Aspekte weiblicher Religiosität im Film am Beispiel von „Antonias Welt“  
 
Kristine Pott*(14.01.2002)
 
     
  1. Einleitung und Grundlagen  
  1.1 Fragestellung und Aufbau  
   
  „Wenn Gott eine Frau ist, muss das Paradies ungefähr so aussehen...“1, mit dieser Einschätzung beginnt eine Rezension über eine Familiensaga in weiblicher Linie, „Antonias Welt“.  
  Regisseurin und Drehbuchautorin dieses Spielfilms, für den 1996 erstmalig eine Frau den Oscar für den besten fremdsprachigen Film erhielt, ist „Frauenfilmemacherin“2 Gorris, die sich auf der internationalen Bühne in erster Linie durch radikal-feministische Filme einen Namen gemacht hat. „Antonias Welt“ (im Original „Antonia`s line“) ist tatsächlich eine Welt für sich, deren Besonderheiten z.T. sofort, z.T. erst nach und nach, ins Auge fallen.  
  Im Kontext zahlreicher direkter und indirekter religiöser Anspielungen stellt sich daher die Frage, ob es in „Antonias Welt“ auch die Idee einer spezifisch ‚weiblichen‘ Form der Religiosität gibt und was diese gegebenenfalls von ihrer ‚männlichen‘ Variante unterscheidet. Durch welche Kriterien wird diese ‚weibliche‘ Religiosität charakterisiert? Auf welche Traditionen oder Entwürfe aus anderen feministischen Bereichen stützt sich Gorris? Anliegen der folgenden Untersuchung ist dabei eine deskriptive und - im vorgegebenen religiösen Kontext des Filmes - vergleichende ‚Sammlung‘ religiöser Aspekte, nicht aber deren didaktisch, moralisch oder dogmatisch motivierte Bewertung. Die dargestellte religiöse und religionskritische Sichtweise der Regisseurin bildet dabei die Interpretationsbasis - was nicht heißt, dass deren Ansichten von mir geteilt werden. Kritisch hinterfragt werden soll hingegen das ‚Weibliche‘ der dargestellten Religiositätskonzeptionen: Handlungs- und Erzählstruktur werden vom Kontrast zwischen der (männlich dominierten) Dorfwelt und der (weiblich dominierten) Welt Antonias bestimmt. Was stellt Gorris als spezifisch weiblich dar, in wessen Tradition stellt sie sich mit ihren Konzepten? Und - ist ihre geschlechtsspezifische Darstellung haltbar und objektiv?      
  Wie die kontrastive Figurenkonzeption folgt auch die Darstellung der beiden „Welten“ einer deutlich antithetischen Struktur. In Abgrenzung von Antonias Welt werde ich daher das dargestellte Dorf-, z.T. ergänzend auch das Stadtleben, unter dem Begriff der ‚Außenwelt‘ zusammenfassen3. Die Außenwelt wird von Gorris als negatives Beispiel, als ‚Ist-Zustand‘, Antonias Welt im Vergleich dazu als positives Beispiel, als idealisierter ‚Kann- oder Soll-Zustand‘ einer Gesellschaft vorgeführt. Programmatische und appellative Elemente, anhand derer Gorris ihren Standpunkt und ihr Weltbild vertritt, bleiben nicht aus.  
  Um die Unterschiedlichkeit dieser Welten zu verdeutlichen, werde ich zunächst mehrere Themenbereiche gegenüberstellen, die ich am Ende zusammenfassend vergleichen möchte. Bei der Betrachtung religiöser Aspekte geht es mir dabei nicht ausschließlich um christlich geprägte Motive, sondern vielmehr um die Gegenüberstellung der unterschiedlichen, unter anderem auch religiös geprägten, Welt- und Menschenbilder der ‚Welten‘. Darüber hinaus ist die Andersartigkeit von Antonias Welt zusätzlich geprägt von Anspielungen auf matriarchale Vorstellungen, mythologisch, magisch und spirituell beeinflussten Ideen allgemein, sowie von Aspekten utopischer und märchenhafter Konstruktionen, auf die ich ebenfalls eingehen werde. Da die Unterteilung einer „Welt“ in die genannten Einzelaspekte immer auch konstruiert und idealtypisch ist, lassen sich die Beispiele nicht immer überschneidungsfrei voneinander abgrenzen.  
   
  1.2 Thematische Grundlagen  
   
  Um der vielschichtigen, oft auf Einzelaspekte reduzierten Darstellung religiöser Elemente gerecht zu werden, gehe ich von einer relativ weitgefassten, individuell und alltagsweltlich orientierten Religiositätsdefinition aus. Kürzdörfer spricht von einem „vernetzte[n] Wortfeld“4 und nennt die Merkmale der Individualität und der Beschränkung auf Teilaspekte hinsichtlich einer Abgrenzung von Religiosität gegenüber Religion.5 Die Relevanz von Individuum und Alltagswelt als Interpretationsgrundlage religiöser Vorstellungen betont auch Becker:   
 
  „Ähnlich einer jeden Sprache ist auch jede Religion eine ganze Welt für sich mit einem ganz bestimmten Menschenbild und Weltverständnis und mit einer ganz einmaligen Symbolik, die in künstlerischen Darstellungen ebenso hindurchscheint wie in rituellen und kultischen Vollzügen.“6
 
  Die Bedeutung matriarchal geprägter Religionsvorstellungen, bzw. religiöser Vorstellungen, die für matriarchal gehalten und als solche dargestellt werden, für die feministische Bewegung und besonders für feministische oder ‚weibliche‘ Religiosität heben mehrere Autoren hervor. In Anlehnung an Lerner u.a. weisen Röder/Hummel/Kunz aber auch mit Nachdruck auf den insgesamt häufig interessegeleiteten und ideologisch geprägten Umgang mit Matriarchatskonzepten hin. Sie halten daher in vielen Bereichen  
 
  „das Matriarchat für einen modernen Mythos [...], der mehr über den Zustand unserer Gesellschaft als über die Vergangenheit aussagt. [...] In diesem bunten Gemisch aus Identitätsfindung, Utopien, neuen Lebensformen, weltanschaulicher Orientierung, Spiritualität und vielem anderen mehr findet sich auch der Wunsch nach einer eigenen Geschichte. [...] Überspitzt formuliert lautet die Frage also nicht: ‚Welche Religion hatten die Menschen damals?‘, sondern: ‚Was bedeutet die urzeitliche Göttin für mich und mein Leben?‘ “7
 
  Vierzig warnt jedoch auch vor einer pauschalisierenden Abwertung neuerer religiöser Ansätze durch die ‚etablierten‘ Religionen:   
 
  „Dieses [die Identifizierung mit der matriarchalen Göttin] als Natur-Religiosität, als „Neu-Heidentum“, als Mythengläubigkeit [...] zu disqualifizieren, übersieht, dass diese Rekonstruktion der Göttin auf einem Reflexionsniveau der Moderne erfolgt und nicht als Eintauchen in magisches Weltverständnis geschieht.“8
 
  Aspekte von Spiritualität sollen in meinem thematischen Kontext die Untersuchung ergänzen. Gerade hier wird sich die Überschneidung mit feministischen und matriarchalkonzeptionistischen Gesichtspunkten deutlich zeigen. Ein Hauptziel der feministischen Spiritualität sehen Gaube/Pechmann in der Überwindung der „Eindimensionalität und Linearität patriarchalen Denkens und Handelns“9. Als „Relikte“ weiblicher Spiritualität im Sinne einer Natur eingebundenen Ganzheitlichkeit betrachten sie vor allem Vorstellungen eines jahreszeitlich geprägten, zyklischen Rhythmus. Gössmann erwähnt das Bestreben feministischer Spiritualität,  
 
  „in Absetzung von früherer patriarchalischer Beschränkung weiblicher Rollen [...und durch] die Überwindung an dronormativer Strukturen die ‚Kirche als Gemeinschaft der Befreiung von allen Formen der Unterdrückung‘ wieder erfahrbar [zu machen]“10.
 
  Weiter hebt sie neben dem Eingebundensein in Natur gegebene Rhythmen und Zyklen den veränderten Umgang mit Leben und Sterben als einen Kernpunkt weiblicher Spiritualität hervor. Göttner-Abendroth11, aber auch Gaube/Pechmann heben außerdem den Rückgriff auf vorchristliche Formen wie z.B. Hexenrituale hervor.  
   
  1.3 Inhaltliche Grundlagen und Erzählstruktur  
   
 
  „ANTONIAS WELT erzählt die Lebensgeschichte von Antonia und ihren - weiblichen - Nachfahren, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen leben.“12
 
  Sarah, die Urenkelin Antonias, erzählt rückblickend aus dem Off ihre Familiengeschichte, die nach dem Ende des 2. Weltkrieges beginnt und Mitte der 90-er endet. Insgesamt werden die verschiedenen Ereignisse zwar inhaltlich verbunden, aber eher episodenhaft aneinandergereiht, so dass wechselnde Figuren jeweils stärker im Vordergrund stehen. Der Off-Kommentar fungiert dabei als Überleitung oder Erklärung zwischen den Szenen und stellt diese in chronologische und thematische Zusammenhänge. Die eigentliche Handlung - die über etwa 50 Jahre dargestellte Biographie Antonias - wird durch ihren Tod eingerahmt: Der letzte Tag ihres Lebens bildet zugleich den Anfang und das Ende des Films. Antonias Leben wird im Rückblick chronologisch erzählt, ausgehend von dem Tag, an dem sie mit ihrer Tochter Danielle in ihr Heimatdorf zurückkehrt, um ihre sterbende Mutter zu sehen, bis zu ihrem eigenen Todestag. Entlang ihrer Biographie wird das Leben ihrer weiblichen Nachkommen sowie das der im Laufe der Zeit hinzukommenden Hofbewohner dargestellt. Gorris entwirft dabei das Bild einer naturnahen, sozial-‚sozialistischen‘ und frauenbestimmten Kommune. Diese existiert als „bessere Welt“13 zwischen der Realität des umliegenden konservativen Dorfes und märchenhaften Elementen, so dass Feldvoß im epd von „magische[m] Feminismus“14 spricht.  
  Der biographische (an sich lineare) Erzählstrang wird jedoch von mehreren Einschüben unterbrochen: Wiederkehrende Motive wie der Vollmond oder der Wechsel der Jahreszeiten sowie explizite Off-Kommentare lassen trotz der Chronologie insgesamt eine zyklische Zeitvor- und -darstellung dominant erscheinen. Stilistisch zeigt dies die Anlage der Erzählstränge:  
 
  „In dieser Familienchronik [...] bestimmen zwei konkurrierende Momente den Erzählrhythmus: die Natur mit dem Wechsel der Jahreszeiten und das Leben der Menschen mit Geburt und Tod.“15
 
   
  2. Themenbereiche  
  2.1 „Und dann brach die Liebe aus.“: Partnerschaft, Liebe und Sexualität  
   
a Partnerschaften der Außenwelt werden nur am Beispiel von Deedees Familie näher dargestellt, so dass ich diese als repräsentativ betrachte.  
  Die Ehe von Deedees Eltern ist nachhaltig von der Dominanz des Mannes sowie von einer Bevorzugung der Söhne geprägt; Frauen bleiben vom Gesellschaftsleben ausgeschlossen. Während Bauer Luk, Pitte und Janne durchweg durch lautes Sprechen sowie herrisch-aggressives und gewalttätiges Auftreten innerhalb und außerhalb der Familie auffallen, sieht man die Mutter nur stumm arbeitend oder betend. Emotionale Bindungen fehlen - Luk preist seine Kinder an wie ein Viehhändler (0:12). Auf die auch sonst im Dorf verbreitete Höherbewertung der Söhne weist Antonia hin:  
 
  0:30: - Antonia: „Die Bauern hier ziehen doch nur ihre Söhne auf. Und ihr Denken reicht nicht weiter als bis zum Hintern der nächsten Kuh.“
 
 

In den Moralvorstellungen des Dorfes wird Sexualität per se als sündhaft betrachtet, was in der ersten Predigt deutlich zum Ausdruck kommt (0:37). Die offensichtliche Doppelmoral des Pfarrers und dessen entgegengesetzte Predigt eine Woche später scheinen hingegen niemanden zu stören. Auch der jubelnde Austritt des Kaplans stößt nur auf Unverständnis (0:43). Der restriktive Einfluss der Kirche auf Beziehungen zeigt sich auch beim Sonderfall der Verrückten Madonna und des Protestanten, bei denen die unterschiedlichen Konfessionen als Grund für das Scheitern ihrer Beziehung bzw. Nicht-Beziehung angeführt wird. Obwohl sie in einem Haus leben, finden sie erst durch und nach dem Tod zueinander. Nach dem Tod können sie bezeichnenderweise aber eher Antonias Welt zugeordnet werden, was nicht nur durch deren Grabpflege, sondern auch durch den Rückzug des Pfarrers auf dem Friedhof deutlich wird.

 
  Am Beispiel von Antonias Welt und den Hofbewohnern werden unterschiedliche Partnerschaftsmodelle vorgeführt, so dass bereits angesichts dieser Vielfalt die Unterschiede zur Außenwelt deutlich hervortreten. Deren auffallende Bandbreite weist m.E. auf eine konstruierte Darstellung Gorris` hin, auf deren Relevanz für das Weltbild ich noch eingehen werde. Jeweils ein Paar steht dabei stellvertretend für eine Form der Partnerschaft, wobei offensichtlich darauf geachtet wurde, gerade gesellschaftlich kontrovers betrachtete Formen zu integrieren. Durch deren Darstellung in der positiv bewerteten Welt Antonias nimmt Gorris zu verschiedenen aktuellen gesellschaftlichen Fragen wie der Abtreibungsdebatte, der Kinderfrage in homosexuellen Partnerschaften, dem Zölibat oder der Frage nach dem Umgang mit Sexualstraftätern implizit oder explizit Stellung:   
  Antonia und Bauer Sebastian führen eine überwiegend gleichberechtigte Beziehung, in der in Zweifelsfällen allerdings ihre Entscheidungen Vorrang haben. Eine Versorgungs- oder Vernunftehe lehnt sie ab (0:20), es erwächst jedoch mit den Jahren eine eheähnliche Beziehung. Auch Therese und Simon leben in einer eheähnlichen Beziehung, auch hier wird der Heiratsantrag des Mannes abgelehnt. Es zeigt sich jedoch, dass die ‚traditionelle‘ Rollenverteilung in nahezu allen Bereichen vertauscht ist: Sexuell sammelt Therese vor der Ehe Erfahrungen, während Simon seit seiner Kindheit weiß, dass Therese seine große Liebe ist und auf ihre Bereitschaft zu dauerhafter Partnerschaft wartet. Ein markantes Beispiel für die Rollenverteilung gibt die Diskussion um Thereses Schwangerschaft, in der Simons Beteiligung auffallend gering ist. Gerade in dieser Situation erhält die Diskussion um einen möglichen Schwangerschaftsabbruch jedoch eine über die Handlung des Spielfilmes hinausreichende Dimension, anhand derer Gorris Standpunkt ablesbar ist: Die Schwangerschaftsfrage wird als allein den Frauen bzw. der Mutter vorbehalten dargestellt, die Diskussion darüber wird zwar in der Gemeinschaft geführt, letztlich aber von der Frau allein getroffen. Eine juristische oder moralische Debatte wird nicht geführt bzw. mit dem zunächst zweideutigen Vorwurf Krummer Fingers sogar karikiert:  
 
  [Zimmer von Krummer Finger: Therese, Simon, Antonia und Krummer Finger sitzen am Tisch.]
 
 
1:12:
  • Krummer Finger: „Hast du kein Mitleid mit dem Kind?“
  • Therese blickt nachdenklich zu Boden.
  • Krummer Finger: „Solltest du ihm nicht lieber die Last des Lebens ersparen? Du solltest dich zumindest nicht mit der Schandtat belasten, kaltblütig ein Kind zum Leben zu zwingen!“
 
  Unmittelbar nach Sarahs Geburt zeigt sich auch hinsichtlich der Arbeitsverteilung die Fortsetzung dieses Musters: Therese arbeitet mit großem Erfolg an einer Unikarriere, während Simon sich um Sarah kümmert und auf dem Hof arbeitet.  
  Eine weitere gesellschaftlich diskutierte Beziehung ist die Partnerschaft von Danielle und Lara. Die Inszenierung des kirchlichen Protestes (und seiner Umkehr) gegen die uneheliche Schwangerschaft Danielles zeigt nicht nur Gorris Ablehnung kirchlicher Doppelmoral, sondern erneut ihre Überzeugung, dass Frauen über Zeitpunkt und Umsetzung ihres Kinderwunsches souverän entscheiden sollten. Gleichzeitig wird hiermit auf die Debatte um Kinder in homosexuellen Partnerschaften verwiesen. Die Homosexualität wird dabei nie explizit erörtert, weder in Gesprächen der Hofbewohner untereinander, noch in Reaktionen des Dorfes.  
  Auch die Ehe von Deedee und Lippen-Willem zeigt gesellschaftliche Berührungspunkte zu Themen wie z.B. der Frage nach dem Sexualleben geistig behinderter Menschen. Ohne langatmige Gespräche folgt auf die positiv aufgenommene Schwangerschaft Deedees die Trauung. Es fehlt gleichwohl der Hinweis, warum gerade in diesem Fall eine konventionelle Partnerschaftsform gewählt wird, während die anderen Paare „wilde Ehen“ vorziehen.  
  Als letztes Paar in Antonias Welt bleiben Letta und der Kaplan. Nachdem er aus der Kirche ausgetreten ist, weil er „seine Lebensvision nicht in Einklang bringen konnte mit der Todesvision von Mutter Kirche“ (0:42), findet er in der schwangerschaftsbegeisterten Letta die ideale Partnerin, was nicht nur an der Anzahl ihrer Kinder deutlich ablesbar ist.  
  Sexualität insgesamt und weibliche Fruchtbarkeit insbesondere wird also zum einen als individuell selbstbestimmt und zum anderen als außerordentlich lustvoll dargestellt und bildet damit einen deutlichen Gegensatz zu den dargestellten Sexualnormen der katholischen Kirche sowie der von ihr postulierten Dominanz des Fortpflanzungsaspektes. Resümierend läßt sich sagen, dass Sexualität in Antonias Welt als positiver, lebensbejahender und von moralischen Restriktionen nicht eingeschränkter Lebensbereich dargestellt wird. Sowohl sexuelle Handlungen an sich als auch in Verbindung mit einem Kinderwunsch erscheinen dabei nicht zwingend an Liebe oder feste Partner gebunden, was bei Therese und Danielle (die diese Verbindung sogar explizit ablehnt) sichtbar wird.  
  Noch deutlicher als bei Lara und Danielle kann bei Letta und dem Kaplan von ‚Liebe auf den ersten Blick‘ gesprochen werden. Diese Einschätzung wird jedoch an keiner Stelle ironisch relativiert, sondern sogar durch einen an Märchenformeln angelehnten Kommentar (0:48) verstärkend hervorgehoben. Bei der Betrachtung der Paare in Antonias Welt fällt insgesamt auf, dass keinerlei Beziehungsprobleme gezeigt werden. Auf dieses märchenhaft anmutende dauerhafte Glück werde ich noch zurückkommen. Bemerkenswert ist allerdings auch, dass es auf Antonias Hof keine allein lebenden Menschen gibt. Lediglich Olga, deren Mittlerrolle zwischen den Welten ihr eine Sonderrolle gibt, bildet diesbezüglich eine Ausnahme.  
  Eine besondere Bedeutung kommt ferner der Problematik von Sexualität und Gewalt zu: Ausgeübt wird sexuelle Gewalt nur von Personen der Außenwelt, namentlich von Pitte und dem Pfarrer. Das Dorf weiß zumindest im ersten Fall von den Vorkommnissen, bezüglich der Kenntnisse über die Vorgänge im Beichtstuhl kann allenfalls spekuliert werden. In allen drei Fällen werden Maßnahmen gegen die Täter jedoch nur von Personen der Hofwelt vorgenommen. Sogar die Selbstjustiz gegen Pitte wird erst durch die spektakuläre Anklage Antonias und ihren Fluch in Gang gesetzt. Dramaturgisch werden die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorfälle als widernatürlich dargestellt: In beiden Szenen gewittert es heftig, Donnerschläge markieren die jeweils entscheidenden Stellen. Die enge Verbindung von Leben und Tod mittels der Sexualität zeigt sich jedoch nicht nur anhand von Negativbeispielen, was neben weiteren Gesichtspunkten im nächsten Abschnitt dargestellt werden soll.  
   
  2.2 „Es muss gelebt werden, wie auch immer.“: Leben und Tod  
   
  In unterschiedlichen Situationen gibt es Auseinandersetzungen mit dem Themenbereich „Leben und Tod“. Sowohl mittels indirekter Darstellungen durch konkrete Situationen oder Verhaltensweisen, als auch in expliziten Gesprächen über entsprechende Themenbereiche werden Aspekte erörtert.  
  Der dargestellte Lebensalltag wird in der Außenwelt hauptsächlich von Arbeit bestimmt; darüber hinaus sieht man Menschen nur in der Kirche oder in der Kneipe, wobei diese Form der Freizeitge-staltung wie erwähnt den Männern vorbehalten bleibt. Feiern oder kirchliche Feste fehlen; glückliche oder lachende Menschen sieht man nicht. Für das Leben und Verhalten der Mitmenschen besteht kein Interesse, selbst kriminelle Handlungen werden schweigend übergangen oder ignoriert. Zivilcourage wird nicht gezeigt.  
  Der Tod erscheint mehrfach als Strafe für ein schlechtes Leben, wobei die Vorstellung nicht nur von den Dörflern, sondern (in den dargestellten Fällen) auch vom als positiv konzipierten Off-Kommentar als gerecht empfunden wird. Nur dem Paar Madonna/ Protestant wird die Aussicht auf ein besseres Leben nach dem Tod eröffnet.  
  Ganz anders hingegen stellen sich die Lebensgestaltung, die Einbettung des Todes in dieselbe sowie das allgemeine Verständnis von Leben und Tod in Antonias Welt dar: Geburten und Todesfälle, von Willems Unfall abgesehen, finden in der Gemeinschaft statt. Kinder werden von diesen Grunderfahrungen nicht ausgeschlossen, ihre fragende Auseinandersetzung wird ernst genommen und beantwortet. Die Vorstellung eines „ewigen Reigen[s] von Geburt und Tod“ (1:14) zieht sich durch alle Bereiche der Welt Antonias bis zu den Off-Kommentaren. Die Vorstellung einer Einheit ist noch bei der Personalunion von Olga als Hebamme und Leichenwäscherin erkennbar. In Gesprächen findet sich die Frage nach dem Zusammenspiel von Leben und Tod mehrfach explizit:  
 
  [Sarah hat ein „Gedicht für die tote Deedee“ geschrieben und zeigt es Antonia.]
 
 
1:17:
  • Antonia (liest halblaut, mit Brille, dann): „Aber Deedee ist doch noch gar nicht tot!“
  • Sarah: „Darum hab ich’s ja geschrieben. Sie kann es noch lesen!“
 
  Diese Szene fungiert als Auftakt für mehrere Todesfälle, deren Bandbreite dabei Varianten in der Darstellung des Umganges mit den Verlusterfahrungen ermöglicht, so dass verschiedene Formen der Trauer vorgestellt werden. Thereses Rückzug nach dem Tod Krummer Fingers (1:25), Danielles Wut darüber, sowie die „untröstlich“ (1:20) weinende Deedee in ihrem Zimmer, aber auch Antonia, die trotz alledem von ihrem Grundsatz „Es muss gelebt werden, wie auch immer“ (1:26), nicht abweicht, sind Beispiele für individuelles Trauerverhalten, die bei Antonias Tod wiederholt werden. In den sich an die Reihe der Todesfälle anschließenden Gesprächen werden die Bedeutung der Endlichkeit, aber auch Vorstellungen von Wiedergeburt erörtert (1:25-1:26). Antonias Überzeugung, nach jedem Tod beginne etwas Neues, erscheint rückblickend am Beispiel der Verrückten Madonna und des Protestanten dramaturgisch und anschaulich umgesetzt, da ihre theoretische ‚Gemeinschaft‘ nach dem Tod im Grab (0:56) durch den Auftritt als Paar in Sarahs Vision (1:28) dramaturgisch ‚bewiesen‘ wird.  
  Hinsichtlich der Trauer um die Angehörigen wird der Tod zwar auch als negativ empfunden, aber nicht als etwas Beängstigendes oder Bedrohendes verstanden. Es überwiegt die ruhige Erwartung eines natürlichen Ereignisses. Antonia hat sogar konkrete Vorstellungen hinsichtlich einer sinnvollen (da natürlichen) Reihenfolge - die später sogar eintritt (1:26). Sie erkennt und akzeptiert den Zeitpunkt ihres Todes, denn „im Gegensatz zu anderen Menschen wusste Antonia, wann genug genug war.“ (0:00) Obwohl sie mit ihrer Lust am Leben Bedauern über ihren Tod empfindet, beginnt die Erzählung ihrer Lebensgeschichte mit dem die Länge ihres Lebens anerkennenden Eingeständnis „Ja, es wird Zeit, dass ich sterbe.“ (0:00).  
  In der Gesamtbetrachtung fällt auf, dass überwiegend Sarah als Chronistin der Lebensgeschichten nachhaltig vom „Wunder des Todes“ (0:01 und 1:33/1:34) fasziniert ist und entsprechende Themen anspricht. In der an ihrer Figur stellvertretend dargestellten Herangehensweise an die Grundfragen menschlicher Existenz zeigen sich auch Aspekte der matriarchal geprägten Vorstellung einer Verbindung von Leben und Tod zu einem ganzheitlichen Komplex, die in Gorris Film vorherrscht. Ferner treten jedoch gerade in Verbindung mit Todesszenen auch besonders skurrile und makaber-humorvolle Szenen wie der Tod von Antonias Mutter und Danielles anschließende Phantasie der singenden Leiche bei der Beerdigung auf. Sarahs Vision an Antonias Todestag gibt ein gleichermaßen versöhnliches und heiteres Bild ab: Alle Personen treten in glücklichen Situationen auf, die sie z.T. in ihrem realen Leben gar nicht erlebt haben oder die nur aus Phantasien stammen.  
  Eine grundsätzlich davon abweichende Lebens- und Todesgestaltung zeigt sich beim eigenbrötlerischen und von der Welt zurückgezogen lebenden Philosophen Krummer Finger. In seinen philosophischen und religiösen Gesprächen mit Therese  kommen, dramaturgisch vergleichbar mit den dazu kontrovers gestalteten Gesprächen zwischen Sarah und Antonia, seine pessimistischen Vorstellungen von Leben und Tod zum Ausdruck. Therese akzeptiert diese zwar, betrachtet sie aber dennoch distanziert. Auch Antonia ahnt zwar die Gefahren seiner lebensfeindlichen Grundhaltung und sogar seinen Tod, kann oder will ihn gleichwohl nicht verhindern.  
  Eine weitere grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Tod ergibt sich nach der Vergewaltigung an Therese: Antonia verlässt ihre Welt bewaffnet und entschlossen, den brutalen Übergriff auf ihre Welt und ihre Familie zu rächen. Im Unterschied zu der Selbstjustiz der Frauen in den vorangegangenen radikal-feministischen Filmen Gorris`, die aus der Opfer- in die Täterrolle wechseln, wird die Strafe für den Vergewaltiger Pitte in „Antonias Welt“ differenzierter vollstreckt. Antonia lehnt es nicht prinzipiell ab, Pitte zu töten, aber da sie es nicht in sich habe, einen Menschen zu töten (1:03), verbannt sie ihn für sein weiteres Leben mit einem Fluch. Dessen Umsetzung käme wiederum dem Tod gleich, was anhand der die Verwünschung dominierenden destruktiven Verben deutlich zum Ausdruck kommt. Die Einzelsequenz „Dir mögen die Knochen zerbrechen und die Zähne zersplittern.“ (1:03) wird von den zuhörenden Männern des Dorfes wortwörtlich ‚in die Tat umgesetzt‘. Diese dramaturgisch bewusste Aufteilung der Rache in Fluch und Vollstreckung ermöglicht neben Rückschlüssen auf die Einstellungen der Figuren zu Leben und Tod auch wiederum Rückschlüsse auf die Einstellung Gorris` hinsichtlich ihrer geschlechtsspezifischen Darstellung.  
  Eine weitere interessante Figur im Kontext von Leben und Tod ist die Verrückte Madonna, auf deren Parallelen zur mythologischen „Todesbotin“ bei Gimbutas ich allerdings erst später im Detail eingehen werde.  
   
  2.3 „Das ist alles bloß Unsinn, aber so ist es hier nun mal.“: Katholizismus und Kirche    
   
  Die „zwar nicht immer wahrscheinliche, aber selbstverständliche Allgegenwart Gottes“ (0:13) bestimme das Leben der Dorfbewohner, merkt ein einleitender Off-Kommentar vielsagend an: Katholische Gottesdienste und Prozessionen beherrschen das religiöse Leben und Denken im Dorf. Auffallend ist dabei die negative Darstellung der katholischen Kirche, was sowohl durch die Charaktere der kirchlichen Vertreter, als auch durch deren bereits erwähnten Handlungen deutlich wird. Der Pfarrer prägt sich dem Zuschauer vor allem durch seinen mürrischen Blick und seine gebückte Haltung ein. Sein Verhalten wird als feige und heuchlerisch beschrieben und dargestellt. Sogar die Holzfiguren in der Kirche (Kruzifix und Madonna) sehen unglücklich und leidend aus und beginnen nur durch Danielles Visionen zu lächeln. Die wenig lebensfrohe Ausstrahlung der Kirche wird durch die häufige Verbindung von Kirche und Tod weiter verstärkt, so sind z.B. Beerdigungen und letzte Ölungen die einzigen im Film gezeigten Amtshandlungen und Sakramente. Selbst die Hochzeit von Deedee und Lippen-Willem wird nicht in der Kirche, sondern erst bei der Ankunft auf Antonias Hof dargestellt (0:43). Begegnungen mit dem Pfarrer finden wiederholt auf dem Friedhof statt. Von der Kirche vorgegebene moralische Be- und Verurteilungen werden von den Dorfbewohnern uneingeschränkt übernommen. Während die Gemeinde sich der ablehnenden Haltung des Pfarrers gegenüber der unehelichen Schwangerschaft Danielles anschließt, werden die Doppelmoral des Pfarrers und dessen plötzlicher Gesinnungswandel nach seiner Entlarvung schweigend übergangen. Auch hier gilt somit der allgegenwärtige Grundsatz: „Das Dorf wusste wie immer, was passiert war. Aber man schwieg.“ (0:25) Im Vergleich der Dorfwelt mit Antonias Welt zeigt sich der als negativ dargestellte Einfluss der katholischen Kirche auf die Sexualnormen anhand von jeweils gegensätzlich inszenierten Situationen:  
  Die uneheliche Schwangerschaft Danielles wird angeprangert und verurteilt, während die gewalttätigen sexuellen Übergriffe durch Pitte und durch den Pfarrer ignoriert werden. Die zweite Predigt thematisiert darüber hinaus pikanterweise die Erzählung von der Ehebrecherin, so dass der vermeintliche Gesinnungswandel des Pfarrers sogar als biblisch motiviert und legitimiert erscheint (0:39). Der Kaplan löst sich von Kirche und Zölibat und beginnt damit ein ausgefülltes und fruchtbares Geschlechtsleben, während bei der Verrückten Madonna und dem Protestanten die Religionen ihre Liebe verhindern (0:42): Beider Tod folgt unmittelbar auf die Darstellung der unterschiedlichen Liebesszenen in Antonias Welt. Der Off-Kommentar betont die zeitliche Nähe und verstärkt damit die Polarität der Welten (0:55).  
  Eine sehr persönliche Sicht auf Kirche und Religion geben auch die Visionen Danielles wieder, die überwiegend in kirchlichen Kontexten entstehen und diese, zumindest für den Moment, positiv verändern: Die humoristische Gesangseinlage auf der Beerdigung entlockt selbst dem Gekreuzigten ein Lächeln; die Marienstatue freut sich mit den Frauen über den „Sinneswandel“ des Pfarrers; eine Engel-Grabfigur setzt Danielles Ärger über das Verhalten des Pfarrers in die Tat um.  
  Neben der durch die Form der Darstellung geübten Kritik an der Kirche und ihren Repräsentanten, betreiben Therese und Krummer Finger auch in ihren philosophischen Unterrichtsstunden allgemeinere Kirchen- und Religionskritik (0:51-0:52). Darüber hinaus werden die Folgen der Kritikpunkte aber auch im Verlauf der Handlung zusehends deutlicher: In den ersten Jahren ist die Kirche immer voll. Antonia und die anderen Hofbewohner sitzen (wenn auch vielleicht dramaturgisch begründet) immer in der ersten Reihe. Sie nehmen auch, ebenso wie die übrigen Dorfbewohner, an den langen Prozessionszügen teil. Antonias Prognose, der singende Kaplan kriege seine Kirche voll, klingt daher zunächst vielversprechend; nach dem Austritt des Kaplans stellt sich jedoch, zumindest neben den bereits erwähnten Aspekten, für den Zuschauer auch die Frage, ob nicht zwischen dem Mangel an konstruktivem Nachwuchs und der immer leerer werdenden Kirche ein Zusammenhang herstellbar ist.   
   
  2.4 „An diesem Dorf ist nichts Besonderes, aber seine Ruhe hat man hier.“: Außenwelt und Gesellschaft  
   
  Auch wenn in vielerlei Hinsicht mit Recht von zwei gänzlich verschiedenen „Welten“ gesprochen werden kann, existieren diese nicht autark und unbeeinflusst voneinander, selbst wenn sie sich im Handlungsverlauf immer weiter voneinander entfernen. Antonias Heimatdorf wird als durchschnittlich vorgestellt und kann damit in der dramaturgischen Intention Gorris’ als Beispiel für die ‚Normalität‘ neben Antonias Welt betrachtet werden.  
  Die Dorfgemeinschaft zeigt sich im Umgang mit Neulingen ebenso verschlossen wie in der Annahme neuer Lebensweisen oder Einstellungen. Bauer Sebastian ist auch nach zwanzig Jahren noch ein „Importierter“ (0:17), die scheinbare „Akzeptanz“ Antonias wird durch die Verbindung mit „schlechten Ernten“ und „missgebildeten Kindern“ (0:13) merklich relativiert. Luks Kommentare in der Kneipe zeigen die engen Grenzen vermeintlicher Anerkennung.  
  Allgemein werden Sym- oder Antipathien von den Figuren in Antonias Welt gegenüber der Dorfbevölkerung durch Handlungen, im entgegengesetzten Fall jedoch durch verbale Äußerungen, meist in Form von Beleidigungen oder Beschimpfungen, gezeigt. So erfolgt z.B. die Entscheidung Willems für Antonia wortlos und auf das Hinterherlaufen konzentriert, während Luk seine Verärgerung durch lautes Schimpfen und Fluchen äußert. Handlungsbestimmte Kritik der Außenwelt erfolgt ausschließlich in Form von Gewalt. Nach der öffentlichen Anprangerung in der ersten Predigt kommt es bei Pitte schließlich zu offensiver Gewalt gegen Personen des Hofes, wobei gerade in diesem Fall auch der Racheaspekt eine Rolle spielt.  
  Die ignorante Haltung des Dorfes gegenüber psychischer und physischer Gewalt wird mehrfach von Dynastiefrauen durchbrochen, allerdings mit jeweils unterschiedlichen Auswirkungen auf die Dorfwelt. Danielles Reaktion auf die Vergewaltigung Deedees hat sowohl für Opfer als auch für Täter spürbare Konsequenzen, obgleich die Dorfbevölkerung von dieser Auseinandersetzung zunächst unberührt bleibt. Selbst auf Pittes brutale Rache für die Jahrzehnte zurückliegende Intervention Danielles wird erst durch Antonias Aufsehen erregenden Auftritt und ihren für alle hörbaren Fluch reagiert.  
  Auffallend ist die eindimensional positive bzw. negative Veränderung der Welten durch die Eingriffe aus der jeweils anderen Welt: Der Wechsel in Antonias Welt bringt für die entsprechenden Personen in jedem Fall eine Verbesserung ihrer Lebensumstände mit sich. Übergriffe der Außenwelt in Antonias Welt sind hingegen ausnahmslos gewalttätig.   
  Jegliche Abweichungen von der ‚Norm‘, seien es intellektuelle Überlegenheit, körperliche bzw. geistige Unterlegenheit, sozialer Individualismus oder so banale Ereignisse wie Verliebtsein werden in der Außenwelt verspottet, bloßgestellt oder mit Gewalt bekämpft. Diese erniedrigenden Verhaltensweisen werden ausschließlich von Männern verübt, so dass die männliche Dominanz in der Dorfwelt noch deutlicher als negativ herausgehoben wird.  
  Antonias Hof fungiert von Anfang an als Anlaufstelle für Außenseiter, obwohl nie offensiv werbend oder gar missionarisch auf die Außenwelt eingewirkt wird. Selbst Danielle greift trotz ihrer Kenntnisse über Deedees Lebensumstände erst in einer akuten Notsituation ein. Die Lebensweise in Antonias Welt zieht jedoch auch Menschen wie Bauer Sebastian und den Kaplan, die ihren Übergang nach und nach vollziehen, an.  
  Während Antonia offen gegenüber positiven Figuren der Außenwelt wie Letta oder ‚Mittler‘-Figuren wie Olga oder dem Kaplan ist, markiert ihr großes Gartentor daneben auch die deutliche Abgrenzung nach außen. Die Kontakte zur Außenwelt nehmen mit den Jahren immer mehr ab und sind in der Regel auf Notwendigkeiten wie Einkauf, Ausbildung, Schule und Beruf oder die Vatersuche für Danielle beschränkt. Dennoch verändert die Existenz von Antonias Welt die Dorfwelt in weitaus stärkerem Maße, als dies umgekehrt der Fall wäre, was sich neben den bereits erwähnten Reaktionen auf Gewalttaten und dem Austritt des Kaplans, auch anhand der gegenläufigen Bevölkerungsentwicklung ablesen läßt. Durch ‚Zuwanderungen‘ und die hohe Geburtenrate wird Antonias Welt zusehends größer, während die Außenwelt immer kleiner wird. Schließlich verlässt der Kaplan „mit seinen zwölf Jüngern den Hof“ (1:19), um in der großen Stadt Sozialarbeiter zu werden und damit quasi eine ‚Außenstelle‘ von Antonias Welt zu gründen.  
  Ethisch-moralisch, sozial und kulturell ist Antonias Welt (zumindest in der Intention der Darstellung) der Außenwelt deutlich überlegen. In welchen Bereichen diese Darstellungsweise allerdings auch durch märchenhafte Elemente geprägt ist und inwieweit sogar von einem Utopiecharakter hinsichtlich Antonias Welt gesprochen werden kann, wird noch herauszuarbeiten sein.  
   
  2.5 „Neben den lauten Stimmen der Männer fiel das Schweigen der Frauen kaum auf.“: Welt- und Menschenbild  
   
  Das Welt- und Menschenbild der Dorfwelt ist im religiösen, aber auch moralischen Bereich stark von der Kirche beeinflusst. Die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges Leben bestimmt das von Arbeit geprägte diesseitige Dasein. Vorstellungen von Sünde und Schuld prägen ihr Selbst- und Fremdbild, die Auffassungen von Sexualität und Fruchtbarkeit sind hiermit eng verknüpft und werden daher weitgehend ausgeschlossen bzw. tabuisiert. Rigide Moralvorschriften werden bei Frauen durch starke gesellschaftliche Kontrolle überwacht und Abweichungen öffentlich angeprangert, wobei die erwähnte Funktion der Kirche als moralische Instanz deutlich hervortritt. Bei Männern hingegen ignoriert die Gesellschaft sogar schwerwiegende Verstöße und kriminelle Handlungen. Die kircheninterne Doppelmoral wird ebenfalls nicht beachtet. Individualethische Abweichungen von den vorgegebenen Richtlinien werden nicht dargestellt. Außenseiter aller Art werden nicht akzeptiert, sondern ausgegrenzt, misshandelt oder angegriffen. Soziales Leben findet weder innerhalb noch außerhalb der Familie statt bzw. ist auf die Kneipenbesuche der Männer reduziert. Kulturelle und künstlerische Aspekte haben praktisch keine Bedeutung. Bildung sowie Bildungsstreben spielen ebenfalls keine sichtbare Rolle. Das Naturbewusstsein und -verständnis ist, soweit überhaupt vorhanden und dargestellt, als ein negatives zu deuten. Der Umgang mit Tieren ist ebenso würdelos wie der mit den Mitmenschen.  
  Die Weltanschauung Krummer Fingers bildet in einigen Punkten eine Art Schnittmenge zwischen beiden Denkweisen, anhand der indessen besonders die Schwachpunkte der Dorfwelt-Anschauung hervortreten. Diese grundsätzliche Toleranz gegenüber anderen Meinungen und seine lebensbestimmende wissenschaftliche und philosophische Auseinandersetzung mit Sinnfragen zeigen die Nähe zu Antonias Welt. Der Versuch hingegen, ausschließlich aus theoretischen Konstrukten und bei äußerster Reduzierung sozialer Kontakte ein erfülltes Leben zu führen, scheitert als ‚philosophische Variante‘ ebenso kläglich wie die ‚religiöse Variante‘ des bis zur Karikatur als lebensfeindlich dargestellten Priesters der Außenwelt. Fingers Freitod erscheint als letzte logische Konsequenz seiner Einstellung. Dabei erfolgt an keiner Stelle eine moralische oder religiöse Bewertung, er wird nicht als Sünde, sondern angesichts vielfältiger Lebensmöglichkeiten vielmehr als bedauernswertes Scheitern dargestellt. Eine bis in letzte Konsequenz eingeräumte selbstbestimmte Freiheit des Individuums in Antonias Welt findet somit ihren Niederschlag, während die kirchliche Reaktion fehlt.  
  Unterschiede zur Dorfwelt hinsichtlich des Menschen- und Weltbildes zeigen sich bei Antonias Welt in mehreren Bereichen: Zunächst fällt die deutliche Ausrichtung der Menschen auf das diesseitige Leben auf. Kollektives Arbeiten und Feiern, gemeinsame Mahlzeiten sowie ein lustvoller, selbstbestimmter Umgang mit Sexualität und Fruchtbarkeit verleihen einer umfassenden, sowohl individuell als auch gesellschaftlich ausgeprägten Lebensfreude Ausdruck. Geburten und Todesfällen werden gemeinschaftlich erlebt und gestaltet.  
  Die Akzeptanz einer individuellen religiösen oder philosophischen Sinngebung, sowie deren Konsequenz für das Leben und dessen Gestaltung ist einer der wichtigsten Aspekte des Welt- und Menschenbildes in Antonias Welt und wird im Gesamtkontext sowohl in seiner negativen Konsequenz (Bsp. Krummer Finger), als auch in seiner positiven (Bsp. Antonia) dargestellt. Als spezifisch weiblicher Aspekt des Weltbildes kann die pragmatische Herangehensweise, ein Grundelement in Antonias Welt, betrachtet werden: Toleranz sowie die Integration von Außenseitern (der Außenwelt) prägen den Umgang untereinander. Die pragmatisch-unkomplizierte, von großer Selbstverständlichkeit geprägte Herangehensweise zeigt sich gleichermaßen im Auftreten gegenüber der Außenwelt oder deren gesellschaftlichen Tabus, wie auch im Umgang der Hofbewohner untereinander. Ein Beispiel für dieses Verhalten ist die Suche nach einem Vater für Danielles Kind, bei der statt Diskussionen praktische Überlegungen im Vordergrund stehen (0:30). Auch Kritik oder Zustimmung hinsichtlich der Ereignisse oder Verhaltensweisen im Dorf zeigen sich überwiegend durch kommentarlose Reaktionen.  
  Die Grenzen dieser handlungsorientierten Ausrichtung zeigen sich bei der Verfluchung Pittes. Bezeichnenderweise ist der Fluch der längste dargestellte Monolog des Filmes: Er ersetzt verbal die mittels der Flinte dramaturgisch aufgebaute Zuschauererwartung eines Rachemordes.  
  Ein weiterer deutlicher Unterschied beider Weltbilder zeigt sich anhand des hohen Stellenwertes kultureller und künstlerischer Aspekte in Antonias Welt. Malerei, Musik und Poesie, aber auch Handwerk und Bildung verbinden Alltags- und Berufsleben der Menschen in einem hohen Maße. Sowohl Danielle als auch Therese machen ihre jeweiligen Begabungen zum Beruf, bei der literarisch arbeitenden Sarah wird der Film an sich als das ‚Produkt‘ ihrer erzählerischen Arbeit dargestellt. Naturverständnis und der Umgang mit der Natur sind vorwiegend indirekt erkennbar. Die wiederholte Inszenierung von Feldarbeiten sowie bei allen Dynastiefrauen mit den jeweiligen Partnern inszenierte ausgiebige Spaziergänge legen eine positive Naturempfindung nahe, ohne dass diese Einstellung expliziert würde. Auf die Bedeutung der Jahreszeiten und der Darstellung der Feldarbeit für das Weiblichkeitskonzept in „Antonias Welt“ werde ich ebenfalls noch gründlicher eingehen.  
   
  2.6 „Sie erträgt den Vollmond nicht, und deshalb heult sie ihn an.“: Symbolische und transzendente Elemente  
   
  Neben symbolischen habe ich unter dem Begriff der transzendenten Elemente auch mythische, magische und spirituelle Erscheinungen, Auffassungen und dramaturgische Darstellungsweisen berücksichtigt, wenngleich die Art der Darstellung und die Möglichkeit ihrer Bestimmung stark variiert. Oberflächlich erscheint die Handlung in „Antonias Welt“ zunächst als die Chronik einer (Familien)gemeinschaft, die durch die Einbettung in historische Kontexte wie das Ende des 2. Weltkrieges oder die 68er-Bewegung möglichst real und authentisch wirken soll. Daneben treten aber auch symbolische oder mythologische Elemente auf.  
  Neben der Bedeutung des Mondes als weibliches Instrument zyklischer Zeitbestimmung zeugen auch die Ackerszenen von einem symbolischen Verständnis der Erde und des Ackers: Die wiederholt eingeschobenen Ackerszenen sind immer mit Zeitsprüngen oder Wendepunkten innerhalb der Handlung verbunden, z.T. auch in Kombination mit dem Vollmond und nur vereinzelt durch explizite Off-Kommentare ergänzt. Gimbutas spricht hinsichtlich solcher Verbindungen von einer  
 
  „lunaren und chthonischen Symbolik [der matriarchalen/ gylanischen Kultur], die von der Erkenntnis getragen ist, dass das Leben einem fortwährenden Wechsel unterworfen ist, einem beständigen und rhythmischen Wechsel zwischen Schöpfung und Zerstörung, Geburt und Tod.“16
 
  Die über den ökonomischen Bereich hinausreichende symbolische Bedeutung der Landwirtschaft wird auch dadurch deutlich, dass dargestellte Gemeinschaftsarbeiten meistens im Zusammenhang mit Ackerbau stehen. Insbesondere Erntearbeiten werden mehrfach gezeigt. Das Säen hingegen ist offensichtlich Antonia vorbehalten und erfolgt romantisierend und stilisiert mit der Hand. (Auch das Original-Filmplakat zeigt eine dieser markanten Saat-Szenen.)Die zerstörerische Ausprägung der chthonischen Göttin hingegen findet sich im Fluch wieder, bei dem sich die Naturelemente Luft, Wasser und Feuer in Verbindung mit den der Erde zuzuordnenden Verwesungsaspekten der Verben gegen den (als widernatürlich dargestellten) Vergewaltiger wenden.  
 
  „In ANTONIAS WELT kommt es nicht mehr zum Mord am Vergewaltiger [...](zumindest nicht von Antonias Hand), sondern wie in einer griechischen Tragödie zum Fluch, zu einem symbolischen Akt.“17
 
  Auf die durch das verbale Moment hervorgerufene Ausnahme von der pragmatischen Lebenshaltung Antonias habe ich bereits hingewiesen. Denkbar erscheint jedoch auch eine mögliche Begründung dieser Abweichung in einer von magischen Vorstellungen geprägten „Überzeugung, dass sich aufgrund ihrer Benennbarkeit die zerstörerischen wie die ordnungsstiftenden Mächte durch das magische Wort beeinflussen lassen“18.  
 

Magisch-mythologische Einflüsse zeigen sich mehrfach im Kontext von Todesfällen. So gibt es z.B. Parallelen zwischen der Verrückten Madonna und einer von Gimbutas beschriebenen mythologischen Todesbotin. Neben äußerlichen Parallelen lassen sich hinsichtlich ihrer Funktion als Todesbotin für Antonia weitere Übereinstimmungen feststellen:

 
 
  „Man kann die Todesbotin besser hören als sehen. Ihr Ruf wird als vogelartig oder ‚einsam‘ und ‚klagend‘ beschrieben. Er wird auch mit dem Heulen von Hunden und Füchsen verglichen. Die Laute dringen zum Haus des Sterbenden und hallen in seinem Umkreis nach.“19
 
  Auf eine allgemeine Verbindung von Mond und Tod verweist auch Brueton:  
 
  „Viele Kulturen verbinden Mond und Tod, doch es fällt auf, dass der Tod in den entsprechenden Geschichten als natürlicher Bestandteil des Lebenszyklus angesehen wird. [...] Dies mag sich aus der Idee entwickelt haben, der Mond durchlaufe einen ewigen Zyklus von Leben und Sterben.“20
 
  Die mythologischen Parallelen der bereits dem Namen nach als katholisch zu identifizierenden Madonna verstärken die negative Verbindung von Katholizismus und Tod, die der von Gorris als ‚weiblich‘ dargestellten Religiosität gegenübergestellt werden. Auch bei den Äußerlichkeiten anderer Charaktere liegen Anleihen aus magischen Vorstellungen vor. Da diese oft auf Bruchstücke reduziert sind, erschließen sich viele Vergleiche erst durch eine Betrachtung des Gesamtbildes. So weisen z.B. mehrere der Frauen in Einzelbereichen Hexenähnlichkeiten auf, die bei einer Einzelbetrachtung zunächst nicht auffallen würden: Olga ähnelt bereits durch die äußerliche Gesamterscheinung und die auffallend roten (und erst im hohen Alter ergrauenden) Haare verbreiteten Hexendarstellungen. Auch ihre Berufe (Hebamme und Leichenwäscherin) weisen Parallelen zu mittelalterlichen Hexen auf, die Stellung als einzige während der ganzen Handlung allein stehenden Frau verstärkt diese Analogie. Auch das Sterbezimmer von Antonias Mutter erinnert durch zahlreiche Spinnweben und Kerzenständer an verwunschene Hexenhäusern. Weiter verweist Antonias Fluch auf hexentypische Fähigkeiten; als solche können auch ihre mehrfachen Todesvorahnungen als magische oder übersinnliche Fähigkeiten interpretiert werden. Sie erahnt auch Danielles Beerdigungs-Phantasie, was durch die Mehrdeutigkeit ihrer Äußerung angedeutet wird. Insgesamt können die lebendigen Phantasien Danielles und Sarahs, ob nun als dramaturgische Gedankenumsetzung oder als Visionen interpretiert, ebenfalls als Beispiele besonderer weiblicher Kreativität oder eben übersinnlicher Fähigkeiten aufgefasst werden. Auch in Sarahs Phantasie vermischen sich hierbei ‚reale‘, fiktive und sogar nur in der Phantasie ihrer Großmutter stattgefundene Bilder. Dem feministischen Verständnis moderner Hexen entsprechen alle Dynastiefrauen durch selbstbewusstes und souveränes Auftreten, gerade im Umgang mit Männern, sowie dem mehrfach erwähnten Umgang mit Sexualität und Fruchtbarkeit.  
  Weitere, auch dem religiös wenig interessierten Kinozuschauer zugängliche, symbolische Elemente finden sich bei der Betonung des dreizehnten Kindes, welches Letta „zum Verhängnis“ (1:19) wird und mit dem die (jüdisch-christliche) Vorstellung der Dreizehn als Unglückszahl aufgenommen wird. Dramaturgisch ermöglicht diese Zahl zudem eine weitere Zahlensymbolik: Indem der Kaplan mit „seinen zwölf Jüngern“ (1:19, Simon bleibt auf dem Hof) in die Stadt zieht, wird angedeutet, welche christlich-missionarisch interpretierbare Funktion sein Fortgang für die Verbreitung von  Antonias Welt haben soll und wie groß dessen Bedeutsamkeit offenbar ist.  
  Für eine Betrachtung der religiösen Konzeption Gorris` in „Antonias Welt“ sind also Entlehnungen aus magischen und mythischen Vorstellungen (zumeist vorchristlicher Kulturen) zu berücksichtigen, so dass einer Einordnung des Spielfilmes als „mythische Utopie“21 zugestimmt werden kann. Auf den mythologischen Gehalt und die Relevanz der Matriarchatskonzepte insgesamt werde ich im Rahmen des Vergleiches ‚weiblicher‘ und ‚männlicher‘ Religion und Religiosität noch explizit eingehen.  
   
  2.7 „Und sie lebten noch lange glücklich und zufrieden.“: Utopie- und Märchenelemente  
   
 
  „Wenn Gott eine Frau ist, muss das Paradies ungefähr so aussehen: ein ewiger Festschmaus im Freien, fröhliche Menschen, niedliche Kinder, frische Natur. Alle Frauen sind Mütter, heiter, klug, gesegnet mit Fruchtbarkeit; alle Männer sind sanft und harmlos, solange sie gehorchen - und das tun sie, denn es entspricht der großen Ordnung der Dinge, die überaus feminin geprägt ist.“22
 
  Märchen- und Utopieaspekte finden sich an zahlreichen Stellen in „Antonias Welt“, sowohl in Form direkter Anspielungen als auch in Strukturanalogien. Die Einordnung als „feministische Utopie“23, als „Wunschtraum vom Matriarchat“24 oder schlichtweg als „die beste aller Welten“25 zieht sich wie ein roter Faden durch die Filmkritiken der Zeitschriften. Marli Feldvoß schafft für die Einordnung von „Antonias Welt“ wie erwähnt das Genre des „magischen Feminismus“26.  
  Die Bedeutung von Utopien im Kontext matriarchaler Vorstellungen betont Göttner-Abendroth:  
 
  „Utopische Elemente sind mit den matriarchalen Gegenkulten in der Unterschicht der Bevölkerung während der patriarchalen Epoche immer verbunden: Es ist die Hoffnung auf die Wiederkehr der Göttin mit ihrem mildem Regiment. Ich möchte nur an die Mythe vom ‚Goldenen Zeitalter‘ erinnern, welche das matriarchale Zeitalter meint. Matriarchale Kulte leben vielfältig als [...] Subkulturen weiter.“27
 
  Der in den Ankunftsszenen mehrfach sichtbaren Wandbeschriftung „Welkom to our liberators!“ kommt damit eine auch auf Antonia und ihre ‚bessere‘ Welt übertragbare Bedeutung zu: Mit ihrer Rückkehr beginnt nicht nur für die Außenseiter des Dorfes ein ‚neues‘ Leben in Antonias Welt; auch die ‚alte‘ Welt wird, einschließlich ihrer Religion, nachhaltig verändert. Der in der Intention des Filmes begründete positive Charakter dieser Veränderungen erhält dadurch eine entscheidende religiöse Dimension, die man zugespitzt mit der erwähnten „Wiederkehr der Göttin mit ihrem mildem Regiment“28 vergleichen könnte. Die konkreten religiösen Ausprägungen des somit eingeläuteten „Goldenen Zeitalters“ sollen im letzten Abschnitt analysiert und mit denen der bestehenden Welt verglichen werden.  
  Märchenhafte Elemente bei der Darstellung der Personen sowie des Gemeinschaftslebens in Antonias Welt werden von Gorris selbst benannt:  
 
  „Der Film beginnt mit Antonias Rückkehr in ihren Geburtsort nach dem Ende des 2. Weltkriegs, und das ist dem ‚Es war einmal‘ der Märchen nicht unähnlich. Der Prinz auf seinem weißen Ross ist in diesem Film der junge Mann auf seiner weißen Harley Davidson, und das Schloss des Prinzen wird zum Luxushotel. Doch in diesem Film ist der Prinz nicht die Lösung aller Probleme der Heldin.“29
 
  Neben den von Gorris genannten Stellen weisen weitere Charaktere und Handlungsstruktur Parallelen zum Märchen auf, die ich in Anlehnung an Lüthi untersuchen werde. Die antithetische Figurenkonzeption entspricht der „Universalität“ und „Welthaltigkeit“30 des Märchens; auch unterstützt die eindimensionale Darstellung der Charaktere, die bis auf den Kaplan sowie das Paar Madonna/ Protestant keine Entwicklungstendenzen aufweisen, die Märchen verwandte Figurenkonzeption, die funktionalisierte (Stereo)typen „echten“ Personen vorzieht. Als sich Letta und der Kaplan kennen lernen, zitiert der Off-Kommentar - bemerkenswerterweise schon am Beginn der Beziehung - den klassischen Schlusssatz des Volksmärchens (0:48). Die hervorgerufene Erwartung einer glücklichen ‚Liebe auf den ersten Blick‘ wird durch den Handlungsverlauf bestätigt. Situationen einer unerfüllten Liebe gibt es nur bei dem auch sonst skurrilen Paar der Außenwelt, der Madonna und dem Protestanten, aber selbst deren Liebe findet nach der ‚Übersiedelung‘ in Antonias Welt ein märchenhaftes Happy-End. Die konstant harmonische Beziehungsstruktur kann in ihrer Absolutheit mit Recht als märchenhaft bezeichnet werden, was auch der ‚Stern‘ ironisch anmerkt:   
 
  „Ein Märchen? Aber natürlich. In welcher anderen als ‚Antonias Welt‘ würden schon Verrückte und Behinderte, Übermütter und Lesben, Intelligenzbestien und Geistliche so nett miteinander umgehen?“31
 
  Alle auftretenden Probleme sind nicht beziehungsimmanent, sondern stoßen aus der Außenwelt in die Beziehungen, werden aber gleichwohl gemeinsam und konstruktiv gemeistert. Bedrohungen werden, zur Not mit ‚Zauberkräften‘ wie Flüchen, beseitigt und zu einem guten Ende geführt, so dass die Gerechtigkeit und das ‚Gute im Menschen‘ siegen und die Bösen ihre gerechte, wenn auch z.T. wiederum märchentypisch grausame Strafe erhalten.  
  Daneben stimmt die Darstellung von Antonias Welt inhaltlich und strukturell auch mit utopischen Gemeinschaften überein.32 Angesichts der Märchenparallelen und des Stellenwertes von Utopien für die reale Gesellschaftsentwicklung stellt sich allerdings auch die Frage, ob „Antonias Welt“ als Realitätsflucht oder aber als zukunftsweisender Hoffnungsträger verstanden werden will und kann. Inwieweit religiöse Elemente Anteil an dieser ‚zukünftigen‘ Welt haben und diese als Aspekte einer ‚weiblichen‘ Welt beeinflussen und prägen, wird noch zu untersuchen sein.  
   
  3. Katholizismus als patriarchale Religion und matriarchal-weibliche Religiosität und Spiritualität: Vergleich der dargestellten Religiositätskonzeptionen  
   
  Im Folgenden soll Gorris’ Konzept weiblicher Sinngebung und Religiosität, so wie es in den vorangegangenen Bereichen erkennbar war, in den Kontext feministischer und matriarchaler Konzepte eingeordnet und kritisch hinterfragt werden.  
  Weltbild und Religiosität der Dorfwelt sind wie erwähnt von der katholischen Kirche beeinflusst. Katholizismus wird im Kontext von „Antonias Welt“ als patriarchale Religion dargestellt, die daher auf unterschiedlichen Ebenen entsprechend patriarchale Strukturen ausprägt und festigt. Dies zeigt sich vor allem auch in den über das engere Verständnis von Religion hinausreichenden Lebensbereichen: Die autoritäre Dominanz der Männer wird als das beherrschende Element aller Bereiche in unterschiedlichen Zusammenhängen verdeutlicht und als gerechtfertigt dargestellt: Männer beherrschen in Familie und Gesellschaft das Leben und die Struktur des Dorfes. Die traditionelle Kernfamilie prägt die Familienstruktur. Obgleich keine emotionale Eltern-Kind-Bindung vorliegt, werden Söhne den Töchtern vorgezogen. Die Frauen fügen sich dem dominanten Auftreten der Männer, so dass in jeder Beziehung traditionelle Geschlechtsrollenstereotypen dominieren. Die Einhaltung der kirchlich geprägten restriktiven Normen wird, besonders im Sexualitätsbereich, bei Frauen sozial überprüft, Verstöße werden öffentlich angeprangert. Bei Männern hingegen werden selbst bekannte und massive Verstöße ignoriert. Selbst in der zweiten Predigt wird mit der Erzählung von der Ehebrecherin eine Bibelstelle angeführt, in der (in der dargestellten Auslegung) die Gleichsetzung von Frauen und Schuld bzw. Sünde erfolgt. Im Kontext und der Intention der Predigt wird nicht diese grundsätzliche Parallelisierung verworfen, sondern nur auf die jeweils eigene Schuld verwiesen. Die eigentliche befreiende und erlösende Jesusaussage dieser Stelle wird somit nicht erfasst. Allgemein wird Sexualität als sündhaft verstanden und tabuisiert oder aber unter Gewaltanwendung erzwungen. Heterosexualität wird normativ vorausgesetzt, Homosexualität wird nicht thematisiert.   
  Allenfalls vom jenseitigen Leben ist eine Verbesserung der Lebensumstände zu erwarten, der Tod wird trotzdem als Strafe oder zumindest als negativ verstanden und isoliert. Die Kirche und ihre Repräsentanten verstärken die lebensfeindliche Grundhaltung und hinterfragen weder die eigene Einstellung noch die der Gemeinde. Antonias Welt und dort vorherrschende Lebensformen werden als bedrohliche Abweichung von den anerkannten Normen des Dorfes empfunden und abgelehnt. Auch andere Außenseiter werden ausgegrenzt, unterdrückt oder misshandelt. Das Naturverständnis ist zweckorientiert, Natur und Tiere werden, auch gewalttätig, ausgebeutet.  
  Im Gegensatz dazu wird Antonias Welt als matriarchal geprägte Gemeinschaft dargestellt, was ebenfalls nicht nur im engeren religiösen Kontext, sondern auch in nur teilweise religiös bestimmten Bereichen sichtbar wird. Zunächst zeigen sich Unterschiede bei einer Betrachtung der als matriarchal zu bezeichnenden Sozialstruktur: Die Familienformen sind variabel und werden individuellen Bedürfnissen entsprechend gebildet. Neben Varianten der Kernfamilie treten gleichberechtigt auch allein erziehende oder von Geschlechtsrollen losgelöste Be- und Erziehungsformen in den Vordergrund, wobei biologische und soziale Vaterschaft nicht identisch sein müssen. Das ausgeprägte Gemeinschaftsleben in Antonias Welt mit Arbeitsteilung, gegenseitigem Rückhalt und den  (abendmahlsähnlichen) Gemeinschaftsmahlen im Freien verstärkt das Bild einer Großfamilie/ Kommune, in der soziale Bindungen entscheidender sind als biologische.  
  Im Unterschied zu patriarchalen Gesellschaftskonzepten wird nicht von „Zwangsheterosexualität“33 ausgegangen; Homosexualität, aber auch eine getrennte Betrachtung von Liebe und Sex treten auf, ohne bewertet oder als Normabweichung betrachtet zu werden. Den religiös bedeutsamen Aspekt der Lust betont Walker:  
 
  „Seit Urzeiten war die Sexualität ein bedeutender Bestandteil heidnischer Religionen; in alten germanischen Sprachen bedeutete das Wort Lust soviel wie ‚religiöse Freude‘.“34
 
  Habermann hebt im WbFTh hervor:   
 
  „Lust ist ein Potential in uns allen. Mehr noch als bei Männern ist es für Frauen eine zugeschüttete Quelle der Macht, aus der sie Kraft zur Veränderung schöpfen können. [...] Lust ist größtmöglichste Nähe zu unserem eigenen Selbst [...]. Von diesem Zustand der Seele, der Wachheit, der ‚Aufmerksamkeit‘ hängt unsere Beziehung zu Gott ab.“35
 
  Die ursprünglich katholische Theologin Sorge fordert, der Dialektik von Körper und Geist, der „leibfeindlichen Spiritualisierung“ des ‚patriarchal-männlichen‘ Christentums eine weibliche, „leib-liebende Spiritualität“ entgegenzusetzen36:  
 
  „Matriarchale Spiritualität meint die Heiligung und das Heilwerden der ganzen Person und schließt eine Leiblichkeit ein, die im Vergleich zum Geist nicht abgewertet wird.“37
 
  Anhand der Sexualmoral zeigt sich in „Antonias Welt“ am nachhaltigsten die Loslösung und Abgrenzung von den Dogmen der dargestellten katholischen Kirche. Neben den konkreten Auseinandersetzungen um die uneheliche Schwangerschaft Danielles, die kirchliche Doppelmoral sowie die Zölibatsfrage ergeben sich sogar inhaltliche Übereinstimmungen zwischen der Darstellung des Christentums in „Antonias Welt“ und den theologischen Kritikpunkten Sorges am Christentum und seinen patriarchalischen Gottesbildern. Die erste Predigt, ihr theologischer Legitimationsansatz und das daraus resultierende Selbstverständnis des kirchlichen Repräsentanten stimmen inhaltlich überein mit Sorges Kritik an einem „Schrecken und Furcht [erregenden Allmachtsvater:]; [...] wer sich seinem Willen nicht unterwirft, wird bestraft.“38 Die Hofbewohner nehmen nach diesen Vorfällen nicht mehr an den Gottesdiensten teil und lösen sich damit auch formal endgültig aus dem kirchlichen Umfeld. Ein weiterer gemeinsamer Kritikpunkt zwischen der Gorris-Darstellung und Sorge ist die Forderung nach einem veränderten Sexualitätsverständnis, welches die lebensfeindliche Haltung der Kirche ablösen solle. Der Umgang mit der Diskussion um einen Schwangerschaftsabbruch zeigt neben der individuellen ethisch-moralischen Entscheidungsfreiheit gerade der Frau in diesem Kontext ebenfalls die massive Ablehnung entsprechender katholischer Moralvorstellungen. Entsprechend kann auch der Umgang mit Krummer Fingers Freitod als stärkere Gewichtung individueller ethischer Haltungen mit allen Konsequenzen betrachtet werden.  
  Walker stellt dem Christentum das Wiederaufleben der „alten Religion in neuer Gestalt“ durch moderne Hexen anhand mehrerer, fast vollständig auf Antonias Welt übertragbarer Kriterien gegenüber.39 Die Hervorhebung des individuellen Willens anstelle der Unterwerfung unter als göttlich postulierte Dogmen ist dabei einer der elementaren Unterschiede, der sich auch in den eben angeführten Auseinandersetzungen wiederfindet. Gerade in der Anlehnung an matriarchal und naturreligiös geprägte Vorstellungen zeigt sich somit die Loslösung aus dem kirchlichen Kontext der Menschen in Antonias Welt. Auf die Bedeutung des zyklischen Zeitverständnisses und des Mondes habe ich bereits hingewiesen. Schilson verweist hinsichtlich zyklischer Zeitvorstellungen und ihrer dramaturgischen Umsetzung in Filmen auf deren implizite religiöse Komponente:  
 
  „[Entsprechende Filme] vermitteln dem Zuschauer unterschwellig eine religiöse Botschaft [...]: Soviel Fragmente und Einzelstationen [...] das Leben haben mag, es fügt sich auch hier alles zu einem Runden und Ganzen [...] zu einer letzten, alles miteinander verbindenden Einheit zusammen. Es ist die suggestive Vermittlung einer letztlich unteilbaren [...] fortschreitenden und alles miteinander verbindenden Einheit und Ganzheit des Lebens, welches hier als eine Art persönlicher Sinnzuspruch das Religiöse im Fernsehen ausmacht.“40
 
  Die Hervorhebung des diesseitigen Lebens und seiner aktiven, positiven Gestaltung ist somit eines der thematischen Grundanliegen des Filmes. Das aus dieser Lebenshaltung resultierende Todesverständnis kann im Kontext matriarchaler Konzepte als ‚typisch weiblich‘ bezeichnet werden. Die Dialektik von Fruchtbarkeit/ Geburt und Verderben/ Tod, die sich in der Figur Antonias, wenn auch säkularisiert, dramaturgisch umgesetzt wiederfindet, betont Gimbutas auch bei konkreten Figuren matriarchaler Göttinnen.41 Bei Antonia ergänzen sich dabei zwei zunächst paradox wirkende Vorstellungen: Die, wenn auch reduzierte, Wiedergeburtsvorstellung steht gleichberechtigt neben der Betonung diesseitigen Lebens und seiner Möglichkeiten, die eine ‚Verschiebung‘ von Wünschen auf eine bessere jenseitige Existenz nicht benötigt. Antonias Leitsatz geht von einer hohen individuell bestimmbaren Beeinflussung des Lebens aus. Diese optimistische Grundhaltung wird auch durch die massiven Negativerfahrungen wie Vergewaltigungen oder tragische Todesfälle nicht generell in Frage gestellt.  
  Inwieweit die genannten Ausprägungen von Religiosität, Spiritualität und Weltanschauung in Antonias Welt als spezifisch weiblich bezeichnet und dem im Umkehrschluss als männlich dargestellten Christentum bzw. Katholizismus gegenübergestellt werden können, soll im abschließenden Abschnitt in größere Kontexte eingeordnet und kritisch hinterfragt werden.  
   
  4. „Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Frauen sie regierten“: Kritische Einordnung von Gorris’ Konzeption weiblicher Religiosität und Spiritualität in „Antonias Welt“  
   
  Aspekte matriarchaler Kulturen, Fragen der Geschlechtsrollenstereotypen und die Bedeutung beider Aspekte für Formen weiblicher, insbesondere religiöser, Identität sollen nun bei der Einschätzung von Gorris’ Konzept weiblicher Religiosität in „Antonias Welt“ angesprochen werden. Auch auf Parallelen zu Konzepten weiblicher Spiritualität im Verständnis anderer feministischer Autorinnen und ihrer Disziplinen soll dabei verwiesen werden, um auf dieser Grundlage die religiös relevante Gesamtdarstellung der weiblichen Figuren einzuschätzen. Eine kritische Infragestellung von Gorris’ Auffassung ‚weiblicher‘ Religiosität sowie weiteren ‚weiblichen‘ weltanschaulichen Haltungen und Verhaltensweisen sowie der Inszenierung einer modernen matriarchalen Welt bilden den Abschluss.  
  Auf die entsprechend intendierte Gorris’-Inszenierung einer fast ausnahmslos toleranten, glücklichen und liebevollen ‚Märchen’welt habe ich bereits hingewiesen. Hier zeigt sich m.E. nun die Notwendigkeit, die zugrundeliegenden Intentionen bezüglich ihrer Sicht- und Darstellungsweisen von spezifisch ‚weiblicher‘ Religiosität, Spiritualität und Weltanschauung auch hinsichtlich ihrer Parallelen zu anderen Ansätzen kritisch zu untersuchen. Bochingers (im Hinblick auf New Age) aufgestellte Kennzeichen der „religiösen Subkultur“ sind auch auf „Antonias Welt“ übertragbar:    
 
  „Ablehnung gesellschaftlich konsentierter Normen, dichotomisches Gesellschaftsbild, Betonung der inneren Erfahrung, im Alltagsleben verankerte religiöse Praxis, Betonung der Kleingruppen von Gleichgesinnten, Bewusstsein einer marginalen Existenz“42.
 
  Eine „kritische Infragestellung moderner Lebensbedingungen“43 sowie das Bild einer „Selbstreflektion der in die Jahre gekommenen Moderne, die sich in romantischer Verklärung auf ihre Jugend zurückbesinnt“44, sind erneut gleichermaßen anwendbar, was besonders hinsichtlich der Darstellung „matriarchaler“ Teilaspekte deutlich wird. Er verweist daneben auf die von Schorsch aufgestellten Grundbegriffe, anhand derer das Phänomen New Age charakterisiert werden solle45, von denen sich wiederum „Paradigmenwechsel“, „Ganzheit“, „Selbstverwirklichung“, „Spiritualität“, „Androgynität“ und „Selbstorganisation“ ebenso als Merkmale von Antonias Welt benennen lassen. Vierzig nennt das Streben nach Ganzheitlichkeit im Rahmen eines holistischen Weltbildes sowie den Glauben an einen Kreislauf aus Geburt, Wiedergeburt und Tod als die markantesten Merkmale der neuen religiösen Strömungen46, die sich gleichermaßen in Antonias Welt wiederfinden.  
  Im Vergleich mit der matriarchalen Göttinnen-Trinität und ihrer symbolischen Ausprägung nach Göttner-Abendroth und Gimbutas zeigen sich bei einer gemeinsamen Betrachtung der Dynastiefrauen, z.T. auch der anderen Frauen in Antonias Welt, elementare Parallelen hinsichtlich der Kernaussagen, ohne dass selbstverständlich eine vollständige Analogie belegbar wäre. Reduziert man das matriarchal-religiöse System auf die Grundlagen ‚weibliche Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit‘, ‚Erd-/Acker- und Mondsymbolik‘ und ‚Beherrscherin des Todes im faktischen und im übertragenen Sinne‘, so lassen sich diese Aspekte an unterschiedlichen Stellen wiederfinden. Nach Göttner-Abendroth definierte Funktionen der Göttin47 sind: i  
 
  • „Fruchtbarkeit“ (Lettas theoretische und praktische Auffassung von Schwangerschaft),
  • „Magie“ (Antonias Fluch),
  • „Orakel“ (Antonias Vorahnungen; der Fluch; Sarahs Gedicht),
  • „Inspiration“ (Visionen; künstlerische Ausprägungen bei Danielle, Therese und Sarah),
  • „Dichtkunst“ (Sarahs Gedichte) und 
  • „Weisheit“ (explizit als „weise“ beschreiben Presseheft48 und Spiegel49 Antonia).
 
  Vielschichtige Mutterrollen zeigen sich daneben nicht nur in den individuell unterschiedlichen Ausprägungen anhand der verschiedenen Mütter in Antonias Welt, sondern auch durch eine auffallende Ambivalenz der Mutter-Tochter-Beziehungen bei allen vier Dynastiefrauen. Die Flexibilität dieser Beziehungen ermöglicht wechselnd übernommene Mutter- und Tochter-Rollen, so dass alle drei Töchter auch ihre Mutter trösten oder ‚bemuttern‘ und damit die traditionelle Mutterrolle weiterentwickeln.  
  Bezüglich des Frauenbildes unterscheidet der in Antonias Welt vorherrschende Pragmatismus nicht nur die beiden Welten nachhaltig voneinander, sondern eröffnet auch eine weitere Lesart des Off-Kommentars „Neben den lauten Stimmen der Männer fiel das Schweigen der Frauen kaum auf.“ hinsichtlich der Geschlechterrelation insgesamt. Zum einen beleuchtet er die unterdrückte Stellung der Frauen in der Dorfwelt, zum anderen wirft die Äußerung aber auch einen Blick auf die Lebensgestaltung in Antonias Welt, die man plakativ unter „Frauen müssen nicht viel überlegen und reden, sie handeln und leben einfach.“ zusammenfassen könnte. Neben der Hoffnung auf die sozial, gesellschaftlich, religiös-spirituell und weltanschaulich relevante Wiederkehr des matriarchalen „Goldenen Zeitalters“ verweisen auch die anderen utopischen und märchenhaften Aspekte auf eine bessere Zukunft und ersetzen dadurch zumindest z.T. formal und strukturell eine aus christlichen Vorstellungen und Glaubensinhalten gespeiste eschatologische Hoffnung. Die Dynastiefrauen dienen dabei zugleich als Vorbilder und Quasi-Religionsstifterinnen. Als ‚spezifisch weiblich‘ herausgearbeitete Charakteristika und Verhaltensweisen sollen nun für eine abschließende Beurteilung von Gorris’ Konzept weiblicher (‚Ersatz‘-) Religiosität im Folgenden kritisch hinsichtlich ihrer Inhalte und Darstellungsweise überprüft werden.  
  Schon mehrfach ist auf die idealisierte (‚Re‘-)Konstruktion matriarchaler Kulturen, Konzepte und Ausprägungen einiger feministischer Autorinnen verwiesen worden, zu denen auch Gorris gezählt werden kann. Nach einer Darstellung inhaltlich anfechtbarer Aspekte möchte ich auch auf strukturell zweifelhafte Bereiche wie die gynozentrische Geschlechterrollenzuweisung in „Antonias Welt“ zu sprechen kommen. Ein erster elementarer Kritikpunkt ist hierbei die Eindimensionalität der euphemistischen Gestaltung einer positiven ‚weiblichen‘ Welt in der Gegenüberstellung zur negativen ‚männlichen‘ Dorfwelt.  
  Neben grundsätzliche inhaltliche und methodische Kritikpunkte an Göttner-Abendroth und Gimbutas treten bei Antonias Welt besonders folgende kritisch zu betrachtende Einzelaspekte der Darstellung in den Vordergrund:   
  Eine durch Ackerbau und seine gemeinschaftliche Bewältigung dargestellte Naturverbundenheit, verbunden mit einem hohen Grad ökonomischer und sozialer Autonomie des Hofes bis in die Gegenwart kann als schwärmerische Idealisierung bezeichnet werden.  
  Das konstante sexuelle und partnerschaftliche Glück sowie die Toleranz gegenüber Außenseitern in Antonias Welt fasst Köhler mit der ironischen Anmerkung, „jeder auf dem Hof bekommt ein Stück vom Glückskuchen ab“50, treffend zusammen.    
  Die intendierte Darstellung einer positiven weiblichen Lebenseinstellung führt hinsichtlich des  theoretischen und inszenierten Verständnisses von Leben und Tod sogar zu Widersprüchen innerhalb der religiösen und weltanschaulichen Konzeption: Einerseits betont Antonia, es gebe kein Leben nach dem Tod und man müsse daher das jetzige Leben bestmöglich gestalten, andererseits verweisen Off-Kommentar, Grabspruch und der gemeinsame Auftritt der Verrückten Madonna und des Protestanten in Sarahs Vision eindeutig auf die Verbesserung ihrer ‚Lebensumstände‘ nach dem Tod. Als Versuch, diesen Konzeptionsbruch zu beheben, bleibt die These, nur die Menschen der patriarchal-christlichen Außenwelt benötigten überhaupt ein Leben nach dem Tod, wenn sie glücklich werden wollten.   
  Auf eine weitere Schwäche, die dramaturgisch ermöglichte ‚Gewaltlosigkeit‘, welche weibliche Gewalt entweder als Notwehr oder als in der Exekutive verschoben inszeniert, weist Kniebe mit sarkastischem Unterton hin:  
 
  „Einmal nämlich taucht ein richtiger Schurke auf, ein Doppelmonster des Feminismus, Vergewaltiger und Soldat zugleich. Antonia verflucht ihn, anschließend wird er getötet, gottlob von einem anderen Mann, und dann ist die Welt so richtig in Ordnung.“51
 
  Auch auf die umfassend dargestellte kulturelle, soziale und ethisch-moralische Höherbewertung der Frauen verweist er (s.o.) mit ironischem Unterton.  
  Konkrete inhaltliche Gestaltungspunkte der ‚weiblichen‘ Welt spiegeln sich auch in der grundlegenden Vorstellung ‚weiblicher‘ Eigenschaften und Rollen sowie ihrer Darstellungsweise in „Antonias Welt“ wieder; Roß verweist auf die „sozial gesetzten Gender-Qualitäten der ‚Frau‘ wie Emotionalität, Sexualität, Empathie, Wärme, Solidarität, Fürsorge“52, die sich vollständig auf Antonias Hof wiederfinden. Auch Antonias Fluch und Pittes Tod bilden aus den bereits dargelegten Gründen keine Abweichung vom weiblichen Sozialcharakter, sondern erhalten den Mythos des friedlichen weiblichen Geschlechts weiter aufrecht. Daneben stellt sich bei diesem Vergleich jedoch auch die Frage, ob und inwieweit Gorris Männer wie Janne und Pitte als für die Außenwelt typische Männer versteht und darstellt.  
  Im Hinblick auf patriarchale Gesellschaften werden Sexualität und Gewalt also pauschalisierend als miteinander verbunden sowie als entscheidende patriarchale Struktur der Frauenunterdrückung dargestellt. Diese Form umfassender und eindeutig polarisierender Geschlechterstereotypen bezeichnet Pahnke als „gynozentrischen Feminimus“53. Die nach Gorris ‚typisch weiblichen‘ Charakteristika innerhalb ihrer gynozentrischen Ordnung stimmen auch mit den von Röder/Hummel/Kunz zusammengefassten Merkmalen des weiblichen Prinzips in Matriarchatskonzepten überein.54 Die hinsichtlich ihrer geschlechtsspezifischen Aufteilung und Gestaltung zweifelhafte Gestaltung Gorris’ hebt van Lierop hervor:  
 
  „Antonias Welt [...] betört mit der verführerischen Illusion, dass eine von Frauen regierte Welt ein besserer Platz zum Leben sein könnte.“55
 
  Das Verhältnis von feministisch kritisierter Gegenwart, verklärter matriarchaler Vergangenheit und mit Hoffnung betrachteter Zukunft im Stile von Antonias Welt verstärkt erneut die Einordnung dieses Filmes, seiner religiösen Intention und deren Selbstverständnis in das weite Spektrum neuer religiöser Bewegungen, von denen Vierzig sagt:  
 
  „Insgesamt weist sich [...] die Neue Religiosität als eine anti-modernistische Bewegung aus. [...] [Der] Bruch mit dem modernen historischen Bewusstsein und die Zuflucht zu einem archaischen Zustand des Welteingebettetseins macht die Neue Religiosität eindeutig zu einem Teil der Postmoderne.“56
 
  Als positive Punkte ihrer Darstellung ist Gorris gleichwohl zuzugestehen, dass sie nicht nur eine Behebung zeitgenössischer Mängel in der Darstellung besserer vergangener oder märchenhaft-utopischer Welten sucht, sondern an vielen Stellen auch konkrete und realitätsnahe Kritikpunkte benennt und konstruktive Alternativen aufweist. Schon die souveräne Lebensgestaltung der Frauen z.B. kann auch für die Gegenwart noch eine beispielhafte Funktion haben.   
  Meiner Meinung nach bedeutet die Nähe zum Märchen oder zur Utopie auch noch keine Abwertung der Glaubwürdigkeit oder der Aussagekraft des Spielfilms über reale oder denkbare reale Verhältnisse per se. Gorris differenziert die Beziehung von Märchensicht und realer Sicht auf die Welt:  
 
  „Doch selbst wenn man ANTONIAS WELT als Märchen bezeichnen würde, die Realitätsnähe bleibt ungemindert. [...] Alle Märchen handeln von unserer Sicht der Welt oder der Welt, wie wir sie gerne hätten. Das gilt auch für ANTONIAS WELT.“57
 
  Zu guter Letzt handelt es sich bei „Antonias Welt“ auch ‚nur‘ um eine Familiensaga in Form eines Spielfilmes und weder um einen explizit religiösen Film, noch um ein vorrangig religiöses oder sonstiges weltanschauliches Traktat. Eine weitere, subtile Feinheit der Erzählperspektive unterstützt allerdings ebenfalls den hoffnungstragenden Aspekt der Darstellungsweise in „Antonias Welt“: Zunächst scheinen Antonias Welt und die damit verbundene Lebenshaltung mit dem Tod ihrer Protagonistin einer ungewissen Zukunft entgegenzusehen. Sarah, die am Ende der dargestellten Handlung erst acht Jahre alt ist, erzählt als Erwachsene. Da die Handlung wiederum in der Mitte der 90-er, also in der Gegenwart des Kinozuschauers, endet, erfolgt ihre Erzählung quasi als ‚Rückblick‘ aus der Zukunft. Es bleibt also letztlich dem Kinozuschauer überlassen, durch das ‚Wissen‘ über Antonias Welt seine Realität und Gegenwart zu verändern, und Antonias Welt damit eine Vorbildfunktion für seine reale Welt einzuräumen. Bei allen Einschränkungen im Detail hebt auch Köhler den Schwerpunkt der Hoffnungsträger in ihrer Einschätzung hervor:  
 
  „Die Matriarchin Antonia nährt die Hoffnung, dass Frauen eine bessere, eine menschlichere Welt schaffen könnten. Das muss vielleicht nicht stimmen, aber glauben möchten wir es trotzdem. Und Glaube versetzt bekanntlich Berge.“58
 
  ‚Weibliche‘ Religion bzw. Religiosität wird in diesem Konzept entgegen den dargestellten „katholischen-patriarchal-christlichen“ Auffassungen insgesamt als wichtiger Bestandteil eines freien und erfüllten Lebens verstanden, wenn sie lebens-, und das heißt bei Gorris auch fruchtbarkeits- und sexualitätsbejahend, sowie naturnah, ganzheitlich und individuell gestaltbar ist. Betrachtet man diese Maxime rückblickend mit den Entwicklungen und Veränderungen im christlichen und politisch-gesellschaftlichen Kontext der letzten nunmehr fünfzehn Jahre, so zeigt sich, dass zumindest einige der „Tagträume“ Gorris´ wie beispielsweise der veränderte kirchliche und gesellschaftliche Umgang mit (hetero- und homosexueller) Ehe, unehelicher Sexualität oder die stärkere institutionelle kirchliche Einbindung von Frauen z.B. in Bischofsämter (im protestantischen Umfeld) tatsächlich umgesetzt worden sind.  
  Hinsichtlich der verbleibenden, in „Antonias Welt“ postulierten Ziele Gorris’, der letztlich  nie vollständig abzuschließenden Interpretationsarbeit literarischer Werke und damit auch meiner Arbeit schließe ich daher, analog zu „Antonias Welt“, mit einem letzten Gorris-Zitat:  
   
  „Und wenn die lange Chronik zuende geht, ist nichts vollkommen..“  
     
     
 
 
     
  * Kristine Pott arbeitet als Doktorandin an der Universität Kiel über das Thema "Sterben im Spielfilm". Der Film "Antonias Welt" war Gegenstand ihrer Examensarbeit bei Prof. Kürzdörfer.  
     
 
 
     
 
1 Kniebe, Tobias: Ein Platz für Frauen, in: Focus 36/96, S.128.
2 Beide Zuordnungen, ‚Genre Frauenfilm‘ ebenso wie ‚Frauenfilmemacherin‘, prägen die Rezensionen. Gorris kritisiert beide Bezeichnungen und erwidert in der Berliner Morgenpost „Ich mache Filme mit Frauen in der Hauptrolle. Solange das etwas Ungewöhnliches ist - und das ist es offensichtlich immer noch, werden mich die Leute so nennen. Sie werden aber einen Mann, der Männer abfilmt, nie Männerfilmer nennen. [...] Es ist ein bisschen dumm. Aber eigentlich ist es mir egal.“ (Gorris, In: Berliner Morgenpost vom 4.9.1996)  
3 Um Antonia und ihre Nachkommen gemeinsam benennen zu können, verwende ich den  Begriff der ‚Dynastiefrauen‘.
4 Kürzdörfer, Klaus (Hg.): Bildung und Transzendenz, Leipzig, Norderstedt 1998, S.186.
5 Vgl. ebd., S.187.
6 Becker, Gerhard: Die Ursymbole in den Religionen, Graz, Wien, Köln 1987, S.26.
7 Röder/Hummel/Kunz: Göttinnendämmerung. Das Matriarchat aus archäologischer Sicht, München 1996,  S.377f.
8 Vierzig, Siegfried: Sehnsucht nach den Müttern: von der Renaissance des Weiblichen in der Religion 1991, S.47.
9 Vgl. Gaube/Pechmann: Magie, Matriarchat und Marienkult. Frauen und Religion, Reinbek b. Hamburg 1986, S.163.
10 Vgl. Artikel „Spiritualität“ In: WbFTh, S.376 (inneres Zitat nach Radford Ruether, ebd.).
11 Vgl. Göttner-Abendroth, Heide: Die Göttin und ihr Heros, 5. Aufl., München 1994 (1980), S.61ff.
12 „Antonias Welt“. Presseheft des BR, München o.J., S.4, Hervorhebung im Original.
13 o.Verf.: Die beste aller Welten, In: Stern 37/96, S.199.
14 Feldvoß, Marli: Antonias Welt, In: epd Film 9/96, o.S.
15 Pflaum, H.G.: Chronik eines angekündigten Todes, In: SZ vom 5.9.1996, o.S.
16 Gimbutas, Marija: Die Sprache der Göttin, 4.Aufl., Frankfurt a.M. 1998 (engl. Orig. 1989), S.316.
17 Feldvoß a.a.O., Hervorhebung im Original.
18 Geyer, Carl-Friedrich. Mythos. Formen, Beispiele, Deutungen, München 1996, S.51
19 Gimbutas a.a.O., S.209.
20 Brueton, Diana. Der Mond, München 1995 (engl. Orig. 1991), S.46f.
21 LIF: Artikel „Antonias Welt“.
22 Kniebe a.a.O., S.128.
23 Vgl. u.a. Szene Hamburg 9/96, S.62; Filmwoche/Filmecho 35/96, S.40.
24 o.Verf.: Drache im Dorf, In: Spiegel 36/96, S.237.
25 Stern, a.a.O.
26 Feldvoß a.a.O.
27 Göttner-Abendroth a.a.O., S.125.
28 Vgl. ebd.
29 Gorris, In: Presseheft des BR a.a.O., S.16f.
30 Vgl. Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, 10.Aufl. Tübingen, Basel 1997 (1947), S.63ff.
31 Stern a.a.O.
32 Roß, Bettina: Politische Utopien von Frauen. Von Christine de Pizan bis Karin Boye, Dortmund 1998, S.180.
34 Vgl. zum Ansatz der Zwangsheterosexualität u.a. den Artikel „Lesbische Existenz“, In: WbFTh, S.245.
34 Walker, Barbara G.: Das geheime Wissen der Frauen, Frankfurt a.M. 1993 (engl. Orig. 1983), Artikel „Sexualität“, S.999, Hervorhebung im Original.
35 Artikel „Lust“, In: WbFTh, S.261.
36 Vgl. Sorge, Elga: Religion und Frau. Weibliche Spiritualität im Christentum, 4., durchges. Aufl., Stuttgart 1987, S.79.
37 Ebd., S.79-80.
38 Ebd., S.46.
39 Vgl. Walker a.a.O., Artikel „Hexerei“, S.399.
40 Schilson, Arno: Medienreligion, Tübingen, Basel 1997, S.47.
41 Gimbutas a.a.O., S.XXIII.
42 Bochinger, Christoph: "New Age" und moderne Religion: religionswissenschaftliche Analysen, Gütersloh 1994,S.43.
43 Ebd., S.79.
44 Ebd.
45 Vgl. ebd., S.58.
46 Vgl. Vierzig a.a.O., S.16.
47 Göttner-Abendroth a.a.O., S.122 (Daraus auch die folgenden als Zitate gekennzeichneten Stichworte.).
48 Vgl. Presseheft des BR a.a.O., S.8.
49 Vgl. Spiegel a.a.O., S.237.
50 Köhler, Margret: Frauenbilder-Männerbilder? [u.a.] Antonias Welt, In: Kinofenster 8/96, o.S.
51 Kniebe a.a.O., S.128.
52 Roß a.a.O., S.101.
53 Pahnke, Donate: Ethik und Geschlecht, Marburg 1991, S.171f.
54 Röder/Hummel/Kunz a.a.O., S.32.
55 van Lierop, zitiert nach: Presseheft des BR a.a.O., S.19.
56 Vierzig a.a.O., S.20.
57 Gorris, In: Presseheft des BR a.a.O., S.17, Hervorhebungen im Original.
58 Köhler a.a.O., o.S.
 
 
 
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