Begegnungen zwischen Christentum und Islam in Europa. Historische Perspektiven  
 
Thomas Breuer*(07.02.2004)
 
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  1. Einleitung[1]  
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  Erinnern Sie sich auch noch an den Orientreisenden Kara Ben Nemsi und seinen Begleiter Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah? „Durch die Wüste“ und „Durchs wilde Kurdistan“ führte uns Kinder der Schöpfer Winnetous und all der anderen fantastischen Gestalten, und so wie ich hatten wohl viele ihre erste Begegnung mit dem Islam durch die Bücher von Karl May. Ich kann mich gut daran erinnern, dass die Welt des Orients eine eigenartige Faszination auf mich ausübte und dass ich den Namen Hadschi überaus lustig fand, weil mir zunächst nicht klar war, dass sich hinter dieser Bezeichnung ein Mekka-Pilger verbarg. Vor einiger Zeit las ich nun in der Süddeutschen Zeitung (7.9.1999), dass ein ägyptischer Germanist, Shaker Ahmed El-Rifai, eine Doktorarbeit über das Bild des Islam und der Muslime in den Werken Karl Mays verfasst hat. Das Ergebnis der Untersuchung ist nicht überraschend, gleichwohl aber bezeichnend: Die immerhin zwölf  May-Bände, die im Orient spielen, wimmeln nur so von Pauschalurteilen. Da lernt man, dass dem Araber nie zu trauen ist, dass er stinkt, korrupt und verschlagen ist, dass die Frauen im Islam keine Seele haben, dass Mohammed eine krankhafte Phantasie gehabt und die Koransuren nach Haschischgenuss erträumt hat. Das Lieblingswort des Karl-May-Arabers ist „Kismet“: alles scheint vorherbestimmt und durch Menschen nicht zu beeinflussen. Wie gut, dass Kara ben Nemsi den anfangs fanatischen, aber dennoch sympathischen Muslim Hadschi Halef Omar über seine eigene Religion aufklären kann, so dass dieser zum guten Schluss ein Einsehen hat und Christ wird.  
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  So geballt wie in dieser Zusammenfassung erscheint das bei Karl May natürlich nicht. Gerade deshalb aber, weil die Stereotype in lebendige und spannende Geschichten verpackt waren, dürften sie um so wirksamer gewesen sein. Alles war so echt geschildert, als ob der Schriftsteller es selbst erlebt hätte. Dabei hatte er die Stätten, die er beschrieb, bis dahin nie gesehen. Erst später bereiste er tatsächlich den Orient - wodurch sich sein Islambild merklich aufhellte.  
   
  Karl May hat nicht nur das Islambild im Westen beeinflusst. Er ist zugleich ein Beispiel dafür, wie Islam und Christentum lange Zeit einander wahrgenommen haben: aus der Ferne, distanziert, vorurteilsgeprägt, vom eigenen Überlegenheitsgefühl getragen und doch nicht ohne Furcht vor dem Anderen.  
   
  Vor allem aber herrschte im Abendland lange Zeit nahezu totale Unkenntnis über Religion und Lebensweise der Muslime. Im Mittelalter erzählte man sich phantasievolle Geschichten über Mohammed und seine sexuelle Freizügigkeit; der angebliche Prophet sei in Wahrheit ein Zauberer gewesen, ein Ausbund von Teufelei; seinen Leichnam hätten Schweine aufgefressen, die Muslime würden zahlreiche Götzen verehren, ja sie hätten sogar eine pervertierte Trinität mit Mohammed und zwei anderen teuflischen Gestalten, hieß es im mittelalterlichen Chanson de Roland, dem Epos über den Krieg zwischen Christen und Sarazenen in Spanien. Hier ist der strenge Monotheismus des Islam wahrlich nicht mehr wiederzuerkennen.  
   
  Dass nicht nur Christen Vorurteile über den Islam hatten, sondern auch umgekehrt Muslime den abendländischen Christen mit Unverständnis begegneten, machen die Formulierungen deutlich, mit denen der muslimische Geograph Masudi die Mittel- und Nordeuropäer um die Mitte des 10. Jahrhunderts beschrieb:  
   
  „Was die Menschen des nördlichen Quadranten betrifft, so sind es diejenigen, für welche die Sonne fern vom Zenit ist... Der warme Humor fehlt ihnen; ihre Körper sind groß, ihr Charakter derb, ihre Sitten schroff, ihr Verständnis stumpf und ihre Zungen schwer. Ihre Farbe ist so extrem weiß, daß sie blau aussehen. Ihre Haut ist dünn und ihr Fleisch rau. Auch ihre Augen sind blau und entsprechen ihrer Hautfarbe; ihr Haar ist der feuchten Nebel wegen glatt und rötlich. Ihren religiösen Überzeugungen fehlt Beständigkeit, und das liegt an der Art der Kälte und dem Fehlen von Wärme. Je weiter nördlich sie sich aufhalten, desto dümmer, derber und primitiver sind sie.“  
   
  Nach diesen einleitenden Bemerkungen möchte ich nun einen Blick darauf werfen, wie in der Geschichte die Begegnung zwischen Christentum und Islam in Europa verlief. Dabei werde ich mich auf das maurische Spanien konzentrieren, anschließend aber weitere Stationen kurz ansprechen und schließlich einen Ausblick auf die Gegenwart wagen.  
   
  2. Die Mauren in Andalusien  
   
  Schon bald nach seiner Entstehung begann der Islam einen Siegeszug, der zunächst schier unaufhaltsam schien. Diese Expansion führte die Muslime über Nordafrika nach Spanien, wo sie im Jahre 711 landeten und insgesamt 780 Jahre lang blieben - bis zum Kolumbusjahr 1492.  
   
  2.1 Politische Geschichte  
   
  2.1.1 Die Westgoten  
  Durch die innere Schwäche des Westgotenreichs erwartete die muslimischen Eroberer kaum nennenswerter Widerstand. Aufgrund der seit dem 7. Jh. virulenten Judenfeindschaft [2] verstanden die Juden die arabische Invasion als Befreiung und unterstützten die Eroberer mit Hilfstruppen.  
   
  2.1.2 Die Statthalter  
  710 setzten die Berber , angeführt von Tarif, erstmals einen Fuß auf die iberische Halbinsel. Ein Jahr nach diesem Erkundigungszug begann die Eroberung unter ihrem Feldherrn Tarik (Gibraltar = Dschabal Tarik). Innerhalb von drei Jahren brachten sie ganz Spanien unter ihre Kontrolle. Seit 719 drangen sie sogar nach Südfrankreich vor. Erst dem fränkischen Heer unter Karl Martell gelang es 732 bei Poitiers den Eroberungszug zum Stoppen zu bringen. Es ist allerdings umstritten, ob es sich wirklich um eine einschneidende Niederlage handelte, da es Karl Martell nicht gelang, die arabische Festung Narbonne zu erobern. Für das Zurückweichen der Araber dürfte man folglich auch andere Ursachen verantwortlich machen, so etwa die Neigung, möglichst viel Beute mit möglichst wenig Einsatz zu machen, der Mangel an Truppen, das herannahende Ende der Omayyaden-Dynastie (750) und den großen Berberaufstand von 740/41, der dazu führte, daß die arabischen Truppen in Nordafrika und Südspanien gebraucht wurden.  
   
  Die Kämpfer der Invasionsarmeen blieben nach der Eroberung in Spanien, ließen sich nieder und heirateten. Weitere Einwanderungswellen v.a aus Syrien und aus Nordafrika folgten. In politischer Hinsicht wurden nach der Eroberung zuerst Statthalter ernannt, die dem Kalifen der Omayyaden in Damaskus entweder direkt unterstanden oder indirekt über die Statthalter im heutigen Tunesien. Diese Statthalter wechselten sehr schnell (23 in 46 Jahren). Dies hatte seinen Grund vor allem in der wechselnden Gunst der Kalifen und in inneren Kämpfen zwischen den verschiedenen Stammesföderationen und Volksstämmen.  
   
  2.1.3 Die Omayyaden in Córdoba  
  Im Jahr 750 lösten die Abbasiden die Omayyaden in Damaskus durch ein Massaker ab. Als einziger der Fürstenfamilie entrann Abdurrahman I., ein Enkel eines ehemaligen Kalifen, dem Blutbad und flüchtete nach Westen, wohl nicht zuletzt weil seine Mutter einem Berberstamm angehörte. Ihm gelang es, mit Hilfe berberischer und syrischer Truppen sowie einem Teil der südarabischen Stammesföderation die damals gerade herrschenden Nordaraber abzulösen und sich zum Herrscher über die spanischen Gebiete aufzuschwingen. Er nannte sich Emir (Befehlshaber, Herrscher, Fürst), noch nicht Kalif. Das erste Jahrhundert der Omayyadenherrschaft in Spanien war eine unruhige Zeit. Auf den ersten folgten sieben weitere Emire, die z.T. verzweifelt gegen Aufstandsversuche anzukämpfen hatten.  
   
  Unter Abdurrahman II. (822-852) erlebte das Land eine relativ lange Friedenszeit. Er wurde als großer Förderer des Geisteslebens bekannt, der zahlreiche Bücher und Gelehrte aus dem Orient ins Land holte. Bei den Christen von Córdoba kam es in dieser Zeit zu einer besonderen Art der Auflehnung. Einige von ihnen, ermuntert durch die Mönche des Klosters von Tábanos, stellten sich dem Qadi und bezeichneten öffentlich vor ihm Mohammed als einen Lügenpropheten. Dies genügte, um die Todesstrafe zu provozieren.  
     
  Exkurs: Das Zusammenleben mit Juden und Christen (Dhimmi)  
 
  Die theoretischen Grundregeln für das Zusammenleben waren durch das Gottesgesetz gegeben: Juden und Christen waren als Angehörige einer Religion des Buches berechtigt, ihre Religion weiter auszuüben und ein normales Zivilleben zu führen. Allerdings mussten sie eine Kopfsteuer entrichten (was auch dazu beigetragen haben mag, den Bekehrungseifer zu zügeln) und gewisse Vorschriften, die die Überlegenheit des Islam gewährleisten sollten, beachten: kein Neubau von Kirchen und Synagogen, kein Glockengeläut, kein Militärdienst, keine Pferde als Reittiere, keine allzu prächtigen Gewänder, keine Regierungsposten, keine Heirat muslimischer Frauen (weil diese dadurch den Ungläubigen untertan geworden wären; umgekehrt folglich möglich), keine Bekehrungsversuche zum Christentum. Diese waren bei Todesstrafe verboten. Andererseits durfte ein muslimischer Herr seinen christlichen Sklaven nicht am Besuch des Gottesdienstes hindern.
   
  In der Praxis wurden all diese Grundsätze sehr flexibel gehandhabt und viele Mozáraber (von arab. Mustarib = arabisiert) leisteten einen wesentlichen Beitrag zur hispano-arabischen Kultur. Im übrigen durften die Christen auch manches, was den Muslimen verboten war, beispielsweise Schweinefleisch essen und Wein trinken.
 
     
  Abdurrahman III. (912-961), Sohn einer fränkischen oder baskischen Kriegsgefangenen, blond und blauäugig, ernannte sich 929 zum Kalifen; er trat als religiöses und politisches Oberhaupt der spanischen Muslime auf und beendete damit die Abhängigkeit des Landes vom Osten. Mit seinem Kalifat beginnt die Blütezeit des Reiches von Córdoba als eines mächtigen, zentral regierten Staates, in dem sich eine eigene hispano-arabische Zivilisation entwickelt.  
   
  Sein Sohn, al-Hakam II. (961-976), ein großer Gelehrter, der eine riesige Bibliothek zusammenstellte, hielt das Reich aufrecht. Doch schon sein Enkel Hisham II. (976-1013) war nur noch nomineller Herrscher. Die eigentliche Macht hatte sein Kämmerer inne: Muhammed ibn Abi’l-Amir, genannt al-Mansur (der Siegreiche). Dieser unternahm zahlreiche Feldzüge nach Nordspanien und wurde dort zum Schrecken der christlichen Bewohner. Er war so mächtig, dass er seine Position an der Spitze des Reiches an seinen Sohn weitergeben konnte (1002-1008). Doch danach zerfiel die Herrschaft von Córdoba. Es begann eine Revolution, die 22 Jahre lang dauerte: Berber, arabische Aristokraten, Kommandanten von Waffensklaven bildeten Heere und zogen in wechselnden Allianzen in Córdoba ein, wo sie jedesmal ihren Kandidaten aus dem Haus der Omayyaden als ihren Kalifen (insgesamt sechs) einsetzten. Córdoba und die Kalifenstadt Medina Azahara wurden zerstört und geplündert.  
   
  2.1.4 Die Kleinreiche (Taifas) 1031-1085  
  Resultat der „Revolution“ war, dass verschiedene Machthaber in der Lage waren, sich jeweils eigene Herrschaftsgebiete zu schaffen. Alle diese Kleinkönige waren bestrebt, ihre Höfe möglichst reich und prächtig auszubauen. Viele von ihnen hatten besondere kulturelle Interessen: z.B. Dichtung in Sevilla, Astronomie und Naturwissenschaften in Toledo usw. ® Ausbreitung der Kultur über das ganze Land (bislang Konzentration in Córdoba).  
   
  Allerdings führten die Kleinkönige häufig Krieg untereinander, z.T. mit christlichen Hilfstruppen aus dem Norden. Außerdem begann die Reconquista um 1055 von León und Kastilien aus vorzudringen. Am Mittelmeer rückte Aragón vor. Die Einnahme von Toledo im Jahr 1085 durch den Herrscher von Kastilien und León, Alphons VI., führte dazu, dass die Kleinkönige sich dermaßen bedrängt fühlten, dass sie die Almoraviden in Marokko um Hilfe baten.  
   
  2.1.5 Die Almoraviden und Almohaden  
  Die Almoraviden waren Krieger aus der Sahara, fanatische Muslime. Sie trugen Schleier wie heute die Tuareg. Sie hatten sich soeben ein Großreich in Nordafrika geschaffen. In Spanien gelang es ihnen und den ihnen nachfolgenden Almohaden die Reconquista für 126 Jahre (1086-1212) zum Stillstand zu bringen; Toledo blieb kastilische Grenzstadt.  
   
  Beiden nordafrikanischen Dynastien war gemeinsam, dass sie den Christen und Juden mißtrauten; viele Christen wanderten nach Norden aus.  
   
  Im Jahre 1212 wurden die Almohaden von einer christlichen Koalition (Kastilien, Aragon, Navarra) vernichtend geschlagen. Sie mussten schrittweise zurückweichen, teilweise entstanden wieder kurzlebige Kleinreiche. Schließlich gelang es den Kastiliern, das ganze Guadálquivir-Tal mit Córdoba (1236) und Sevilla (1248) zu erobern.  
   
  2.1.6 Das Kleinreich von Granada (Nasiriden)  
  Als einziges Kleinreich hielt sich das von Granada noch ca. 250 Jahre lang. Dem Kleinkönig Muhammed Ibn Yusuf Ibn Nasir (1237-1273), genannt al-Ahmar (der Rote), war es durch eine geschickte Politik gelungen, Granada als Lehen des kastilischen Herrschers zu erhalten. Er hatte sich dafür nicht gescheut, dem kastilischen König Fernando III. Hilfstruppen für die Belagerung von Córdoba und Sevilla zur Verfügung zu stellen. Viele Muslime, die nicht unter den Christen leben wollten, flohen nach der Eroberung ihrer Städte nach Granada.  
   
  Granada trieb über seinen Hafen Malaga Handel mit Genua. In der zweiten Hälfte des 14. Jh.s kam es zu einer einzigartigen kulturellen Blüte. Jetzt wurden die wichtigsten Teile der Alhambra gebaut und eine theologische Hochschule errichtet. Erst Anfang 1492 wurde der letzte Herrscher Boabdil von den kath. Königen Fernando von Aragón und Isabel von Kastilien geschlagen.  
   
  2.2 Kultur  
   
  Die maurische Herrschaft in Spanien war eine kulturelle Blütezeit. Die Araber leisteten zahlreiche Beiträge zur Entwicklung der iberischen Halbinsel.  
   
  2.2.1 Landwirtschaft  
  In der Landwirtschaft führten sie wissenschaftlich fundierte Bewässerungssysteme und zahlreiche neue Feldfrüchte ein. An der Übernahme des arabischen Artikels „al-„ kann man heute noch den arabischen Ursprung vieler Wörter in diesem Bereich erkennen, z.B.:  
   
 
  • algodón - Baumwolle (=> Cotton)
  • arroz - Reis
  • azucar - Zucker
  • albaricoque - Aprikose
  • almendra - Mandel
  • alberca - Cisterne
 
  2.2.2 Handwerk  
  Die Araber förderten auch viele Zweige des Handwerks. Die Palette der wichtigsten Produkte reicht von Keramik über Waffen, Papier, Teppiche bis hin zu Textilien, dem wohl bedeutendsten Wirtschaftszweig. Allein in Córdoba soll es 13.000 Weber gegeben haben.  
   
  2.2.3 Handel  
  Das muslimische Spanien trieb einen intensiven Fernhandel mit dem Orient. Neben Ägypten war auch das christliche Konstantinopel ein wichtiger Handelspartner.  
   
  2.2.4 Bäder  
  Im Gegensatz zum Klischee vom schmierigen Araber gehört die Reinlichkeit für Muslime zum religiösen Leben. Die Pflege und Hygiene des Körpers sind ein religiöses Gebot des Islam. Der Ritus verlangt vor jedem Gebet Waschungen. So hatte das Bad in der muslimischen Wohnung von jeher eine große Bedeutung. Auch in den bescheidensten Häusern gab es Wannen, die man mit kaltem und lauwarmen Wasser füllte. Die wohlhabenden Familien besaßen kostspielige Bäder. Außerdem gab es öffentliche Bäder, sog. Hammam. Im Bagdad des 13.Jhdts zählte man über 5000. Aber auch das kleinste Dorf besaß neben der Moschee seinen eigenen Hammam. Im allgemeinen gehörten die Bäder einer Art Stiftung mit eigenem Personal, das für die strenge Einhaltung der Benutzungsvorschriften sorgte. Die Gläubigen sollten sich nicht allzu lange dort aufhalten, sollten dort weder Mahlzeiten einnehmen noch aus dem Koran rezitieren. Die Männer gingen meistens am frühen Morgen oder am Abend ins Bad. Der Nachmittag war den Frauen vorbehalten. Anfangs gingen in Spanien auch die Christen in die Bäder; später nahmen sie davon Abstand, da sie meinten, der Besuch des Hammam sei ein Zeichen von Verweichlichung und Charakterschwäche. Umgekehrt stieß die mangelnde Reinlichkeit der Christen bei den Muslimen auf vollkommenes Unverständnis, wie aus dem Reisebericht eines gewissen Ibrahim ibn Yaqub (wahrscheinlich ein Muslim jüdischen Ursprungs) hervorgeht, der einer Delegation angehörte, die der Kalif von Córdoba, al-Hakim II, um das Jahr 965 zu Kaiser Otto I. entsandte:  
   
  „Ifranga (Franken) ist ein großes Land und ein weites Königreich in den Christenlanden. Seine Kälte ist ganz fürchterlich (...). Seine Bewohner sind Christen und haben einen König kühn (...). Seine Heere sind außerordentlich tapfer, denken beim Zusammenstoß durchaus nicht an Flucht und achten den Tod für geringer. Aber du siehst nichts Schmutzigeres als sie, und sie sind perfide und gemein von Charakter; sie reinigen und waschen sich nur ein- oder zweimal im Jahr mit kaltem Wasser, ihre Kleider aber waschen sie nicht, seitdem sie sie angezogen haben, bis sie in Lumpen zerfallen.“  
   
  Tatsächlich lebte die Bevölkerung im mittelalterlichen Europa in einem unbeschreiblichen Dreck, wie wir auch aus anderen Quellen wissen. Auf einen Bürger Córdobas, der an das ständige Sprudeln Tausender von Fontänen, an öffentliche Bäder und peinliche Hygiene gewohnt war, musste ein solcher Anblick zwangsläufig abstoßend wirken.  
   
  2.2.5 Philosophie  
  Um die Mitte des 9. Jahrhunderts meint Alvaro, ein Christ aus Córdoba:  
   
  „Viele meiner Glaubensbrüder lesen die Dichtungen und Erzählungen der Araber und studieren die Schriften der mohammedanischen Theologen und Philosophen, nicht um sie zu widerlegen, sondern um zu lernen, sich auf arabisch genauer und eleganter auszudrücken. Wo vermöchte man heute noch einen Laien zu finden, der die lateinischen Kommentare zur Heiligen Schrift zu lesen imstande wäre? Wer von ihnen studiert die Evangelien, die Propheten, die Apostel? Alle für ihre Talente bekannten jungen Christen kennen nur die Sprache und die Literatur der Araber, lesen und studieren eifrig arabische Bücher, stellen aus ihnen unter enormen Kosten große Bibliotheken zusammen und verkünden überall lauthals, daß diese Literatur der Bewunderung würdig sei. Unter Tausenden von uns gibt es kaum einen, der fähig wäre, einem Freund einen Brief in passablem Latein zu schreiben, aber zahllos sind jene, die sich auf arabisch ausdrücken können und in dieser Sprache mit mehr Gewandtheit als die Araber selbst Gedichte verfassen.“  
   
  In Sevilla wurde sogar die Bibel ins Arabische übersetzt - nicht zu missionarischen Zwecken, sondern damit die Gemeinde sie verstehen konnte.  
   
  Dabei konnte sich die Philosophie lange Zeit in al-Andalus nicht entwickeln. Zu stark war der Einfluß der Gottesgelehrten, Fachleuten der Scharia, die bittere Feinde der griechischen Philosophie und jeder spekulativen Theologie waren. Deshalb waren viele der wichtigsten arabischen Philosophen Ärzte. Als Leibärzte wichtiger Persönlichkeiten genossen sie Schutz vor den Gottesgelehrten.  
   
  Der wohl wichtigste Philosoph war Ibn Rushd, genannt Averroes (1126-1198): er kam aus einer bedeutenden Familie Córdobas. Sein Großvater war ein berühmter Qadi gewesen. Sein Vater hatte ebenfalls dieses Amt innegehabt. Auch der Philosoph selbst wurde mehrmals zum Qadi berufen, in Sevilla und Córdoba. Später wurde er Leibarzt der Almohadenherrscher Yusuf I. (1163-1184) und Yakub (1184-1199), weshalb er sich viele Jahre in Marrakesh aufhielt. Dort ist er auch gestorben, sein Grab jedoch ist in Córdoba.  
   
  Hauptthema der Philosophie des Averroes war das Verhältnis von Vernunft und Religion. Ihm und anderen Philosophen ging es darum, nachzuweisen, dass die Wahrheiten von Koran und Sunna mit rationalen Überlegungen übereinstimmen. Wenn ein Gelehrter sich in schwierigen Fragen täusche, die er zu verstehen suche, sei dies verzeihbar, solange er sich ehrlich bemühe, die Offenbarung als Offenbarung anzuerkennen, und der Irrtum stelle dann keine schwere Sünde dar.  
   
  Gegen Ende seines Lebens musste Averroes Verfolgung erleiden. Ende 1195 erließ Sultan Yakub ein Dekret, in dem die Philosophie verboten wurde. Die Bücher Ibn Rushds und anderer Intellektueller wurden verboten, in einigen Fällen sogar verbrannt: Averroes wurde nach Lucena, eine jüdische Stadt bei Granada, verbannt. Eine durch den Fürsten einberufene Versammlung von Rechtsgelehrten verurteilte Averroes. Nur ein Qadi wagte es, den Philosophen zu vereidigen, was dazu führte, dass er mit diesem verurteilt wurde. Nach drei Jahren der Verbannung holte der Herrscher Ibn Rushd zurück an seinen Hof in Marrakesh. Noch im gleichen Jahr (1198) starb der Philosoph im Alter von 72 Jahren. Die Leiche wurde nach Córdoba überführt. Die Legende besagt, auf der einen Seite des Maultiers habe der Tuchsack mit dem Körper des Philosophen gehangen, auf der anderen als Gegengewicht seine Bücher.  
   
  Seine Wirkung in der arabischen Welt war nur gering. Um so mehr ist das christliche Europa von Averroes beeinflusst worden, v.a. wegen seiner Aristoteles-Kommentare (Beiname Kommentator ab ca. 1250). Von ihnen haben sich 34 im arabischen Original, 22 in hebräischer und 48 in lateinischer Übersetzung erhalten. Thomas von Aquin hat ihn an die 250mal zitiert. Oft schreibt er ganze Seiten aus dessen Werken ab. In Einzelfragen polemisiert er zwar gegen ihn (Traktat De unitate intellectus contra Averroistas über die Frage der Unsterblichkeit der Einzelseele, die nach A. nicht bewiesen werden konnte), aber die Hauptfragestellung, wie Glaube und Ratio zu vereinbaren seien, ist die gleiche wie bei Averroes.  
   
  2.2.6 Architektur  
  2.2.6.1 Mezquita-Catedral  
  Als „Stadt der Wunder“ wurde Córdoba in seiner Blütezeit im 10. Jahrhundert bezeichnet. Als erstaunlichstes Wunder galt die prächtige Mezquita. Mit 180 m Länge und 130 m Breite war sie die größte Moschee des islamischen Westens. Das Innere gleicht einem unübersehbaren Wald aus fast 1000 Säulen, die von doppelstöckigen rot-weiß gestreiften Bögen überspannt werden. Die unteren Säulen stützen Hufeisenbögen, die oberen Pfeiler tragen Rundbögen.  
   
  An der Stelle der Mezquita stand einst ein römischer Tempel, dann eine westgotische Basilika. Als die Mauren Córdoba eroberten, übernahmen sie die Kirche, wobei sie eine Hälfte den Christen überließen. So teilten sich zunächst beide Religionen einträchtig das Gotteshaus. Erst der Kalif Abdurrahman I. wollte dem Islam ein deutliches Zeichen setzen. Er kaufte 785 den Christen ihre Hälfte ab, ließ die Kirche abreißen und die „Ur-Mezquita“ errichten. Die nachfolgenden Kalifen erweiterten das Gebäude bis zum Ende des 10. Jhdts. Zug um Zug. Erstaunlich ist, dass die Worte des Imams dank der hervorragenden Akustik bis in die hintersten Reihen der bis zu 30.000 Gläubigen zu verstehen waren. Unter den Arkaden im Vorhof herrschte reges Treiben. Studenten trafen sich mit ihren Lehrern, Kranke konnten Ärzte konsultieren, Rechtsfälle wurden vom Kadi entschieden. In der Moschee selbst sammelten die Heere Kraft, bevor sie in den Kampf gegen die Ungläubigen gen Norden zogen.  
   
  Als die Christen die Stadt im 13. Jhdt. zurückeroberten, ließen sie die Moschee zunächst bis auf kleinere Eingriffe unangetastet. Erst 1523, 30 Jahre nach dem Ende der Reconquista, beschloss man mit Zustimmung von Kaiser Karl V., in der Mezquita eine Kathedrale zu erbauen. Der zentrale Teil der ehemaligen Moschee wurde niedergerissen und stattdessen an dieser Stelle die neue Kathedrale in einem Stilgemisch aus Spätgotik und Renaissance platziert; das Minarett wurde Jahrzehnte später barock ummantelt und zum Uhrturm umgebaut. Kaiser Karl V. soll beim Anblick der Kathedrale reumütig geworden sein und gesagt haben: „Wenn ich gewusst hätte, meine Herren, was ihr vorhattet, hätte ich es nicht gestattet, denn was ihr hier gebaut habt, findet man überall. Was ihr zerstört habt, war einmalig auf der Welt.“  
   
  2.2.6.2 Alhambra  
  „Die Stadt Granada findet ihresgleichen in Kairo nicht, Damaskus und Irak; sie ist die Braut, die man entschleiert schaut, die andern bilden nur den Preis der Braut.“  
   
  Dieser Vers stammt von einem Granadiner, der aus dem Exil sich zurücksehnt zur „schönen Zeit, verlebt in der Alhambra“.  
   
  Die „rote Burg“ der Nasriden ist im 13. und 14 Jhdt. entstanden als ein Ensemble über 720 m Länge und 220 m Breite, von Mauern umschlossen, mit vier Toren und 23 Türmen, sieben Palästen, Wohnungen, Moscheen, Werkstätten, Gefängnissen, öffentlichen Bädern, Gärten und einem Sommersitz. Nur die schönsten Teile sind erhalten geblieben.  
   
  Der Löwenhofpalast ist ein Bau aus der zweiten Hälfte des 14. Jhdts. Der Innenhof bildet den Kern des Palasts. Brunnen und Wasserkanäle bilden im rechteckigen Patio eine Mandalafigur, wie sie für islamische Gartenanlagen kennzeichnend ist. Die Kanäle des Innenhofs erstrecken sich bis in die Innenräume, wo das Wasser leise in Becken plätschert.  
   
  Im Koran wird das himmlische Paradies, das den Gläubigen versprochen ist, als Garten mit allerlei Früchten beschrieben. Das hat muslimische Herrscher zu allen Zeiten zur Anlage von Gärten inspiriert, die ihnen das himmlische Glück bereits in diesem Leben schenken sollten. Die Gärten der Alhambra bilden miteinander verbundene Räume. Der Blick in die ausgedörrte Ferne soll das Vergnügen am Frieden und Schatten des Gartens steigern.  
   
  2.2.7 Die Vertreibung der Muslime aus Spanien  
  Nach dem endgültigen Sieg der Christen werden noch im Jahr 1492 die Juden vertrieben. Die Mauren dürfen noch ein Weilchen bleiben, werden aber zunehmend unterdrückt. In Granada kommt es nach einer öffentlichen Koranverbrennung zu einem Aufstand, der blutig niedergeschlagen wird. Vielerorts werden die Moriscos als Freiwild betrachtet. Wehrlose Bauern werden erschlagen; der Schlachtruf lautet: „In den Himmel mit ihren Seelen und in unsere Börsen mit ihren Dukaten!“ Ein Ordenspriester schlägt vor, alle Mauren auf Schiffe zu verfrachten, sie mit Wasser auszurüsten, ihnen aber weder Ruder noch Steuer oder Segel zur Verfügung zu stellen und sie so nach Afrika zu schicken.  
   
  Im Jahre 1609 ist es schließlich so weit und die verbliebenen Muslime werden endgültig aus Spanien vertrieben. Dies hat verheerende Folgen für Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Viele Landstriche versteppen, da Bewässerungsfachleute fehlen. Getaufte Juden und Mauren leiden unter dem Verfolgungswahn der spanischen Inquisition. Oft reicht es schon, für längere Zeit beim Metzger kein Schweinefleisch zu kaufen, um in ihre Fänge zu geraten.  
   
  3. Die Zeit der Kreuzzüge  
   
  Als die Christen 1099 Jerusalem eroberten, richteten sie ein gewaltiges Massaker an, das die heiligen Stätten von Blut triefen ließ. Knapp hundert Jahre später, als den Muslimen unter ihrem Sultan Saladin die Rückeroberung gelang, blieb ein solches Blutbad aus. Saladin ging deshalb in die volkstümliche Vorstellung als Idealfigur des weisen, gerechten und großmütigen Herrschers ein.  
   
  Trotz der vielen Grausamkeiten, welche die Geschichte der Kreuzzüge kennzeichnen, waren sie doch eine Zeit wichtiger Begegnungen zwischen dem christlichen Abendland und der islamischen Welt.  
   
  Es gab im Übrigen auch damals schon christliche Theologen, die die Auseinandersetzung mit dem Islam lieber mit geistigen Waffen als mit dem Schwert führen wollten. Während der berühmte Zisterzienser Bernhard von Clairvaux eifrige Propaganda für den zweiten Kreuzzug machte, kam Petrus Venerabilis, seit 1122 Abt des berühmten Klosters Cluny auf einer Reise in den rückeroberten Teil Spaniens zu der Überzeugung, dass die „Häresie Mohammeds“ einer geistigen Antwort bedürfe. Er verfasste fünf  Bücher „Gegen die abscheuliche Sekte der Sarazenen“:  
   
  „Ich greife euch an, nicht, wie die Unsrigen es oft tun, mit Waffen, sondern mit Worten, nicht mit Gewalt, sondern mit der Vernunft, nicht mit Haß, sondern mit Liebe, dennoch mit solcher Liebe, wie sie unter Christusverehrern und denen, die von Christus abgewandt sind, bestehen muß.“  
   
  Petrus Venerabilis gab auch den Auftrag, den Koran und einige andere Schriften aus dem Arabischen ins Lateinische zu übersetzen.  
   
  100 Jahre später war es der vielseitig gebildete Stauferkaiser Friedrich II. (1210-1250), „stupor mundi, das Staunen der Welt“ genannt, der politisch einen friedlichen Weg der vertraglichen Regelung mit muslimischen Herrschern beschreiten wollte. Friedrich, aufgewachsen in Sizilien, das für etwa 200 Jahre bis ins 11. Jahrhundert muslimisch gewesen war, war geprägt von einer Kultur, in der noch islamische Traditionen lebendig waren. Ihm gelang es ohne Blutvergießen, Jerusalem, Bethlehem und Nazareth vorübergehend für die Christen zurückzugewinnen. Dass er dabei den Muslimen vertraglich ebenfalls Rechte in Jerusalem zugestand, missfiel nicht nur dem Patriarchen von Jerusalem, der sich beim Papst über den Kaiser beschwerte, der „in der Kleidung und sonst wie ein Sarazene“ lebe.  
   
  Wiederum zwei Jahrhunderte später unternahm der Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues (gest. 1464) einen Versuch, die Muslime durch Überzeugung für das Christentum zu gewinnen. Er versuchte nachzuweisen, dass der Koran ursprünglich eine christliche Grundlage gehabt habe, zu der dann durch jüdische Ratgeber eine gewisse antichristliche Tendenz hinzugekommen sei. Die Muslime bräuchten sich also nur ihres im Koran gleichsam verborgenen Christentums bewusst zu werden.  
   
  4. Die Türken vor Wien  
   
  Solche Gedankenspiele machten schon bald wieder militärischen Überlegungen Platz. Die Osmanen eroberten 1453 Konstantinopel und drangen immer weiter auf dem Balkan vor. 1529 standen sie zum ersten Mal vor Wien. Viele Christen befürchteten, die Türken würden bald ganz Europa überrennen. Manche wollten darunter ein Zeichen der Endzeit entdecken. Martin Luther erkannte im Ansturm der Türken ein Strafgericht Gottes, das die Christenheit wegen ihrer Undankbarkeit gegenüber Gottes Gnade verdient habe. Buße und Gebet der Christen sowie das Schwert des Kaisers seien die richtigen Heilmittel. Letztlich waren für Luther Papsttum und Islam nur zwei Varianten der einen Religion des Unglaubens.  
   
  Die Belagerung Wiens im Jahre 1529 endete mit einem Patt. Eine Eroberung der Stadt gelang den Türken nicht, aber sie blieben im Besitz halb Ungarns. Auch die Seeschlacht von Lepanto (1571), in der die türkische Flotte von Venezianern und Spaniern geschlagen wurde, konnte das osmanische Reich noch nicht entscheidend schwächen.  
   
  Das riesige Reich der Türken war aber nicht nur eine Gefahr für das Abendland, sondern auch ein großer Markt für zahlreiche Kaufleute, die in erster Linie als Käufer kam. Das einzige europäische Produkt, für das bei den Türken eine größere Nachfrage bestand,  waren Waffen. Obwohl die Waffentechnik hauptsächlich benötigt wurde, um den Krieg gegen die Christenvölker fortsetzen zu können, bestand niemals Mangel an christlichen Kaufleuten, die bereit waren, Waffen zu liefern. Papst Clemens VII. bedrohte die christlichen Waffenexporteure 1527 in einer Bulle mit Exkommunikation und Kirchenbann, doch scheint dies wenig geholfen zu haben. Hundert Jahre später sah sich Papst Urban VIII. veranlasst, eine ähnliche Bulle mit einer noch längeren Liste von Kriegsmaterial zu erlassen.  
   
  Sieht man einmal von den Waffenhändlern ab, so scheint bei den Europäern eine tiefsitzende und immer gegenwärtige Angst vor dem die Christenheit bedrohenden Türken vorhanden gewesen zu sein. Doch gab es auch Einzelne, die gegen das feindselige Bild vom „boshaften türk’schen Muselmann“ (Shakespeare, Othello, 5. Aufzug, 2. Szene) protestierten. Der französische Reisende Jean Thevenot, der 1652 die Türkei besuchte, meinte:  
   
  „Es gibt viele in der Christenheit, die glauben, daß die Türken große Teufel, Barbaren und Menschen ohne Glauben sind, aber jene, die sie kennengelernt und mit ihnen gesprochen haben, sind ganz anderer Meinung; denn es ist gewiß, daß die Türken gute Menschen sind, die sehr wohl nach dem Gebot handeln, das uns die Natur gibt, daß wir anderen nur tun sollen, was wir wollen, daß man uns tue.“  
   
  Im Übrigen war die Hauptstadt des Osmanenreichs wahrscheinlich zu jener Zeit die einzige Stadt Europas, wo die Anhänger verschiedener christlicher Bekenntnisse in Sicherheit leben und friedlich miteinander diskutieren konnten.  
   
  1683 standen die Türken zum zweiten Mal vor Wien. Doch diesmal kann von einem geordneten Rückzug keine Rede mehr sein. 1697 erfolgte die entscheidende Niederlage des osmanischen Heeres gegen die Armee des Prinzen Eugen von Savoyen. Erstmals wurden die Osmanen gezwungen, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, dessen Bedingungen der Gegner diktiert hatte. Die Niederlage der Türken war ein entscheidender Wendepunkt im Verhältnis zwischen muslimischer und christlicher Welt. Nicht nur fiel für die nunmehr waffentechnisch überlegenen Europäer die Bedrohung weg, die muslimische Welt fiel auch wirtschaftlich hinter dem Westen zurück.  
   
  5. Aufklärung  
   
  Im Zeitalter der Aufklärung wurden kirchliche Dogmen in Frage gestellt und Vernunft und ethisches Handeln betont. Der für unser Thema bedeutendste Philosoph war sicher Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). Die Überzeugung, dass der Mensch unfähig ist, die Wahrheit schlechthin zu erkennen, führte ihn zu dem Gedanken, dass alle Religionen auf dem Weg sind auf dem Weg zur Wahrheit. In seiner berühmten Ringparabel hat er zum Ausdruck gebracht, dass die wahre Religion nicht erweislich sei und deshalb die verschiedenen Religionen auf der Grundlage gegenseitiger Toleranz in einen ethischen Wettstreit miteinander treten sollten.  
   
  6. Ausblick  
   
  Im Zeitalter des Imperialismus erreichte die Weltherrschaft der europäischen Völker ihren Höhepunkt. Um 1914 war die islamische Welt größtenteils direkter oder indirekter Herrschaft europäischer Staaten, nämlich Frankreichs, Großbritanniens, Russlands und der Niederlande unterworfen. Dabei verbanden sich wirtschaftliche und machtpolitische Motive mit dem Sendungsbewusstsein, den Völkern Afrikas und Asiens die wahre Zivilisation zu bringen. Aus dieser Zeit resultieren bei den ehemaligen Kolonialvölkern Ressentiments, die auch noch heute nicht überwunden sind. Gleichzeitig trug diese Periode wie auch die immer noch andauernde wirtschaftliche Vorherrschaft des Westens zu einer Besinnung auf die eigenen religiös-kulturellen Werte und zu der Entwicklung eines islamischen Selbstbewusstseins bei, das freilich bisweilen in die Haltung eines unnachgiebigen Fundamentalismus umschlug.  
   
  Heute stehen wir vor der - welthistorisch gesehen - neuen Situation, dass erstmals eine große Anzahl Muslime freiwillig in nicht muslimischen Ländern lebt. Mit der dauerhaften Anwesenheit von türkischen und anderen Muslimen in unserem Land stellen sich Fragen und Probleme, die nicht einfach durch einen Blick in die Geschichte zu lösen sind. Dennoch sollen zum Schluss fünf Perspektiven grundsätzlicher Art benannt werden:  
   
 
  1. Der Blick in die Geschichte kann uns zeigen, dass das Bild vom Islam als einer sich mit „Feuer und Schwert“ ausbreitenden Religion, die keinen Raum für das Christentum lässt, einer kritischen Überprüfung nicht standhält. Wir Christen müssen uns vor Augen halten, dass der Islam im voraufklärerischen Zeitalter in der Regel toleranter war als das Christentum. Gleichzeitig war die islamische Kultur der christlichen auf vielen Gebieten weit überlegen. Wir sollten uns deshalb hüten, den Islam und die islamischen Länder für prinzipiell rückständig zu halten.
  2. Grundlage des Dialogs und des Zusammenlebens ist die Bereitschaft, den Anderen wahrzunehmen. Wie wir gesehen haben, war auf beiden Seiten die Versuchung groß, über den Anderen zu urteilen, ohne ihn überhaupt zu kennen. Sowohl der französische Türkei-Reisende aus dem 17. Jahrhundert als auch der allseits geschätzte Karl May zeigen: Begegnung verändert die Wahrnehmung.
  3. Dies gilt nicht nur für den Einzelnen. Der Theologe Hans Zirker, einer der besten katholischen Kenner des Islam, ist der Überzeugung, dass Religionen Lerngemeinschaften sind, die „auf Dauer nicht einfach dieselben bleiben werden, wenn sie sich welchselseitig mit Bedachtsamkeit wahrnehmen“. Muslime dürfen nicht das Gefühl haben, dass von ihnen verlangt wird, sich an christliche Gebräuche und die westliche Zivilisation einfachhin anzupassen. Wenn sich hingegen christliche Glaubensgemeinschaften wirklich auf das Gespräch mit Muslimen einlassen und deren religiöse Überzeugungen wahrnehmen, wird dies langfristig auch den Islam und seine Wahrnehmung des Christentums wie der westlichen Gesellschaft nicht unverändert lassen.
  4. Für das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist es sicher wichtig, die gemeinsamen Wurzeln und die grundlegenden Gemeinsamkeiten der abrahamischen Religionen bewusst zu machen. Darüber hinaus aber muss es auch darum gehen, religiöse Unterschiede kennen und tolerieren zu lernen! Kein Christ soll sich verbiegen und es Wert schätzen müssen, dass der Koran die Kreuzigung Jesu leugnet. Und auch kein Muslim soll seine Überzeugung preisgeben und besondere Hochachtung vor der christlichen Trinitätsvorstellung empfinden müssen. Das ist kein Ausdruck religiöser Gleichgültigkeit, sondern der Achtung religiöser Überzeugungen. Das Ziel des Dialogs ist nicht die Einheitsreligion!
  5. Unser französischer Türkeifreund führt mich zum letzten Punkt. Nach seiner Beobachtung kennen und achten auch die Türken die goldene Regel. Deshalb ist der Ansatz von Hans Küng und seinen Mitstreitern im Projekt Weltethos richtig, gemeinsame ethische Überzeugungen auszuloten und bewusst zu machen. Wenn dies zu gemeinsamem Handeln führte - etwa im Sinne friedlicher Konfliktregelung wie bei Kaiser Friedrich II. und dem ägyptischen Sultan - wäre dies das vielleicht wertvollste Ergebnis religiösen Dialogs
 
   
   
   
   
 
 
   
  * Dr. Thomas Breuer ist Oberstudienrat für Kath. Theologie/Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg und einer der Herausgeber von THEOPHIL-online.  
   
 
 
   
 

[1] Der Artikel möchte keine neuen Forschungsergebnisse bieten, sondern einen konzentrierten Überblick. Besonders hilfreich waren: Clévenot, Michel, Als Gott noch ein Feudalherr war. Geschichte des Christentums im IX.-XI. Jahrhundert, Fribourg-Luzern 1991; Hagemann, Ludwig, Christentum contra Islam. Eine Geschichte gescheiterter Beziehungen, Darmstadt 1999; Hottinger, Arnold, Die Mauren. Arabische Kultur in Spanien, Zürich 1995; Lewis, Bernard, Die Araber. Aufstieg und Niedergang eines Weltreichs, Wien-München 1995. - Auf Einzelnachweise wird im Folgenden verzichtet.

[2] Erzbischof Julian von Toledo rief 681 zur totalen Christianisierung auf. Beschneidung wurde unter Androhung der Kastration für Beschneider und Beschnittene untersagt. Falls eine Frau die Beschneidung durchführe, solle ihr die Nase abgeschnitten werden.. Die Juden dürften ihre Feiertage nicht mehr begehen; Christen, die Beziehungen zu Juden unterhielten (z.B. gemeinsames Mahl), sollten 100 Peitschenschläge erhalten. Nachdem die Bestimmungen offenbar weitgehend erfolglos blieben, wurden 693 Wirtschaftsgesetze erlassen, die die Juden ruinieren sollten: die Häfen wurden für sie gesperrt, sie durften keinen Handel mit Christen mehr treiben, Grundbesitz enteignet und in dn Besitz des Königs überführt. Gleichzeitig wurden alle Synagogen zerstört. 694 erklärte König Egira vor dem 17. Konzil von Toledo, alle Juden sollten versklavt werden, Kinder bis zu 7 Jahren seien ihren Eltern wegzunehmen und in christlichen Familien großzuziehen.

 
   
   
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