„Das ist wieder einmal eine List von euch Weibern...“ -  Josef und die Frau des Potifar in jüdisch-christlicher und islamischer Tradition  
 
Thomas Breuer*(22.05.2003)
 
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  Die Erzählung von der fehlgeschlagenen Verführung des Josef durch die Frau des Potifar hat dank ihrer erotischen Komponente immer wieder die Phantasien der (männlichen) Leser und Ausleger beschäftigt. Dass hierbei das jeweilige Frauenbild eine wesentliche Rolle spielte, ist ohne weiteres ersichtlich. Allzu leicht hat man in der Ägypterin den Prototyp der verführerischen Frau gesehen, die bestrebt ist, den rechtschaffenen Mann vom Pfad der Tugend abzubringen, doch zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass dies keineswegs die einzig mögliche Deutung ist.  
a Wenn ich mich nun im Folgenden dieser Episode der Josefgeschichte zuwende, so geht es mir nicht darum, eine Einzelexegese vorzunehmen, nicht darum, alle Details zu klären und alle denkbaren Aspekte des Bibeltextes zu berühren, sondern ich möchte versuchen, durch ein umkreisendes Verstehen immer neues Licht auf die biblische Erzählung fallen zu lassen.  
     
a Mein Beitrag ist, wie folgt, gegliedert:  
     
   

1. Gen 39 im Rahmen der Josefgeschichte
2. Josef und die Frau des Potifar im Kontext des Buches Genesis

3. Gen 39 im Kontext des Ersten Testaments
4. Josef und die Ägypterin in rabbinischer Tradition
Exkurs
: Josef und die Frau des Potifar in der deutschsprachigen Literatur

5. Josef und die Verführerin im Koran und in der islamischen Tradition
6. Josef und Suleika in der islamischen Mystik

 
     
  1. Gen 39 im Rahmen der Josefgeschichte  
     
  Es ist seit langem bekannt, dass unsere Geschichte eine große Ähnlichkeit mit einem altägyptischen Märchen aufweist. Offenbar hat der biblische Erzähler dieses Märchen zu einer eigenständigen Episode abgewandelt und in einen größeren Zusammenhang eingefügt (vgl. Westermann S. 61). In dieser Erzählung von den zwei Brüdern hat der ältere von beiden ein Haus und eine Frau, der jüngere verrichtet für den älteren, der wie ein Vater für ihn ist, alle Feldarbeit. Alles gedeiht prächtig, und es heißt von dem jüngeren, dass er „die Kraft eines Gottes“ in sich hat. Eines Tages kommt er in das Haus, um Saatgut zu holen. Die Frau, die seine Kraft und Stärke bewundert, greift nach ihm und fordert ihn auf: „Komm, lass uns ein Schäferstündchen halten und beisammen schlafen. Das soll sich dir lohnen.“ Der jüngere Bruder aber geht nicht auf das Angebot ein und wird ob der gehörten Gemeinheit wütend „wie ein oberägyptischer Panther“. Als am Abend ihr Mann nach Hause kommt, stellt die Frau die Angelegenheit so dar, als ob die unsittliche Aufforderung aus dem Munde des jüngeren Bruders gekommen sei, woraufhin nunmehr der ältere zum Panther wird und den jüngeren töten will. Doch schließlich gelingt es diesem, den älteren von seiner Unschuld zu überzeugen, so dass der den Bruder verschont und statt dessen seine Frau tötet (vgl. Altägyptische Märchen S.60-72, Zitate S.60 und 62).  
  So weit das Märchen. Die Parallelen sind augenfällig, freilich auch die Unterschiede, die vor allem den Schluss betreffen. Das liegt daran, dass der biblische Erzähler die Episode umfunktioniert zu einer Etappe innerhalb der von Aufs und Abs geprägten Lebensgeschichte Josefs. Denn ebenso auffällig wie die Parallelen zum altägyptischen Märchen sind die Parallelen zu Gen 37 , also zur Kindheitsgeschichte Josefs:  
     
    · Jakob (Vater) - Potifar (eine Art Adoptivvater)
· Brüder - Frau
· Kleid (Auszeichnung/Entblößung)
· Brunnen - Gefängnis
· Träume

 
     
  Indem der Erzähler die Motive aus Gen 37 nochmals aufgreift und variiert, will er zeigen, wie Gott seinen Plan, den er mit Josef hat, gegen alle menschlichen Hindernisse umsetzt (vgl. Staubli S. 163), oder – anders ausgedrückt: wie wir in Situationen, die uns ausweglos erscheinen, doch das Vertrauen haben dürfen, von Gott gehalten zu sein.  
  Auf die Episode mit der Frau Potifars fällt im größeren Zusammenhang der Josefgeschichte noch ein anderes Licht: Es geht in ihr weniger um eine erotische Versuchung als vielmehr um die Versuchung des zweiten Manns, sich an die erste Stelle zu setzen. Zu Recht schreibt Arenhoevel in seinem Kurzkommentar: „Josef sah sich nicht nur einer schönen Frau gegenüber, die ihn heiß begehrte. Er sah sich in der Versuchung des Verwalters, nach dem zu greifen, was seines Herrn war; des Mannes, der an zweiter Stelle steht und gedrängt wird, die ihm nicht (oder noch nicht) zukommende erste Stelle einzunehmen. Er hält nicht [nur] seine Sinnlichkeit, sondern auch seinen Ehrgeiz zurück. Er ist eher loyal als keusch“ (Arenhoevel S. 161).  
     
  Eine moderne Kontrastgeschichte scheint mir in Friedrich Dürrenmatts Erzählung und Hörspiel „Die Panne“ vorzuliegen:  
     
    Alfredo Traps, Vertreter in der Textilbranche, hat eine Autopanne. Er erhält Quartier in einer Dorfvilla. Der Hausherr, ein ehemaliger Richter, spielt zusammen mit einem ebenfalls pensionierten Staatsanwalt und einem ehemaligen Verteidiger Gericht. Der Gast wird gebeten, die Rolle des Angeklagten zu übernehmen. Sie beginnt damit, dass Alfredo Traps seine Unschuld beteuert. Man isst und trinkt, und zwar gut und reichlich. Auf die Frage, wie er denn zu seinem „lukrativen Posten“ eines Generalvertreters gekommen sei, gibt Traps ohne Umschweife, fast siegesstolz zu, dass er zuerst Gygax, seinen Vorgänger und früheren Chef, besiegen, d.h. beseitigen musste. Er setzte ihm psychologisch „das Messer an die Kehle“. Konkret, er knüpfte ein ehebrecherisches Verhältnis zu Gygax’ Frau. Das gab Gygax, von den Strapazen seines Berufes bereits angegriffen, den Rest, als er davon erfuhr. Gygax starb an Herzinfarkt. Während dem staatlichen Gericht dieser Mord entgangen war, kommen unsere Pensionäre zu dem Urteil, dass der Angeklagte mit böswilligem Vorsatz gehandelt habe, worauf schon die Tatsache verweise, dass Traps nach Gygax’ Tod dessen Frau nicht mehr besucht habe. Als das Gericht, nachdem es die Todesstrafe ausgesprochen hat, hocherfreut über den Erfolg des Abends, ins obere Stockwerk geht, finden sie Alfredo Traps im Fensterrahmen erhängt (nach Kurz S.33).  
     
  Erster sein zu wollen und dabei bereit zu sein, über Leichen zu gehen, das scheint, wenn wir Dürrenmatt folgen, gesellschaftliche Normalität zu sein. Es ist deshalb bemerkenswert, dass wir gewohnt sind, die Josefgeschichte als beispiellose Erfolgsstory zu lesen - Marke „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Denn bei Licht betrachtet ist Josef der ewige Zweite. Zwar ist er Papas Liebling, was in ihm wahrhaft hochtrabende Ego-Träume auslöst, aber innerhalb der Familie bleibt er doch dem Vater untergeordnet. In Ägypten wird er zunächst der zweite Mann im Hause Potifars, dann die rechte Hand des Gefängniswärters, schließlich der Stellvertreter des Pharao. Noch nicht einmal der auf dem Sterbebett liegende Vater Jakob rückt ihn in seinem Segen an die erste Stelle. Liegt das Geheimnis seines Erfolges vielleicht darin, dass Josef gelernt hat, der Versuchung zu widerstehen, unter allen Umständen der Erste sein zu müssen?  
     
  2. Josef und die Frau des Potifar im Kontext des Buches Genesis  
     
  Bei der Schlussredaktion der Josefgeschichte wurde mit Gen 38 ein Kapitel eingerückt, das zunächst einmal wie ein Fremdkörper wirkt: Es handelt sich um die Geschichte Tamars, der Schwiegertochter von Josefs Bruder Juda, die sich auf eigensinnige Art und Weise Recht verschafft. Nachdem Tamars Mann, der älteste Sohn Judas, jung gestorben war und seine Frau kinderlos zurückgelassen hatte, wird die Witwe dem damaligen Brauch entsprechend mit dem zweiten Sohn verheiratet. Das ist der berühmte Onan, der seinen Samen zu Boden fallen lässt. Auch er stirbt, woraufhin Juda Tamar seinen jüngsten Sohn vorenthält und sie statt dessen zu ihrem Vater zurückschickt. Nun ergreift Tamar die Initiative, verkleidet sich als Dirne und verführt Juda, der sie auf Grund ihres Schleiers nicht erkennt. Als Pfand für das versprochene Ziegenböcklein behält sie seinen Siegelring, Schnur und Stab. Damit beweist sie später, als sich ihre Schwangerschaft zeigt und Juda sie wegen ihrer angeblichen Unzucht verbrennen lassen will, ihre Unschuld.  
  Auch in dieser Geschichte geht es um eine List, geht es um Betrug mittels eines Kleidungsstücks, geht es um die Verführung eines Mannes durch eine Frau. Aber nirgendwo wird Tamar wegen ihres Verhaltens getadelt. Im Gegenteil: Juda ist es, der bloßgestellt wird und der am Ende zugeben muss, dass Tamar im Recht ist. Wer Kapitel 38 und 39 des Buches Genesis nacheinander liest, kann daher eigentlich nicht auf die Idee kommen, dass die Frauen in diesem Buch grundsätzlich denunziert werden sollen.  
  Diese Beobachtung wird verstärkt, wenn wir weiterhin einen Blick auf die sogenannten Preisgabeerzählungen werfen. So wie der junge Josef von seinen Brüdern preisgegeben wird und den Gefahren und (sexuellen) Gefährdungen im fremden Land ausgesetzt wird, so ist es vorher schon den Ahnfrauen Sara und Rebekka ergangen, die von ihren Männern preisgegeben wurden, indem diese sie als ihre Schwestern ausgaben und um des eigenen Vorteils willen dem königlichen Harem zur Verfügung stellten. Und wie in der Josefgeschichte quasi leitmotivisch hervorgehoben wird, dass Gott mit Josef war (Gen 39,2.3.21), so betonen auch die Erzmüttererzählungen, wie Gott zugunsten der bedrohten Ahnfrau einschreitet. (vgl. Fischer S. 23). Gott ist mit den Preisgegebenen, so lautet die verbindende Botschaft.  
     
  3. Gen 39 im Kontext des Ersten Testaments  
     
  Wenn wir nun aber den Blick auf das gesamte Erste Testament wenden, so ist nun doch nicht zu übersehen, dass die Frau als Verführerin ein beliebtes Thema in der biblischen Weisheitsliteratur ist. So heißt es beispielsweise im Buch der Sprichwörter, Kapitel 7:  
     
 
1 Mein Sohn, achte auf meine Worte, meine Gebote verwahre bei dir!
2 Achte auf meine Gebote, damit du am Leben bleibst, hüte meine Lehre wie deinen Augapfel!
3 Binde sie dir an die Finger, / schreib sie auf die Tafel deines Herzens!
4 Sag zur Weisheit: Du bist meine Schwester!, und nenne die Klugheit deine Freundin!
5 Sie bewahrt dich vor der Frau eines andern, vor der Fremden, die verführerisch redet.
6 Vom Fenster meines Hauses, durch das Gitter, habe ich ausgeschaut;
7 da sah ich bei den Unerfahrenen, da bemerkte ich bei den Burschen / einen jungen Mann ohne Verstand:
8 Er ging über die Straße, bog um die Ecke und nahm den Weg zu ihrem Haus;
9 als der Tag sich neigte, in der Abenddämmerung, um die Zeit, da es dunkel wird und die Nacht kommt.
10 Da! Eine Frau kommt auf ihn zu, im Kleid der Dirnen, mit listiger Absicht;
11 voll Leidenschaft ist sie und unbändig, ihre Füße blieben nicht mehr im Haus;
12 bald auf den Gassen, bald auf den Plätzen, an allen Straßenecken lauert sie.
13 Nun packt sie ihn, küsst ihn, sagt zu ihm mit keckem Gesicht:
14 Ich war zu Heilsopfern verpflichtet und heute erfüllte ich meine Gelübde.
15 Darum bin ich ausgegangen, dir entgegen, ich habe dich gesucht und gefunden.
16 Ich habe Decken über mein Bett gebreitet, bunte Tücher aus ägyptischem Leinen;
17 ich habe mein Lager besprengt mit Myrrhe, Aloe und Zimt.
18 Komm, wir wollen bis zum Morgen in Liebe schwelgen, wir wollen die Liebeslust kosten.
19 Denn mein Mann ist nicht zu Hause, er ist auf Reisen, weit fort.
20 Den Geldbeutel hat er mitgenommen, erst am Vollmondstag kehrt er heim.
21 So macht sie ihn willig mit viel Überredung, mit schmeichelnden Lippen verführt sie ihn.
22 Betört folgt er ihr, wie ein Ochse, den man zum Schlachten führt, wie ein Hirsch, den das Fang-seil umschlingt,
23 bis ein Pfeil ihm die Leber zerreißt; wie ein Vogel, der in das Netz fliegt und nicht merkt, dass es um sein Leben geht.
24 Darum, ihr Söhne, hört auf mich, achtet auf meine Reden!
25 Dein Herz schweife nicht ab auf ihre Wege, verirre dich nicht auf ihre Pfade!
26 Denn zahlreich sind die Erschlagenen, die sie gefällt hat; viele sind es, die sie ermordet hat;
27 ihr Haus ist ein Weg zur Unterwelt, er führt zu den Kammern des Todes.
 
     
  Aufschlussreich ist auch die Redeweise in Spr 23,27: Hier wird die Ehebrecherin als „tiefe Grube“ bezeichnet und die fremde Frau als „enger Brunnen“. Die Anklänge an die Motive in der Josefgeschichte sind mit Händen zu greifen. Bekannt sind auch die wenig frauenfreundlichen Sprüche im Buch Jesus Sirach. Dort wird erstmals auch explizit Eva für die Ursünde verantwortlich gemacht: „Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang, ihretwegen müssen wir alle sterben.“ Es ist dies eine Sichtweise, die auch Eingang gefunden hat ins Neue Testament, genauer gesagt in den 1. Brief an Timotheus (2,11-15):  
     
 
Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, daß sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot. Sie wird aber dadurch gerettet werden, daß sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie in Glaube, Liebe und Heiligkeit ein besonnenes Leben führt.
 
     
  Es wäre nun aber falsch anzunehmen, dass im Ersten Testament das Klischeebild von der weiblichen Verführerin dominieren würde. Dieses Bild ist erst spät entstanden, und es ist nicht zu übersehen, dass den Männern aufs Ganze gesehen kein besseres Zeugnis ausgestellt wird. Denken wir nur an den König David, der sich die schöne Batseba gefügig macht und dazu noch ihren Mann Urija aus dem Weg räumt. Der Prophet Nathan hat alle Hände voll zu tun, dem Herrscher sein sündhaftes Tun bewusst zu machen (2 Sam 11f). Auch Davids Sohn Amnon stellt sich nicht besser an. Er verliebt sich in seine Halbschwester Tamar (2 Sam 13) und vergewaltigt die sich Zierende, woraufhin seine Liebe in Hass umschlägt. Es tröstet kaum, dass Abschalom seine Schwester rächt.  
  Die beiden Beispiele machen deutlich: Sexuelle Verführung oder Nötigung ist in der Bibel keine Spezialität der Frauen. Männer sind hier nicht weniger anfällig, sie können aber im Gegensatz zu den Frauen ihrem Verlangen durch Macht und Gewalt Nachdruck verleihen.  
  Nur kurz erwähnt sei, dass im deuterokanonischen Buch Judit, das nicht in die Hebräische Bibel aufgenommen wurde, die ebenso schöne wie gottesfürchtige Heldin als positive Verführerin dargestellt wird, die ihre sexuelle Attraktivität einsetzt, um dem assyrischen Feldherrn Holophernes im geeigneten Moment das Haupt abschlagen und so ihr Volk von Furcht und Bedrängnis befreien zu können.  
  Hinzuweisen wäre schließlich auch auf Ester, der wie Josef der Aufstieg in die nach dem Herrscher wichtigste Position in einem nichtjüdischen Reich gelingt. Sie kann als Personifizierung der Weisheit gelten, der es durch kluges und listiges Agieren gelingt, großes Unheil von ihrem Volk abzuwenden.  
     
  4. Josef und die Ägypterin in rabbinischer Tradition  
     
  Die rabbinischen Texte zeigen Josef als Zaddik, als Gerechten, der sich Gott und seinen Geboten verpflichtet weiß (vgl. Wiesel S. 150).  
  Im Talmud wird von einem Frevler erzählt, der ins himmlische Gericht kommt. Auf die Frage, warum er sich nicht mit der Tora beschäftigt habe, antwortet dieser: „Ich war schön und getrieben von meinem Trieb“. – „Warst du etwa schöner als Josef?“, wird er daraufhin gefragt, und dann wird von Josef dem Frommen erzählt, wie er den sinnlichen Verlockungen der Frau Potifars widerstand. Als die Frau ihm zu drohen begann, antwortete dieser mit Versen aus dem Psalter: „Ich sperre dich ins Gefängnis. Er sagte zu ihr: Der Herr befreit die Gefangenen (Ps 146,7). (Sie sprach zu ihm:) Ich beuge deine Statur. (Er sagte zu ihr:) Der Herr richtet die Gebeugten auf (Ps 146,8). (Sie sprach zu ihm:) Ich blende dir die Augen. (Er sagte zu ihr:) Der Herr macht die Blinden sehend (Ps 146,8).“ (Babyl. Talmud, Joma 35b, zit. nach Rabbinischer Kommentar S. 458).  
  Dass Josef als Gerechter gilt, mutet zunächst einmal seltsam an, denn schließlich heiratet er eine Ägypterin, noch dazu die Tochter eines heidnischen Priesters. Doch wurde der Skandal schon in einer Schrift, die zwischen 100 vor und 100 nach Christus entstanden ist, gemildert. In dem von einem unbekannten jüdischen Autor verfassten Roman „Josef und Asenet“ wird erzählt, wie Asenet auf Grund der Schönheit, Weisheit und Stärke Josefs in Liebe zu diesem entbrennt. Josef aber verachtet die ägyptischen Frauen, weil sie heidnischen Göttern anhängen. „Ihre Gemeinschaft nämlich ist Verderbnis und Verwesung“, heißt es an einer Stelle (JosAs 7,4f). Erst nachdem Asenet sich bekehrt hat und dadurch zur Tochter Gottes geworden ist, kann sie den Geliebten heiraten (vgl. Kügler).  
  Josef widersteht also nicht nur den Verlockungen des Weibes, sondern auch denen der fremden Religion. Das macht ihn, den allzeit Standhaften, zu einem Zaddik.  
  Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass die Midrasch-Erzähler nicht völlig davon überzeugt waren, dass Josef tatsächlich vollkommen tugendhaft war. So wird erzählt, dass Josef im entscheidenden Augenblick, als Potifars Frau nach ihm griff, das Ebenbild seines Vaters Jakob erschienen sei und der ihn gefragt habe, ob es sein Wunsch sei, dass sein Name zukünftig mit denen seiner Brüder auf die Steine des Efod, gemeint ist wohl der Brustschmuck des Hohenpriesters, aufgeschrieben werde oder ob er darauf verzichte und statt dessen lieber Hurensohn genannt werden wolle. (Babyl. Talmud, Sota 36b, zit. nach Rabbinischer Kommentar S. 460).  
  Ich frage mich: Wozu diese Notbremse, wenn Josef so unbeeindruckt von den weiblichen Reizen war, wie andernorts erzählt wird? Sollte es gar möglich sein, dass der, der seine Brüder provoziert hat, auch die Ägypterin zumindest unbewusst zu ihrem Tun herausgefordert hat?  
  Übrigens kennen bereits die jüdischen Legenden eine sprechende Episode, die von dort aus in den Koran und in die deutschsprachige Literatur gewandert ist, wie übrigens auch die Szene mit dem warnenden Jakob und die Hervorhebung der Keuschheit Josefs: Es wird erzählt, dass Potifars Frau ihre Freundinnen in ihr Haus einlädt und ihnen Früchte vorsetzt. Als der Sklave Josef den Raum betritt, sind sie von seiner Schönheit so sehr geblendet, dass sie sich mit ihren Obstmessern in die eigenen Finger schneiden! (vgl. Große Frauen der Bibel S. 99).  
     
  Exkurs:  
  Josef und die Frau des Potifar in der deutschsprachigen Literatur  
     
  Der Stoff ist unzählige Male verarbeitet worden: in Dramen, Romanen, Prosagedichten und Opern. Bekannt sind vielleicht die Suleika-Gedichte in Goethes „West-östlichem Divan". Zwei andere Beispiele seien hier genannt:  
     
  a) Grimmelshausen, Deß keuschen Josephs in Egypten Lebens=Beschreibung  
     
  Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen wurde um 1622 im hessischen Gelnhausen geboren und stammte aus einfachen protestantischen Bürgerkreisen. Während des Dreißigjährigen Krieges, in den er hineingezogen wurde, trat er zum Katholizismus über und wurde 1667 Bischöflich Straßburgischer Amtsschultheiß zu Renchen am Schwarzwald. Im gleichen Jahr erschien seine Historie vom keuschen Joseph, zwei Jahre später der vom satirischen spanischen Schelmenroman beeinflusste Simplicissimus, der erste deutsche Prosaroman von Weltrang.  
  In Grimmelshausens Josefroman ist der Held reichlich gesegnet: Er hat vollkommene Schönheit von der Mutter und eben so viel Verstand von seinem Vater geerbt. Außerdem ist er so demütig und fromm, dass er von den Lastern gar nichts weiß, noch nicht einmal ihre Namen.  
  Potifar ist bei Grimmelshausen ein Witwer. Als sich sein Hab und Gut dank Josef vermehrt, ist jedermann an seiner Gunst gelegen. Und so wird auch eine Heirat eingefädelt zwischen Potifar und Selicha, der Tochter des Königlichen Hofmeisters. Alle sind’s zufrieden, nur die jugendliche Braut sträubt sich gegen die Ehe mit einem sechzigjährigen Herrn. Ihr steht der Sinn nach einem Jüngeren, insbesondere nach Josef, der für seinen Herrn die Brautwerbung übernommen hat.  
  Und so ist die Hochzeit noch nicht ganz vorüber, als Selicha auch schon anfängt, Joseph mit spielenden Augen anzusehen und ihm durch liebreizende Blicke zu verstehen zu geben, wen sie mit ihrer Vermählung eigentlich gemeint hat. Joseph aber tut so, als ob er nicht das geringste von ihrem Anliegen bemerkte.  
  Wer tatsächlich nichts merkt, ist Potifar. Denn Selicha küsst ihn immer dann besonders herzlich, wenn ihre Gefühle für Josef am stärksten sind. Den alten Ehemann im Arm, den jungen Sklaven im Herzen, das kann auf Dauer natürlich nicht gut gehen.  
  Eines Tages lässt sie Joseph zu sich kommen. Selicha ist ganz aufgewühlt. Erst wird ihr Gesicht so rot wie eine glühende Kohle, dann wieder blass wie ein weißes Tuch. „Ach Joseph! sagte sie mit einem hertzbrechenden Seufftzen / nach dem sie ihn zuvor ein gute weil mit höchster Andacht angeschauet: Du hast mich vor deinen Herrn erworben; aber wisse / daß mein Hertz sich dir vermählt hat!“  
  Josephs schamhaftes Angesicht entfärbt sich, als seine keuschen Ohren dieses unverschämte Wort hören müssen. Er weist sie zurück und beschwört die Treue zu seinem Herrn.  
  Plötzlich bemerkt Selicha, dass sie nicht alleine sind. Hinter einem Vorhang hat die Schwester ihrer Mutter, die Tochter des Heliopolotanischen Priesters, „die schöne und unvergleichliche Jungfrau Asaneth“, die Liebesklage der Selicha mit angehört. Asaneth meint, es sei Torheit, den eigenen Knecht anzubeten wie einen Gott. Selicha antwortet: „Ach! hertzliebste Schwester / ihr habt die Würckung der ungestümmen Lieb noch nicht erfahren / soltet ihr aber die Schönheit Josephs sehen / so versichere ich / sie würde viel weniger als ich unterlassen können / ihn zu lieben.“  
  Die Tugendreiche Asaneth, noch jung an Jahren, hat nun nichts Eiligeres zu tun, als sämtlichen Freundinnen zu erzählen, an was für einem Fieber die liebe Selicha erkrankt sei.  
  Und so kommt es am folgenden Tag zu der Damengesellschaft, an der hier auch die Jungfrau Asaneth teilnimmt. Als die Damen gerade dabei sind, mit ihrem scharfen Obstmesser eine Zitrusfrucht zu schälen, betritt Josef den Raum, bekleidet mit einem seidenen Sommerkleid, das Arme, Beine und Brust mehr ent- als verhüllt. Die Frauen sind so bezaubert von der Gestalt des Jünglings, dass sie sich so sehr in die Finger schneiden, dass das Blut fließt. Selicha triumphiert: „Wann ihr jetzt schon in die Finger hauet / da ihr ihn kaum ansehet / wie meinet ihr wohl / daß euer Hertzen gehackt würden / wann ihr täglich um ihn wäret / wie ich?“    
  Keine kann ihr hierauf antworten, auch die keusche Asaneth nicht, die sich am allermeisten in die Finger geschnitten hat und in ihrem Hertzen mehr als Selicha selbst verwundet ist. Sie ist es aber deshalb, weil sie nicht nur die Schönheit, sondern auch die Tugend Josefs sieht.  
  Kaum sind die Frauen weg, fängt Selicha das alte Lied wieder an. Dieser Gesang klingt in Josephs Ohren viel übler als die Stimme seiner Brüder am Brunnen. Josef erinnert Selicha an ihren Treueid gegenüber Potifar und verlässt sie.  
  Selicha erkennt zwar ihr Unrecht, aber sie kann ihre Gefühle nicht unterdrücken. Als einige Tage später Potifar aus dienstlichen Gründen verreisen muss, sieht sie ihre Chance gekommen. Sie stellt sich krank und lässt Josef zu sich rufen.  Der Autor scheint große Freude an dieser Szene zu haben. Jedenfalls schildert er ausführlich, wie Selicha nackend wie Venus selbst im Bette liegt. --- „Schaue / hertzliebster Joseph“, spricht die Liebestolle, „hier ist doch die allerschönste Gelegenheit / uns mit allem Wollust in Geheim zu ergetzen; also / daß wir uns vor das glückseligste Paar in der Welt schetzen könten / wann du nur dein Glück erkennen / und demselben dancken woltest / in dem es dich so freundlich durch meine inbrünstige Lieb begrüsset“.  Sie habe dies alles mit solchen beweglichen und lustreizenden Gebärden vorgebracht, dass selbst Saturn lüstern wie ein Satyr zu ihr aufs Bett hätte springen wollen. Und augenzwinkernd spricht Grimmelshausen den männlichen Leser an: „Ich kan mir auch wohl einbilden / daß mancher / der diß list / bey sich selbst gedenckt; diß wäre ein stattlich Fressen vor mich gewesen.“  
  Wozu dies alles? Nur um den Tugendsinn des keuschen Josef um so deutlicher herauszustreichen. Deshalb bleibt auch der elenden Selicha nichts anderes übrig, als Josef gewaltsam zu sich aufs Bett zu ziehen. Joseph aber, der weiß, dass niemand lang im Feuer sitzen sollte, wenn er nicht verbrennen will, reißt sich auf Kosten seines Mantels los und läuft aus dem Zimmer.  
  Es folgt die übliche Beschuldigung des unschuldigen Josef, woraufhin Potifar ihn ins Gefängnis werfen lässt.  
  Indessen wird Selicha im Ernst so krank wie sie sich zuvor gestellt hat; ihr einziger Trost ist der Gedanke, dass Josef sein Lebtag keinem andern Weibsbild zuteil werden wird. Doch geht auch dieser Wunsch nicht in Erfüllung, und es kommt, wie es kommen musste: Selicha stirbt, und nach der Entlassung aus dem Gefängnis feiert Josef Hochzeit mit der tugendhaften Asenath. Obwohl man sich bei der Lektüre des Eindrucks nicht erwehren kann, dass Grimmelshausen gerade die pikanten Szenen besonders genossen hat, verbleibt seine Dichtung doch in den Bahnen der Tradition, die die Keuschheit des Helden angesichts der Verführungskünste der fremden Frau preist. Und so hat er seinem Roman folgenden Vorspruch vorangestellt:  
     
 

Die Keuschheit krönet den /
        der sich ihr gantz ergiebet /
Die Keuschheit machet reich / den /
        der sie brünstig liebet /
    Die Keuschheit macht bey Gott
        und Menschen hoch und wehrt /
 Die Keuschheit bringet Glück
        dort / und auch hier auf Erd.

 
     
  b) Thomas Mann  
     
  Ein Loblied auf die Keuschheit möchte unser zweiter Autor, der fast dreihundert Jahre später schreibt, nicht singen. In seinem Werk „Joseph und seine Brüder“ (1936) macht Thomas Mann sich vielmehr zum Anwalt von Potifars Frau, die hier Mut-em-enet heißt. Umgekehrt proportional zur Länge der Mann’schen Trilogie werde ich mich auf einige kurze Bemerkungen zu diesem Roman beschränken.  
  Thomas Mann möchte das „Trugbild lüsterner Hemmungslosigkeit und schamentblößten Verführertums“ (S. 1005) ersetzen durch das Bild einer „Heimgesuchte[n] und tief Berührte[n]“ (S. 1209), die krank vor Liebe und Leidenschaft sich selbst nicht mehr im Griff hat und nach drei Jahren verzweifelten Ringens gänzlich aus sich selbst und aus der Welt der Gesittung heraustritt. Besonders eindrücklich ist die Passage, in der Mann schildert, wie sich Mut-em-enet, hin- und hergerissen zwischen ihrem stürmischen Verlangen auf der einen und Stolz und Scham auf der anderen Seite fast die Zunge durchbeißt, weshalb sie Josef ihr Begehren dann nur lispelnd vortragen kann: „Slafe bei mir!“ (S. 1164). Obwohl beim Mann’schen Josef das Fleisch schwach, d.h. willig wird, weshalb die Ägypterin wiederholt ausruft: „Ich habe seine Stärke gesehen!“ (S. 1259), ist sein Geist doch stärker, wobei ihn im letzten, äußersten Augenblick rettet, dass er das Antlitz seines Vaters Jakob vor Augen sieht.  
  Übrigens schildert auch Thomas Mann die Damengesellschaft, und eine Autorin unserer Tage (Mieke Bal) hat gemeint, dies sei ein besonders gelungener Einfall des Schriftstellers gewesen, mit dem er erfasst habe, „dass die Frau bloß Frauen sagen kann, was sie empfindet“ (Bal, S. 53). Dabei verweist Mann selbst auf den Koran und auf persische Lieder, die von dem Zwischenfall mit den scharfen Messerchen künden (S. 1209).  
     
  5. Josef und die Verführerin im Koran und in der islamischen Tradition  
     
  Die Josefgeschichte ist eine der wenigen biblischen Geschichten, die im Koran in einem zusammenhängenden Stück erzählt werden. Sie füllt Sure 12, die darum auch den Titel „Yusuf“ trägt, und wird in Vers 3 als die „schönste Geschichte“ bezeichnet. Im allgemeinen folgt die koranische Version der biblischen Geschichte, allerdings in gestraffter Form. Andererseits nimmt der Koran weitere Motive auf, die in der Regel aus jüdischen Quellen stammen.  
  Die wichtigsten Unterschiede zur biblischen Erzählung sind:  
 
  • Während Josef in der biblischen Fassung erst gar nicht in Versuchung kommt und das Ansinnen der lüsternen Frau standhaft und konsequent zurückweist, wäre der koranische Yusuf einem Techtelmechtel nicht abgeneigt gewesen, wenn nicht der Herr selbst ihn davor bewahrt hätte.
  • Während der biblische Potifar Josef kurzerhand ins Gefängnis werfen lässt, kann der Ägypter im Koran dank eines Zeugen von der Unschuld des jugendlichen Helden überzeugt werden.
  • Während die Frau des Potifar in der Bibel allein als böse Verführerin dasteht, wird sie im Koran durch die Obstszene gewissermaßen persönlich entlastet. Andererseits wird die Beschuldigung generalisiert, indem sämtliche Frauen zu Verführerinnen stilisiert werden (Sure 12,28: "Das ist wieder einmal eine List von euch Weibern...").
 
  Übrigens kommt der Koran an späterer Stelle nochmals auf den Vorfall zurück: Nachdem Josef erfolgreich die Träume des Pharao gedeutet hat, verlangt er, dass die Frauen, die sich in ihre Hände geschnitten haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Diese bezeugen, dass Josef sich nichts hat zu Schulden kommen lassen, und Suleika gesteht: „Jetzt ist die Wahrheit offenbar geworden. Ich habe versucht, ihn zu verführen. Und er gehört zu denen, die die Wahrheit sagen“ (Sure 12,50f).  
  Josef wird also in der koranischen Version der Geschichte „zum Idealbild und Symbol des frommen Muslim, der durch die Kraft seines Glaubens den verhängnisvollen Verführungskünsten der Frau – der fitna – widersteht“ (Heller/Mosbahi S. 70)  
  Damit ist ein zentrales Stichwort genannt, das in der islamischen Tradition von großer Bedeutung ist:  
  Fitna (Aufruhr, Respektlosigkeit, Verführung). Manchen Religionsgelehrten gilt die Frau an sich schon als eine fitna, als Aufruhr und Störung der Ordnung. Oft wird sie als Dämon dargestellt, vor dem man sich zu hüten habe. Ihre Waffe ist die Verführung (Chebel S. 125f). Deshalb soll sich der Mann hüten und keine Vertraulichkeiten mit einer Frau haben, die nicht zu seiner engeren Verwandtschaft gehört. Die Frau erscheint „als Trägerin einer aktiven, zerstörerischen, alles verschlingenden Kraft, die so stark ist, dass die Männer nicht mehr widerstehen können und zu willenlosen Opfern ihrer geweckten Begierde werden“. Neben der Geschlechtertrennung ist deshalb der Schleier „ein Mittel, die Männer zu schützen und die Sexualität der Frauen zu kontrollieren und zu kanalisieren“ (Chebel S. 367).  
  Doch selbst der Schleier bietet dem muslimischen Mann keinen sicheren Schutz vor den Verführungskünsten der Frau. In dem um das Jahr 900 in Bagdad entstandenen „Buch des buntbestickten Kleides“, einer Art Knigge des Morgenlandes, warnt Ibn al Wassa:  
    „Auch vor der List der Haustöchter, der verschleierten Schönen, ist der gebildete und anständige Mann von feiner Lebensart nicht gefeit. Er kann den Ränken auch dieser Frauen nicht entfliehen.... Man könnte nun meinen, dass diese Frauen ja verschleiert seien und hinter Schloss und Riegel säßen, dass ihre einzige Freude im Briefe schreiben und ihr einziges Glück in der Korrespondenz bestehe, dass sie kein anderes Vergnügen kennten als aus gebührender Entfernung auf den Geliebten (zu) blicken, da sie ihn ja nur an Festtagen während ihrer Ausgangszeit treffen könnten. Und doch gehören auch sie zu denjenigen Frauen, die die Liebe auf die leichte Schulter nehmen und mit ihren Geheimnissen dem Verehrer den Kopf verdrehen, die der Unkundige begehrt und der Leichtsinnige verehrt, auf deren Liebe Jünglinge und unreife Knaben alles setzen und denen nur Dummköpfe aufrichtige Neigung entgegenbringen können. Denn ihre List ist wahrhaft verborgener als Gedanken und mächtiger als Berggipfel. Ihre Listen lassen sie an Männern aus, ihren Tücken sind selbst Helden nicht gewachsen“ (zit. nach Hoffmann S. 296f).  
  „Ihr Männer, hütet euch vor den Frauen, denn ihre List ist gewaltig“, so lautet die Botschaft des Koran und der islamischen Tradition.  
  Die erotische Literatur des Orients ist voll von Geschichten um die weibliche List, wobei die Schilderung des Betrugs am Ehemann besonders beliebt ist. Die List kann geradezu zum Hauptkennzeichen der Frau werden – wie in der folgenden kleinen Geschichte, die von Jesus und Iblis (dem Satan) handelt:  
  „Jesus traf Iblis, der gerade fünf Esel vor sich hertrieb. Er fragte ihn, was er da mache. Der Teufel entgegnete ihm:  
       
    -   Das sind Waren, für die ich Käufer suche.
-   Was sind das für Waren?
-   Die erste ist die Tyrannei.

-   Wer soll sie kaufen?

-   Die Sultane.

-   Die zweite ist Hochmut.

-   Wer soll ihn kaufen?

-   Die Adligen.

-   Die dritte ist Neid.

-   Wer soll ihn kaufen?

-   Die Gelehrten.

-   Der vierte ist Betrug.

-   Wer soll ihn kaufen?

-   Die Händler.

-   Die fünfte ist List.

-   Wer soll sie kaufen?

-   Die Frauen.“ (zit. nach Chebel S. 274f).
 
     
  Dass die List zum Attribut der Frauen werden konnte, hat natürlich mit der ständigen sozialen Kontrolle zu tun, der sie in der arabischen Gesellschaft unterworfen waren. Den Frauen blieb tatsächlich oft kein anderes Mittel, um ihre Ziele zu erreichen, als List und Intrige. Es handelt sich also um eine Reaktion auf die Verhältnisse, in denen sie lebten, nicht um eine geschlechtsspezifische Charaktereigenschaft.  
  Die Botschaft, „wonach der Mann vor den Tücken und Listen der Frau nur seine Zuflucht vor Gott nehmen kann“ (Heller/Mosbahi S. 71), wird in der islamischen Literatur in zahlreichen Geschichten variiert. Die Beliebtheit des Stoffs dürfte, wie die beiden Autorinnen Erdmute Heller und Hassouna Mosbahi in ihrem lesenswerten Band „Hinter den Schleiern des Islam“ wohl zu Recht vermuten, mit dem verborgenen Wunsch der Männer zusammenhängen, selbst an Yusufs Stelle zu stehen, nicht mehr den schönen Frauen hinterherlaufen zu müssen, sondern mit der eigenen Schönheit die Frauen in seinen Bann zu ziehen, nicht mehr Verführer zu sein, sondern Verführter (S.75).   
     
  6. Josef und Suleika in der islamischen Mystik  
     
  Einen Gegenpol zum orthodoxen Islam bildet der Sufismus, die islamische Mystik.  
  Die nach den Urteilen vieler schönste Version unserer Erzählung stammt von dem persischen Dichter Dschami (1414-1492). Bei ihm wird Suleika zur eigentlichen Heldin der Geschichte. Während Josef, ausgestattet mit himmlischer Schönheit, Gott repräsentiert, steht Suleika für die Seele des Mystikers, die nach der Vereinigung mit Gott verlangt.  
  Dschami erzählt die Geschichte folgendermaßen:  
  Suleika ist eine Königstochter, der eines Nachts ein edler und atemberaubend schöner junger Mann im Traum erscheint. Von dieser Nacht an ist ihr Herz erfüllt von einem tiefen und verzehrenden Verlangen nach dem Mann ihrer Träume. Nach einiger Zeit erscheint ihr der Jüngling ein zweites Mal im Traum. Er versichert ihr, dass er genauso im Netz der Liebe gefangen ist wie sie, und bittet sie, keinen anderen Mann ihre süßen Lippen küssen zu lassen. Nach diesem neuerlichen Traum steigert sich das liebende Verlangen Suleikas so sehr, dass sie verrückt wird. Daraufhin lässt der König das Bein seiner Tochter in eine goldene Kette legen.  
  Ein Jahr später erscheint der Jüngling ein drittes Mal. Auf die Frage, wer er sei, antwortet er, er sei der Großwesir von Ägypten. Suleika wird gesund, und der Ruf ihrer Schönheit verbreitet sich in der ganzen Welt. Von überallher kommen Heiratswünsche, nur nicht aus Ägypten. Schließlich schickt der Vater einen Boten in das Land am Nil und bietet dem Großwesir seine Tochter zur Heirat an. Dieser sagt hocherfreut zu, und schon bald trifft Suleika in Ägypten ein. Doch als sie ihren Bräutigam sieht, muss sie feststellen, dass der Großwesir nicht der Mann ihrer Träume ist. Sie ist zunächst untröstlich, bis ein Engel erscheint und ihr erklärt, dass sie nur über den Wesir zu ihrem Ziel gelangen kann.  
  Als einige Zeit später Josef als Sklave nach Ägypten kommt und Suleika ihn auf dem Sklavenmarkt sieht, erkennt sie in ihm sofort den Jüngling aus ihren Träumen. Sie bietet den höchsten Preis und es gelingt ihr, ihn zu erwerben. Ihr Herz hüpft vor Freude, doch bald stellt sie fest, dass Josef ihr gegenüber vollkommen gleichgültig ist. Das ist eine Situation, die Suleika kaum ertragen kann. Sie lässt einen Palast bauen, mit sieben Zimmern, ein Zimmer führt jeweils in ein weiteres. Es gelingt ihr, Josef von Raum zu Raum zu führen, und als sie im innersten ankommen, fühlt sie sich wie im siebten Himmel. Doch Josef geht auf ihre Avancen nicht ein und flieht. Suleika folgt ihm auf den Fersen und beim Versuch, ihn zu stoppen, zerreißt sie sein Gewand. Josef kann sich losreißen und läuft genau in die Arme des Wesirs. Suleika erzählt die bekannte Lügengeschichte, woraufhin der Wesir Josef ins Gefängnis werfen lässt. Doch ein drei Monate altes Baby ruft mit lauter Stimme, dass Josef unschuldig sei. Der Wesir könne sich selbst davon überzeugen, indem er das Gewand untersuche. So kommt Josef wieder frei, und Suleika veranstaltet das Orangenbankett für die Hofdamen.  
  Ihre Freundinnen meinen, dass Josefs Herz aus Stein sich nur im Gefängnis erweichen lassen werde. Tatsächlich gelingt es Suleika, ihn erneut ins Gefängnis bringen zu lassen. Dort besucht sie ihn heimlich jede Nacht, verborgen, ohne dass er sie sehen kann. Im Gefängnis macht Josef seine Karriere als Traumdeuter und wird schließlich auf Anordnung des Pharao freigelassen. Als der alte Großwesir stirbt, rückt Josef an seine Stelle.  
  Suleika aber verliert all ihren Wohlstand und ihre Schönheit. Sie lebt nun unerkannt in einer Hütte, in äußerst ärmlichen Verhältnissen. Jeden Tag reitet Josef mit seinem Gefolge an ihrer Hütte vorbei. Die meiste Zeit verbringt Suleika damit, um ihre verlorene Liebe zu weinen. Im Laufe der Jahre werden ihre Haare weiß und ihre Augen blind.  
  Eines Tages zerschmettert sie voller Zorn das Götzenbild, das sie immer angebetet hat, und schreit nach Gott. Als Josef an ihrer Hütte vorbeikommt, betet sie ein zweites Mal. Josef ist berührt von ihrer Ehrfurcht und befiehlt seinen Dienern, die Frau in den Palast zu bringen. Als Suleika vor Josef steht, enthüllt sie ihre Identität. Josef ist geschockt von ihrem Anblick und bittet Gott um die Rückkehr ihrer jugendlichen Schönheit. Und so geschieht es. Josef und Suleika heiraten und in der Hochzeitsnacht erfüllt sich ihre Liebe in leidenschaftlicher Vereinigung:  
    „Und er versank, sich zärtlich zu ihr niederneigend,
mit ihr im Kuss, verzückt, berauscht vor Liebesglut.

Das währte lang, als hätten sie die Welt vergessen.

Doch kann der Kuss nur Vorgeschmack der Liebe sein,

dem Salz gleich, das die Zunge reizt uns vor dem Essen,

damit die Lust zum Schlemmen sich stellt schneller ein.

So stachelten die Küsse auch Yussufs Begierde,

bis er den Leib der Schönen in die Arme schloss
und unterhalb des Nabels fand der Jungfrau Zierde,
so unberührt, wie sie gebar der Mutter Schoß.
Da eilte er und machte frei den Pfeil der Liebe,

den Perlenschatz zu suchen im verborgnen Schrein.“

(zit. nach Walther S. 161).
 
  Das mag im Zeitalter von Pro7 und RTL II harmlos klingen, aber wir müssen bedenken, dass es nicht nur innerhalb des Islam alles andere als selbstverständlich ist, die körperliche Liebe als Gleichnis der Liebe zu Gott anzusehen (Heller/Mosbahi S. 88). Suleikas ekstatische Liebe zu Josef ist für die Sufis „ein Symbol für die hinreißende Macht jener Liebe, die entsteht, wenn man die göttliche Schönheit betrachtet, die sich in menschlicher Form manifestiert“, so Annemarie Schimmel, die wohl beste Kennerin des Sufismus im deutschen Sprachraum (Schimmel S. 608f). Doch zugleich ist die Geschichte der Suleika die Geschichte des Mystikers, der sich schrittweise von den Versuchungen der Welt, hier symbolisiert durch den selbst erbauten Palast, wie von der Verehrung des eigenen Körpers lösen muss, um nach vielem Leiden und mancher Erniedrigung schließlich mit Gott vereint zu werden (vgl. zum Ganzen Biblical Stories).  
  Während in der islamischen Mystik die Schönheit des Geliebten „Abglanz des Göttlichen [ist], der Spiegel, in dem sich die Schönheit Gottes bricht“ (Heller/Mosbahi S. 88), ist die christliche Theologie gegenüber der Schönheit eher skeptisch eingestellt. Das hat viele Gründe, über die ich hier nicht im Einzelnen räsonieren möchte. Sicherlich hat die Identifizierung Jesu Christi mit dem deuterojesanischen Gottesknecht dazu beigetragen, sicherlich auch ein weit verbreiteter kulturpessimistischer und zeitgeistkritischer Zug. Doch geht es bei der theologischen Wiederentdeckung der Schönheit, die uns der Sufismus lehren kann, nicht um die immergleiche glatte und makellose Hochglanzschönheit der Covergirls auf TV-Zeitschriften, auch nicht um die synthetisch-leblose Schönheit eines Michael Jackson, sondern es geht um jene Schönheit, die im Gegenüber entsteht, in der Macht der Beziehung (Moltmann-Wendel S.26).  –  Nehmen wir als ein letztes Beispiel Cyrano de Bergerac:  
  Wegen seiner riesigen Nase wagte er es nicht, der Frau, die er liebte, sich und seine Gefühle zu offenbaren. Die Kraft seiner Poesie lieh er einem anderen, äußerlich schöneren Mann, doch aus dessen Mund klangen die Liebesworte hohl. Erst im Angesicht seines Todes wagte Cyrano sich der Geliebten zu erkennen zu geben, und die Frau war entzückt von der Schönheit seines Wesens.  
  Vielleicht hätte Cyrano schon vorher den Mut gefunden, sich zu offenbaren, wenn er den Satz seines Zeitgenossen Angelus Silesius (17. Jh.), eines christlichen Mystikers, gekannt und erkannt hätte, der da lautet:  
     
  „Kein Ding ist hier noch dort, das schöner ist als ich.
Weil Gott, die Schönheit selbst, sich hat verliebt in mich“.
 
     
  Wohl dem, der dieses Wort, ein wahres Josefswort, zu sprechen vermag!  
     
     
 
 
   
  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
     
 
 
     
  Literatur  
     
 

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Arenhoevel, Diego: Erinnerung an die Väter. Genesis 12-50. Stuttgarter Kleiner Kommentar: Altes Testament, 2. Stuttgart 41994 (1976).

Bal, Mieke: 1. Mose 39. Eine Notlüge, in: Eva Renate Schmidt (Hg.): Feministisch gelesen, Bd. 2. Ausgewählte Bibeltexte für Gruppen und Gemeinden, Gebete für den Gottesdienst. Stuttgart 1989, S. 47-54.

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Busse, Heribert: Die theologischen Beziehungen des Islams zu Judentum und Christentum. Grundlagen des Dialogs im Koran und die gegenwärtige Situation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 21991.

Chebel, Malek: Die Welt der Liebe im Islam. Eine Enzyklopädie. Erotik, Schönheit und Sexualität in der arabischen Welt, in Persien und der Türkei. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1997.

Deselaers, Paul: „Fruchtbar im Lande meines Elens“. Vom Konflikt zur Versöhnung wachsen: Josef und seine Brüder. In: Bibel heute 1/1998,  S. 124-127.

Fischer, Irmtraud: Genesis 12-50. Die Ursprungsgeschichte als Frauengeschichte, in: Kompendium Feministische Bibelauslegung, hrsg. von Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker. Gütersloh: Kaiser/Gütersloher Verl.-Haus, 1998, S. 12-25.

Große Frauen der Bibel in Bild und Text. Mit Beiträgen von Herbert Haag, Dorothee Sölle, Joe H. Kirchberger und Annemarie Schnieper-Müller. Freiburg: Herder, 1993.

Hoffmann, Gerhard (Hg.): Lust an der Geschichte: Die Blütezeit der islamischen Welt. München: Piper, 1994.

Kurz, Paul Konrad: Das Böse und die Schuld in der zeitgenössischen Literatur, in: StdZ 190 (1972) 20-34.

Kügler, Joachim: Josef und Asenet. Ein jüdischer Roman erzählt die Bibel weiter. In: Bibel heute 1/1998,  S.139.

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