Dialog und Freundschaft zwischen den Religionen
in einer bedrohten Welt


Ohne Frieden zwischen den Religionen kein Friede zwischen den Nationen
 
     
 
Siegfried Zimmer*(07.02.2004)
 
a  
  Wie wichtig ist heute der Dialog zwischen den Religionen? Welche Chancen hat er? Wie kann er am ehesten gelingen? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir zunächst einmal die heutige Weltlage berücksichtigen. Diese hat sich in Vergleich zu früheren Zeiten sehr verändert. Heute stellen sich andere Herausforderungen und Aufgaben. Auch die Frage nach dem Dialog der Religionen muss heute anders beantwortet werden als z.B. vor hundert Jahren (s.u.). Ich möchte im Folgenden die heutige Weltsituation unter zwei Gesichtspunkten skizzieren: zum einen die politische Weltsituation, zum anderen die religiöse Weltsituation. Über diese beiden Gesichtspunkte müssen wir uns immer wieder neu informieren.[1]  
a    
  1. Zur heutigen Weltsituation  
a    
  a) Die politische Weltsituation  
     
  Die allgemeine politische Weltlage ist heute durch zwei entscheidende Aspekte charakterisiert:  
 
  1. Das Überleben der Menschheit ist gefährdet wie niemals zuvor.
  2. Ein Zusammenprall der Kulturen droht heute erstmals im Zusammenhang einer zunehmenden Globalisierung.
 
  Bei der Gefährdung des Überlebens der Menschheit ist zu unterscheiden zwischen einer militärischen und einer nichtmilitärischen Gefährdung. Die militärische Gefährdung hat 1948 zur Gründung der Vereinten Nationen geführt. Diese Gründung geschah aus Sorge vor einem dritten Weltkrieg. Etwas mehr als 50 Staaten sind damals den Vereinten Nationen beigetreten. Heute sind über 200 Staaten Mitglied der Vereinten Nationen. Das wichtigste Gremium der Vereinten Nationen ist der Sicherheitsrat. Er ist für die Sicherheitsfragen zuständig. Mit „Sicherheit“ ist dabei bis heute leider nur die militärische Sicherheit gemeint bzw. der Frieden im militärischen Sinn. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Weltkommunismus liegt die größte Gefährdung der Menschheit jedoch nicht mehr im militärischen Bereich. Die militärische Bedrohung der Welt bleibt allerdings auch weiterhin ein gefährliches Dauerproblem. Durch die Erfindung der Atombombe ist es technisch möglich geworden, die Menschheit innerhalb kurzer Zeit auszulöschen. Diese Möglichkeit gab es vor der Erfindung der Atombombe noch nicht. Sowohl die Atombombe, die Neutronenbombe als auch die Entwicklung der ABC-Waffen sind Produkte der westlichen Kultur, die vom Christentum geprägt worden ist. Auch die beiden Weltkriege gingen von der westlichen Kultur aus. Wir dürfen uns darum nicht wundern, wenn die anderen Kulturen die westlich-christliche Kultur nicht für besonders friedliebend halten. Seit dem Ende des Weltkommunismus und damit des Ost-West-Konflikts alter Art, hat sich die militärische Gefahr stärker auf die regionale Ebene verlagert. Die Weltpolitik  ist nicht mehr zweipolig, sondern mehrpolig. Dabei geht von der einzigen verbliebenen Supermacht USA eine neue Art von Dominanz aus.  
     
  Die Diktatoren und Extremisten im Balkan, in Afrika, im Nahen Osten und in Asien erzeugen gefährliche regionale Konflikte. Deshalb brauchen wir heute ein international anerkanntes Gewaltmonopol. Ein solches Monopol gibt es noch nicht. Es muss dringend geschaffen werden. Nur dann kann die internationale Staatengemeinschaft gegen Diktatoren und Extremisten vorgehen und notfalls ihr mörderisches, friedenszerstörendes Treiben beenden. Wenn diese schwierige Aufgabe überhaupt gelingen kann, dann am ehesten der – untereinander gut abgestimmten – internationalen Staatengemeinschaft, nicht aber einem einzelnen Staat. Die demokratischen Rechtsstaaten haben bis jetzt nur ein nationales Gewaltmonopol. Gewalt ist etwas Schlimmes. Trotzdem muss sie dem Rechtsstaat als allerletztes Mittel zur Verfügung stehen, damit wir die Welt nicht den Verbrechern überlassen. Das Gewaltmonopol des Rechtsstaates muss demokratisch legitimiert und kontrolliert sein. Der staatliche Einsatz der Gewalt darf nur durch Parlamente und demokratisch gewählte Regierungen erfolgen. Wir brauchen aber zusätzlich auch ein internationales Gewaltmonopol der Vereinten Nationen, damit das Faustrecht, das zwischen bestimmten Staaten herrscht, die vertraglich nicht miteinander verbunden sind, aufhört. Wir brauchen ein internationales, völkerrechtlich anerkanntes und verbindliches Gewaltmonopol, an das sich alle halten müssen. Das wiederum setzt einen Grundbestand an gemeinsamen Werten voraus, einen Minimalkonsens an moralischen Überzeugungen  
     
  Verschiedene Gruppierungen versuchen seit Jahren, ein gemeinsames Weltethos zu entwickeln. Im Frühjahr 2002 wurde in Kapstadt von den Vereinten Nationen die „Erdcharta“ verabschiedet. Sie formuliert gemeinsame Werte zum Schutz der Erde. Seit 1993 gibt es ein „Weltparlament der Religionen“. Es hat sich in Chicago (mit über 3000 Vertretern aller Weltreligionen) auf ein gemeinsames Weltethos geeinigt. Dieses Weltethos hat folgenden Inhalt: 1. Wir verzichten auf Gewalt und delegieren sie an ein international und völkerrechtlich abgesichertes Gewaltmonopol. Niemand sonst darf Gewalt anwenden. 2. Wir verpflichten uns zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit. 3. Wir verpflichten uns zu Wahrhaftigkeit, Toleranz und zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Diese ethischen Grundwerte hat das Parlament der Religionen mit großer Mehrheit 1993 verabschiedet. Das „Weltparlament der Religionen“ trifft sich seitdem im Abstand von fünf Jahren. Es gibt auch eine Organisation ehemaliger Staatschefs (der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist in dieser Organisation mit federführend). Diese Organisation hat 1998 eine Erklärung verabschiedet: Es gibt keine Menschenrechte ohne Menschenpflichten. Auch diese Organisation betont: Wir brauchen gemeinsame Werte. Diese gemeinsamen Werte können nicht gegen die Religionen gefunden werden, sondern nur mit ihnen.  
     
  Größer noch als die militärische Gefährdung der Menschheit ist heute die nichtmilitärische Gefährdung: der Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen (Klima, Wasser, Regenwälder usw.). Diese Gefährdung ist enorm groß. Im Blick auf diese Art der Gefährdung ist eine Reform der Vereinten Nationen unerlässlich. Die Vereinten Nationen müssen die nichtmilitärische Gefährdung stärker als bisher in den Blick nehmen. Sie haben zwar spezielle Organisationen geschaffen (UNICEF, Weltgesundheitsorganisation und viele andere), die sich den Gefährdungen nichtmilitärischer Art widmen und diese wissenschaftlich erforschen sollen. Aber die Ergebnisberichte dieser Spezialorganisationen im Sicherheitsrat haben bis heute keine juristisch geregelten Folgen. Der Sicherheitsrat hört sich diese Berichte nur an. Niemand kann ihn dazu bringen, dass er auf diese – meist sehr erschütternden – Schadensberichte auf eine bestimmte Weise reagiert und tätig wird. Denn offiziell ist der Sicherheitsrat für den nichtmilitärischen Bereich (noch) nicht zuständig. Das muss dringend geändert werden. Die Kompetenzen des Sicherheitsrats müssen auch auf die Gefährdungen im nichtmilitärischen Bereich erweitert werden. Darin stimmen alle Fachleute überein. Es ist allerdings sehr schwer, diese Kompetenzerweiterung politisch durchzusetzen. Bestimmte Staaten befürchten dadurch Einschränkungen ihrer Souveränität. Doch genau an dieser Stelle liegt eine wichtige Aufgabe der internationalen Politik für die nahe Zukunft: Die nichtmilitärischen Gefährdungsfaktoren der Menschheit müssen offiziell in das Blickfeld des Sicherheitsrats treten und zwar mit juristisch geregelten, verbindlichen Folgen. Auch dazu braucht man gemeinsame internationale Grundwerte.  
     
  Das zweite große Weltproblem neben der (nichtmilitärischen und militärischen) Gefährdung des Überlebens der Menschheit ist die Globalisierung (Technik, Wirtschaft, Börsen, Internet, Transportmittel, Welttourismus etc.). Die Menschheit ist sich so nahe gerückt, dass die unterschiedlichen Kulturen nicht mehr ungestört nebeneinander her leben können. Bisher gab es ein einfaches Modell der Koexistenz der Kulturen und Religionen: du darfst friedlich dort leben und ich lebe friedlich hier. Ein friedliches Nebeneinanderherleben ist längst nicht so schwer, wie ein friedliches Miteinanderleben. Heute wohnen in Deutschland in jeder Großstadt viele Menschen, die einer anderen Kultur und Weltreligion angehören. In der BRD leben zur Zeit über 3,3 Millionen Muslime, in Frankreich über 4 Millionen. In den Niederlanden ist der prozentuale Anteil noch wesentlich höher. In England leben sehr viele Hindus und Buddhisten. In jeder Metropole der USA leben Hunderttausende Muslime. Hinzu kommen die großen asiatischen Wohnviertel. Der Kontakt zwischen den Kulturen und Weltreligionen ist zu einer Angelegenheit der Nachbarschaft geworden. Damit entsteht zunehmend die Gefahr, dass bestimmte Kulturen zu Verlierern der Globalisierung werden. Die islamische Kultur wehrt sich um ihrer Identität willen dagegen, westlich überfremdet zu werden. Dafür müssen wir Verständnis aufbringen. Es ist kein erstrebenswertes Ziel, dass eine einzige Kultur – die amerikanische bzw. die westliche Kultur – alle anderen Kulturen der Welt dominiert. Ein solches Dominanzstreben ist eine schwere Gefahr für den Weltfrieden. Das Ziel kann nur eine friedliche Kooperation und Koexistenz aller Kulturen der Erde auf der Basis der Gleichwertigkeit sein. Wir müssen aufpassen, dass der Globalisierungsprozess nicht bei bestimmten Kulturen – um ihres Überlebens willen – immer mehr zu einem (aggressiven) Abschottungsvorgang führt. Das gilt insbesondere für die islamische Kultur. Der sogenannte islamische Fundamentalismus ist als eine Form der Politisierung und Instrumentalisierung des Islam durchaus gefährlich. Beträchtliche Teile des Islam erstreben heute eine islamische Weltordnung, in der Menschenrechte, wie wir sie kennen, eine parlamentarische Demokratie und Toleranz gegenüber Andersdenkenden nicht vorgesehen sind. Das ist ebenfalls eine große Gefahr für den Frieden. Aber es gibt auch sehr viele Muslime, die z.B. in Europa leben und die Verfassungen der europäischen Staaten anerkennen. Man kann diese muslimische Haltung als „Euro-Islam“ bezeichnen, im Unterschied zum „Ghetto-Islam“ derer, die die westliche Kultur pauschal ablehnen. Der Euro-Islam, der eine kreative Verbindung muslimischer Grundüberzeugungen mit europäisch-demokratischem Verfassungsrecht erstrebt, verdient unsere Unterstützung. Auch im Nahen Osten und weltweit gibt es keineswegs nur fundamentalistische Muslime. Pauschalurteile sind fehl am Platz und helfen niemand weiter. Wir dürfen uns nicht daran beteiligen, ein pauschales Feindbild des Islam aufzubauen. Wir müssen uns, wo wir können, gegen solche Feindbilder stemmen, gleichgültig, gegen wen sie sich richten. Gerade auch in den Jahren des Bombenterrors und der schrecklichen Selbstmordattentate, dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, den Islam pauschal zu verdächtigen.  
     
  Ich fasse die Hinweise auf die heutige politische Weltsituation zusammen: Um des Überlebens der Menschheit und um der friedlichen Nachbarschaft der Kulturen willen benötigen wir heute gemeinsame Werte im internationalen Recht, eine Kultur der Verständigung, des Respekts und des international abgestimmten Vorgehens gegen Extremisten und Friedensfeinde. Jede Kultur und Gesellschaft ist aufgerufen, daran mitzuarbeiten. Eine friedliche Kooperation und Koexistenz ist nicht möglich ohne Dialog. Um des Überlebens der Menschheit und um der friedlichen Nachbarschaft willen, müssen wir uns mit den anderen Kulturen und Weltreligionen beschäftigen, sie verstehen lernen, achten und ernst nehmen. Dazu gibt es in der heutigen Weltsituation keine Alternative. Alles Andere gefährdet das Überleben der Menschheit noch mehr.  
     
  b) Die religiöse Weltsituation  
     
  Im Jahr 1913 fand in Edinburgh eine Weltmissionskonferenz statt. Alle  größeren protestantischen Missionsgesellschaften waren auf dieser Konferenz vertreten. Was dort besprochen wurde, war aber nicht sehr verschieden von dem, was auch katholische Missionsgesellschaften damals dachten. Man ging in Edinburgh davon aus, dass die Welt innerhalb einer einzigen Generation vollends missioniert und christianisiert werden kann. Darüber war man sich unter den Experten einig. In dieser Einschätzung zeigt sich die tiefe Veränderung der Weltlage im Vergleich zu heute. Wie konnte man damals dieser Überzeugung sein?  
     
  China lag in jenen Jahren wirtschaftlich und politisch am Boden. Die großen westlichen Mächte drangen als Wirtschaftsmächte in China ein. Konfuzianismus und Taoismus schienen nicht mehr überlebensfähig zu sein. Indien war eine Kolonie der Briten. Viele westliche Beobachter waren der Auffassung, dass Hinduismus und Buddhismus im Niedergang begriffen sind. Es gab auch keine souveränen muslimischen Staaten. Die arabischen Gebiete waren damals Teil des osmanischen Reichs. Die meisten anderen muslimisch geprägten Regionen waren Kolonien der Westmächte. Das osmanische Reich war zwar muslimisch geprägt, galt aber seit langem als der „kranke Mann am Bosporus“. Dieser kranke Mann ging dann im ersten  Weltkrieg (1914-1918) vollends zu Grunde. Die muslimische Religion schien ebenfalls nicht mehr dynamisch und überlebensfähig zu sein. Das Judentum machte damals den Eindruck, dass es sich in die europäische und amerikanische Kultur assimilieren wird. Den Weltkommunismus gab es noch nicht. Er trat erst mit der bolschewistischen Oktoberrevolution 1917 an die Weltöffentlichkeit. In dieser Weltlage dachten die christlichen Missionsgesellschaften im Jahr 1913: noch eine Generation und wir haben unser Ziel erreicht. Auf dem Weg zu diesem Ziel brauchen wir keinen Dialog. Wir heben die anderen Religionen auf durch erfolgreiche Mission.  
     
  Heute, knapp 100 Jahre später, sieht die Lage völlig anders aus. Indien ist ein eigener Staat geworden. Das hat dem Hinduismus starken Auftrieb gegeben. Heute gibt es 56 souveräne muslimische Staaten. Seit dem Untergang der Sowjetunion sind mehrere muslimisch geprägte Staaten, die bisher kommunistisch gelenkt waren, der islamischen Weltgemeinschaft beigetreten: Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Kasachstan, Aserbaidschan. Diese Staaten verstärken das Gewicht der islamischen Staatengemeinschaft. D.h. der Zusammenbruch der Sowjetunion und des atheistisch geprägten Weltkommunismus hat das Gewicht der Weltreligionen weiter verstärkt. Bei der hohen Kinderzahl der muslimischen Familien wird der Islam (zur Zeit etwa 1,3 Milliarden Menschen) das Christentum (zur Zeit etwa 1,5 Milliarden Menschen) vermutlich in naher Zukunft - statistisch gesehen - überholen und damit zur größten Weltreligion werden. Der Islam breitet sich heute vor allem in Afrika aber auch in Zentralasien aus. Es gab im 20. Jahrhundert mehrere Erneuerungsbewegungen im Islam. So hat z.B. der Gründungsvater Pakistans zugleich auch den Islam erneuert und belebt. Der Nahe Osten besinnt sich, nachdem der arabische Nationalismus keine Erfolge gebracht hat, wieder auf den Islam. Israel ist 1948 ein eigener Staat geworden. Das hat das Judentum auf der ganzen Welt vitalisiert. Die Weltreligionen stehen, im Vergleich zur Situation von 1913, heute deutlich gestärkt da. Es gibt keinerlei Aussicht - auch für diejenigen Christen nicht, die große missionarische Hoffnungen hegen -, die Weltreligionen in absehbarer Zeit „wegzumissionieren“. Deshalb stellt sich die Frage des Dialogs heute in völlig anderer Weise und Dringlichkeit als auf der Weltmissionskonferenz 1913 in Edinburgh.  
     
  Heute gibt es zum Dialog zwischen den Religionen keinerlei Alternative. Der Dialog zwischen den Religionen ist notwendig, aus politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Gründen. Das lehrt die heutige Weltsituation. Der Dialog ist unumgänglich, ob es uns passt oder nicht. Er ist eine unabweisbare Herausforderung für uns alle.[2]Es geht jedoch nicht nur um eine Notwendigkeit. Der Dialog kann ja auch Freude und Gewinn bringen. Er kann uns alle bereichern. Es gibt, Gott sei Dank, viele positive Gründe für den Dialog. Allerdings ist der Dialog auch eine Frage der Bildung und der menschlichen Aufgeschlossenheit. Viele Menschen haben Angst vor dem Dialog. Er bringt auch Verunsicherung mit sich. Nicht nur ich frage den Anderen. Der Andere fragt auch mich. Entscheidend ist deshalb in der heutigen Weltsituation die Notwendigkeit des Dialogs angesichts der Gefährdungen und Herausforderungen unserer Zeit. Unsicherheit und Angst dürfen den Dialog nicht verhindern, so verständlich sie auch sein mögen.  
     
  2. Hinweise zum Dialog der Religionen  
     
  Im Dialog der Religionen kann es nicht darum gehen, eine „Welteinheitsreligion“ zu schaffen. Das ist weder realisierbar noch erstrebenswert. Ziel des Dialogs kann es auch nicht sein, das Profil der bisherigen Religionen zu verwässern und Religionsvermischung (Synkretismus) zu betreiben. Dialog bedeutet natürlich auch nicht, dass man den eigenen Standpunkt aufgeben muss. Im Gegenteil: Wenn man keinen eigenen religiösen Standpunkt hat, lohnt sich kein Dialog. D.h. der eigene Standpunkt ist eine Voraussetzung des Dialogs. Ein Dialog braucht sowohl Aufgeschlossenheit, Toleranz und Zuhörfähigkeit als auch Mut, Standfestigkeit und Selbstbehauptung. Standfestigkeit und Selbstbehauptung sind also durchaus legitime und notwendige Tugenden des Dialogs.  
     
  Der tolerante Dialog mit anderen Religionen fällt vor allem den Offenbarungsreligionen  schwer. Damit sind die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam gemeint. Warum ist der tolerante Dialog für Vertreter dieser Religionen besonders schwierig? Weil diese Religionen ein personales Gottesverständnis haben.[3] Gott ist nach Auffassung dieser Religionen eine Person, mit einem Willen und mit einem Anspruch. Deswegen machen die Gläubigen dieser Religionen die Erfahrung, dass sie unter einem persönlichen Anspruch stehen, den Anspruch, den der persönliche Gott auf sie hat. Man kann auch sagen: die Gotteserfahrungen führen die Gläubigen dieser Religionen in einen Bund mit Gott. In diesem Bund kann ich nicht leben ohne Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes.  
     
  Was ist eigentlich eine „Offenbarung“? Eine Offenbarung ist eine Art von Erlebnis, die im Grunde alle Menschen kennen. Ein Offenbarungserlebnis ist ein Erschließungserlebnis bzw. eine Entdeckung. Musiker, Künstler oder Wissenschaftler kennen diese Erfahrung. Es gibt Dinge, die kann ich nicht von mir aus organisieren oder erzwingen. Ich kann sie mir nicht durch gezielte Wahrnehmung oder durch gezieltes Denken systematisch zugänglich machen. Es gibt Dinge, die sich meinem Zugriff entziehen. Sie müssen sich mir erschließen. Ich kann sie mir nicht in eigener Kraft aneignen und erobern. Die besten künstlerischen und wissenschaftlichen Eingebungen kann man nicht einfach machen. Künstler und Wissenschaftler wissen, dass sie in ihren größten Entdeckungen – bei allem Fleiß - letztlich beschenkt worden sind. Wenn sich ein solches Entdeckungserlebnis auf Gott bezieht und Gott zum Inhalt hat, dann spricht man von einer „Offenbarung“. Die „Offenbarungsreligionen“ gehen davon aus, dass Gott sich im Laufe der Geschichte in grundlegender Weise „offenbart“ (vorgestellt) hat. Insofern kann man die Offenbarungsreligionen auch als Geschichtsreligionen bezeichnen. - Ich will im Folgenden den Dialog zwischen den Religionen nicht leichter darstellen, als er tatsächlich ist. Niemand soll sich Illusionen machen. Außerdem möchte ich möglichst viele von denen für den Dialog gewinnen, die fest im Christentum gegründet sind und die Chancen eines Dialogs ziemlich skeptisch beurteilen.  
     
  Wenn ich als Christ eine Gotteserfahrung mache, die mich verbindet mit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus, dann spüre ich in dieser Erfahrung einen Anspruch, den Gott auf mein Leben hat. Ich spüre, dass ich diesem Anspruch Raum geben, mein ganzes Leben und Herz öffnen soll. Andernfalls würde ich Gott nicht wirklich ernst nehmen, sein Gottsein nicht anerkennen (ehren). Denn nicht ich bestimme die Offenbarung, sondern die Offenbarung bestimmt mich. In einer Gotteserfahrung spüre ich, dass ich nicht mehr spielerisch und unverbindlich zu Gott auf Distanz gehen kann. Ich kann Gott gegenüber nicht mehr neutral bleiben. Diesen inneren Verpflichtungscharakter einer christlichen Gotteserfahrung müssen wir ernst nehmen. In ihr wird Jesus Christus für mich einzigartig und verbindlich. In diesem Sinn ist das Wort Jesu zu verstehen, das im Johannesevangelium steht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“(Joh 14,6). An anderer Stelle heißt es: „Niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem der Sohn es will offenbaren“ (Mt 11,27). Der Apostel Petrus sagt: „Es ist in keinem andern Namen Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Völkern gesetzt, dadurch sie sollen selig werden, als der Name Jesus“(Apg 4,12). Das sind grundlegende Zitate aus dem Neuen Testament. Sie könnten leicht vermehrt werden. Die „Barmer theologische Erklärung“, eine gemeinsame Erklärung der Lutheraner und der Reformierten aus der Zeit des Nationalsozialismus (1934), formuliert: „Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, neben dem es kein anderes gibt, auf das die Christenheit verbindlich zu hören hat“. Auch die Rede von dem „eingeborenen Sohn“ (Joh 3,16) meint: Jesus Christus ist der einzige Sohn Gottes, neben dem es keinen anderen gibt. Es geht bei solchen Sätzen und Bekenntnisaussagen nicht nur um einzelne Bibelstellen. Das gesamte Neue Testament vertritt die Überzeugung: In Jesus Christus ist nicht nur einer von vielen Wegen  zu Gott erschlossen worden, sondern der Weg zu Gott. Diesen Anspruch Gottes in seiner Offenbarung in Jesus Christus, kann ich als Christ nicht ignorieren und aufgeben, ohne mein Christsein aufzugeben,  ohne das zu verleugnen, was ich erfahren habe. Ein solches Verleugnen kann niemand von mir erwarten oder sogar verlangen. In einem „Dialog“, der diese Bezeichnung verdient, verlangt das auch niemand. Ich muss allerdings wissen: das gleiche Recht zu den eigenen Glaubensgrundlagen zu stehen, haben auch alle anderen Dialogpartner.  
     
  Im Judentum gilt: „Ich bin der Herr dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Erstes Gebot der Zehn Gebote). Im Islam gilt: „Allah ist der einzige Gott“. Vergötze nichts anderes auf der Welt, denn nur einer ist Gott. Das ist die gemeinsame Überzeugung aller drei monotheistischen Offenbarungsreligionen. Doch auch in den anderen Religionen gilt: wenn ich die tiefsten Grundlagen meines Lebens erfahre, das was mir letzten Halt gibt im Leben und Sterben, dann ist in dieser Erfahrung ein tiefer Anspruch enthalten, etwas Heiliges. Es darf in einem Dialog für keinen Dialogpartner darum gehen, diesen Anspruch - den nicht ich habe, sondern den die religiöse Erfahrung mit sich bringt - aufgeben zu müssen. Es ist ja nicht einfach mein Anspruch, sondern der Anspruch von etwas Größerem an mir.  
     
  Es kann deshalb in einem Dialog keinen Absolutheitsanspruch einer bestimmten Religion geben, auch nicht des Christentums. Nach Auffassung des Neuen Testaments gibt es zwar einen Absolutheitsanspruch Jesu Christi, aber keinen Absolutheitsanspruch des Christentums. Das ist ein großer Unterschied. Den Absolutheitsanspruch Jesu Christi kann die Kirche und das Christentum nicht in ihre bzw. seine Regie nehmen und „verwalten“. Diesen Anspruch „verwaltet“ nur Jesus Christus selbst. Man darf den Anspruch, den nach biblischem Zeugnis Jesus Christus erhebt, nicht der Verfügungsmacht der Kirche überlassen. Nicht das Christentum ist die Wahrheit, sondern Jesus Christus. Er sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Er sagt nicht: „Ich lehre euch die Wahrheit“ oder: „Ich übergebe euch die Wahrheit“. Diese Wahrheit, die Jesus Christus in Person ist, steht nach biblischem Verständnis auch dem Christentum als eine kritische Wahrheit gegenüber. Man kann nicht pauschal sagen: das Christentum ist die wahre Religion, alle anderen Religionen sind falsche Religionen. So hat man leider lange Zeit in der Kirche gelehrt. Das Christentum ist ja in sich selbst zerstritten und zersplittert in Gruppierungen und Richtungen, die sich gegenseitig das Leben schwer machen. Mitten im Christentum gibt es Wahres und Falsches. Selbst das Aufsagen eines christlichen Glaubensbekenntnisses garantiert nicht, dass wir in der Wahrheit sind. Auch wir Christen haben die Wahrheit nicht in der Hand und nicht gepachtet. Wir müssen uns immer wieder selbstkritisch prüfen. Die Grenze zwischen wahrer und falscher Religion geht durch alle Religionen mitten hindurch. Es gibt keine unschuldige Religion. Alle Religionen haben Stärken und Schwächen. Alle Religionen haben auch eine Schattenseite. Damit sind jene Dinge gemeint, die schief gegangen und missraten sind. Alle Religionen haben Fehler gemacht. Wenn nach biblischer bzw. christlicher Auffassung Jesus Christus selbst die Wahrheit in Person ist, dann ist das Christentum nur in so weit in der Wahrheit, als es von Jesus Christus geleitet wird und in seinem Geist lebt. Die christliche Gotteserfahrung macht mich zwar gewiss, doch das ist keine Selbstgewissheit, auch keine Wissens-Gewissheit (keine dogmatische Gewissheit). Es ist vielmehr eine Gewissens-Gewissheit, nämlich die Gewissheit: Ich bin von Gott geliebt. Ich bin angenommen. Ich bin bejaht von der Person, die die Wahrheit ist. Aber welches Recht sollte ich deshalb haben, das Angenommensein und Geliebtsein anderen Menschen in anderen Religionen in Abrede zu stellen? Welches Motiv könnte mich zu so einem Urteil veranlassen?  
     
  Wenn wir im Dialog der Religionen weiterkommen wollen, müssen wir als Erstes wissen: es darf nicht die Absicht des Dialogs sein, meine eigene Glaubensüberzeugung, oder die Glaubensüberzeugung eines Anderen in Zweifel zu ziehen. Ich brauche die Treue zu mir selbst und zu meiner religiösen Identität nicht aufzugeben. Das wäre ein falsches Verständnis von Dialog. Es kann in einem Dialog deshalb durchaus mehrere konkurrierende Exklusivansprüche geben. Das muss von allen Dialogteilnehmern akzeptiert werden. Jeder darf davon überzeugt sein, dass seine Religion die Beste ist, dass er durch Gottes Hilfe den wahren Weg zu Gott gefunden hat. Jeder darf für sich davon ausgehen: Die Tora ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Der Koran ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für mich ist Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. In der inneren Erfahrung des Herzens spüre ich diesen Exklusivanspruch meiner Offenbarungsquelle und brauche diesen Anspruch nicht aufzugeben und nicht zu leugnen. In der Außenwahrnehmung - ich bin ja nicht nur Christ, sondern auch Staatsbürger und Weltbürger - muss ich aber zugeben: Es gibt in der Welt mehrere konkurrierende religiöse Exklusiv-Ansprüche. Es muss für glaubende bzw. religiöse Menschen möglich sein, sich auf diese neutrale Ebene zu stellen. Ein gläubiger Mensch muss lernen, dass er nicht nur Glaubender ist, sondern auch Weltbürger, der mit anderen Weltbürgern friedlich zusammenleben soll. Die engagierte Innenwahrnehmung und die neutrale Außenwahrnehmung widersprechen sich nicht. Sie haben beide ihr gutes Recht. Wir müssen um des Friedens willen lernen, diese beiden Ebenen zu unterscheiden.  
     
  3. Drei Sackgassen im Umgang der Religionen miteinander  
     
  Der Dialog zwischen den Religionen kann nur gedeihen, wenn wir es lernen, Sackgassen zu vermeiden:  
     
  Die erste Sackgasse besteht darin, dass eine Religion einen Absolutheitsanspruch erhebt. Ich habe vorhin für uns Christen betont: nach dem Zeugnis des Neuen Testaments erhebt nur Jesus Christus selbst einen Absolutheitsanspruch. Dieser Absolutheitsanspruch Jesu Christi liegt nicht in der Verfügungsmacht der Kirche oder des Christentums. Nur Jesus Christus selbst steht dieser Anspruch zu, nicht uns Christen. Wir sind nicht Jesus Christus. Wir können und müssen es Jesus Christus zutrauen, dass er seinen Anspruch auf seine Weise in die Tat umsetzt. Ich weiß nicht, wie er das macht. Niemand weiß das. Das ist seine Sache und nicht meine bzw. unsere. Wir dürfen und müssen es Jesus Christus zutrauen, dass er seinen Anspruch auf eine Art und Weise erfüllt, die wir in der Zeit unseres irdischen Lebens nicht durchschauen. Ein religiöser Absolutheitsanspruch in dem Sinn, dass eine Religion von sich sagt: Ich bin die einzige richtige Religion und ihr anderen seid alle falsche Religionen, macht einen Dialog unmöglich. Ein solcher autoritärer Anspruch ist eine schwere Belastung für den Frieden. Es gab 1984 eine Missionskonferenz evangelikaler christlicher Gemeinschaften. Dort wurde erklärt: Der Islam ist eine dämonische Verführung. Er hat ein aus menschlicher Erkenntnis  - nicht aus Offenbarung -  geborenes, verzerrtes Gottesbild. Man muss vor dem Islam auf der Hut sein. Von einer solchen Position aus ist kein Dialog möglich. Im Abqualifizieren, Aburteilen und Karikieren Anderer gedeiht kein Dialog. Dialog kann auch nicht bedeuten: sich auf die Schwachstellen des Anderen zu konzentrieren und die eigenen Stärken herauszukehren. Wer das macht, erzeugt Ärger und Ängste und verhindert Dialog und Freundschaft. Eine religiöse Ideologie, die eine Freundschaft zwischen den Religionen von vornherein und prinzipiell für unmöglich erklärt, ist hochproblematisch und eine Gefahr für den Frieden. Dialog und Freundschaft zwischen den Religionen sind nur möglich, wenn ich zunächst einmal die religiöse Identität des Anderen aufrichtig akzeptiere, die aus seinen religiösen Grunderfahrungen erwächst.  
     
  Die zweite Sackgasse im Dialog der Religionen besteht in folgender Überzeugung: Wir werden die eigentliche, letztgültige religiöse Wahrheit sowieso nicht herausfinden. Deshalb sollten wir davon ausgehen: alle Religionen haben irgendwie gleich recht. Es lohnt sich nicht, die alles entscheidende Wahrheitsfrage zu stellen. Alle Religionen basieren in ähnlicher Weise auf derselben geheimnisvollen, rational nicht erhellbaren mystischen Grunderfahrung. – Diese relativistische Haltung ist sachlich sehr problematisch und für den Dialog zwischen den Religionen unproduktiv und vernebelnd. Die Behauptung, die mystische Grunderfahrung sei in allen Religionen letztlich die gleiche, ist pure Spekulation. Soweit man diese Frage überhaupt wissenschaftlich erforschen kann, zeigen sich durchaus Unterschiede in der Art der mystischen Erfahrung bzw. ihrer Deutung und Verarbeitung. Eine nicht gedeutete Erfahrung gibt es – streng genommen – nicht. Es gibt keine Erfahrung „pur“, vor jeder Deutung, oder unabhängig von jeder Deutung. Deshalb hat es keinen Sinn, zu behaupten, die religiösen Grunderfahrungen seien letztlich stets die Gleichen. Die Religionen werden sich in dieser Behauptung nicht wiederfinden. Ich werde eine mystische Erfahrung z.B. anders erleben und deuten, je nachdem, ob ich eine persönliche Gottesvorstellung habe oder nicht. Die Wahrheitsfrage sollte nicht generell aus dem interreligiösen Dialog ausgeklammert werden. Das gäbe dem Dialog von vornherein einen harmlosen und übervorsichtigen (ängstlichen) Charakter, nach dem Motto: wenn es wirklich brisant wird, brechen wir den Dialog lieber ab. Natürlich kann man den Dialog nicht mit der Wahrheitsfrage beginnen. Es bedarf zunächst einer ausgiebigen Phase des Kennen- und Verstehenlernens. Je näher sich dann der Dialog der Wahrheitsfrage nähert – der Ebene der sachlichen Stellungnahmen und Bewertungen –, desto wichtiger wird die wohlwollende und freundschaftliche, zumindest aber respektvolle Gesprächsatmosphäre. Unter Freunden kann man über manches reden, was man mit Gegnern und Feinden nicht besprechen kann. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir die Wahrheitsfrage „objektiv“ und im Konsens lösen werden, wenn wir nur lange genug dialogisieren. Es ist schon sehr viel erreicht, wenn wir miteinander klären können, wo es in der Wahrheitsfrage Gemeinsamkeiten, Unterschiede und eventuell auch Gegensätze gibt. Vielleicht gelingt es wenigstens, Kriterien zu formulieren, die für eine überzeugende Antwort auf die Wahrheitsfrage gelten. Der Hauptgewinn eines Dialogs besteht darin, sich besser zu verstehen, Gemeinsamkeiten zu erkennen, Vorurteile und Feindbilder abzubauen, mit den Unterschieden und Gegensätzen sachlich fair und ohne Angst umgehen zu lernen und so fähig zu werden zu einer friedlichen und freundschaftlichen Nachbarschaft.  
     
  Die dritte Sackgasse im Dialog der Religionen ist die Umarmungsstrategie. Sie ist die gegenteilige Sackgasse zu der Sackgasse des Absolutheitsanspruchs. Der Absolutheitsanspruch ist die spezifische Gefahr der monotheistischen Religionen, da sich die Gläubigen dieser Religionen durch den Anspruch eines persönlichen Gottes am ehesten veranlasst sehen können, Absolutheitsansprüche zu erheben. Die „Umarmungsstrategie“ dagegen ist die spezifische Gefahr der indischen Religiosität. Ich habe sie mehrfach erlebt in Gesprächen mit hinduistisch beeinflussten oder geprägten Gesprächspartnern. Die Umarmungsstrategie funktioniert nach folgendem Strickmuster: Jesus war ohne Zweifel eine Inkarnation des Göttlichen. Mohammed war ohne Zweifel auch eine Inkarnation des Göttlichen, Mose natürlich auch. Alles, was Jesus, Mohammed und Mose erlebt und gesagt haben, ist in der mystischen Grunderfahrung der indischen Religion schon enthalten. In diese mystische Erfahrung kann man alles Andere integrieren. – Diese religiöse „Umarmung“ ist in Wirklichkeit sehr intolerant. Man darf sich darüber nicht täuschen lassen. Diese Art der Umarmung nimmt die Selbsteinschätzung der anderen Religionen nicht wirklich ernst. Ich sehe meine christliche Gotteserfahrung keineswegs als „Vorstufe“ oder „Teilmoment“ einer umfassenden asiatischen Spiritualität. Da fühle ich mich nicht verstanden und nicht ernstgenommen. Ich möchte, bitteschön, nicht so vereinnahmt werden. Ich möchte in meiner religiösen Identität ernstgenommen und akzeptiert werden. Die Umarmungsstrategie: „Alle können Heimat finden in unseren universalen mystischen Erfahrung“, wird den monotheistischen Geschichtsreligionen nicht gerecht und nimmt diese Religionen nicht ernst. Deshalb handelt es sich bei dieser Strategie keineswegs um einen „Dialog“, sondern um eine dialogfeindliche Sackgasse.  
     
  4. Wie kann der Dialog zwischen den Religionen gelingen?  
     
  Im Dialog zwischen den Religionen kommen wir nur dadurch weiter, dass alle Religionen selbstkritisch werden. Das ist der erste und unerlässliche Schritt. Die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik ist die wichtigste Tugend im interreligiösen Dialog. Jeder Dialogpartner muss zugeben lernen: Auch meine Religion hat Fehler gemacht, hat eine Schattengeschichte (im Christentum: Hexenverbrennung, Inquisition, Kreuzzüge, Zwangsmission, Sklaverei, Faschismus usw.). Ohne Bereitschaft zur Selbstkritik ist kein Dialog möglich. Es geht dabei um die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit: keine beschönigenden Geschichtsdarstellungen der eigenen Religion mehr. Keine Schönfärberei im Blick auf die eigene Religion, keine Schwarzfärberei im Blick auf eine andere Religion. Die Kreuzzüge der Christen waren für Muslime in der Tat ein Schock, der bis heute angehalten hat. Die Eroberung Jerusalems durch die christlichen Kreuzritter (1099 n.Chr.) war verbunden mit einem Massenmord an Muslimen. Andererseits gab es aber auch militärische Eroberungszüge vonseiten des Islam über Nordafrika bis nach Europa hinein. Erst kurz vor Paris konnte dieser militärische Angriff des Islam auf Europa gestoppt werden (732 n.Chr. durch den Sieg Karl Martells bei Poitiers). Das war ebenfalls ein Schock, dieses Mal für die Christen. Durch diesen Schock formierte sich Europa. Karl der Große ist in seiner europäischen Wirkung undenkbar, ohne die vorhergehende Bedrohung Europas durch den Islam. Die muslimischen Eroberungen in Nordafrika und Spanien haben dazu geführt, dass das „christliche Abendland“ sich seiner selbst bewusster wurde. Es entspricht nicht der Wahrheit, wenn man den Geschichtsrückblick erst bei den Kreuzzügen beginnt und auf sie beschränkt, so schlimm sie für die muslimische Welt tatsächlich waren. Man muss die Geschichte ehrlich und umfassend aufarbeiten. Dazu braucht man auf allen Seiten die Bereitschaft zur Selbstkritik und Selbstkorrektur.  
     
  Eine zweite wichtige Erkenntnis, die uns im Dialog zwischen den Religionen weiterbringen wird, ist folgende: Religiöse Zwecke heiligen nicht die Mittel. Auch aus tiefer religiöser Überzeugung heraus kann ich nicht einfach alles tun, was ich für angebracht halte. Die Berufung auf Gott ist kein Alibi. Man kann sich auch in falscher Weise auf Gott berufen und zwar in jeder Religion. Auch unter Berufung auf eine Heilige Schrift darf ich kein Unrecht tun. In diesem Fall missbrauche ich Gott, oder eine Heilige Schrift als Mittel zum Zweck. Und dagegen müssen sich in Zukunft alle Religionen wehren. Dieser Missbrauch muss als Missbrauch offen gelegt und bei Namen genannt werden.  
     
  Gibt es Chancen, dass wir im interreligiösen Dialog in Zukunft wirklich voran kommen? Für den christlichen Teil habe ich schon klargestellt, dass ich durchaus die Möglichkeit sehe – auch wenn für uns Christen niemand anders als Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist -, die anderen Religionen zu respektieren, sie in ihrem Selbstanspruch zu achten und von ihnen zu lernen. Wir müssen einsehen, dass die Kirche nicht das Reich Gottes ist. Das Reich Gottes ist mehr als die Kirche. Und der Heilige Geist weht wo er will, nicht wo wir wollen. Woher wollen wir wissen, dass wenn ein Mensch auf dieser Welt sich geliebt, getröstet und bejaht weiß, dabei nicht auf verborgene Weise Jesus Christus im Spiel ist? Welcher Christ darf das ausschließen? Ich traue Jesus Christus diesbezüglich viel zu. Aber ich kenne seine Mittel und Wege nicht. Diese Bescheidenheit im Blick auf das eigene Erkenntnisvermögen eröffnet Spielräume für die uns unbekannten Mittel und Wege Gottes.  
     
  Hat auch das Judentum die inneren Möglichkeiten zum interreligiösen Dialog? Davon können wir ausgehen. Das Alte Testament beginnt mit der Urgeschichte (Genesis 1-11). Diese ersten elf Kapitel stehen allen anderen Kapiteln der Bibel voran. In Gen 1 werden alle Menschen dieser Erde als Geschöpfe und Ebenbilder Gottes gesehen. Alle Menschen - Muslime, Hindus, Buddhisten - sind Ebenbilder Gottes! In Gen 9 macht Gott mit Noah einen Bund. Aus den drei Söhnen Noahs entsteht nach Gen 10 die ganze Menschheit. Alle Menschen sind demnach Kinder Noahs. Ihnen allen gilt Gottes Bund mit Noah. Das Judentum anerkennt: wenn Menschen die noahitischen Gebote halten (das sind einige wenige Gebote in Gen 9), können sie als Gerechte gelten, unabhängig davon, ob sie Juden sind oder nicht. Es gibt im Judentum nicht die Theorie, die es lange Zeit im Christentum gab: außerhalb der Kirche kein Heil. Das Judentum, auch das orthodoxe Judentum, hat nie gelehrt: außerhalb des Judentums kein Heil. Hiob, der wie kein anderer als „gerecht“ gilt (vgl. Hi 1,1-2,10), war kein Israelit. Er kommt aus dem Land Uz. Oder denken wir an Abraham: in Abraham werden alle Menschen und alle Völker gesegnet. Abraham ist nicht nur der Segensmittler Israels, sondern der Segensmittler der Menschheit.  
     
  Zum Schluss noch ein Wort zum Dialog des Judentums und des Christentums mit dem Islam. Eine der interessantesten Aufgaben für die künftige Bibelauslegung ist die Beantwortung folgender Frage: Welche Rolle spielt Ismael im Alten Testament (vgl. Gen 16-17; 21 und 25)? Abraham gilt in allen drei monotheistischen Weltreligionen als der „Vater des Glaubens“. Abrahams erstgeborener Sohn hieß Ismael nicht Isaak. Mutter dieses Sohnes war die ägyptische Sklavin Hagar. Als Hagar von Abraham schwanger war, floh sie in die Wüste, weil Abrahams Ehefrau Sarah sie unerträglich hart behandelte. Sarah ihrerseits war deshalb so hart zu Hagar geworden, weil diese – als sie merkte, dass sie von Abraham schwanger war – ihr nicht mehr den üblichen Respekt entgegenbrachte. Der „Engel Gottes“ kam Hagar in der Wüste zu Hilfe, kündigte ihr ausdrücklich die Geburt eines Sohnes an, nannte den Namen des Sohnes und gab ihr eine Verheißung: „Geh zurück zu deiner Herrin und ertrage ihre harte Behandlung. Deine Nachkommen will ich so zahlreich machen, dass man sie nicht zählen kann. Du bist schwanger. Du wirst einen Sohn gebären und ihn ‚Ismael‘ (Gott hat gehört) nennen. Denn Gott hat auf dich gehört in deinem Leid“ (Gen 16,9-11). Als Ismael dreizehn Jahre alt war, wurde Abraham zum Zeichen des Bundes mit Gott beschnitten. Am gleichen Tag beschnitt Abraham auch seinen Sohn Ismael (Gen 17,23-26). Ismael gehört damit auf irgendeine Weise in das Bundesgeschehen zwischen Gott und Abraham mit hinein. Auch Ismael hat ja das Zeichen des Bundes erhalten. Vor der Beschneidung gab Gott Abraham eine ausdrückliche Verheißung für Ismael: „Auch was Ismael angeht, erhöre ich dich. Ja, ich segne ihn. Ich lasse ihn fruchtbar und sehr zahlreich werden. Zwölf Fürsten wird er zeugen und ich mache ihn zu einem großen Volk“ (Gen 17,20-22). Zum Zeitpunkt der Beschneidung Ismaels gab es Isaak noch gar nicht. Er wurde erst ein Jahr später geboren. Einige Zeit, nachdem Sarah Isaak geboren hatte, verstieß sie ihre Sklavin Hagar mit ihrem Sohn Ismael noch einmal in die Wüste. Abraham war darüber bekümmert, da auch Ismael sein Sohn war. Da gab Gott Abraham noch einmal eine Verheißung im Blick auf Ismael: „Sei wegen deiner Sklavin und deines Sohnes nicht verdrossen ... Auch den Sohn der Sklavin will ich zu einem großen Volk machen, weil auch er dein Nachkomme ist“ (Gen 21,12-13). Als Hagar und ihr Sohn Ismael in der Wüste kurz vor dem Verdursten waren, wurden sie ein zweites Mal vom Engel Gottes gerettet. Dieser sprach zu Hagar: „Fürchte dich nicht! Gott hat deinen Sohn dort schreien gehört, wo er liegt. Steh auf! Nimm deinen Sohn und halte ihn fest an deiner Hand. Denn zu einem großen Volk will ich ihn machen.“ Dann zeigte der Engel Gottes Hagar und Ismael einen Brunnen, der sie vor dem Verdursten rettete (Gen 21,14-19). Der Bibeltext fährt fort: „Gott war mit dem Knaben. Er wuchs heran, ließ sich in der Wüste nieder und wurde ein Bogenschütze. Er ließ sich in der Wüste Paran nieder, und seine Mutter gab ihm eine Frau aus Ägypten“ (Gen 17,20-21). Die zwölf Söhne Ismaels sind genauso ein Ausdruck des Segens, wie die zwölf Söhne Jakobs. Die zwölf Stämme, die aus den zwölf  Söhnen Ismaels hervorgingen, siedelten nach Gen 25,12-18 „von Hawila bis Schur“. Damit ist ungefähr das Gebiet des heutigen Saudi-Arabiens gemeint. In der späteren assyrischen Reichschronik werden diese Stämme als „arabische“ Stämme bezeichnet. Es gibt historische Indizien dafür, dass diese „Ismaeliten“ tatsächlich mit den späteren „Arabern“ verwandt sind. Mohammad stammt aus der Sippe Quraisch. Diese Sippe leitet sich direkt von Ismael her. Mohammad war davon überzeugt, ein Nachfahre Ismaels zu sein.  
     
  Wir stehen also vor folgendem biblischen Tatbestand: Ismael ist der erstgeborene Sohn Abrahams mit speziellen Verheißungen, ein gesegneter und beschnittener Sohn. Bei der Beerdigung Abrahams ist Ismael noch einmal anwesend. Isaak und Ismael beerdigen ihren gemeinsamen Vater gemeinsam in der Höhle bei Mamre (Gen 25,9). - Was bedeuten diese Ismael-Texte der Bibel für den Dialog mit dem Islam? Diese Frage wird noch zu selten gestellt. Eine Antwort auf diese Frage steht noch aus.  
     
  Der Islam anerkennt Mose und Jesus als Propheten. Er stuft Juden und Christen nicht als „Ungläubige“ ein. Juden und Christen sind zwar nach dem Koran nicht im vollen Licht der Erkenntnis. Es wäre nach dem Koran besser, sie würden sich zum Islam bekehren. Aber wenn sie das nicht tun, dann genügt für sie die Offenbarung, die sie aus ihren biblischen Quellen haben. Das ist zumindest die Auffassung in mehreren Suren des Korans. Jesus ist gemäß dem Koran der größte Prophet nach Mohammed. Laut koranischer Überzeugung hebt die Offenbarung des Koran die früheren Offenbarungen Gottes nicht etwa auf. Der Koran erklärt die biblischen Offenbarungen nicht für überholt oder ungültig, sondern er bestätigt und überbietet sie. Ich möchte zum Schluss einen wichtigen Text aus dem Koran  zitieren. Er ist die Schlüsselstelle für muslimische Toleranz. Es handelt sich um Sure 5,48: „Für jeden von euch (gemeint sind die Vertreter der drei großen Weltreligionen: Judentum, Christentum und Islam) haben wir ein eigenes Brauchtum und einen eigenen Weg bestimmt. Wenn Allah gewollt hätte, dann hätte er euch zu einer einzigen Gemeinschaft machen können. Aber er teilte euch in verschiedene Gemeinschaften auf und wollte euch so - in dem, was er euch an Offenbarung gegeben hat - auf die Probe stellen.“ Die Tatsache, dass es drei monotheistische Weltreligionen gibt, ist also nach dieser Sure keineswegs negativ zu bewerten. Im Gegenteil: Dieser Tatbestand entspricht dem Willen Allahs. Alle drei Weltreligionen stehen unter einer Art „Probe“ Gottes. Sie lautet: „Wetteifert miteinander im Guten. Zu Gott werdet ihr dermaleinst allesamt zurückkehren. Dann wird er euch Kunde geben über das, worüber ihr im Diesseits uneins gewesen seid“ (ebd.). Wenn Gott gewollt hätte, dann hätte er eine einzige Weltreligion schaffen können. Er hat es nicht getan. Dafür stellt er die Religionen auf die Probe: „Wetteifert im Guten.“ Welche Religion praktiziert mehr Nächstenliebe, mehr Gastfreundschaft, mehr Hilfe in der Not, mehr Verlässlichkeit, mehr Frieden? Das ist eine Frage, die der Koran an die drei monotheistischen Weltreligionen richtet. Ich halte diese Frage für berechtigt und für produktiv. Gerade weil sich die Wahrheitsfrage unter irdischen Bedingungen – vor unserem Tod – nicht objektiv und im Konsens lösen lässt, ist es sinnvoll, die ethische Seite der Religionen zum Prüfstein zu nehmen. Jesus sagt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,16). Was würde zwischen Juden, Christen und Muslimen geschehen, wenn sie nach dem Grundsatz miteinander umgehen würden: „Wetteifert im Guten“! Ist das nicht ein Weg, den wir miteinander gehen können und sollen, ein Weg, der sich für uns alle lohnt?  
     
     
 
 
   
  *Dr. Siegfried Zimmer ist Professor für Evang. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg.  
     
 
 
     
 

[1]  Da es sich beim folgenden Text um einen Vortrag handelt, den ich bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten habe („Nachteulengottesdienst“ in der Ludwigsburger Friedenskirche, „Glasperlenspiel“ in Asperg u.a.) habe ich in den Anmerkungen auf detaillierte Bezüge zur Fachliteratur verzichtet. Grundsätzlich waren vor allem zwei Veröffentlichungen für mich von größerer Bedeutung: Hans Küng, Projekt Weltethos, München 20038; Karl-Josef Kuschel, Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt und was sie eint, Düsseldorf 2001 (Sonderausgabe).

[2] Damit will ich keineswegs sagen, dass die missionarischen Bemühungen der christlichen Kirchen nicht mehr legitim sind und beendet werden sollten. Die christliche Kirche hat auch weiterhin einen missionarischen Auftrag (vgl. z.B. Mt 28,16-20 u.a.). Eine Kirche, die nicht mehr missionarisch ist, ist nicht mehr die Kirche Jesu Christi. Mission gehört in allen Zeiten zum Wesen der Kirche. Allerdings sind der Begriff und die Sache der „Mission“ durch jahrhundertelange Fehlformen schwer belastet. Diese Fehlformen müssen kritisch aufgearbeitet werden. Das kann aber nicht bedeuten, den missionarischen Charakter des christlichen Glaubens grundsätzlich zu leugnen. Eine andere Frage ist, ob man für diesen Sachverhalt einen neuen und unbelasteten Begriff wählen sollte. Wie immer man sich in dieser Frage entscheiden mag: auch diejenigen Christen, die sich mit gutem Grund für Mission und Evangelisation engagieren, müssen sich darüber klar werden, dass dieses Engagement heute kein Ersatz für den ebenfalls dringend notwendigen Dialog zwischen den Religionen sein kann. Diese beiden Aufgaben dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Abzulehnen ist eine Haltung, die sich für andere Menschen, Kulturen und Religionen lediglich aus missionarischem Blickwinkel interessiert. Ein spezielles Thema ist für uns Christen die Frage einer „Judenmission“. Hier müssen aus historischen und theologischen Gründen besondere Umstände berücksichtigt werden. Die jüdische Religion ist für uns Christen nicht irgendeine Religion. Sie ist und bleibt unsere eigene Wurzel. Deshalb liegt hier ein besonderer, einzigartiger Fall vor. Im Rahmen dieses Beitrags kann ich darauf leider nicht näher eingehen.

[3]  Ich konzentriere mich im Folgenden in erster Linie auf den Dialog zwischen den drei monotheistischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam. Sie sind in Deutschland von besonderer Bedeutung. Diese Konzentration ist jedoch in keiner Weise als Abwertung der Dialogbemühungen mit anderen (z.B. asiatischen) Religionen gemeint. Diese Religionen bleiben durchaus mit im Blick.

 
     
 
 
     
     
a