Zugänge zur Lebens- und Glaubenswelt der Schüler
 
a Briefe schreiben, freie Texte verfassen in einem schülerorientierten und seelsorgerlich ausgerichteten Religionsunterricht
a Ein Bericht aus der Praxis
Walter Dietz*(08.08.2002)
a
Vorbemerkungen
a Die Kirche steht schon lange nicht mehr mitten im Dorf. Die einst öffentlich gelebte Religion, die sich ausdrückte im regelmäßigen Kirchgang, im gemeinsam erlebten Kirchenjahr, in Sitten und Gebräuchen, in einer festen Rollenzuschreibung an kirchliche und nichtkirchliche Amtsträger, in einer weitgehend festgelegten Form der Lebensbegleitung durch Kasualien wie Taufe, Konfirmation, Hochzeit und Bestattung, sie ist weitgehend zu einer privaten Angelegenheit jedes einzelnen geworden.
Die eigene Religiosität scheint eines der bestgehütetsten Geheimnisse in unserer öffentlichkeitshungrigen Gesellschaft geworden zu sein. Über Religion redet man nicht gerne. Sie ist weder Thema in Talkshows noch vorrangiges Gesprächsthema in privaten Runden oder öffentlichen Veranstaltungen. Auch innerhalb der Kerngemeinde fällt das Gespräch über den persönlichen Glauben nicht leicht und wird oft gemieden.
Kinder und Jugendliche sind meist ganz auf sich selber zurückgeworfen, wenn sie die Grundfragen ihres Lebens und die ihrer Welt, die immer auch religiöse Fragen sind, beantwortet haben möchten; die uralten Menschheitsfragen wie: Wo komme ich her? Was ist der Sinn und die Mitte des menschlichen Lebens? Was ist gut und was ist böse? Wohin gehen die Toten? Was dürfen wir hoffen?
a Hinter all diesen Fragen steht immer auch die Frage: Gibt es einen Gott und wie kann ich ihn erkennen? Wie kann ich an ihn glauben? Wie ist er in meiner Welt präsent? Ist der Gott der Bibel der einzige und der richtige Gott? Viele andere Fragen schließen sich an - nach Jesus und seiner Heilsbedeutsamkeit, nach der Bibel und ihrer Verbindlichkeit, nach der Kirche und ihrer Glaubwürdigkeit. Kinder und Jugendliche wollen genau wissen, wie der Glaube an Gott aussehen kann und welche Konsequenzen er für den Alltag hat. Vor allem interessieren sie sich für glaubwürdige Erwachsene, die ihren Glauben vertreten, und damit auch für die Kirche, die ihrer frohen Botschaft oft selber in den Weg tritt und die nur wenig von der Menschenfreundlichkeit Gottes deutlich werden lassen kann.
     
a Religionsunterricht - ein Ort der Verständigung über Glaubensfragen
Mit all diesen Fragen, die sich auch schon ganz kleine Kinder stellen, (vgl. die vielen Studien zum Thema "Mit Kindern Theologie treiben", z. B. in entwurf 1/1998) bleiben Kinder und Jugendliche dann meist allein und der Religionsunterricht an der öffentliche Schule ist oft der einzige Ort, an dem diese Fragen aufgegriffen und bearbeitet werden können. Dort treffen sie dann alle zusammen - Kinder aus kirchlichen Elternhäusern und solche aus säkularisierten Familien, Kinder aus Freikirchen und solche, die gar keiner Kirche angehören und freiwillig am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen.
Was aber wissen die Religionslehrer/innen über diese ganz persönlichen Spekulationen und Überzeugungen; was wissen sie über die verborgene Religion ihrer Schüler? Wie stellen sie sich den typischen Schüler einer Klasse vor und was wissen sie über die Pluralität der Vorstellungen in der Klasse?
Und: werden die Heranwachsenden - in der Öffentlichkeit des Klassenverbands - nicht auch ihr Geheimnis hüten und sich in Fragen des Glaubens und der Religion nicht in die Karten sehen lassen? Man wird ja angreifbar, setzt sich der Kritik und vielleicht dem Gespött der Kameraden aus, wenn man ihnen Anteil gibt an den sehr persönlichen Vorstellungen, an religiösen Erfahrungen aus Familie und kirchlicher Jugendarbeit, an noch unausgegorenen Gedankengebäuden über Gott und die Welt. Man findet sich ja keineswegs in einem homogenen Verband Gleichgesinnter vor, in dem man eine offene Rede wagen könnte. Auch im konfessionellen Religionsunterricht derselben Schulart sind heute in fast jeder Klasse vertreten: Glaubensfeste und Zweifler, Suchende und Apathische, Hoffende und Verzweifelte. Je nach Klassenzusammensetzung werden die Angehörigen einer (religiösen oder nicht-religiösen) Minderheit äußerst vorsichtig sein, die eigene Position preiszugeben und sich der Kritik der Klasse auszusetzen.
     
Große Unterschiede zeigen sich auch in verschiedenen Lebens- und Entwicklungsstufen der Kinder und in den entsprechenden Schulstufen. Während Grundschulkinder keine Scheu haben, ihr "Herz auf der Zunge zu tragen" und offen auch über religiöse Fragen und Einstellungen zu sprechen, verstecken sich Kinder und Jugendliche in der Latenzzeit gerne hinter einer großen Sachlichkeit auch in religiösen Dingen und fragen nach den objektivierbaren und "richtigen" Inhalten des Religionsunterrichts. Jugendliche in der Pubertätszeit aber weigern sich in der Regel, ihre ganz persönlichen Fragen und Einstellungen dem öffentlichen Diskurs einer Schulklasse auszusetzen. Auch mißtrauen sie oft dem Lehrer, dem Repräsentanten der Elterngeneration, von der sie sich ja gerade absetzen möchten.
Von größter Bedeutsamkeit sind in dieser Lebensphase die Cliquen und Peer-Groups, in denen man anderen am leichtesten Anteil gibt an ganz persönlichen Themen und Fragen; daran, was einem wichtig und was einem heilig ist (oder eben nicht). Bei der allgemeinen Scheu, über religiöse Fragen zu reden, ist aber auch kaum zu erwarten, dass das Gespräch in Freundeskreisen gerade von diesen Themen bestimmt sein wird.
     
Was bedeutet dies alles für den Religionslehrer und seinen Religionsunterricht - wenn er nur ganz wenig davon erfährt, wie und was seine Schüler wirklich denken, was sie umtreibt, woran sie leiden, was sie sich erträumen und was sie für ihr Leben erhoffen? Auf die "objektive" Seite der Religion, auf Fakten aus Bibel, Theologie und Kirchengeschichte, kann er sich allemal zurückziehen und findet bei den Schülern und auch in den Lehrerzimmern viel Anerkennung und Unterstützung, wenn er sich nicht einmischt in dieses Gemenge aus Wissen und Unwissen, aus Einstellungen und Gefühlen.
Ob seine Inhalte dann aber zu Themen der Jugendlichen werden können? Ob sie ihre Adressaten erreichen? Ob er nicht Fragen stellt (und oft dann auch selbst beantwortet), die kaum einer stellt? Werden die Jugendlichen seine Inhalte nicht als belanglos abtun, wenn es nicht gelingt, sie mit ihren Lebensthemen und Lebensfragen zu verknüpfen?
     
Mit einer Klasse neu beginnen
Im Schuljahr 1998/99 habe ich nach einem Jahrzehnt Abstinenz wieder an der 10. Klasse einer Realschule in einer schwäbischen Kleinstadt Religionsunterricht erteilt. Die Schüler aus zwei Klassen saßen vor mir - in all ihrer Buntheit und Verschiedenheit. Schon in den ersten Stunden merkte ich, dass es äußerst schwer ist, kurz vor dem Ziel einen fahrenden Zug zu besteigen, ein Jahr vor der Mittleren-Reife-Prüfung und im letzten Schuljahr einer langen Schulzeit, einen guten Kontakt zur Klasse zu finden. Auch konnte ich mich nur schwer einfühlen und einstellen auf die Lebenswelt - und die Glaubenswelt - der vor mir sitzenden Schüler/innen.
Der Tipp eines jungen Gemeindepfarrers half mir weiter und ließ mich sehr aufregende und überraschende Entdeckungen machen. Davon möchte ich berichten. Die nächste Stunde (die dritte?) leitete ich ein mit der Frage:
     
"Liebe Kl. ..., ich kenne euch noch sehr wenig. Viele Lebensjahre trennen uns. Einige eurer Eltern sind jünger als ich. Ich bin 50 Jahre alt; ihr (schon oder erst) 16 oder 17. Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen, ihr in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts. Eigentlich möchte ich und eigentlich sollte ich auch etwas mehr über euch erfahren. Laßt ihr euch darauf ein, mir einen Brief zu schreiben zum Thema "Was der Religionslehrer unbedingt von mir wissen sollte"? Ihr könnt über alles schreiben; schreibt bitte auch etwas über "Gott und die Welt". Mich als Religionslehrer interessiert dieser Teil eures Lebens natürlich besonders. Ich verspreche euch Vertraulichkeit; niemand wird erfahren, wer welchen Brief geschrieben hat. Als "Gegenleistung" schreibe auch ich euch einen Brief "Was die Klasse über ihren neuen Religionslehrer wissen sollte..." und lese ihn zu Beginn der nächsten Stunde vor."
     
Alle Schüler/innen der Klasse ließen sich gerne auf die ungewöhnliche Aufgabe ein und viele wurden in der Schulstunde gar nicht fertig mit ihrem Brief und gaben ihn erst zu Beginn der nächsten ab. Besonders die Mädchen freuten sich über diese persönliche Aufgabenstellung.
     
Die Lektüre der sehr persönlichen und ehrlichen Briefe war wie die Entdeckungsreise in ein mir unbekanntes Land; sie war spannend und überaus informativ. Die Soziologen-Begriffe "Pluralisierung" und "Individualisierung" waren mit Händen zu greifen. So unterschiedlich konnten also gleichaltrige Schüler/innen einer Klasse sein! Jede und jeder hat eine so unverwechselbare Lebens-, Glaubens- und Un-glaubens-Geschichte hinter sich - und auch vor sich... zu meiner Schulzeit war dies alles anders!
Viel war zu erfahren über die Situation der Familien, über die Probleme der Eltern miteinander und mit den Kindern, über die Rivalität der Geschwister, über Berufswünsche und gute und schlechte Partnererfahrungen, über Haustiere und sportliche Interessen und Leistungen. Fast alle gingen aber auch auf "Gott und die Welt" ein, auf die Frage nach Gott, auf Einstellungen zu Jesus usw. Sie teilten mit, was sie über die Bibel dachten und wie schwer sie sich mit einzelnen Texten und Geschichten taten und sie gaben ihre Frustrationen preis über eine Kirche, die so weit weg ist von den Themen und Lebensfragen der Jugendlichen. Die meisten schlossen mit Bitten um einen und Anregungen für einen interessanten, abwechslungsreichen und schülernahen Religionsunterricht.
     
Aus den Briefen
Ein Brief von Alexandra (alle Namen sind im Folgenden geändert!) bestätigte, was ich schon vorher vermutet hatte, dass es nicht leicht ist, in der Öffentlichkeit der Klasse über Glaubensfragen zu reden, sich religiös zu "outen" :
     
  Viele in der Klasse glauben nicht an Gott und ärgern andere, die an Gott glauben. Das ist sehr schade. Es hängt wahrscheinlich auch mit dem Klassenverhältnis zusammen.
     
Mein allererster Eindruck beim Lesen war: den Mädchen fiel es sehr viel leichter als den Jungen, über ihre religiösen Einstellungen zu schreiben und eigene Gefühle mitzuteilen. Ich fing an Häufchen zu bilden: Mädchen/Jungen, kirchlich gebunden; Mädchen/Jungen, kirchlich ungebunden, aber religiös interessiert; Mädchen/Jungen, distanziert zu Kirche und Religion; Mädchen/Jungen, aggressiv gegen Kirche und Religion.
     
Die Einteilung half mir aber nur wenig bei der "Auslegung" dieser Texte weiter; zu vielfältig und auch in sich widersprüchlich war jeder einzelne Brief, zu unterschiedlich waren die Themen, die die einzelnen Schüler aufnahmen, eine Zuordnung zu groben Merkmalen, eine Kategorisierung nach religions-soziologischen Kriterien reichte nicht aus. Ich kopierte die Texte, zerschnitt und ordnete die Elemente nach Themenbereichen und bildete neue Häufchen. Diese hießen nun:
     
  Verhältnis zu Gott,
  zur Kirche,
  zur Bibel,
  zu ethischen und zu Lebensfragen.
     
Ich merkte: hier stellt sich eine richtige "exegetische Aufgabe". Im Studium hatte ich gelernt, biblische und literarische Texte nach allen Regeln der philologischen Kunst auszulegen. Wie lernt man aber als Lehrer die Kunst der rechten Auslegung von Schülertexten? Verdienen es diese Texte nicht auch, auslegt und recht gedeutet zu werden - wie biblische oder literarische Texte auch?
Wenn ich die "generativen Themen" (Paulo Freire) dieser Klasse fände - dies müßte sich doch auf die Inhalte und auch auf die methodischen Zugänge in meinem Religionsunterricht auswirken! Wenn ich diese Texte ernst nahm, dann könnte ich den Stoffplan dieses Jahres doch nicht einfach an diesen Themen und Fragen vorbei konzipieren! Wenn ich die Bitten und die versteckten Hilferufe übersähe - träte ich meiner Aufgabe und Rolle als kirchlicher Religionslehrer nicht selber in den Weg? Ich überprüfte mein Rollen- und mein Selbstverständnis. War ich vor allem Stoffvermittler, Vertreter der Kirche, die mich für diesen Dienst beauftragt oder vor allem (oder nicht auch:) Seelsorger, der die Schüler in diesem Fach sehr gut kennenlernt und vielerlei Erwartungen auf sich zieht und sie bei ihrer religiösen Suche begleiten und unterstützen kann?
     
Vor allem fragte ich mich, wie ich angemessen umgehen kann mit all den persönlichen Dingen, die diese Briefe enthielten - wie mit den versteckten oder offenen Hilferufen, wie mit den konkreten Bitten und Anfragen?
     
Ein sehr persönliches und offenes Bekenntnis lieferte z.B. Tanja (Name geändert!):
     
  Aber jetzt zum Glauben. Ich bin evangelisch getauft und konfirmiert. Bewußt konfirmiert!!! Ich hab es für mich getan und nicht des Geldes wegen. Ich bin lange in den Mädchenkreis bzw. Jungschar gegangen. Leider wurde er aufgelöst. Seit Juni diesen Jahres ist mein Freund ebenfalls Christ. Wie es dazu gekommen ist? Ganz einfach ist das nicht zu erzählen.
     
  Dann erzählt sie davon, wie sie Angst hatte, schwanger zu sein, wie sie mit der Mädchenkreisleiterin über ihre große Not gesprochen und mit ihr gebetet hat und wie dann auch ihr Freund "zum Glauben kam". Als sie feststellte, dass sie doch nicht schwanger war, hat sie lange zu Gott gebetet. Sie fährt fort:
     
  Dafür bin ich Gott sehr sehr sehr dankbar. Ich habe angefangen die Bibel zu lesen und alles auf mich passend auszulegen.
     
Nach diesem Brief merkte ich, daß es unangemessen ist, diese Briefe allein zu "heuristischem Material" verkommen zu lassen, das lediglich Anhaltspunkte gibt für Unterrichtsplanung und Themenauswahl. Ich sollte mir die Zeit nehmen, im Lauf der nächsten Wochen alle Briefe persönlich zu beantworten. So schrieb ich vor jeder Religionsstunde ein paar Antwortbriefe, in denen ich auf die wesentlichen Inhalte und Fragen aus meiner Sicht einging und in denen ich auch Tipps und Literatur-Hinweise weitergab.
     
Gesprächsformen, die ich in einem Seelsorgekurs gelernt und geübt hatte, halfen mir auch bei dieser schriftlichen "Brief-Seelsorge" (Verstehendes Zuhören/Lesen; Rückfragen zur beiderseitigen Vergewisserung stellen; alternative Interpretationsangebote machen; bei Ratschlägen Zurückhaltung üben; den anderen die Verantwortung für ihr Leben und ihre Entscheidungen nicht abnehmen...).
     
Bei drei Schülerinnen kam es zu einem drei- bis viermaligen Briefe-Austausch. Unkommentiert lagen zu Beginn der Stunde Briefe auf dem Pult und ohne großes Aufsehen gab ich meine Antwort-Briefe am Ende der Stunde an die Schülerinnen weiter. An Weihnachten, kurz vor dem Ende des Schulhalbjahres, gab es eine Runde Weihnachtsbriefe; auf meinen offenen Brief an die ganze Klasse antworteten sieben Schüler/innen aus den Ferien, hielten Rückschau auf das erste Halbjahr, erzählten von weihnachtlichen Erfahrungen oder Enttäuschungen und stellten neue Fragen, auf die ich dann wieder antworten konnte.
     
So gab es bei dieser Art der Zusammenarbeit mit der Klasse zwei Formen der Begegnung und des Dialogs: die offizielle des Unterrichts (und in der Heterogenität und Anonymität des Klassenverbands) und die ganz persönliche des Austauschs über das Medium Brief. Bis heute weiß ich nicht genau, wie diese Ebenen zusammenspielten, sich beeinflußten, gelegentlich wohl auch störten. Hin und wieder merkte ich, dass der gute Kontakt zu einzelnen Schülern über den Briefwechsel dem Austausch in der Klasse zugute kam; bei einigen Schülern schien es mir aber, als ob die persönlichere Ebene im offiziellen Diskurs mit der Klasse gar nicht präsent war.
     
Deutungs-Versuche
Eine gute Hilfestellung zur Deutung der Schülertexte waren dann natürlich die entwicklungs- und religionspsychologischen Erkenntnisse, die in diesen Jahren in aller Religionspädagogen Munde sind. Die Vielfalt der Themen, die in fast jedem Brief auftauchten, die ganz spezifischen und in Querschnittserhebungen keineswegs zu erfassenden Situationen und Fragestellungen erlaubten es nicht, die Verfasser einfach einer oder mehreren Stufen der Fowler-schen oder Oser-Gmünder-schen Taxonomie zuzuweisen.
Und was hätte ich damit auch gewonnen für die Aufgabe, Schülern mit meinem Unterricht gerecht zu werden? Hätte eine Zu- und Einordnung sehr viel geholfen, einzelne Schüler besser zu verstehen und ihnen besser und hilfreicher raten zu können?
Dass die Schüler/innen einer Klasse nicht nur im Blick auf ihre Kirchenbindung und ihren sozio-kulturellen und religiösen Hintergrund, sondern auch im Blick auf ihr kognitives Vermögen und ihre Fähigkeit zum moralischen Urteil (Piaget/Kohlberg) sehr unterschiedlich sind, das weiß jeder Lehrer, der mit Schülern lebt und arbeitet.
Und doch lag der Wert der Beschäftigung mit diesen Theorien und Studien im heuristischen Bereich. Ich konnte besser benennen, was ich beim Lesen und Deuten der Briefe beobachtete.
     
Zu den thematischen Schwerpunkten in den Schülerbriefen
1. Wie denken/reden/schreiben die Schüler über Gott?
     
In den Briefen finden sich viele ganz knappe Confessiones, kleine Glaubensbekenntnisse oder eben knappe Bekenntnisse des eigenen Nicht-Glauben-Könnens oder des Unglaubens.
     
Unkompliziert schreibt Mirko:
  Mein Traumberuf ist Fußballer. Ich bin evangelisch und ich glaube an Gott.
     
Ebenso unkompliziert Britta:
  Ich glaube an Gott und bete auch ziemlich oft. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ihn gibt.
     
Bernd bekennt sich zu Karl Marx und schreibt, er bewundere außerdem Lenin (Wollte er provozieren? Was bedeutete für ihn - ein paar Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus Karl Marx wirklich? War er beeindruckt von seiner Lehre?):
  Ja, an Gott kann ich nicht so glauben, weil ich nicht weiß, ob es ihn gibt. Und außerdem muß die Bibel sowieso nur erfunden sein.
     
Johannes schreibt:
  Jedenfalls, und das gebe ich offen zu, denke ich oder glaube ich nicht besonders viel an Gott, Kirche und Glauben! Trotzdem hoffe ich, dass es ein lustiger Reliunterricht wird!!
     
Und Marcel schreibt:
  Meine Gedanken zur Religion sind ganz easy; denn: ich halte eigentlich nicht viel von Gott, Kirche und Glaube und so, es ist mir eigentlich ziemlich egal.
     
Über ihre Zweifel schreibt Susanne:
  Der Religionsunterricht bringt nur etwas, wenn man an Gott glaubt. Ich glaube zwar an Gott, habe aber ständig Zweifel an ihm.
     
Wie kann ich Schülern gerecht werden, die so unterschiedlich über Gott denken? Karl Ernst Nipkows Unterscheidung einer "Didaktik des Einverständnisses" und einer "Didaktik des Nicht-Einverständnisses" wurden mir wichtig. Einige Schüler verstehen sich als junge Christen und warten darauf, dass sie im Religionsunterricht in ihrem Glauben gestärkt werden; andere haben sich von Gott, Kirche und Bibel weitgehend verabschiedet und bei ihnen sollte ich mich darauf konzentrieren, ihnen (noch einmal?) elementare Zugänge zur Gottesfrage zu eröffnen.
Wie kann es gelingen, der Breite der Glaubenshaltungen gerecht zu werden? Julia forderte mehr Bibelarbeit ein und andere hatten mit Gott und Kirche und wohl auch mit der Bibel schon weitgehend abgeschlossen. Ob ihnen wieder (noch einmal? / das letzte Mal?) eine Tür zu öffnen sein wird?
Die Schüler müßten miteinander ins Gespräch kommen, das Für und Wider ihres Glaubens an Gott austauschen, den Zusammenhang von Lebensgeschichte(n) und Gottesglauben wahrnehmen, die eigene Position überprüfen.
Wieder einmal wurde mir deutlich, dass der Religionsunterricht den Glauben nicht machen kann, dass er lediglich mit "Zeugen" des Glaubens bekanntmachen und die Perspektiven eines Lebens im Glauben aufzeigen und besprechen kann.
Lebens im Glauben aufzeigen und besprechen kann. Wie sehr war ich hier aber selber als exemplarischer Christ gefragt, als einer, an dem man die Bedeutsamkeit der Inhalte des Religionsunterrichts ablesen kann?
     
Wie kann Gott das zulassen?
Beim Thema Gott tauchte erstaunlich oft die Frage nach der Theodizee auf: Warum läßt Gott, der doch die Welt gut geschaffen hat und der uns (in Familie, Grundschule und Kinderkirche) immer als der liebe Gott angeboten wurde, so viel Leid zu? Nicht viel scheint sich seit dem Ende der Grundschulzeit verändert zu haben, in der sich Schüler fast dieselben Fragen stellen.
     
Dagmar (Name geändert) schreibt:
  Nun aber zu dem Thema Gott. Ich denke schon, dass es ihn gibt; aber oft fällt es mir schwer, da ich nicht verstehen kann, wieso er uns wundervolle Menschen "wegnimmt" und so schlimme Umweltkatastrophen zuläßt. Klar hat er uns die Welt gegeben, aber wenn er uns doch soo liebt, warum tut er das alles? ... Es ist also widersprüchlich bei mir und mir fällt es oft schwer an Gott zu glauben, gerade weil er durch den Tod die Leute im Stich läßt. Das ist mir letztes Jahr so richtig bewußt geworden, als mein Opa gestorben ist. Bis heute bin ich wütend auf das Krankenhauspersonal und auf Gott und verdammt traurig. Ich bete trotzdem jeden Abend und drücke so meinen Glauben aus.
     
Silvia schreibt:
  Was Gott betrifft bin ich ehrlich, ich denke nicht daran, denn wenn es "da oben" wirklich jemanden geben würde, warum läßt er so viel Unnötiges zu und läßt gute Freunde umkommen oder Leute krank werden? Ich habe letztes Jahr im November einen sehr guten Freund durch einen Motorradunfall verloren und seitdem denke ich nicht mehr daran, dass irgendwo einer ist, der in der Not hilft.
     
Stefan schreibt über die Kirche, nicht über Gott:
  Ich gehe nur noch selten in die Kirche. Sie langweilt mich. Als mein Vater vor vier Jahren starb, war die Kirche Nebensache. Seither habe ich überhaupt keinen rechten Glauben mehr.
     
Kaum ein Schüler war dazu in der Lage, das Leid in der Welt und die Allmacht und die Güte Gottes - denkend und glaubend - in ein Verhältnis zu setzen. Beim Planen der Themen des Schuljahrs war ich dann etwas irritiert und auch enttäuscht, dass die Wahleinheit "Hiob - Wie kann Gott das zulassen?" nicht gewählt wurde.
Ich wollte nach Lebensbildern suchen und nach Texten, in denen von Menschen berichtet wird, die auch in aussichtsloser Lage nicht von Gott lassen, ihm ihr Leid klagen, ihn anklagen und wie Jesus fragen "Warum hast du mich verlassen?".
Ein Text von Elie Wiesel über Gottes-Anklagen in Auschwitz sprach die Schüler im Zusammenhang einer anderen Unterrichtseinheit stark an und gebannt hörten sie einer ungarischen Jüdin zu, wie sie über ihre Verzweiflung im KZ Buchenwald erzählte und von ihrem Zweifel an der Existenz Gottes berichtete. Der Versuch eines theologischen Gesprächs über diese biografischen Texte stieß dann wieder auf geringe Aufmerksamkeit.
Eigentlich hatte ich in Klasse 10 ein "reiferes Gottesverständnis" erwartet. Die meisten stellten sich Gott vor als einen großen Welten-Beweger, als einen Marionetten-Spieler, der die Geschicke der Menschheit steuert und Freud und Leid zuteilt. Für die Freiheit des Menschen (und auch die Freiheit Gottes) blieb hier wenig Platz. Für Karl Barths "das rechte Gottesverhältnis ist das des Gebets" schien der Boden noch nicht bereitet zu sein. Gerne hätte ich noch eine 10.kläßler-Version der Unterrichtseinheit "Wer hört mein Weinen?" (Kl. 6) versucht, in der deutlich wird, dass Gott verstanden werden kann als "der Angerufene", als das Gegenüber menschlichen Betens, Bittens, Klagens, Lobens, Dankens.
     
Themenbereich Kirche
2. Jugendliche und die Kirche
     
Ob die Schüler an Gott glauben können, das hängt meist davon ab, welche Erfahrungen sie mit der Kirche und welche sie mit einzelnen Christen gemacht haben. In Kl. 10 sind die Erinnerungen an den Konfirmandenunterricht und die Konfirmation noch sehr lebendig. Trotz guter Erfahrungen in der Gruppe und bei Freizeiten, auch mit dem freundlichen Pfarrer, assoziierten die Schüler das Thema Kirche mit dem "langweiligen" Sonntagsgottesdienst, zu dem sie nur schwer einen Zugang finden können.
     
Melanie glaubt sich entschuldigen zu müssen, dass sie an Gott glaubt und zur Kirche gar kein gutes Verhältnis hat:
  Auch wenn ich nur an Weihnachten oder gelegentlich in die Kirche gehe, glaube ich an Gott. Denn ich denke, man kann auch christlich sein, wenn man nicht jeden Sonntag zur Kirche geht. Auch vom Religionsunterricht erwarte ich, dass er nicht zuuu langweilig wird.
     
Philipp unterscheidet zwischen dem Sonntagsgottesdienst und seiner Jugendgruppe. Die guten Erfahrungen in der Gruppe bezieht er durchaus auf das Thema Kirche:
  Ich glaube an Gott und die Religion, nur leider bin ich sonntags immer zu faul in die Kirche zu gehen. Allerdings gehe ich gerne jeden Dienstag in eine Jugendgruppe des CVJM, in die "Jungenschaft".
     
Auch für Jens sind zwei Jugendkreise sehr bedeutsam für sein Leben:
  Ich bin im CVJM. Dienstags gehe ich in die Jungenschaft und freitags leite ich mit zwei anderen die Jungschar mit 8-13jährigen. Nach der Jungschar gehe ich in den Jugendkreis. Jede Sommerferien gehe ich schon seit sechs Jahren ins Zeltlager des CVJM. Dieses Jahr war es wieder Spitze. Mit meinem Glauben ist es mal so, mal so. Vor einem halben Jahr war ich auf einer Revival-Party auf der Neu-Alb (Jugendgottesdienst). Danach habe ich sogar ein paar Wochen lang morgens stille Zeit gehalten. In letzter Zeit aber nicht mehr. Doch ich bin trotzdem Christ!!
     
Und Florian, ein Pfarrerssohn, bekennt:
  Ich bin Christ und gehe regelmäßig in die Kirche. Doch meine Meinung zur Kirche ist, dass das Programm viel zu veraltet ist. Die Predigten und Lieder sprechen meist nur Ältere an. Es sollten wieder mehr Jugendgottesdienste gehalten werden.
     
Sehr verbindliche Gruppenerfahrungen macht Alexander im Posaunenchor, in dem er mitspielt und sehr gebraucht wird:
  Ich setze mich jetzt schon vier Jahre lang für unseren Posaunenchor ein... Bisher habe ich kein einziges Mal gefehlt. Selbst auf dem Friedhof muß ich spielen und ich denke, dass ich sehr pünktlich und zuverlässig bin.
     
Auch beim Thema Kirche wünschte ich mir, dass die Schüler leichter miteinander ins Gespräch kämen. Enttäuschungen mit Christen und mit kirchlichen Formen könnten dargestellt und im Gespräch relativiert werden. Auch könnten sie so ihr Verständnis von Kirche erweitern und die Gleichsetzung von Kirche mit Sonntagsgottesdienst überwinden. Auch eine Begegnung von kirchlicher Jugendarbeit mit den Klassen im Religionsunterricht könnte Berührungsängste überwinden.
     
Und dann das Thema Bibel
3. Schwierigkeiten, biblische Texte zu verstehen
     
  Im Zusammenhang der Frage nach Gott und der nach dem Leben als Christ gehen viele auf ihr Verhältnis zur Bibel ein. Sie schreiben von Schwierigkeiten, biblische Texte richtig zu verstehen und zu deuten:  
     
Julia schreibt:
  Wie gesagt, glaube ich an Gott; aber ich muß sagen, dass ich der Bibel nicht viel Glauben schenken kann, da sich auch die Sachen widersprechen, so finde ich. Sagen wir mal 50 % / 50 %, denn manche Dinge können schon wahr sein.
     
Tanja, eine Kinderkirchhelferin, schreibt:
  Ich glaube an Gott, aber oft ist es schwierig, die Bibel zu verstehen. Ich helfe in der Kinderkirche mit und oft sieht man die Erzählungen anders, wenn die Kinder mitsprechen. Sie können viel lockerer damit umgehen. Ich wünsche mir im Religionsunterricht mehr Bibelarbeit. Über die anderen Religionen möchte ich auch etwas erfahren, aber nicht immer!
     
Besondere Aufmerksamkeit verdiente nach der Lektüre der Briefe das Verständnis der Bibel. Hier lag wohl viel im Argen. Die Schüler wurden - so schien es mir - sehr allein gelassen damit, eine eigene Hermeneutik des Verstehens biblischer Texte aufzubauen. Sind die biblischen Texte nun Märchentexte und deshalb Kleinkindersachen und unwichtig? Ist ihre Wahrheit beweisbar? Wie verhalten sich biblische Texte zu anderen Texten? ... wie zur Naturwissenschaft? Ein klein wenig Einleitungswissenschaft in die Auslegung biblischer Texte wäre angesagt. Aber: geht das im allerletzten Schuljahr, in dem sich die Schüler auf die Prüfung vorbereiten und sich vor allem auf die Hauptfächer konzentrieren?
Ich war dann erstaunt und erfreut, dass beim Festlegen der Abfolge unserer Unterrichtseinheiten die LPE "Glaube und Naturwissenschaft", besonders bei den Jungen in der Klasse die höchste Punktzahl erhielt (bei den Mädchen: "Geschichten von Liebe und Partnerschaft").
An den altvertrauten Schöpfungsgeschichten, die aber im Laufe einer langen Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Zugängen zur Wirklichkeit fraglich geworden sind, konnten wir dann die beiden Betrachtungsweisen des menschlichen Lebens und der Welt gegenüberstellen. Ein komplementäres Verstehen konnte u. U. angebahnt werden, das neben der Sicht der exakten Naturwissenschaften auch der Sicht des Glaubens Wahrheit zuerkennen kann.
     
4. Religionsunterricht in multi-konfessionellem und -religiösem Kontext
     
Einige Schüler berichten von Schwierigkeiten, die ihnen unterschiedliche Konfessionen oder Religionen in Familie und Bekanntenkreis bereiten.
     
Annika schreibt:
  Da mein Vater Grieche ist, haben wir die Religion Griechisch-Orthodox. Aber da ich nie auf eine griechische Schule ging, bin ich immer in den evangelischen Religionsunterricht gegangen. Eigentlich glaube ich, dass es nur einen Gott gibt, trotzdem bete ich jeden Abend einmal auf griechisch und einmal auf deutsch. Ich weiß auch nicht, wieso. Aber den Gebetsspruch auf griechisch hab ich von meinem Vater. (Einem weiteren Brief an mich legt sie das Gebet in griechischer und in deutscher Sprache bei; es lautet: Jungfrau Maria / Jesulein / beschütze meine Mutter, / meinen Vater / und alle guten Menschen / Gute Nacht / Amen). Meine Oma gehört den Adventisten an. Sie glaubt fest an Gott und meint, man müßte unbedingt danken. Sie meint auch, man müßte, wenn man an Gott glaubt, zum Danken in die Kirche gehen. Ich frag mich, wieso, ich kann doch auch daheim beten oder nicht?
     
In der Klasse gab es vier Schüler, die in konfessionsgemischten Ehen aufgewachsen sind. Im Rahmen eines Rundgesprächs ergab sich dann einmal die Frage, wie jede Konfession und Religion behaupten könnten, allein die Wahrheit zu besitzen. An dieser Stelle wäre ein Gespräch in einer konfessionell-kooperativen Klasse wünschenswert gewesen, in der man sich auf das Gespräch mit der anderen Konfession einlassen könnte. Leider besuchen die wenigen Muslime in der Klasse den Ethikunterricht und stehen für ein interreligiöses Gespräch nicht zur Verfügung.
     
Konsequenzen
So saß ich nun vor dieser Fülle sehr persönlicher Lebens- und Glaubensäußerungen meiner neuen Klasse. Ich freute mich, dass sie mich so sehr ins Vertrauen gezogen hatten, dass sie so offen mitgeteilt hatten, was sie glauben und wo sie zweifeln, wovor sie Angst haben und was sie hoffen.
     
Hinter diesen Einstieg ins Schuljahr gab es aber nun kein Zurück mehr. Das Wissen über einzelne Schüler/innen konnte ich beim Unterrichten kaum mehr umgehen / übersehen. Die Themen und die Arbeitsweise im letzten Jahr ihres Religionsunterrichts wollte ich nur noch zusammen mit der Klasse festlegen. Ich wollte ihnen möglichst wenig Stoffe anbieten, die jenseits ihrer Fragen und Themen liegen. Gemeinsam sahen wir uns die Lehrplanvorgaben an und versahen die Wahleinheiten mit Punkten und legten eine Abfolge der Lehrplaneinheiten fest. Die Pflichteinheiten sahen wir durch und suchten nach thematischen Akzenten, die den Schülern wichtig waren.
     
Auch wurden Referate verteilt, eine gute Möglichkeit, allein oder in einer kleinen Gruppe ein Thema zu erarbeiten und gesprächsweise zu vertiefen.
Und dann: einen seelsorgerlichen Unterricht wollte ich betreiben. Was wir voneinander wußten, das verband uns und das war ein gemeinsamer Bezugspunkt für alle folgenden Unterrichtsinhalte. Gleichzeitig war aber klar: Einzel-Seelsorger für 25 Schüler/innen konnte und wollte ich nicht sein. Unterricht kann keine therapeutische Veranstaltung sein. Es ist eingebunden in den Kontext der öffentlichen Schule; der Lehrplan legt verbindliche Inhalte fest und das Fach ist versetzungserheblich.
Den alten Gegensatz von Sach- oder Schülerorientierung, die alte Abwehr aller therapeutischen Ansätze wollte ich aber nicht fortschreiben. Ich suchte nach Möglichkeiten, die Rolle des Lehrers und des Seelsorgers in ein angemessenes Verhältnis zu bekommen. Bei der Themenwahl und bei der Wahl der Schwerpunkte bei vorgegebenen Einheiten konnte ich den Schülern entgegenkommen. Die Brief-Aktion war ein Angebot für alle, die im Lauf des Schuljahres die Möglichkeit zu Einzelkontakten nutzen wollten. Und: Einzelgespräche am Rande des Unterrichts oder bei außerunterrichtlichen Unternehmungen boten Möglichkeiten persönlicher Kontaktpflege. Als Fachlehrer an der Schule beneidete ich natürlich die Kollegen, die mehrere Fächer in einer Klasse unterrichten und so ein viel besseres Verhältnis zu den Schülern haben.
     
Immer wieder war ich dann im Verlauf des Schuljahrs - verwundert (und auch etwas enttäuscht), wie schwer es war, im Verband der ganzen Klasse das Gespräch über persönliche und über religiöse Fragen anzustoßen und zu führen. Hier zeigte sich, was die Klassenlehrerin bestätigte, dass die Klasse ein sehr inhomogener Verband war, dass sie sich zusammensetzte aus vier bis fünf Cliquen, die sich wenig Anteil gaben an ihren Erfahrungen und Fragen. Ich machte immer wieder Versuche, die Sprachfähigkeit der Gruppen miteinander zu fördern und eine Kultur des offenen Gesprächs voranzubringen. Zu Beginn jeder ersten Stunde am Morgen versammelten wir uns im Sitzkreis und gelegentlich kam es zu ganz erfreulichen Gesprächsrunden über Themen der Schule, der Klasse, auch über das Kirchenjahr und gelegentlich auch über religiöse und theologische Fragen.
Bald aber regte sich der Widerstand, nun ausgerechnet von den Mädchen, die das nicht mehr wollten: einmal in jeder Woche ohne den Schutz der Bänke offen über Lebensfragen zu sprechen.
     
Freies Schreiben im RU
Die guten Erfahrungen mit dem Briefeschreiben zeigten mir aber: heutigen Schülern tut das freie und anonyme Schreiben sehr gut. Es ist ein guter Ersatz für das meist verweigerte offene Gespräch.
Die alte Methodik des Schreibplakats bewährte sich sehr. Schon zwei Stunden nach dem Briefeschreiben nahm ich einige Fragen auf, die in einigen Briefen anklangen und die auch in Verbindung standen mit Lehrplaneinheiten, die wir uns vorgenommen hatten. Diese Schülertexte könnten dann selbst zum Medium werden und Gespräche und ein weiteres Nachdenken anregen.
     
Ein paar Beispiele aus der Arbeit mit Schreib-Plakaten: Die Schülersätze stehen auf den Plakaten durcheinander; ich hab sie in eine etwas systematischere Reihenfolge gebracht.
     
  Hat Gott die Welt geschaffen?
  Die Menschen, die die Schöpfungsgeschichte geschrieben haben, waren nicht dabei; sie können es deshalb auch nicht wissen.
  Das kann ja gar nicht sein, am Anfang war ja der Urknall.
  Es ist aber nicht erwiesen, dass es den Urknall gab.
  Aber auch nicht, dass es Gott war.
  Vielleicht hat Gott dafür gesorgt, dass es zu dem mysteriösen Urknall kam.
  Der Urknall ist für mich nur eine Theorie. Alle, die daran glauben, glauben nicht an Gott.
  Es ist weder der Urknall noch die biblische Entstehungsgeschichte sicher zu beweisen.
  I mach mir do net so viele Gedanka drüber!
  I däds aber scho gern wisse.
     
  Über Jesus denke ich...
  Es ist nicht zu beweisen, dass Jesus gelebt hat. Es sind alles nur mündliche Überlieferungen.
  Die Kirche versucht Jesus auch materiell zu beweisen, z.B. durch das Leichentuch oder Stücke von seinem Gerippe.
  Das mit Jesus hat sicher bloß jemand erfunden, der darauf schwört, dass er gelebt hat.
  Die Geschichten in der Bibel sind sehr unglaubwürdig, vor allem die von der Auferstehung.
  Das mit dem Kreuz ist für mich nicht besonders ansprechend.
  Aber der moralische Hintergrund von Jesus ist mir wichtig.
  Ob Jesus gelebt hat, das ist eine Glaubensfrage.
  Viele Menschen haben ihn ja auch gesehen.
  Und die Bibel kann sich das alles nicht ausdenken.
     
  Hilft beten eigentlich?
  Ja, aber es kann nicht mit dem Telefonieren verglichen werden!
  Man spricht aber mit Gott wie mit jemand an der andern Seite des Telefons.
  Es ist auf jeden Fall eine seelische Erleichterung. Und ich denke, wenn man fest daran glaubt, dann hilft es auch.
  Mir hat das Beten schon oft geholfen und ich glaube auch daran.
  Man kann sich jemandem anvertrauen.
  Man muß schon denken, es hilft, denn die meisten Leute beten.
   
  Wie kann Gott so viel Leid zulassen?
  Er ist viel zu sehr beschäftigt.
  Ich glaube meistens nicht an Gott, weil er uns so viel Leid und Trauer zufügt. Warum tut er uns das an?
  Vielleicht um uns wachzurütteln. Aber ich weiß nicht genau.
  So geht's mir auch!
  Er wird schon seine Gründe haben.
  Alles hat einen Grund. Gottes Wege sind nicht eure Wege und Gottes Gedanken sind nicht eure Gedanken.
  Was soll das bedeuten?
  Das ist ein Bibelspruch, der eigentlich noch weitergeht. Er drückt aber aus, dass es keine Antwort auf diese Frage gibt.
  Das finde ich auch. Wir wissen ja auch nicht, was Gott ist und was nach dem Tod passiert. Eines Tages werden wir alles erfahren, und alle Fragen werden beantwortet werden.
     
Beeindruckend war für mich, daß schriftlich das möglich war, was im persönlichen Gespräch nicht geschah, daß die Schüler selber auf Schülerfragen eingingen und daß es zu einer "Beratschlagung" über Glaubensdinge kam. So war es eben ein "schriftliches Gespräch". Ich suchte nach Wegen, immer auch biblische und theologische Antworten auf die aufgekommenen und von mir auch geförderten Fragen anzubieten.
Die kleine Liturgie zu Stundenbeginn fiel mir ein - als ein möglicher Ort, zu den Themen und Fragen der Unterrichtseinheit biblische und theologische und auch literarische Angebote zu machen. Ein paarmal habe ich eine Frage aus den Schreibplakaten implizit aufgenommen und dazu einen kleinen biblischen oder literarischen Text oder auch ein Gedicht von Rose Ausländer oder von Marie Luise Kaschnitz angeboten.
Diese etwas distanzierende Art, Schülerfragen aufzunehmen, erschien mir geeigneter als das direkte Beantworten der Fragen im Anschluß an eine Schreib-Plakat-Runde.
     
Zu Beginn der Lehrplaneinheit "Glaube und Naturwissenschaft" waren die Schüleräußerungen zur Welterschaffung ein sehr geeigneter Einstieg und im Anschluß an die erste Passage von "Sofies Welt" haben die Schüler Sofie einen Brief geschrieben, in dem sie auf ihre Fragen antworteten. Diese Briefe wurden ausgetauscht und die Schüler haben ihre Meinungen und Korrekturen in Rot dazugeschrieben.
     
Die Entdeckung der didaktischen Qualität des freien Schreibens ließ mich diese Form auch bei anderen Themen aufgreifen. Beim Thema "Geschichten von Freundschaft und Liebe" gab es Extra-Stunden für Mädchen und für Jungen. Die Mädchen erhielten die Aufgabe: Schreibt auf, wir ihr euch euren Traum-Mann vorstellt; die Jungen beschrieben ihre Traum-Frau. In einer dritten gemeinsamen Stunde wurden die anonymen Texte vorgelesen. Eine Schulstunde lang hätte man Stecknadeln fallen hören. Und in einer weiteren Stunde war das Feld bereitet, den biblischen Liebesliedern aus dem Hohen Lied aufmerksam zuzuhören.
     
* Walter Dietz ist ev. Schuldekan in Backnang.
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