Was geschah in Galiläa wirklich? Religion in modernen fiction-Produkten
 
Michael Schramm* (20.07.2001)
 
 
Fast alles, was auf Erden geschieht, sinkt wieder ab in das Dunkel des Vergangenen. Nur hin und wieder kann in diesem Meer versunkener Geschichte die ein oder andere Insel vor dem endgültigen Untergang bewahrt werden. Doch auch dann bleibt unser Wissen vom Geschehenen meist bruchstückhaft, unvollständig, verschwommen, fragmentarisch. Dies gilt auch für jene Person, mit der die Geschichte der heute größten Weltreligion[1] begann: JESUS VON NAZARETH.
Die Frage, was sich vor zweitausend Jahren[2] in Galiläa tatsächlich zugetragen haben könnte, beschäftigt auch die wissenschaftliche Theologie schon etwa zweihundert Jahre. Im Zuge der bislang letzten Phase historischer Jesusforschung (der sog. 'third quest')[3], in der nunmehr auch Quellen, die seinerzeit nicht ins Neue Testament aufgenommen worden waren ('außerkanonische' Quellen), stärkere Berücksichtigung fanden (wie beispielsweise das 'Thomasevangelium' aus den 1945 gefundenen Nag-Hammadi-Schriften), wurde die geneigte Öffentlichkeit auch mit einer Reihe von Publikationen konfrontiert, die beide (in unterschiedlicher Weise) dem Bereich der fiction zuzuordnen sind: Zum einen erschien eine wahre Flut von pseudowissenschaftlichen Thesen zur 'Wahrheit' über das frühe Christentum[4], und zum anderen kam eine ganze Reihe von expliziten fiction-Produkten (Filme, Romane) auf den Markt, die sich allesamt um die Frage drehen, was seinerzeit in Galiäa tatsächlich vor sich gegangen sein mag.
Drei dieser letztgenannten Produkte möchte ich herausgreifen: die Romane 'Das fünfte Evangelium' von PHILIPP VANDENBERG und 'Das Jesus Video' von ANDREAS ESCHBACH sowie den Spielfilm 'Stigmata' unter der Regie von RUPERT WAINWRIGHT. Natürlich handelt sich sich bei solchen fiction-Produkten nicht um tiefschürfende Werke wissenschaftlicher Theologie, vielmehr steht der Unterhaltungswert im Vordergrund. Dennoch aber lassen sich einige theologische Aspekte ausmachen, die des weiteren Nachdenkens wert sind. Auf diese Weise können die fiction-Welten aus der Entertainmentbranche zu einem unterhaltsamen Einstieg in grundlegende theologische Fragen werden.
1 'Das fünfte Evangelium' (BRD 1993; Autor: PHILIPP VANDENBERG)
1993 veröffentlichte der Erfolgsautor PHILIPP VANDENBERG einen Roman, welcher theologisch Interessierte schon vom Titel her aufhorchen lässt: 'Das fünfte Evangelium'[5].
Diese Formulierung ist innerhalb der Theologie nicht unbekannt, da der katholische Exeget ALFRED LÄPPLE schon im Jahr 1983 den Begriff 'Fünftes Evangelium' als Sammelbegriff für alle nicht-neutestamentlichen ('apokryphen'[6]) Texte über JESUS VON NAZARETH vorgeschlagen hatte[7]. Damit ist auch schon die Thematik von VANDENBERGs Roman angedeutet: Gibt es ein 'fünftes Evangelium' über JESUS VON NAZARETH, das neue Wahrheiten oder vielleicht sogar die eigentliche Wahrheit über das enthüllt, was sich vor zweitausend Jahren in Galiläa abgespielt hat?
Der Roman beginnt damit, dass ein Münchner Kunsthändler bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben kommt. Seiner Ehefrau, ANNE VON SEYDLITZ, bleibt nur ein Film, der bei ihm gefunden wurde und dessen Aufnahmen in verschiedenen Varianten alle dasselbe Motiv zeigen: ein Pergament mit einer alten koptischen Inschrift. Sie stellt Nachforschungen an, was es mit diesem koptischen Pergament auf sich haben könnte. Dabei gerät sie in eine Fülle von nicht ungefährlichen Verwicklungen, in denen sowohl der Vatikan als auch eine mysteriöse Organisation (die 'Orphiker') mitmischen. Langsam stellt sich heraus, dass es sich bei dem betreffenden Pergament um einen Teil eines 'fünften Evangeliums' handelt, das vermutlich älter ist als die vier kanonischen Evangelien des Neuen Testaments und dessen Autor offenbar JESUS VON NAZARETH noch persönlich gekannt hat[8]...
Um die Lesespannung nicht zu verderben, werde ich hier natürlich nicht auf die weiteren Geschehnisse in VANDENBERGs Roman eingehen, sondern nur die theologische relevante Frage herausgreifen, welche Relevanz der historische Jesus für eine christliche Theologie in der Moderne besitzt. Im Roman wird diese Frage von einem der vom Vatikan bestellten Restauratoren der verschiedenen Pergaments jenes 'fünften Evangeliums', dem Jesuiten Dr. KESSLER, aufgeworfen:
  "Kessler [...] nahm den Faden auf und meinte: 'Sollte sich unsere Annahme bestätigen, daß es fünf Evangelien gibt, dann wäre der Urheber dieses Textes allerdings nicht der fünfte Evangelist, sondern der erste; dann müßte Markus dem, dessen Namen wir nicht kennen, Platz machen.'
  'Kein Beweis!' tat Manzoni den Hinweis ab. 'Nein, kein Beweis', erwiderte der junge Kessler, 'aber es gibt da eine nicht uninteressante Beobachtung.'
  'Wir hören.'
  'Was den vier bekannten Evangelien fehlt, sind biographische Angaben über das Leben unseres Herrn Jesus. In allen vier Evangelien sucht man auch vergeblich nach irgendeiner Angabe über das Aussehen unseres Herrn. Nichts! Warum? Wir sind uns mit der Lehrmeinung der Kirche einig, daß keiner der vier Evangelisten unseren Herrn Jesus gekannt und nur die mündliche Uberlieferung aufgezeichnet hat. Historisches Interesse lag ihnen fern. Sie versuchten Glaubenshilfe zu geben. [...] Aber keiner der vier geht auf seinen Charakter und seine Person ein'.
  'Bei Gott, Bruder in Christo', warf Manzoni mit seiner bedächtigen Stimme ein, 'das ist keine Neuigkeit, die Sie da berichten. Ich zweifle auch, ob es von Wichtigkeit ist zu wissen, wie unser Herr Jesus aussah. Ob er 180 Zentimeter groß, 75 Kilogramm schwer und wie die meisten seiner Zeitgenossen von dunkler, langer Haarpracht war.'
  'Gewiß nicht', antwortete der junge Kessler, und seine Augen hinter der randlosen Brille blitzten listig, 'aber wenn wir davon Kenntnis hätten, müßten auch Sie, Bruder in Christo, eingestehen, daß die Quelle, der diese Information zu entnehmen wäre, sich von allen anderen dadurch unterschiede, daß der Urheber Jesus gekannt hat.'" .
Hiermit sind zwei nicht ganz unbedeutende Fragen angesprochen: Ist es für biblische Autoren theologisch von Bedeutung, JESUS VON NAZARETH persönlich gekannt haben? Oder noch grundsätzlicher: Ist die historische Person Jesu und seine historische Lehre für eine christliche Theologie überhaupt von Bedeutung? Erstaunlicherweise gibt es auf beide Fragen eine verneinende Antwort, und zwar nicht von irgendwem, sondern von theologischen Autoritäten.
Auf die erste Frage hat (möglicherweise) kein Geringerer als PAULUS erklärt, es sei nicht von theologischer Bedeutung, ob man Christus 'dem Fleische nach gekannt' habe oder nicht (2 Kor 5,16). Allerdings dürfte eine andere Interpretation des Verses 2 Kor 5,16 wahrscheinlicher sein[9].
Die zweite Frage hat der bedeutende Exeget RUDOLF BULTMANN verneint: "[F]reilich bin ich der Meinung, daß wir vom Leben und von der Persönlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen können, da die christlichen Quellen sich dafür nicht interessiert haben [...]. Ich habe [...] in der folgenden Darstellung diese Frage [Anm.: nach dem historischen Jesus] überhaupt nicht berücksichtigt, und zwar im letzten Grunde nicht deshalb, weil sich darüber nichts Sicheres sagen läßt, sondern weil ich die Frage für nebensächlich halte"[10]. Der systematische Grund für dieses Desinteresse lag für BULTMANN darin, dass christliche Theolo-gie erst mit dem nachösterlichen Glauben der Urgemeinde (dem 'Kerygma') beginne und nicht schon zu Lebzeiten Jesu[11].
BULTMANNs Antwort kann allerdings nicht zufriedenstellen. Denn es dürfte doch auch darauf ankommen, welches Kerygma in den frühchristlichen Gemeinden tradiert wurde. Es ist durchaus eine theologisch relevante Glaubensfrage, ob sich dieses Kerygma mit der Lehre des historischen Jesus von Nazareth zumindest verträgt oder nicht. Genau dieses Problem wird auch im 'fünften Evangelium' angesprochen. In VANDENBERGs fiction-Buch stellt es sich nach geraumer Zeit nämlich heraus, dass sich die Glaubensinhalte der frühchristlichen Urgemeinde sehr rasch von den Vorgaben des historischen Jesus entfernt hätten. Darüber wird im 'fünften Evangelium' KESSLER von einem weiteren Restaurator der Evangeliumspergamente, dem Jesuiten Dr. STEPAN LOSINSKI, unterrichtet:
 

"In dieser Haltung begann Losinski aufs neue: 'Vor allem durch den missionarischen Eifer eines Zeltmachers aus Tarsos namens Paulus, der seinem Meister nie begegnet ist, erhielt die Bewegung starken Zulauf, daß sie allmählich zu einer ernsthaften Bedrohung für die römischen Staatsgötter wurde. Im ganzen Reich bildeten sich nämlich Gemeinden mit Anhängern dieser Sekte; nicht nur in Palästina, in Kleinasien und Griechenland, sogar in Rom, wo die Götter zu Hause waren, hatten die Christen ihre Anhänger. Ja, diese Leute bemächtigten sich eines missionarischen Eifers, wie ihn noch keine Religion an den Tag gelegt hatte. Und weil sie sich von allen, die nicht ihres Glaubens waren, abkapselten und weil sie bei ihren geheimen Zusammenkünften fremdartige Riten praktizierten, kamen sie bald ins Gerede im ganzen Römischen Reich. In ihrem Fanatismus gingen diese Leute soweit, daß sie ihre vorgefaßte Meinung sogar gegen Leute verteidigten, die den wundertätigen Mann aus Nazareth von Angesicht gekannt hatten. Und als einer kam und behauptete, das mit dem Jesus damals, das war alles ganz anders, ich muß es wissen, besser als jeder andere, da drohten sie, diesen Mann zu steinigen, und dieser Mann entging dem Tod nur durch die Flucht. Er floh nach Ägypten und schrieb alles auf, was er erlebt hatte.' 'Mein Gott', stammelte Kessler"[12].

Auf die Verselbständigung des 'Kerygmas' in der frühchristlichen Urgemeinde habe sich also der Autor eben jenes 'fünften Evangeliums' veranlasst gesehen, einen tatsachengetreueren Bericht abzufassen. Die Darstellung VANDENBERGs ist natürlich nur fiktiv. Nach allem, was wir heute wissen, dürfte die frühe Kirche bei ihrer Auswahl der kanonischen Schriften des Neuen Testaments "einen 'recht guten Geschmack' bewiesen und aus dem, was sie zur Auswahl hatte, wenigstens im Prinzip das Älteste und Vertrauenswürdigste ausgewählt"[13] haben. Doch gleichwohl illustriert die von VANDENBERG dargestellte fiktionale Möglichkeit doch den Umstand, dass sich der christliche Glaube an Jesus von Nazareth vom tatsächlichen Leben und Lehren des historischen Jesus wohl kaum vollständig wird lösen können[14]. Insofern bleibt die Leben-Jesu-Forschung von unverzichtbarer Bedeutung für einen verantworteten christlichen Glauben.
2 'Stigmata' (USA 1999; Regie: RUPERT WAINWRIGHT)
Auf ein real existierendes 'fünftes Evangelium', das die eigentliche Wahrheit über jenen Jesus von Nazareth enthalte, nämlich das 1945 aufgefundene 'Thomasevangelium', wird in dem 1999 in die Kinos gebrachten Film des Werbefilmers RUPERT WAINWRIGHT Bezug genommen: 'Stigmata'[15].
Der Film dreht sich um die 23jährige Friseuse FRANKIE PAIGE (gespielt von PATRICIA ARQUETTE), der aus heiterem Himmel schrittweise in überfallartigen Attacken die sog. 'Stigmata', d.h. die Wundmale Christi, zugefügt werden. Als der Vatikan auf diesen Fall aufmerksam wird, stellt Pater ANDREW KIERNAN (gespielt von GABRIEL BYRNE) zu seinem Erstaunen fest, dass Franke vorher religiös völlig uninteressiert war[16], während die belegten Stigmatisationsfälle stets Zeichen einer gläubigen Identifikation mit dem leidenden Christus waren. Doch nicht dieser theologisch in der Tat nicht ganz akzeptable Aspekt des Films soll hier verhandelt werden[17], sondern der Umstand, dass Frankie in mehreren Trance-Zuständen Texte in aramäischer Sprache - der Sprache, die JESUS selbst gesprochen hat - zitiert oder eine Wand in ihrem Appartement mit aramäischen Buchstabenfolgen füllt.
Pater KIERNAN stellt schließlich fest, dass es sich Textfragmente eines apokryphen Evangeliums handelt.
Wie sich herausstellt, hatte KIERNANs Vorgesetzter im Vatikan, Kardinal DANIEL HOUSEMAN, eine vatikanische Evangelienkommission eingerichtet, in der drei Patres die Aufgabe hatten, vor Jahren gefundene Schriftstücke mit aramäischen Texten zu übersetzen. Doch als HOUSEMAN erkannte, dass diese aramäischen Texte ursprüngliche Worte Jesu wiedergaben, durch welche der Institution Kirche die Legitimation Jesu entzogen würde, löste er die Übersetzungskommission auf und hintertrieb fortan jedwede Veröffentlichung jenes aramäischen Evangeliums. Im Abspann des Films kann man schließlich folgende Sätze lesen: "1946 wurde in Nag Hamadi eine Schriftrolle gefunden. Man bezeichnet sie als 'Die geheimen Worte Jesu' oder auch als 'Thomas-Evangelium'. Dieses Evangelium wurde von Gelehrten in aller Welt als die genaueste Aufzeichnung der Worte Jesu anerkannt. Der Vatikan hat das Thomas-Evangelium bis heute nicht in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen. Eine vom Vatikan abweichende Meinung bezeichnet man als Häresie".
Das sog. 'Thomasevangelium'[18], auf das in WAINWRIGHTs Film Bezug genommen wird, wurde bereits von dem Kirchenvater HIPPOLYT (gest. 235) als das 'Evangelium nach Thomas' erwähnt[19] und dann um 1945 tatsächlich unter den gegenüber von Nag Hammadi (Oberägypten) gefundenen Papyrusrollen (wieder-) entdeckt. Dabei handelt es sich um einen in koptischer Sprache verfassten Text, der aus dem Griechischen übersetzt ist. Dieses 'Thomasevangelium' enthält 114 Jesusworte, in denen auffälligerweise sowohl christologische Titel als auch Hinweise auf Jesu Tod und Auferstehung fehlen[20]. Entgegen traditionellen Meinungen, die allgemein den apokryphen Texten gegenüber skeptisch eingestellt sind und die speziell die Entstehung des Thomasevangeliums erst spät in das 2. Jahrhundert datieren[21], tendiert die neuere Forschung dahin, zum einen im Hinblick auf die wissenschaftliche Frage nach dem historischen Jesus eine prinzipielle Gleichwertigkeit der neutestamentlich-kanonischen und der außerkanonischen Quellen anzunehmen und zum anderen die Entstehung des ThEv um 70 bis 90 n. Chr. anzusetzen[22]. "Das ThEv ist von allen außer-kanonischen Evangelien dasjenige, das am wahrscheinlichsten autonome (von den kanonischen Evangelien unabhängige) und alte Traditionen bewahrt hat. Doch einen Forschungskonsens darüber gibt es nicht"[23].
Wie mischen sich nun in 'Stigmata' fiction-Elemente mit Tatsachen? Zunächst einmal wird im Film als zentraler Inhalt dieses aramäischen Evangeliums mehrfach folgende Textpassage zitiert:
  "Jesus sprach: Das Reich Gottes ist in dir und um dich herum, nicht in (prachtvollen) Gebäuden aus Holz und Stein. Spalte ein Stück Holz und ich bin da. Hebe einen Stein auf und du wirst mich finden".
Hierbei handelt es sich um weitgehend authentische Ziate aus dem Thomasevangelium[24], lediglich die kursiv gesetzte Passage ist frei erfunden. Zweitens ist das reale Thomasevangelium nicht in aramäischer Sprache - der Sprache Jesu - verfasst, sondern stellt eine koptische Übersetzung aus dem Griechischen dar. Schließlich ist drittens die Behauptung, der Vatikan hielte die Texte des Thomasevangeliums geheim, frei erfunden. Tatsache ist selbstverständlich, dass sie seit ihrer Entdeckung 1945 frei zugänglich sind.
Wer sich an solchen fiktiven Elementen stört[25], scheint mir allerdings etwas überzogen zu reagieren. Es handelt sich um einen Film aus der Traumfabrik Hollywoods und "[m]an muß 'Stigmata' als das sehen, was es ist: als Unterhaltungskino der drastischen Art. [...] Und als solcher, das muss man anerkennen, funktioniert er gut. [...] Spannend ist das Ganze durchaus - und ein unorthodoxer Augenkitzel obendrein. [...] [N]atürlich ist auch das in diesem Film Ehrensache: Der Vatikan ist ein Hort der Intrigen, echte Wunder werden geheim gehalten, Hauptsache, die Schäfchen mucken nicht auf und das Geld fließt. Noch ein Klischee. Und wieder etwas, worüber man sich nicht aufregen kann, weil es die Wirklichkeit in Comic-Strip-Form presst. Mag sein, dass der Klerus vor Enthüllungen irgendwelcher Journalisten Angst hat - die Traumfabrik und ihre bunten Abziehbilder der Wirklichkeit braucht er wirklich nicht zu fürchten"[26].
Trotz dieser unbezweifelbaren Genre-Klischees, die sich in 'Stigmata' finden lassen, ist der Film doch geeignet, wenigstens bei theologisch Interessierten die Neugierde nach den apokryphen Quellen der Jesusforschung zu wecken sowie für die "prinzipielle Gleichwertigkeit kanonischer und außerkanonischer Quellen"[27] im Rahmen der wissenschaftlichen Frage nach dem historischen JESUS zu sensibilisieren: "Schon ein erster Blick auf die so hinzugewonnenen [Anm.: außerkanonischen] Texte zeigt, daß der Reichtum der frühchristlichen Schriften noch ungleich größer ist, als er sich ohnehin schon dem bietet, der wirklich alle kanonischen Schriften ernsthaft gelten läßt. [...] [A]m Anfang steht nicht ein einheitliches Glaubensbekenntnis, sondern sehr früh eine große Vielzahl theologischer Ansätze. Die beiden ersten Jahrhunderte gehören im wesentlichen noch in die Phase des Auseinanderstrebens verschiedenartiger Entwürfe. Diesen Reichtum gilt es zur Kenntnis zu nehmen, und entsprechend sollte man sich vor inhaltlichen Festlegungen des 'Kerygmas' hüten. Eine mögliche Bedeutung für die Gegenwart besteht dann darin, daß eine gewisse Pluralität in der Lehre zumindest ausgehalten, wenn nicht gar bejaht werden sollte. Denn die frühchristliche Explosion [...] könnte darin begründet sein, daß man sehr frei war, auf die jeweils 'vor Ort' gegebene Situation einzugehen"[28].
3 'Das Jesus Video' (BRD 1998, Autor: ANDREAS ESCHBACH)
Ein moderneres Medium zur Vermittlung von Wissen über den historischen Jesus als dasjenige traditioneller Schriftzeichen wird in dem erstmals 1998 veröffentlichten Roman 'Das Jesus Video' von ANDREAS ESCHBACH[29] ins Spiel gebracht:
das Video, genauer: eine neuartige Videotechnik, "bei der die Videoaufzeichnung nicht mehr auf einem Magnetband, sondern in einer Art Kristallscheibe erfolgt", wobei diese Aufnahmen "zeitlich nahezu unbegrenzt haltbar"[30] sind.
Der Roman beginnt damit, dass bei archäologischen Ausgrabungen in Israel die Bedienungsanleitung einer Videokamera gefunden wird. Wie sich herausstellt, wird diese Videokamera aber erst in frühestens drei Jahren auf den Markt kommen, doch gleichzeitig besteht kein Zweifel darüber, dass die gefundene Bedienungsanleitung zweitausend Jahre alt ist. Diese Tatsachen legen folgende Hypothese nahe: In (frühestens) drei Jahren wird ein Unbekannter mit der betreffenden Videokamera durch die Zeit zurück ins Galiläa der Zeit Jesu reisen, um Videoaufnahmen von JESUS VON NAZARETH zu machen. Und möglicherweise liegt diese Kamera mit ihren 'zeitlich nahezu unbegrenzt haltbaren' Aufnahmen immer noch irgendwo dort, um heute gefunden zu werden. Eine hektische Jagd auf das Video, in der unter anderem auch ein Medienmagnat und der Vatikan mitmischen, beginnt ...
Wäre ESCHBACHs Variante der 'Leben-Jesu-Forschung' (vorerst) nicht der fiction zuzuordnen, so würde sich für die wissenschaftliche Suche nach Fakten über den historischen JESUS ganz neue Dimensionen eröffnen: nicht mehr nur 'tote' Buchstaben, erinnerte Geschichten von Leuten, die erst Jahrzehnte später lebten, sondern ein Video - in Farbe und HiFi-Qualität - von Jesus, von Jesus bei der Bergpredigt, bei Totenauferweckungen, bei der Kreuzigung, vielleicht sogar der Auferstehung. In ESCHBACHs Roman findet sich jedoch gerade im Hinblick auf diesen dokumentarischen Vorzug des Mediums eines Videos eine auch theologisch nicht uninteressante Überlegung. In einem Dialog zwischen dem Archäologen STEPHEN FOXX und dem science-fiction-Schriftsteller PETER EISENHARDT, die beide in die Suche nach dem Video verwickelt sind, fragt FOXX:
  "'Meinen Sie wirklich, die Kirche hat Angst vor diesem Video?'
  'Aber natürlich!' Der Schriftsteller riß die Augen auf. 'Haben Sie jemals ein Buch gelesen und dann den Film dazu gesehen, ohne enttäuscht gewesen zu sein? Genau diese Situation haben wir hier. Die Kirche muß erstens befürchten, daß das Video etwas enthüllen könnte, was die bisher gelehrte Glaubensdoktrin in Frage stellt und damit die Unfehlbarkeit des Papstes. Zweitens, und das ist womöglich noch wichtiger: Das Video wird niemals mithalten können mit den Bildern, die sich die Gläubigen in ihrer Phantasie gemacht haben, mit all den Heiligengemälden über den Ehebetten und den kitschigen Bildern in den Kinderbibeln. Auf dem Video wird alles ziemlich erbärmlich, primitiv und schmutzig aussehen, und man wird sehen, daß Jesus nur ein Mensch wie jeder andere ist. Vielleicht wird man sehen, wie er etwas verkündet, und das wird ziemlich interessant sein, aber man wird es nicht verstehen, weil kaum jemand Aramäisch versteht, und was die Eindringlichkeit seiner Botschaften betrifft, bin ich sicher, daß jeder Evangelist in seinem Zelt hundertmal überzeugender wirkt. Kurzum, die Kirche muß befürchten, daß sich die Menschen desillusioniert abwenden, wenn sie erst einmal den wirklichen Jesus gesehen haben.'"[31].
Wie sich später herausstellt, wird die ganze Angelegenheit von den Funktionären des Vatikans - interessanterweise allerdings nicht vom Papst selber - genau so gesehen. Pater SCARFARO, der im Namen der Glaubenskongregation nach dem Jesusvideo fahndet, äußert sich zum Problem:
  "'Die Heilige Schrift ist vollkommen', sagte er. '[...] Können wir zulassen, daß nun womöglich etwas hinzugefügt werden muß? Wir können es nicht. Dürfen wir es erlauben festzustellen, daß Jesus etwas anderes gesagt hat als das, was überliefert ist? Wir dürfen es nicht. Täten wir es, käme alles durcheinander, wäre dem Zweifel Tür und Tor geöffnet, würde der Glaube zerstört. [...]' [...] 'Die Wahrheit?' sagte er [...]. 'Die Wahrheit ist, daß die Wahrheit unerheblich ist. Das Christentum hat zweitausend Jahre lang funktioniert, und was so lange funktioniert, funktioniert bis in alle Ewigkeit. Die Wahrheit ist, daß die tatsächliche Person des Stifters keine Rolle spielt. Im Gegenteil, es ist gut, daß der, auf den alles zurückgeht, so unbekannt, so ungreifbar ist - wie sonst hätte er zu diesem übermenschlichen Idol werden können? Selbst wenn Ihr Video den echten, wirklichen, den historischen Jesus von Nazareth gezeigt hat: welches menschliche Wesen könnte es denn aufnehmen mit der Gestalt, die wir geschaffen haben? Nein, wir brauchen dieses Dokument nicht. Es kann nur Schaden anrichten.'"[32].
Hier kehrt nicht nur die oben schon thematisierte BULTMANN-Frage wieder auf, inwieweit man die Frage nach dem historischen Jesus tatsächlich 'für nebensächlich halten'[33] kann. Das Problem wird bei ESCHBACH noch weiter zugespitzt: Müssen Menschen, die an JESUS VON NAZARETH als den Christus glauben, befürchten, durch ein Jesus-Video enttäuscht zu werden? Müssten sie dann nicht geradezu Glaubensangst vor dieser modernisierten Art der 'Leben-Jesu-Forschung' haben? Würden gestochen scharfe live-Bilder vom historischen Jesus glaubenszerstörend wirken? Nun, für alle wird nur ein Mann zu sehen sein, der ganz gewöhnlich aussieht, der mit anderen Menschen spricht oder mit ihnen isst, aber ansonsten nichts Spektakuläres erkennen lässt. Dennoch würden die Leute, denen man ein solches Video vorspielen würde, ganz unterschiedlich reagieren[34], und zwar deswegen, weil das, was man auf dem Video sichtbar sehen könnte, nicht identisch ist mit der religiösen Dimension dieses JESUS VON NAZARETH. Daher, so ist zu vermuten, wird es zwei prototypische Reaktionen geben: Eine erste Gruppe von ZuschauerInnen wird nur diesen gewöhnlichen Mann sehen und entweder gelangweilt oder enttäuscht reagieren: gelangweilt, wenn man mit den Bildern schlichtweg nichts anfangen kann, oder enttäuscht, wenn man zuvor vermutet hat, das Religiöse werde sich in bombastischem Gehabe und spektakulären events demonstrieren. Für die Gelangweilten wird das Jesusvideo nichts verändern, für die Enttäuschten wird es sich glaubenszerstörend auswirken. Eine zweite Gruppe dagegen wird 'hinter' oder in diesen gewöhnlichen Bildern eine 'tiefere' Dimension sehen, eine unaussprechliche Geheimnishaftigkeit des Wirklichen, die in diesem 'normalen' Mann aus Nazareth aufscheint. Warum aber diese unterschiedlichen Reaktionen? Ich weiß darauf nur die Antwort, dass die Leute der zweite Gruppe offenbar aus irgend einem Grund 'religiös musikalisch' sind für denjenigen Religionstypus, der uns in JESUS VON NAZARETH begegnet. Und für sie werden die objektiv ganz gewöhnlichen Bilder des Jesusvideos ein religiöses 'Fenster öffnen' - denn darin besteht die Funktion von Religion[35].
Schluss
Fictionromane oder -filme sind keine theologischen Traktate, sondern Unterhaltungsprodukte. Ihr primärer Zweck besteht nicht in der Vermittlung theologischer Antworten, sondern darin, die Leserinnen und Lesern in fiktive Welten zu verwickeln. Gleichwohl sind solche Romane oder Filme durchaus geeignet, einen spannend verpackten Einstieg in theologische Fragen, wie etwa die Frage nach der Bedeutung des historischen JESUS, zu liefern.
Lesetipp zum Einstieg in die Forschung nach dem historischen Jesus:
  THEISSEN, GERD / MERZ, ANNETTE [1997]: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 2. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.  
     
 
 
 
 
     
 
 
 

* dienstlich: Theologische Fakultät Erfurt, Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaft; PF 100262, D-99002 Erfurt; Domstraße 10, D-99084 Erfurt; Fon 0361/590770; Fax 0361/59077-20; rektorat.theol@uni-erfurt.de; http://www.uni-erfurt.de/theol/fachbereich_soz/schramm.htm; privat: Andreasstraße 45, D-99084 Erfurt, Fon 0177/3138737; Schuhstraße 18, D-72108 Rottenburg a.N., Fon 07472 / 917243; Bundschuh-Schramm@t-online.de

[1] Laut ‘International Bulletin of Missionary Research’ vom Januar 2000 (http://www.fides.org/German/2000/g20001020b.html) hatten die Weltreligionen bei einer Weltbevölkerung von 6,055049 Mrd. Menschen im Jahr 2000 folgende Marktanteile: (1.) Christentum: 1,999566 Mrd. (= 33,02%), davon: röm. Katholizismus: 1,056920 Mrd. (17,45%), Protestantismus: 0,342035 Mrd. (05,64%), orthodoxes Christentum: 0,215129 Mrd. (03,55%), anglikanisches Christentum: 0,079650 Mrd., Christen (ohne röm. Kath.): 0,942646 Mrd. (15,56%); (2.) Islam: 1,188240 Mrd. (19,62%); (3.) Hinduismus: 0,811337 Mrd. (13,39%); (4.) Buddhismus (incl. Buddhismus Japans und Chinas): 0,359982 Mrd. (05,94%); (5.) Judentum: 0,014434 Mrd. (00,23%); (6.) sonstige Religionen (China: Universismus, Taoismus, Konfuzianismus; Japan: Shintoismus; Stammesreligionen etc.): 0,913331 Mrd. (15,08%); (7.) Religionslose: 0,768159 Mrd. (12,68%), davon bekennende Atheisten: 0,150090 Mrd. (02,47%).

[2] Die m.E. beste Einführung in die Frage nach dem historischen Jesus bieten Theissen, Gerd / Merz, Annette [1997]: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 2. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Daneben vgl.: Crossan, John Dominic [1994]: Der historische Jesus, München: Beck; Schweizer, Eduard [1995]: Jesus, das Gleichnis Gottes. Was wissen wir wirklich vom Leben Jesu?, 2. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Becker, Jürgen [1996]: Jesus von Nazaret, Berlin u.a.: de Gruyter; Gnilka, Joachim [1997]: Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte [Sonderausgabe], 5. Aufl., Freiburg [Br.] / Basel / Wien: Herder; Theissen, Gerd / Winter, Dagmar [1997]: Die Kriterienfrage in der Jesusforschung. Vom Differenzkriterium zum Plausibilitätskriterium, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Heyer, Cees J. den [1998]: Der Mann aus Nazaret. Bilanz der Jesusforschung, Düsseldorf: Patmos; Theißen, Gerd [1999]: Im Schatten des Galiläers. Historische Jesusforschung in erzählender Form, 14. Aufl., Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus; Lüdemann, Gerd [2000]: Jesus nach 2000 Jahren. Was er wirklich sagte und tat, Lüneburg: Klampen. Eine Textauswahl zur Frage findet sich in Baumotte, M. [1984 / Hg.]: Die Frage nach dem historischen Jesus. Texte aus drei Jahrhunderten [Reader Theologie], Gütersloh.

[3] Drei unterschiedliche Anläufe der Frage nach dem historischen Jesus lassen sich unterscheiden: 1. Nach ersten Anstößen durch Hermann Samuel Reimarus und David Friedrich Strauß ist zunächst die liberale Leben-Jesu-Forschung zu nennen (vgl. etwa Holtzmann, H. J. [1863]: Die synoptischen Evangelien. Ihr Ursprung und geschichtlicher Charakter, Leipzig). 2. Nachdem diese Leben-Jesu-Forschung an ihre Grenzen gestoßen war (vgl. etwa die kritischen Arbeiten von Schweitzer, Albert [1984]: Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, 9. Aufl., Tübingen, und Wrede, W. [1901 / 1969]: Das Messiasgeheimnis in den Evangelien. Zugleich ein Beitrag zum Verständnis des Markusevangeliums, 4. Aufl., Göttingen) und vor allem Rudolf Bultmann programmatisch die These vertreten hatte, die Lehre des historischen Jesus sei für den christlichen Glauben nicht von entscheidender Bedeutung, brach sich die ‘neue Frage’ nach dem historischen Jesus Bahn (vgl. etwa Fuchs, E. [1956]: Die Frage nach dem historischen Jesus, in: ZThK 53, S. 210 - 229; Käsemann, E. [1964]: Sackgassen im Streit um den historischen Jesus, Exegetische Versuche und Besinnungen II, Göttingen). In dieser Phase versuchte man methodisch, mit Hilfe des sog. ‘Differenzkriteriums’ authentische Jesusworte zu identifizieren, während man inhaltlich nach Gehalten der christlichen Glaubensverkündigung (das ‘Kerygma’) schon in der Lehre Jesus fahndete. 3. Schließlich trat die Forschung in die Phase der ‘third quest’ for the historical Jesus (vgl. etwa Neill, S. / Wright, T. [1988]: The Interpretation of the New testament 1861-1986, Oxford; Witherington, B. III [1995]: The Jesus Quest. The Third Search for the Jew of Nazareth, Chocago; Schramm, Tim [1996]: Die dritte Runde. Der historische Jesus im Spiegel der neueren Forschung, in: Gemeinschaft am Evangelium [Festschrift für W. Popkes], Leipzig, S. 257 - 280). Jesu Verwurzelung im Judentum und die Berücksichtung außerkanonischer Quellen kennzeichnen diesen neuerlichen Anlauf.

[4] Beispielsweise Baigent, Michael / Leigh, Richard [1991]: Verschlußsache Jesus. Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum, München: Droemer Knaur; Thiering, B. [1993]: Jesus von Qumran. Sein Leben - neu geschrieben, Gütersloh. Kritisch hierzu: Berger, Klaus [1993]: Qumran und Jesus. Wahrheit unter Verschluß?, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus; Betz, Otto / Riesner, Rainer [1999]: Verschwörung um Qumran? Jesus, die Schriftrollen und der Vatikan, Rastatt: Pabel / Moewig.

[5] Vandenberg, Philipp [1993]: Das fünfte Evangelium, Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe. Im folgenden zitiert nach der Ausgabe: Vandenberg, Philipp [1999]: Das fünfte Evangelium, in: Vandenberg, Philipp: Das fünfte Evangelium / Der Pompejaner, 2. Aufl., Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, S. 5 - 396.

[6] Der Ausdruck ‘apokryph’ leitet sich ab vom griechischen apokryphos = verborgen. Gemeint sind also Schriften, nicht dem offiziellen und damit öffentlichen Kanon des Neuen Testaments angehören, sondern gewissermaßen im Untergrund tradiert wurden. Natürlich entspricht der Ausdruck nicht dem Selbstverständnis dieser Schriften.

[7] Läpple, Alfred [1983]: Außerbiblische Jesusgeschichten. Ein Plädoyer für die Apokryphen, München.

[8] Vandenberg (1999, S. 209 - 211).

[9] Die Deutung hängt davon ab, ob man das ‘kata sarka’ (‘dem Fleische nach’) auf Christus oder auf das Verb ‘kennen’ bezieht. Wenn man sich für die zweite - vermutlich wahrscheinlichere - Möglichkeit entscheidet, dann geht es um ein ‘fleischliches (= sündenverzerrtes) Erkennen des Christus’, womit Paulus vermutlich auf seine vorchristliche Zeit als Saulus anspielen würde. Optiert man dagegen für die erste Möglichkeit, dann meint die Formulierung ‘Christus dem Fleische nach kennen’ den historischen Jesus. Der Satz kann dann wiederum auf zweifache Weise gedeutet werden. Variante (a): Selbst wenn Paulus den historischen Jesus gekannt hätte, so käme dieser Tatsache für seine jetzige Theologie keinerlei Bedeutung mehr zu. Variante (b): Paulus hat den irdischen Jesus zwar gelegentlich gesehen, doch spielt auch diese Tatsache für seine jetzige Theologie keine Rolle mehr.

[10] Bultmann, Rudolf [1926 / 1970]: Jesus [GTB 17], 4. Aufl., Gütersloh, S. 10f.

[11]Die Verkündigung Jesu gehört zu den Voraussetzungen der Theologie des NT und ist nicht ein Teil dieser selbst. [...]. Christlichen Glauben [...] gibt es erst, seit es ein christliches Kerygma gibt, d.h. ein Kerygma, das Jesus Christus als Gottes eschatologische Heilstat verkündigt, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Das geschieht erst im Kerygma der Urgemeinde, nicht schon in der Verkündigung des geschichtlichen Jesus” (Bultmann, Rudolf [1987]: Theologie des Neuen Testaments, 9. Aufl., Tübingen: Mohr [Siebeck], S. 1f.).

[12] Vandenberg (1999, S. 322f.).

[13] Berger, Klaus / Nord, Christiane [1999]: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften [übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord], Frankfurt [M.] / Leipzig: Insel, S. 13.

[14] So räumt auch Bultmann, Rudolf [1987]: Theologie des Neuen Testaments, 9. Aufl., Tübingen: Mohr [Siebeck], S. 2, ein: “Zu seinen [Anm.: des Kerygmas] Voraussetzungen gehört freilich das Auftreten und die Verkündigung Jesu”.

[16] Regisseur Wainwright kommentiert hierzu: “Ich war fasziniert von der Idee, dass es eine zutiefst religiöse Geschichte war über jemanden, der selbst gar nicht religiös ist - eine Story über einen Ungläubigen, der von einer Religion berührt wird, und das auf eine machtvolle und verstörende Art und Weise” (zit. nach: http://www.kinoweb.de/film2000/Stigmata/film05.php3).

[17] Theologisch gesehen war beispielsweise die “Stigmatisierung des Franziskus am Ende seines Lebens [...] nicht eine supranaturalistische [Anm.: übernatürliche] Überrumpelung und damit Entfremdung, sondern liegt in der Konsequenz seines Lebens und Glaubens selbst” (Fuchs, Ottmar [1993]: Im Brennpunkt: Stigma. Gezeichnete brauchen Beistand, Frankfurt [M.]: Knecht, S. 14). Genau als das, was eine Stigmatisation theologisch nicht ist, wird sie aber im Film Wainwrights dargestellt: als eine ‘supranaturalistische Überrumpelung’, als ein brutaler Angriff einer unbekannten, unsichtbaren, aus einer fremden und bedrohlichen Welt kommenden Macht. Hierin liegt also eine wichtige Differenz zwischen dem effektorientierten fiction-Produkt Wainwrights und einer theologischen Sicht von Stigmata.

[18] Hierzu Theissen / Merz (1997, S. 51 - 55). Daneben: Schröter, Jens [1997]: Erinnerung an Jesu Worte. Studien zur Rezeption der Logienüberlieferung in Markus, Q und Thomas [Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament, Bd. 76], Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag; Greiner, Christoph [1998]: Das Thomasevangelium, Aachen: Genius.

[19] Hippolyt Ref V 7,20f. Zit. bei: Schröter (1997, S. 123, A. 300).

[20] Inhaltlich weist das ThEv - ähnlich wie das Johannesevangelium - ‘gnostisierende’ Elemente auf wie etwa eine präsentische Eschatologie. Schröter (1997, S. 122), bezeichnet das ThEv als “Jesusüberlieferung auf dem Weg zur Gnosis”. Nach Theissen / Merz (1997, S. 54), spiegele das ThEv “eine Gnosis in statu nascendi”.

[21] Exemplarisch hierfür Gnilka, Joachim [1990]: Jesus von Nazareth [HThK Suppl. III], Freiburg [Br.] / Basel / Wien: Herder, S. 25: In den Traditionen außerhalb der Evangelien “kam es [...] zu Wucherungen und Fehlentwicklungen, die teils der erzählerischen Phantasie, teils der Irrlehre entsprangen und zur Ausbildung der apokryphen Evangelien geführt haben. Das gnostische Thomasevangelium [...] ist hierfür ein besonders sprechendes Beispiel”. Dagegen verwies etwa Läpple (1983, S. 46) ausdrücklich auf den Wert des ThEv für die Erforschung der “vorevangelialen Zeit”.

[22] So gehen etwa Theissen / Merz (1997, S. 40f.), von einer ‘prinzipiellen Gleichwertigkeit kanonischer und außerkanonischer Quellen in der Jesusforschung’ aus. Sie datieren das Thomasevangelium nach 75 n. Chr., möglicherweise noch im 1. Jahrhundert. Berger / Nord (1999, S. 644), geben als spätesten Entstehungszeitpunkt an “70 - 80 n. Chr”. Noch frühere Datierungen - 50 - 70 n. Chr. (Davies, S. L. [1983]: The Gospel of Thomas and Christian Wisdom, New York) dürften aber überzogen sein.

[23] Theissen / Merz (1997, S. 52).

[24]3 [...] Gottes Herrschaft ist vielmehr [...] innerhalb und außerhalb von euch”. “77 [...] Spaltet ein Holz, ich bin da. / Hebt einen Stein auf, ihr werdet mich dort finden” (zit nach: Berger / Nord 1999, S. 646.662). Auch die am Ende des Films zitierte Passage (“Das sind die geheim gehaltenen Worte, die Jesus zu Lebzeiten sprach. Wem sich die Bedeutung dieser Worte entschlüsselt, der wird nicht des Todes sein”) stammt aus dem ThEv. Sie lautet original: “Dies sind die Worte Jesu, des Lebendigen. Sie waren bis jetzt verborgen. Didymos Judas Thomas hat sie aufgeschrieben. 1 Jesus sagt: ‘Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird nicht sterben’” (zit. nach: Berger / Nord 1999, S. 646).

[25] So etwa Martig, Charles [2000]: Stigmata als Show-Effekt (http://www.zoom.ch/tip/medien/archiv_2000_m/05.htm). Fast wortgleich: Hasenberg, Peter [2000]: Stigmata, in: film-dienst 01 / 00, S. 18.

[26] Gricksch, Gernot [2000]: Hollywood vermarktet ein Wunder, in: Rheinischer Merkur 1 / 2000 (http://www.merkur.de/archiv/alt/0000003189.htm).

[27] Theissen / Merz (1997, S. 40).

[28] Berger / Nord (1999, S. S. 14f.).

[29] Eschbach, Andreas [2000]: Das Jesus Video, 6. Aufl., Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe. Homepage von Andreas Eschbach: http://www.AndreasEschbach.de

[30] Beide Zitate: Eschbach (2000, S. 124).

[31] Eschbach (2000, S. 436).

[32] Eschbach (2000, S. 578f.).

[33] Bultmann (1926 / 1970, S. 10f.).

[34] Eschbach (2000, S. 613 - 621.645f.).

[35] Während die Welt des rein Sichtbaren “eine Welt ohne Fenster” (so der Religionssoziologe Peter L. Berger in einem Fernsehinterview) ist, eine Welt, in der man die Dinge schlicht so nimmt, wie sie nun einmal vor aller Augen liegen, bricht das ‘religiöse Auge’ diese geschlossene Welt auf, indem es gewissermaßen ein Fenster öffnet. Das ‘religiöse Auge’ öffnet in der geschlossenen Welt der Sichtbarkeit, der Immanenz, ein Fenster auf das Nichtsichtbare, das Transzendente hin. Nun kann man aber durch dieses ‘Fenster’ nicht einfach auf das Transzendente blicken wie auf ein ‘gegenständlich’ Erkennbares. Vielmehr zeigt sich das Transzendente dem religiösen ‘Auge’ als: Geheimnis (vgl. Rahner, Karl [1969]: Meditation über das Wort ‘Gott’, in: Schultz, Hans Jürgen [Hg.]: Wer ist das eigentlich - Gott?, 2. Aufl., München: Kösel, S. 13 - 21). Systematisch bedeutet dies, dass hinter den Antworten der Religion eigentlich immer noch mehr Fragen aufbrechen. In diesem Sinn fungiert Religion als ‘Kontingenzeröffnung’ (genauer hierzu: Schramm, Michael [2000]: Das Gottesunternehmen. Die katholische Kirche auf dem Religionsmarkt, Leipzig: Benno, S. 52 - 58. 72; bestellen bei amazon: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3746213975/qid=985537889/sr=1-3/028-4959676-0445335 ).