum Folgenden besonders: Albrecht Grözinger, Das Heilige in der Erlebnisgesellschaft,Wechsel-Wirkungen 18. Traktate zur Praktischen Theologie und ihren Grundlagen, Waltrop (Hartmut Spenner) 1996.

[92] Assheuer / Hirsch, 34.

[93] Vgl. Albrecht, 125-129.

[94] Grözinger, 16.

[95] A.a.O., 22.

[96] Kehrer, 32.

[97] Grözinger, 24.

[98] Selbst wenn das, was geleistet wird, eine „sinnlose“, „nicht-produktive“ Leistung ist, selbst wenn durch übertriebene Leistungserbringung eine Leistungskritik erzeugt wird, so bleibt doch das Verhalten der Leistungsorientierung verhaftet.

[99] Bubmann, 131.

[100] Ebd.

[101] Vgl. dazu die interessanten Ausführungen bei Hans Bauernfeind, Liturgie und Techno – ein unver-söhnliches Paar?, in: Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstwissenschaft 50, 1997, 360-367, sowie auch Rüdiger Sachau, Sakraler Dancefloor. Techno in der Kirche als Chance pluralen Christentums, in: Evangelische Kommentare 29, 1996, 293-296 / Rüdiger Sachau, Technotanz im Kirchenraum. Beobachtungen und Deutungen einer Begegnung  zwischen zwei Lebenswelten, in: Kristian Fechtner (Hg.), Religion wahrnehmen. Festschrift Karl-Fritz Daiber, Marburg 1996, 201-210 /  Klaus Nees, Gottesdienst mit Techno und Lightshow. Das ´neue geistliche Lied´ nur noch ein alter Hut? – Musik als Zugang zum Glauben, in: Kolpingblatt, Februar 1997, 10 / Meinrad Walter, Ein neues Lied? Pop, Rock und Techno im kirchenmusikalisch-pastoralen Dialog, in: Herder Korrespondenz 50, 1996, 525-529 / efs: Ev. Fernsehen im Presseverband Nord e.V., Dokumentation: Crusade – Techno in der Kirche?, Schillerstr. 7, D-22767 Hamburg. – Jeder vorschnellen Funktionalisierung von Techno zur gottesdienstlichen Verwendung ist zu widersprechen: dankenswerterweise lehnt Eham Techno im Gottesdienst aus liturgischen Gründen ab, ansonsten wäre seine Eingangs-Frage (65) hinreichend verräterisch: „Jedenfalls wird man der Frage nicht ausweichen können, ob junge Menschen nicht auch über die Technoszene für Glaubensfragen und für den Gottesdienst angesprochen werden könnten.“ Jüngere religionspädagogische Bemühungen um den Bereich „Religion und Popmusik“ verwahren sich hingegen eindeutig gegen jede Verzweckung und Vereinnahmung von Jugendkultur; sie darf nicht einfach verzweckt für pädagogische Ziele in den Unterricht hineingenommen werden: „Die Eigenständigkeit rockmusikalischer Jugendkultur muß gewahrt bleiben“, „Vor einer Verzweckung schützt eine absichtslose Begleitung.“ (Treml, 286f). „Popmusik darf nicht einseitig instrumentalisiert werden als ´passendes Lied´ zum Thema; vielmehr sollten Schüler/innen selbständig Musikstücke vorstellen können [...]“ (Buschmann, Rock, Pop, and all that DJ-Culture, 54). – Vgl. auch Fermor, „Damit die Kirchen wieder voller werden?“

[102] Kunstmann, 109.

[103] Vgl. Bauernfeind, 363 / Vgl. auch Treml, 290-292.

[104] Vgl. Treml, 291f.

[105] Vgl. Kunstmann, 110-112.

[106] A.a.O., 238f.

[107] A.a.O., 237f.

[108] Vgl. a.a.O., 112-115.

[109] Vgl. Heiner Keupp, Riskante Chancen. Das Subjekt zwischen Psychokultur und Selbstorganisation. Sozialpsychologische Studien, Heidelberg (R. Asanger) 1988 / Treml, 81f. spricht von „Religion nach Wahl“.

[110] Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts, Stuttgart (Radius) 1992. Vgl. Treml, 132-134.

[111] Vgl. den doppeldeutigen Titel: Hans-Joachim Höhn (Hg.), Theologie, die an der Zeit ist. Entwicklungen, Positionen, Konsequenzen. Paderborn u.a. (Ferdinand Schöningh) 1992.